Kapitel 6: Nachsitzen
Es war Samstagmorgen und Elsa betrat überpünktlich das Schulgebäude. Die große Uhr in der Eingangshalle verkündete, dass sie noch gute fünfzehn Minuten hatte, bevor sie im Klassenzimmer sein musste, um Jack Overland während seines Nachsitzens zu beaufsichtigen. Sie schlenderte gemütlich durch die Gänge, die sie nun schon etwas besser kannte, und bewunderte die ganzen Bilder, die an den Wänden hingen. Die meisten waren während des Kunstunterrichts entstanden und sie ähnelten sich vom Thema her. Elsa durchquerte den ersten Stock, die riesige Aula, die aber doch nicht für alle Schüler Platz bieten würde. Die Aula war ein sehr ungemütlicher Ort, wie sie fand, grau, trostlos, unpersönlich. Die Wände waren nackt, kein einziges Bild schmückte diesen Raum. Ein paar Säulen standen scheinbar willkürlich verteilt hier und dort, und sie waren genauso grau und trist wie der Rest der Aula. Elsa ging hoch in den zweiten Stock und von dort aus weiter in den dritten, in dem sich ihr Klassenzimmer befand.
Gedankenverloren begann sie in ihrer schweren Aktentasche zu kramen, um den Schlüssel für ihr Klassenzimmer zu finden. Der Hausmeister hatte ihr den gestern nach dem Unterricht überreicht und sich entschuldigt, da er normalerweise der einzige war, der die Schlüssel verwaltete und alle Zimmer auf- und wieder abschloss, aber da er heute nicht kommen konnte, da seine einzige Tochter heiratete und er unter keinen Umständen fehlen durfte, hatte er ihr den Haupt- und den Zimmerschlüssel gegeben. Sie fragte sich, ob sie jemals auf eine Hochzeit gehen würde. Dass sie selber einmal heiraten würde, stand außer Frage. Nie im Leben würde so etwas passieren, dessen war sie sich sicher. Sie war nicht dafür gemacht, mit jemandem ihr Leben zu verbringen. Ihre Bestimmung war es, auf immer und ewig allein zu bleiben, um alle anderen vor ihr zu beschützen. Vielleicht würde Anna heiraten? Elsa musste lächeln, während sie die unzähligen Schülerhefte hin- und herschob. Ja, Anna würde heiraten. Wenn es nach ihr ginge, würde sie auch jemanden heiraten, den sie erst seit kurzer Zeit kannte. Für sie war es immer gleich die große Liebe. Komisch, dass sie diese schon dreimal erlebt hatte. Innerhalb eines Monats. Elsa hatte nie verstanden, wie Anna so naiv sein konnte. Anna war so unbeschwert und immerzu glücklich und fröhlich. Manchmal wünschte sich Elsa, sie hätte etwas von ihrem sonnigen Gemüt. Manchmal wünschte sie sich, sie hätte mehr Mut und würde nicht vor sich selbst davonlaufen. Sie wünschte sich, sie wäre ein ganz normaler Mensch. Und kein Monster.
Elsa seufzte, als sie den Schlüssel endlich gefunden hatte. Sei nicht albern, schimpfte sie sich selbst. Als ob du jemals zu einer Hochzeit geladen wirst. Es war die Wahrheit, die schmerzliche Wahrheit, aber Elsa hatte sich damit abgefunden, schon vor langer Zeit. Sie wusste, dass sie nie das tun konnte, was andere in ihrem Alter taten. Sie würde nie in den Genuss kommen, wie es war, eine normale Beziehung zu ihrer Schwester zu haben, oder wie es war, jemanden an ihrer Seite zu haben, einen Vertrauten, einen Seelenverwandten ... Sie würde nie erfahren, wie man sich als Hausfrau verhielt, wie es war, Kinder zu haben, oder wie es sich anfühlen musste, einen Geliebten zu haben. Das alles waren Dinge, die sie nie erleben würde. Vor Jahren schon hatten ihr ihre Eltern das eingeredet, dass jemand wie sie nie ein normales Leben führen würde. Am Anfang noch hatte sie nicht an die schmerzhaften Worte ihrer Familie geglaubt, doch der Unfall mit Anna hatte alles verändert. Er hatte ihr die Augen geöffnet und sie hatte erkannt, dass ihre Eltern Recht hatten. Sie war ein Monster. Sie hatte kein normales Leben verdient.
Die Erinnerungen an damals schmerzten schon lange nicht mehr so sehr. Sie hatte sich damit abgefunden, für sie war es zur Normalität geworden. Ab und zu hatte sie zwar einige Momente, in denen sie sich wünschte, dass alles nur ein böser Traum wäre, doch meistens blieb sie realistisch. Viel zu oft und viel zu lange hatte sie ihren Gefühlen freien Lauf gelassen, sie hatte geweint, geflucht und geschimpft. Gebracht hatte es nichts, natürlich nicht. Ihr Vater hatte immer wieder gesagt, sie solle nichts fühlen, niemandem etwas zeigen. Am Anfang war sie noch so naiv gewesen und hatte geglaubt, er sei um ihr Wohl besorgt gewesen, doch ihr war irgendwann bewusst geworden, dass es ihm nur um das Ansehen seiner Familie ging. Natürlich sollte sie da nichts zeigen, nichts fühlen, wie eine Puppe sein. Nach außen hin die perfekte Familie, das wollte ihr Vater. Im Inneren war sie schon längst zerbrochen.
»Guten Morgen, Ms Winters.«
Die ruhige Stimme riss sie aus ihren Gedanken und nach Luft schnappend kam sie wieder im Hier und Jetzt an. Sie musste kurz ihre Augen schließen, um sich selber zu beruhigen, dann sah sie zu Jack, der sie ein wenig skeptisch musterte. Oh je. Wie lange stand sie hier schon mit dem Schlüssel in der Hand vor der noch immer verschlossenen Tür? Wie lange war er schon da? Sie musste sich kurz sammeln, dann war sie wieder in ihrer Rolle als Lehrerin. Dumme Vergangenheit, schimpfte sie sich. Lass mich in Ruhe.
»Guten Morgen«, erwiderte sie, während die endlich die Tür aufschloss. Um von ihrem peinlichen Verhalten abzulenken, fügte sie hinzu: »Zur Abwechslung einmal pünktlich, wie ich sehe.«
Jack sah sie nur an und erwiderte nichts auf sie Stichelei. Wortlos ging er an ihr vorbei ins Klassenzimmer und setzte sich wie gewohnt auf seinen Platz in der vorletzten Reihe. Elsa legte ihren Aktenkoffer auf dem Pult ab und rieb sich die schmerzende Schulter. Anscheinend hatte sie doch länger vor der Tür gestanden als befürchtet. Leise seufzend wandte sie sich an Jack, der aus dem Fenster starrte. Bevor sie ihn ansprach, musterte sie seine Wange. Sie war noch immer leicht rötlich, aber immerhin schien die Schwellung etwas zurückzugehen. Elsa war wirklich neugierig, wie sich Jack dieses Veilchen eingehandelt hatte. Gestern war er zu spät zum Unterricht erschienen. Zwar nicht sehr spät, aber doch noch ganze fünfzehn Minuten. Und dann hatte er dieses blaue Auge gehabt. Natürlich hatte jeder sofort die wildesten Vermutungen angestellt, nicht nur die Schüler, sondern vor allem auch die Lehrer. Der hat sich doch geprügelt!, hatten viele gewettert. Auch Hans war der Meinung gewesen, nachdem er Jack in seinem Unterricht darauf angesprochen, aber keine Antwort erhalten hatte. Und da er kein Fan von dem Schüler war, war es keine Überraschung gewesen, als auch er diese Theorie vertrat. So einer wie der, der kann sich ja nur prügeln! Elsa hatte dem Gespräch nur zugehört, sich aber nicht aktiv beteiligt. Auch Tooth, die Jacks Ehre oft verteidigte, hatte nichts gesagt. Elsa hatte vermutet, dass sie sich Sorgen um ihn machte, denn das war anscheinend das erste Mal, dass er mit blauem Auge aufgetaucht war. Elsa würde zu gerne wissen, was wohl dahinter steckte, aber ihr würde er es mit Sicherheit am wenigsten erzählen.
Jacks Kopf wandte sich in ihre Richtung. Er hatte wohl gespürt, dass sie ihn ansah. Seine Augen waren heute nichtssagend. Was auch immer ihn beschäftigte, etwas Gutes schien es nicht zu sein.
»Also, Mr Overland«, begann sie und sie bemühte sich um einen höflichen Tonfall. »Ich möchte Ihnen die Chance geben, die verpassten Aufgaben nachzuholen.« Jack hob eine Augenbraue, aber Elsa ignorierte das. Sie wollte sich so gewählt wie möglich ausdrücken. »Ich weiß, dass ich gestern noch anders reagiert habe, aber was auch immer dazu geführt hat, dass Sie zu spät gekommen sind, muss ziemlich wichtig gewesen sein.« Sie beobachtete seine Reaktion genau.
Jack sah sie skeptisch an. »Wichtig?«, wiederholte er fragend. »Sie glauben, sich zu schlägern sei wichtig?«
Elsa schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, dass da eine Schlägerei im Spiel war.«
Jetzt war Jack etwas überrascht. »Nicht? Warum nicht? Alle sind der Meinung.«
»Aber nur weil alle der Meinung sind, müssen alle nicht gleich Recht haben. Sie machen auf mich nicht den Eindruck, als würden Sie sich schlägern.«
Jack sah sie mit einem Blick an, den sie nicht definieren konnte. Ob er ihr nicht glaubte? Sie beschloss, dieses Gespräch nachher weiterzuführen, denn er hatte eine Aufgabe zu erfüllen.
»Wie auch immer, Sie haben jetzt eine ganze Unterrichtsstunde Zeit, um die Aufgaben zu beenden, damit ich Ihr Heft auch benoten kann.«
Jack nickte und schlug sein Buch auf und Elsa wandte sich ab und begann, die anderen Hefte zu kontrollieren. Das erste Heft hatte sie fertig und mit dem zweiten schon begonnen, als sie seufzend den Stift weglegte. Sie konnte sich nicht wirklich konzentrieren. Ihr Blick wanderte nach draußen. Es war ein schöner Tag für November, der Himmel war blau und das Laub der Bäume wirbelte durch die Luft. Ein schöner Herbsttag, und sie saß hier drinnen fest und musste noch mindestens eineinhalb Stunden hier bleiben. Sie hatte das Bedürfnis das Fenster zu öffnen, um etwas frische Luft hineinzulassen, und sie gab diesem Bedürfnis nach. Kalte Luft wehte ihr entgegen, als das Fenster offen war und sie spürte, wie ihr Kopf klar wurde. Ja, so war das schon besser. Elsa widmete sich wieder den Heften und nun ging die Arbeit etwas besser von der Hand.
Sie war mitten im vierten Heft, als sie Jacks Räuspern aus der Konzentration riss.
»Ich bin fertig«, sagte er schlicht und Elsa sah erschrocken auf ihre Uhr. Sie befürchtete schon, dass sie in der dreiviertel Stunde zu langsam gewesen wäre, aber sie sah, dass gerade einmal zwanzig Minuten vergangen waren, seitdem Jack mit den Aufgaben begonnen hatte. Elsa stutzte und sah Jack prüfend an. Er konnte unmöglich schon fertig sein! Sie erhob sich von ihrem Platz und ging auf den Schüler zu. Sie nahm sein Heft an sich und warf einen kurzen, prüfenden Blick auf die Aufgaben. Fast schon erwartete sie, dass er entweder die Hälfte ausgelassen oder gar keine gelöst hatte, aber zu ihrer Verwunderung waren alle Aufgaben der Doppelseite gelöst.
»Sehr gut«, sagte sie und kehrte zu ihrem Pult zurück. Sie schob das Heft unter den Stapel, der auf dem Tisch lag. »Den Rest der Zeit können Sie ruhig verbringen.« Es waren immerhin zwei Stunden abzusitzen. Die eine wegen des Schuh-Dilemmas und die zweite wegen des Zuspätkommens gestern. Und die erste war noch nicht einmal ganz vorüber. Elsa konzentrierte sich wieder auf das Kontrollieren der Hefte und sie sah erst wieder auf, als die Schulglocke ertönte. Sie war in den restlichen zwanzig Minuten gut vorangekommen und hatte die Hälfte der Hefte schon durch. Elsa beschloss, erst einmal fünf Minuten Pause zu machen und stand auf, um ihre Gelenke zu lockern. Sie ging zu dem offenen Fenster neben dem Pult und ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Das Schulgelände lag wie ausgestorben vor ihr, natürlich. An einem Samstagmorgen verirrten sich auch recht selten Schüler in die Schule. Da es Elsa fröstelte, als die Sonne hinter dicken, grauen Wolken verschwand, schloss die das Fenster wieder. Als sie sich wieder ihrem Pult zuwendete, fiel ihr Blick auf Jack, der seinen Kopf auf die Arme gestützt hatte - und sie beobachtete. Aber nicht so, wie die letzten beiden Tage, nicht so beleidigt und zornig, sondern ... unsicher, ein wenig skeptisch, vielleicht sogar etwas neugierig. Elsa räusperte sich, strich sich eine Strähne, die sich aus ihrer strengen Frisur gelöst hatte, aus dem Gesicht und wandte den Blick ihrem Pult zu, auf das sie sich nun zubewegte. Sie setzte sich und behielt ihre Augen auf den Heften, die sich quer über den Tisch verteilt hatten. Sie schlug das nächste Heft auf und begann damit, die erste Aufgabe zu kontrollieren, als sie sich dabei erwischte, wie ihr Blick kurz nach oben glitt, nur um zu sehen, dass sie noch immer beobachtet wurde. Sein Blick war ihr unangenehm.
Sie seufzte und legte den Stift weg. »Gibt es etwas, was Sie sagen möchten, Mr Overland?«
Jack schien aus seiner Starre zu erwachen und blinzelte verwirrt. Dann schüttelte er nur den Kopf und sah aus dem Fenster, allerdings eine Spur zu konzentriert und Elsa vermutete, dass er doch etwas zu sagen hatte. Aber wenn er nicht von selbst anfing zu reden, würde sie ganz sicher nicht diejenige sein, die ihn darauf ansprach. Sie hatte ihn gefragt, aber er schien nicht zu wollen. Dann konnte sie ihm auch nicht helfen. Elsa nahm den Stift wieder in die Hand und konzentrierte sich wieder auf das Korrigieren.
»Warum ... Warum denken Sie, dass ich mich nicht mit jemandem geschlagen habe?«
Elsa blickte nicht auf, als sie antwortete. »Weil ich Sie so nicht einschätze«, wiederholte sie ihre Worte von vorhin. Sie fragte sich, warum ihn das so beschäftigte. Er sollte doch eigentlich etwas erfreuter darüber sein, dass es noch jemanden an der Schule gab, der ihn nicht als Problemschüler betrachtete.
»Wie schätzen Sie mich dann ein?« War da ein leicht provozierender Unterton zu hören? Elsa sah auf und musterte Jack genau. Er wirkte nicht so, als würde er sie wirklich provozieren wollen, zumindest nicht auf negative Weise. Ein schelmischer Ausdruck war in seine Augen getreten. Nahm er sie auf den Arm? Wollte er sie testen? Sie wusste nicht, wie sie nun reagieren sollte. Nach einer schier endlosen Weile, die in Wahrheit vielleicht ein paar Sekunden lang war, entschloss sie sich, einfach die Tatsachen auf den Tisch zu legen.
»Ich habe keine klare Vorstellung von Ihnen, Mr Overland. Sie sind mein Schüler, Sie sind anders während meines Unterrichts als privat. Ich weiß nicht, was Sie für ein Mensch sind, aber ich habe nicht das Gefühl, dass Sie so sind, wie ... manche behaupten.« Fast wäre ihr meine Kollegen herausgerutscht, aber sie wollte das nicht so aussprechen. Ihr war klar, dass Jack dachte, dass sämtliche Lehrkräfte gegen ihn wären. Darauf wollte sie nicht unnötig herumreiten.
Jack kreuzte die Arme vor der Brust und ein freudloses Lachen kam über seine Lippen. Anscheinend war das nicht die Antwort gewesen, die er sich erhofft hatte, so wie er nun wirkte. Aber er schien sich damit zufriedenzugeben, denn er sagte nichts mehr und sah aus dem Fenster. Auch Elsa widmete sich wieder den Heften und für den Rest der Stunde herrschte absolute Stille in dem Raum. Sie schaffte es sogar, die restlichen Hefte - inklusive Jacks als Nachzügler - noch vor dem Klingeln zu korrigieren und sie war zufrieden mit dem Ergebnis.
Kaum einer schien Probleme zu haben mit dem aktuellen Thema, was sie sehr erfreute. Sehr viele der Schüler hatten nur einen oder zwei Fehler gemacht, was bei acht Aufgaben eine wirklich gute Leistung war, und ein paar hatten gar keine Fehler gemacht. Natürlich gab diese Arbeit keinen wirklichen Aufschluss darüber, wie gut welcher Schüler wirklich war, denn da die meisten die Aufgaben zuhause gelöst hatten, hätte sich jeder von ihnen Hilfe von außen holen können. Oder sie hätten sich genauso gut untereinander absprechen können. So oder so, das Ergebnis war vielleicht etwas gefälscht, aber immerhin konnte sie sich bei einer Arbeit sicher sein, dass sie nicht verfälscht war: Jack Overland, der nicht nur beängstigend schnell gewesen war, sondern auch noch eine Fehlerquote von null aufwies. Sie war positiv überrascht, auch wenn sie innerlich mit so einem Ergebnis gerechnet hatte. Sie schrieb ein rotes A unter die Aufgaben und fügte nach kurzem Zögern ein sehr schön mit Smiley hinzu. Darunter setzte sie ihre schwungvolle Unterschrift, stand dann auf und ging auf Jack zu, der noch immer aus dem Fenster sah. Er schien sie erst zu bemerken, als sie direkt vor seinem Tisch stand.
Jack hob kaum seinen Kopf, sondern drehte ihn nur so, dass er sie sehen konnte. Sein Blick fiel auf das Heft in ihrer Hand und er schien zu beschließen, dass er sich wohl doch etwas ordentlicher hinsetzen sollte, also nahm er etwas mehr Haltung an und hob erwartungsvoll die Augenbrauen. Wortlos überreichte Elsa ihm das Heft und er nahm es entgegen, beobachtete sie noch einen Moment, wohl darauf wartend, ob sie noch etwas sagen würde, dann schlug er das Heft auf und überflog kurz die Aufgaben. Ein kleines Grinsen stahl sich auf seine Lippen, als er die Note sah, dann zuckte er mit den Achseln, so als ob er sich so etwas schon gedacht hatte, und er brachte sein Heft nach hinten zu den Schränken, in denen die ganzen Hefte gesammelt wurden. Als er zu seinem Platz zurückkehrte, saß Elsa mittlerweile auf dem Tisch, der vor Jacks stand, und sie beobachtete ihn aufmerksam. Sie wartete, bis er sich wieder gesetzt hatte - dieses Mal ließ er etwas Abstand zwischen sich und seinem Tisch und somit auch zwischen sich und Elsa und rückte etwas nach hinten - und setzte dann zu einem Gespräch an.
»Also«, begann sie unsicher, da sie nicht wusste, wie sie anfangen sollte. Sie strich sich eine Strähne ihres Haares hinters Ohr und sah kurz nach draußen. Die Chancen standen wohl schlecht, dass die Sonne heute je wieder zum Vorschein kam. »Ich würde Sie gerne etwas fragen.« Aus den Augenwinkeln heraus beobachtete sie ihren Schüler, der sie wortlos ansah. Sie sah das als Aufforderung, weiterzusprechen. »Was hat es mit den Schuhen auf sich? Warum tragen Sie keine?«
Jack zuckte mit den Schultern und grinste nur. »Warum tragen Sie ständig Handschuhe? Ist das nicht mindestens genauso eigenartig?« Sein Grinsen wurde herausfordernd und er beugte sich ein Stück nach vorne.
Elsa drückte unbewusst eine Hand an ihre Brust und ihr wurde klar, dass sie sich verdächtig machte, als auch ihre zweite Hand zur Brust wanderte und sie ihren Oberkörper von Jack wegdrehte. Fast schon schnippisch antwortete sie: »Das geht Sie nichts an!«
Jacks Ausdruck änderte sich nicht. »Sehen Sie? Genauso wenig geht es Sie etwas an, warum ich keine Schuhe trage.«
Elsa schnaubte und rutschte von dem Tisch herunter. Sie machte einen Schritt nach vorne, bis sie direkt vor Jacks Tisch stand und sie stützte sich mit ihren Händen darauf ab, während sie sich nach vorne beugte. Sie konnte genau erkennen, wie Jacks blaue Augen irrwitzig funkelten. Ihm schien das ganze Spaß zu machen.
»Sie wollen mich provozieren«, legte sie das Offensichtliche auf den Tisch und sie funkelte ihn an. Ihr fiel es zunehmend schwerer, nicht auf die Herausforderung einzugehen.
Jacks Grinsen wurde breiter, als er sich nun ebenfalls weiter nach vorne beugte und sich sein Gesicht ihrem näherte. »Möglich.« Elsa zog ihre Augen zusammen und wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als es plötzlich an der Tür klopfte, auf die Sekunde genau mit dem Klingeln der Schulglocke. Überrascht sah sie zur Tür und erblickte einen recht mürrisch dreinschauenden Hans, der lässig im Türrahmen lehnte.
»Mr Westergard! Was tun Sie denn hier?« Elsa nahm Haltung an und entfernte sich einen Schritt von Jacks Tisch. Sie war froh über die Ablenkung und über die Unterbrechung des Blickkontaktes mit Jack, denn so konnte sie nicht mehr auf Jacks Provokation reagieren und wieder Abstand gewinnen. Wieso ließ sie sich auch darauf ein? Schon wieder? Sie sollte sich nicht herausfordern lassen. Erst recht nicht von einem Schüler.
»Ich war zufällig in der Nähe«, meinte Hans ganz beiläufig, während er mit seinem Schuh Kreise auf den Boden malte. »Und da dachte ich mir, ich könnte Sie doch von Ihrer unfreiwilligen Vormittagsbeschäftigung abholen und Sie vielleicht zum Mittagessen einladen?«
Elsa war das sichtlich unangenehm und sie strich sich eine Strähne ihres Haares hinters Ohr. Das wurde langsam zu einer sehr nervigen Geste. »Oh ... Also, ich ... Nun, ja ...«
»Haben Sie schon etwas vor?« Hans schien gar keine Notiz von Jack zu nehmen, der noch immer auf seinem Platz saß, in derselben Position wie vorhin, als der Geschichtslehrer noch nicht aufgetaucht war. Er schien ihn regelrecht zu ignorieren. Doch Elsa war sich Jacks Gegenwart durchaus bewusst und es war ihr mehr als unangenehm, dass Hans so etwas vor einem Schüler sagte. Da sie sich nicht in der Lage fühlte, vor Jack Hans zu antworten, wandte sie sich an ihren Schüler und sie war nun wiederum froh, dass der Blickkontakt zu Hans abgebrochen war. So fühlte sie sich schon nicht mehr so unter Druck gesetzt.
Jack sah sie nun ausdruckslos an und sie musste erst einmal ihren Kloß im Hals runterschlucken, ehe sie etwas sagen konnte. »Mr Overland, Sie können gehen. Wir sehen uns am Montag. Dieses Mal aber hoffentlich wieder pünktlich.« Sie brachte sogar ein leichtes Lächeln zustande. Jack sah sie noch einen Moment lang an, dann erhob er sich und lief langsam auf sie zu. Direkt neben ihr blieb er stehen.
»Wenn Sie nicht wollen, sollten Sie nicht mit ihm ausgehen.«
Jack hatte so leise gesprochen, dass Elsa fast meinte, sich das nur eingebildet zu haben, doch der Blick, den ihr Jack danach zuwarf, ließ den Zweifel in ihr verschwinden. Dann lief er an ihr vorbei, sagte nun in normaler Lautstärke: »Bis Montag, schönes Wochenende, Ms Winters« und als er sich an Hans vorbeidrängen wollte, da dieser den gesamten Raum in der Tür einnahm, kam noch ein gemurmeltes »Ihnen auch, Mr Westergard« hinterher.
Elsa ging zu ihrem Pult, um ihre Sachen zusammenzupacken, doch sie hielt erschrocken inne, als etwas laut polterte und krachte. Sofort sah sie zur Tür und die Szene, die sich ihr bot, ließ sie aufkeuchen. Jack lag zwischen Tür und Angel auf dem Boden und er hielt sich eine Hand an die Stirn, während Hans über ihm stand und auf ihn herabsah. Sie konnte Hans' Gesicht nicht sehen, aber Jack starrte verärgert nach oben und er hatte sichtliche Schwierigkeiten damit, sich wieder zu erheben. Elsa ging ein paar Schritte auf die beiden zu und blieb kurz vor Hans stehen.
»Was ist passiert?«
»Der liebe Jack scheint ein paar Gleichgewichtsstörungen zu haben. Er ist gestolpert und hat sich den Kopf an der Kante gestoßen. Nichts weiter.« Hans sah sie nicht an und auch Jack starrte weiterhin den Geschichtslehrer an. »Nicht wahr?«, setzte Hans mit Druck nach und nun schien der Bann gebrochen, der Jacks Blick auf Hans gerichtet ließ. Er kroch von Hans weg in den Schulflur hinein und er musste sich an der Wand abstützen, um auf die Beine zu kommen. Keine Antwort kam über seine Lippen. Sich die Stirn haltend wankte Jack den Flur entlang, er reagierte nicht darauf, als Elsa nach ihm rief und ihn fragte, ob es ihm gut ginge. Schnell war er außer Sicht und Elsa wandte sich an Hans, der sie beobachtete.
»Gestolpert, also, ja?« Irgendwie glaubte sie nicht, dass Jack einfach nur gestolpert und zufällig gegen die Türkante geknallt war. Ihr kam der Gedanke, dass Hans ihm vielleicht ein Bein gestellt haben könnte, aber würde der Lehrer wirklich so eine kindische Aktion bringen, nur weil er den Schüler nicht leiden konnte? Elsa wusste es nicht, sie kannte ihn nicht so gut, dass sie so etwas beurteilen konnte.
»Kinder, was sonst? Kinder stolpern über ihre eigenen Füße.« Hans lächelte und er kam einen Schritt auf sie zu. Elsa wich einen Schritt zurück und stieß gegen das andere Ende des Türrahmens. Hans wollte noch einen Schritt auf sie zu machen, doch Elsa drehte sich noch rechtzeitig zur Seite und flüchtete sich in das Klassenzimmer.
»Sie haben wohl Recht«, antwortete sie und fuhr damit fort, ihre Sachen zusammenzupacken. Sie hoffte, dass Hans sein vorheriges Anliegen vergessen hätte, doch als sie sich umdrehte und Hans plötzlich direkt vor ihr stand, wurde ihre Hoffnung zu Boden getrampelt.
»Also? Mittagessen? Ich lade Sie ein.«
Elsa suchte nach einer weiteren Fluchtmöglichkeit, durchforstete ihr Gehirn nach einer geeigneten Ausrede, doch ihr wollte keine passende einfallen. Sie hatte keine Lust mit Hans zu Mittag zu essen, auch wenn er sie dazu einladen wollte. Seine Gesellschaft konnte sie gerade nicht brauchen. Und da ihr keine schonende Variante einfiel, sagte sie das gerade heraus.
»Tut mir leid, ich fühle mich nicht so gut. Ein andermal vielleicht.«
Damit eilte sie aus ihrem Klassenzimmer, ließ Hans zurück und als sie die Treppe erreichte und die ersten Stufen hinter sich hatte, begann sie zu rennen. Langsam wurde es doch ein bisschen unheimlich, dass Hans immerzu auftauchte. Sie fühlte sich zwar geehrt, dass er aufrichtiges Interesse an ihr zu haben schien, doch irgendetwas an ihm störte sie. Da war manchmal etwas in seinen Augen, ein dunkler Schatten, und sie fragte sich, was für Gedanken Hans haben musste, um unter solchen Schwankungen zu leiden. Manchmal war er höflich, charmant und eine reizende Gesellschaft, doch manchmal war es, als wäre er eine ganz andere Person. Und das gerade, das war nicht der Hans, den sie am Anfang gesehen hatte. Er war ihr unheimlich und sie hatte so eine Ahnung, dass sie sich wohl lieber von ihm fernhalten sollte. Er brachte sie ganz durcheinander.
Sie rannte über den Schulhof, traute sich nicht, sich umzudrehen und nachzusehen, ob er ihr folgte, oder ob er in ihrem Klassenzimmer stand und sie aus dem Fenster beobachtete, und sie war erleichtert, endlich das Schulgelände verlassen zu können. Als die U-Bahnstation in Sicht kam, erlaubte sie es sich, in einen langsameren Schritt zu verfallen, weil ihre Lungen schon brannten. Ihre Kondition war wirklich alles andere als gut. Sie atmete schwer, während sie langsam über den Platz ging und sie ignorierte die irritierten Blicke, die die Passanten ihr zuwarfen. Als ob sie noch nie eine Frau außer Atem gesehen hätten. Tauben stiegen in den Himmel auf, als sie durch die kleinen Grüppchen trat, die sich auf dem Boden um kleine und große Brotkrumen stritten. Sie hatte den letzten Schwarm unbeschadet durchquert, als sie auf der hüfthohen Mauer, die den Abgang zur U-Bahnstation umgab, Jack bemerkte, der sich ein Taschentuch an die Stirn presste. Sofort kam Sorge in ihr auf und sie eilte auf ihn zu. Dass sie vor wenigen Augenblicken noch völlig geschafft war, hatte sie schon vergessen.
»Jack!«, rief sie schon weitem, um auf sich aufmerksam zu machen und sein Kopf hob sich. Sie konnte nicht erkennen, was er dachte, sein Gesicht blieb ausdruckslos. »Geht es Ihnen gut? Haben Sie sich schwer verletzt?« Sie blieb mit Abstand vor ihm stehen und musterte seine Stirn. Das Taschentuch war blutbefleckt.
»Geht schon«, antwortete er und zuckte mit den Schultern. »Hab mir ja nur den Kopf gestoßen.« Er grinste, doch Elsa bemerkte, dass es seine Augen nicht erreichte. Sie fühlte sich verantwortlich für das, was geschehen war - was auch immer geschehen war, sie wusste es nicht genau - und hatte dementsprechend ein schlechtes Gewissen, ihren Schüler allein durch die Stadt laufen zu lassen. Sie kam näher und sie musste zu ihm hochsehen, als sie mit sanftem Druck seinen Arm packte und ihn von der Stirn zog. Die Haut war aufgeplatzt und ein Rinnsal aus Blut floss über sein Gesicht. Die Wunde sah nicht schlimm aus, dennoch schien sie unaufhörlich weiterzubluten.
»Es ist nichts Schlimmes«, sagte sie, während sie Jacks Hand wieder auf seine Stirn drückte, damit das Blut aufgefangen wurde und seine Kleidung nicht besudelte. »Sie sollten auf jeden Fall ein großes Pflaster darauf kleben, sobald die Blutung etwas weniger geworden ist und Sie sollten nicht allein nach Hause gehen. Mit Blutverlust ist nicht zu spaßen.«
»Ja, Frau Lehrerin«, gab er trocken zurück und verdrehte die Augen. Dann sah er sie an und er lächelte, dieses Mal sogar echt. »Danke.«
Elsa räusperte sich und trat wieder etwas zurück, strich sich erneut eine Strähne ihres Haares hinters Ohr. Sie sollte damit aufhören.
»Wie auch immer, wird schwierig mit dem nicht alleine nach Hause gehen. Momentan ist keiner da, der mich abholen oder eskortieren könnte.« Da war es wieder, dieses provozierende Grinsen und Elsa verspürte plötzlich den Drang, ihrem Schüler einen Schubs zu geben, sodass er nach hinten fallen und in den Treppenabgang stürzen würde. Sie kreuzte die Arme vor der Brust, um nicht in Versuchung zu geraten, und hob ihre Augenbrauen.
»Tja, das ist wirklich Pech.« Sie antwortete genauso trocken.
»Das sehe ich nicht so.« Jack besah sich kurz das Taschentuch und presste es dann wieder auf seine Stirn.
»Ach, nein? Wie sehen Sie es dann?«
»Für mich ist die Lösung des Problems ganz klar.«
»Für welches Problem?«
»Dass ich schwerstverletzt bin, fast verblute und nicht allein nach Hause komme. Die Lösung ist einfach. Sie begleiten mich.«
Elsa verschluckte sich fast an ihrem Speichel. »Ich ... was?«
»Sie begleiten mich nach Hause, da Sie sich ja offensichtlich am meisten sorgen. Außerdem sind Sie meine Lehrkraft, das heißt, Sie haben Verantwortung für mich. Sie müssen dafür sorgen, dass ich heil zuhause ankomme.«
Elsa schüttelte den Kopf und erwiderte: »Dafür, dass Sie es wohl nicht so mit Regeln haben, sind Sie ganz schön informiert.«
»Man muss seine Rechte kennen.«
»Genauso wie seine Pflichten.«
Jack seufzte. »Mag ja sein. Aber Rechte sind wichtiger. Also, können wir? Ich muss noch Mittagessen kochen.« Er wartete nicht auf eine Antwort von Elsa, sondern rutschte einfach von der Mauer runter und er musste sich danach festhalten, um nicht umzukippen. Sein Kreislauf schien etwas gestört zu sein. Elsa fuhr sich durch die Haare, sie wusste, dass sie sich das wohl selber eingebrockt hatte. Sie konnte das nicht mehr rückgängig machen, also folgte sie Jack die Treppe nach unten. Die ersten paar Stufen bewältigte er noch, dann plötzlich verlor er den Halt und er kippte nach vorne. Elsa bekam ihn gerade noch so an der Kapuze seines Pullovers zu fassen und konnte so seinen Sturz verhindern. Sie zog ihn nach hinten und stützte ihn dann, indem sie seinen einen Arm um ihre Schultern legte und sie ihren Arm um seine Taille schlang. Mit Sorge sah sie, dass Jack kaum noch bei sich war. Er schien mehr Blut verloren zu haben, als sie zunächst angenommen hatte. Sie sollte wohl so schnell wie möglich einen Arzt aufsuchen, um sicherzugehen, dass die Wunde nicht doch schlimmer war.
Elsa drehte sich mit Jack im Arm um und hievte ihn die Treppe nach oben und dann zu einer Apotheke, die ganz in der Nähe war. Die Dame, die dort arbeitete, nahm ihr Jack ab und brachte ihn in ein Hinterzimmer, während Elsa im Verkaufsbereich wartete. Der Arzt kam sehr schnell, eilte zu Jack ins Hinterzimmer und deutete Elsa im Vorbeigehen, dass sie mitkommen sollte. Er stellte ihr Fragen, was passiert sei, wer sie war und stellte nebenbei allerlei Dinge mit Jack an. Nach einer genauen Untersuchung der Wunde, die er anschließend verband, meinte er noch, dass sein Kreislauf wieder auf Vordermann gebracht werden müsse und dass er alles langsam angehen sollte, dann verabschiedete er sich. Elsa setzte sich neben der Liege, auf der Jack lag, auf den Boden und wartete dort darauf, dass Jack wieder zu sich kam. Sie sollte versuchen, seine Eltern zu erreichen und kramte in ihrer Aktentasche nach der Schülerliste mit den Telefonnummern. Mit einem Auge auf Jack wählte sie die Nummer, die hinter seinem Namen stand, und wartete dann darauf, dass jemand an der anderen Leitung abhob.
