Kapitel 7

Als Carlisle den Wohnwagen betrat, war Renée nicht mehr dort. Er versuchte nicht daran zu denken, was Felix ihr antun würde, denn dieser war ein Sadist und liebte es, Menschen zu Tode zu quälen. Meist hatten sie nach seinen Mahlzeiten so viele Verletzungen, dass es gnädig war sie zu erlösen. Aber auch das tat er dann nicht immer. Manchmal quälte er sie Tagelang, bis sie endlich starben. Oft hatte Carlisle schon darüber nachgedacht, die Volturi endgültig zu verlassen, weil er das Quälen von Mensch oder Vampiren verabscheute, aber er wollte Aro nicht zum Feind haben. Aro kannte die Schwächen von jedem Vampir seiner Truppe und wusste genau, wie er sie manipulieren musste. Carlisle hatte er gedroht Esme zu finden und zu quälen, wenn sie abhauen würden. Und wenn es eins gab, das Carlisle nicht ertragen konnte, dann war es Esme leiden zu sehen. Ihr wiederum ging es mit ihm, Emmett, Rosalie und Alice so. Ihre Familie ging ihr über alles.

In seinen Gedanken suchte Carlisle immer wieder nach Möglichkeiten, wie sie von hier verschwinden könnten. Doch solange Aro mit Alex, Jane, Felix und Demitri treue und vor allem gefährliche Gefolgsleute hatte, sah er einfach keine Chance. Die Gaben der 5 waren einfach zu mächtig und dann war da noch Chelsea, die die Bindung von Aros Leuten zu ihm verstärkte. Auch die Cullens versuchte sie an Aro zu binden, aber gegen echte Liebe kam sie nicht an. Edward hatte sie ihnen gleich nach seiner Verwandlung entfremdet, als Aro sein Talent entdeckt hatte und die Bindung noch nicht so fest war. Ob die Wochen weit weg von den Volturi etwas daran ändern würden? Wahrscheinlich hatte Aro dieselbe Befürchtung und schickte ihnen deshalb Chelsea und Jane jede Woche zum Kontrollbesuch vorbei.

Alle außer Bella, die völlig teilnahmslos mit dem Gesicht zur Wand in Alice Bett lag, sahen ihn erwartungsvoll an. „Was hat Aro gesagt?", fragte Esme das, was alle dachten aus. „Wir müssen alle zusammen bleiben...", Carlisles Antwort wurde von mehreren Zwischenrufen unterbrochen. „Das ist doch viel zu eng", sagte Esme. „Ich halte das mit denen nicht aus!", keifte Alice und funkelte Jasper und Edward böse an. …..

„Stopp!", rief Carlisle und hob die Hand. Sofort verstummten alle Anderen und sahen ihn wieder gespannt an. „Lasst mich doch erst einmal aussprechen. Wir sind hier doch nicht im Kindergarten!"

Alice fing an zu kichern, einen Vampirkindergarten gab es bestimmt nicht. Alleine schon deshalb, weil es verboten war unsterbliche Kinder zu erschaffen. Aber sie konnte es sich genau vorstellen: Jasper und Emmett in Latzhosen, die sich um ein Spielzeugauto stritten. Rose mit 2 seitlich abstehenden Zöpfen und einem pinken Hello Kitty Kleidchen, die versuchte Edward, der einen Dinosaurierpullover trug, den Kopf abzureißen. „Sag mal Alice tickst du noch richtig?", riss Edward sie aus ihren Gedanken. Er war echt wütend und knurrte sie sogar an.

In diesem Moment betraten Emmett und Rosalie wieder den Wohnwagen und als Emmett sah, dass Edward Alice anknurrte stellte er sich zwischen die Beiden und funkelte Edward böse an. „Lass meine Schwester in Ruhe und verschwinde am besten von hier!." Die Stimmung heizte sich immer mehr auf, als jetzt auch Rosalie anfing zu knurren. „Beruhig sie!", befahl Carlisle nun Jasper streng, der das ganze bisher nur amüsiert beobachtet hatte. „Warum sollte ich auch dich hören?", fragte dieser überheblich. Jasper sah gar nicht ein, Befehle von Carlisle anzunehmen.

Carlisle schlug mit der Faust auf den Tisch. Bella zuckte vor Schreck heftig zusammen und stöhnte vor Schmerz laut auf. Carlisle sah sie besorgt an. „Edward! Jasper! Raus! Und zwar sofort!", zischte er dann gefährlich leise. „Sagt Aro dass sein Plan gescheitert ist." Edward erstarrte und hörte auf zu knurren. Scheiße! Edward, mach was. Ich versuche ihn zu beruhigen, dachte Jasper und setzte seine Fähigkeit bei Carlisle ein. „Ach auf einmal nutzt du deine Kräfte, Jasper?", fragte dieser immer noch gereizt und versuchte sich dabei, gegen Jaspers Fähigkeit zu wehren.

„Entweder wir setzen uns jetzt sofort alle an einen Tisch und reden wie Erwachsene miteinander, oder wir brechen das hier ab und erklären Aro, dass es unmöglich war zusammen zu Leben", sagte Carlisle streng und setzte sich ans Kopfende des Tisches. Esme, Alice, Rosalie und Emmett setzten sich nebeneinander auf die eine Seite des Tisches, so dass Edward, Jacob und Jasper nichts anderes übrig blieb, als sich auf die andere Seite zu setzen. „Bitte keine Unterbrechungen. Ich erkläre euch jetzt wie es laufen wird. Da mir klar war, dass wir alle nicht auf Dauer so eng zusammen leben können, habe ich mit Aro gesprochen. Er hat uns erlaubt in ein Haus im Denali Nationalpark zu ziehen, solange wir wegen des Mädchens zusammen bleiben müssen. Wir werden aufbrechen sobald einiges geregelt ist. Alice, du versuchst bitte einen Krankenwagen aufzutreiben, damit wir Isabella transportieren können. Außerdem brauchen wir noch ein zusätzliches Auto, da wir alle LKWs und Wohnwagen bei Aro lassen werden. Esme du gehst bitte mit Emmett und Rosalie voraus und bereitest das Haus auf unsere Ankunft vor. Jacob, du begleitest sie und kümmerst dich um die nötigen Besorgungen. Irgendwelche Fragen oder Einwände?", erklärte Carlisle den Plan. Es war nur zustimmendes Gemurmel zu hören. Edward bemerkte, dass Alice eine Vision hatte, in der sah wie sie unauffällig an einen Krankenwagen kommen konnte. Doch ganz praktisch, solche Vorhersagen, dachte er und sah Alice zum ersten Mal bewusst an. Er überlegte, ob es sich lohnen könnte, sich gut mit ihr zu stellen. Als ihm aber einfiel, dass die Wölfe sie blind machten, verwarf er diesen Gedanken wieder.

Carlisle ging unterdessen zu Bella, um ihren Gesundheitszustand zu überprüfen. Sie lag wieder völlig teilnahmslos und mit dem Gesicht zur Wand in Alice Bett. „Bella?", sprach Carlisle sie an, aber sie zeigte keinerlei Reaktion. „Bella, bitte, ich weiß dass du wach bist. Wie geht es dir?" Weiterhin reagierte sie nicht. „Sie hat Schmerzen, aber schlimmer ist ihre Trauer und Verzweiflung", erklärte Jasper ihm, so leise dass Bella ihn nicht hören konnte. „Felix hat ihre Mutter gewaltsam mitgenommen und ihr ins Gesicht gesagt, dass sie bald Vollwaise sein wird. Seitdem sind ihre Gefühle kaum auszuhalten." Carlisle fluchte laut. „Alice?", fragte er dann. „Kannst du sehen, ob ihre Mutter noch lebt?" Alice konzentrierte sich kurz und schüttelte dann betrübt den Kopf. Edward sah in ihren Gedanken, wie Felix die Leiche von Renée verscharrte. Wenigstens schien er sie nicht zu sehr gequält zu haben. Im Gegensatz zu vielen seiner anderen Opfer, sah sie unversehrt aus.

Nun machten sich Esme, Alice, Jacob, Rosalie und Emmett auf den Weg, um ihre Aufgaben zu erledigen. „Geht und packt eure nötigen Sachen zusammen", forderte Carlisle Edward und Jasper auf. „Wir wollen möglichst schnell in das Haus. Das Mädchen braucht Ruhe und die bekommt sie hier nicht."

Carlisle hoffte auch, dass sich Bellas seelischer Zustand verbessern würde, wenn sie nicht alles um sie herum, an ihre Eltern erinnern würde. Die beiden gingen packen und wurden dann noch einmal zu Aro gerufen. Dieser hatte sie aufgefordert sich an die Regeln zu halten. Vor allem Edward sollte an sein Menschenblutverbot denken, das während der ganzen Zeit im Denali Nationalpark weiterhin galt.

Einige Stunden später war es dann soweit. Alice hatte einen Krankenwagen und einen Van besorgt und die Sachen waren bereits verladen worden. Carlisle hatte Bella mit Schmerzmitteln ruhig gestellt, damit sie die Fahrt überstehen konnte. Sie reagierte gar nicht auf die Vampire, seit ihr Felix ihre Mutter weggenommen hatte. Lediglich bei zu lauten Geräuschen oder vor Schmerzen, zuckte sie ab und an zusammen. Ansonsten ließ sie, wie eine Puppe alles mit sich machen, was Carlisle große Sorgen bereitete. Er forderte Jasper auf, mit in dem Krankenwagen zu fahren, um sie wenn nötig, zu beruhigen. Edward schloss sich ihnen an und wurde dazu bestimmt, den Wagen fahren. Alice fuhr mit dem Van hinterher.

Es war eine lange Fahrt von Prince Rupert in den Denali National Park. Über 2500 Km lagen vor ihnen. Nach einiger Zeit wurde Bella unruhig. „Hast du Schmerzen?", fragte Carlisle besorgt. Da Bella ihm nicht antwortete, richtete Carlisle einen bittenden Blick auf Jasper, damit dieser ihm sagen würde, wie das Mädchen sich im Augenblick fühlte. „Sie hat ein menschliches Bedürfnis", stellte dieser genervt fest. Warum müssen Menschen nur so eklig sein?, fragte er sich gedanklich und Edward lachte leise darüber. Keiner von ihnen war scharf darauf mit Bella aufs Klo zu gehen. „Ich halte am nächsten Rastplatz an, soll Alice doch mit ihr zur Toilette gehen", schlug Edward vor. Carlisle rief Alice auf dem Handy an. „Ja, ja ich weiß schon Bescheid. Ohne Wölfe funktioniert meine Gabe schließlich", kicherte sie ins Telefon, ehe Carlisle etwas sagen konnte. „Der nächste Rastplatz ist nur 12 km weiter. Dort können wir auch etwas zu Essen und zu Trinken für Bella besorgen."

Es klappte alles Problemlos, wenn man davon absah, dass Bella zwar wie eine Marionette gehorchte, aber nicht sprach. Sie konnte nur mit Alice´ Hilfe zur Toilette. Wegen ihrer 2 kaputten Arme, konnte sie das ja nicht alleine und ging dann wieder zu dem Krankenwagen und legte sich brav hin. Essen und Trinken verweigerte sie und noch ließ Carlisle sie in Ruhe. Als das Muster aber den Tag über anhielt, sah er ein, dass er handeln musste. „Bella", sprach er sie an, aber sie reagierte nicht, sondern lag einfach mit geschlossenen Augen da. „Bella, du musst etwas trinken und am besten auch etwas essen. Ansonsten muss ich dich an den Tropf hängen", erklärte er ihr. Endlich öffnete sie die Augen, aber nur, um ihn böse an zu sehen. Dann griff sie nach der Wasserflasche, beziehungsweise sie versuchte es, denn ihre Arme waren ja unbrauchbar. Sie ließ sich also von Carlisle die Flasche hinhalten und trank ein paar Schlucke. „Nun zufrieden?", zischte sie ihn zornig an. Langsam fing die Wut in ihr an zu brodeln und sie richtete sich etwas weiter auf, obwohl sie dabei starke Schmerzen hatte. „Warum tut ihr das? Warum tötet ihr mich nicht einfach? Macht es euch Spaß mich zu quälen?", schrie sie die Vampire an. Sie hoffte, sie provozieren zu können, damit sie ihr Leben beendeten. Ohne ihre Eltern wollte sie auch nicht mehr Leben.

Jasper versuchte sie zu beruhigen, schaffte es aber nur ganz langsam. Carlisle lächelte, eine wütende Bella war ihm lieber, als eine leere Hülle. Endlich kämpfte sie, so hatte sie viel größere Chancen in dieser Welt zu überleben. Edward war sprachlos, so ein Verhalten hatte er bei einem Menschen noch nie erlebt. War sie lebensmüde, dumm oder unheimlich mutig? Er ärgerte sich immer mehr, dass er ihre Gedanken nicht lesen konnte. Was ging nur in ihr vor? Er legte seine Debussy CD ein, um sich zu beruhigen. Scheinbar half diese aber nicht nur ihm, sondern auch Bella. Die sich nun langsam zurück legte und auch besser auf Jaspers Fähigkeit reagierte. Kurz darauf war sie eingeschlafen. „Vielleicht ist Musik ein Schlüssel um an sie heran zu kommen?", überlegte Edward und ärgerte sich im nächsten Moment wieder. Warum wollte er überhaupt an sie heran kommen? „Edward", zischte Jasper leise, um Bella nicht gleich wieder zu wecken. „Könntest du dein Gefühlschaos mal unter Kontrolle bringen? Du machst mich wahnsinnig."

Carlisle verglich Bella gedanklich mit einer kleinen Löwin, was für ein Temperament sie doch hatte und Edward musste lächeln. Ganz unrecht hatte Carlisle nicht. Auch wenn Bella ihn meistens eher an ein kleines Kätzchen erinnerte, so hatten auch die kleinsten Kätzchen Krallen. Schweigend fuhren sie die nächsten Stunden weiter.