Istanbul
Hexenwoche, Ausgabe 19
Aus dreizehn grauen Gänschen hat Edward Scissorhands gestern beeindruckende und wunderschöne Schwäne gezaubert. Und nicht nur aus ihnen – auch der bekannte und beliebte Zaubertränkemeister Severus Snape überrascht mit einem flotten Bürstenschnitt, der ihm einige bewundernde Blicke unserer Nachwuchsmodels einbringt.
„Mir war bislang gar nicht bewusst, dass er ein doch irgendwie gut aussehender Mann ist", sagt Susan Bones.
„Wow", kommentiert Katie Bell.
Heute geht es für unsere Models auf die erste große und aufregende Reise … in die Hauptstadt des Orients … in die Stadt von „Tausend und einer Nacht" … nach Istanbul …
Einmal mehr hatte Severus eine unruhige Nacht hinter sich gebracht.
Der Anpfiff von Lucius wegen des Ausscheidens von Marietta Edgecombe war zwar ausgeblieben, nicht aber das muntere Treiben im Nebenzimmer. Und dass Gilderoy ihm beim Frühstück kumpelhaft auf die Schulter geschlagen und etwas von „immer seinen Mann stehen" gemurmelt hatte, war der Verbesserung seiner Stimmung auch nicht gerade förderlich.
„Wo auch immer wir in Zukunft landen …", hatte Severus gedacht, „… will ich ein Zimmer haben, das so weit wie möglich von Gilderoy und seinem quietschenden Bett entfernt ist."
Schließlich standen sie alle mit Sack und Pack vor dem „Hogsmeade Inn".
Gilderoy ergriff das Wort: „Guten Morgen, meine Damen. Heidi ist gestern schon nach Istanbul geflogen – mit einem Flugzeug."
„Das muss ich meinem Vater erzählen", flüsterte Ginny Hermione zu. „Er wird begeistert sein."
„Wir folgen heute per Portschlüssel. In Vierergruppen bitte …"
Und so standen sie nach nur wenigen Sekunden auf einem belebten Platz. Gilderoy führte sie in ein großes Gebäude, das wie ein Sultanspalast wirkte, sich aber als Hotel entpuppte.
„Immer drei Mädchen in ein Zimmer", rief Gilderoy. „In einer halben Stunde treffen wir uns wieder hier."
Nachdem sich die Mädchen einigermaßen häuslich eingerichtet hatten, führten Severus und Gilderoy sie zu einem Palast, der von außen einen sehr trutzigen Eindruck machte. Kaum waren sie jedoch durch das hohe Tor getreten, eröffnete sich ihnen eine Welt aus Gärten, Springbrunnen, kleinen offenen Gebäuden und einer überwältigenden Blumenpracht. Unter ihnen lag Istanbul und der Bosporus, über ihnen erstreckte sich ein strahlendblauer Himmel.
„Willkommen im Topkapi", begrüßte Heidi die Mädchen. „Hier werden wir den heutigen und auch den morgigen Tag verbringen. Heute gibt es erst einmal Laufstegtraining. Und dazu habe ich mir Verstärkung geholt … Suleika!"
Suleika war ein Geschöpf wie aus einem orientalischen Märchen.
Ihre großen Augen waren von einem so dunklen Braun, dass sie fast schwarz wirkten; ihr Mund mit den vollen, sinnlichen Lippen war kirschrot geschminkt und ihr kaum verhüllter Körper war genau an den richtigen Stellen gerundet.
„Suleika hat eine Karriere als internationales Model hinter sich und ist auf allen wichtigen Modenschauen der Welt gelaufen", erklärte Heidi weiter. „Heute ist sie professionelle Bauchtänzerin und hat auch eine Akademie für orientalischen Ausdruckstanz."
Als Laufsteg diente eine schmale Mauer, über die Suleika nun schwebte. Severus versuchte – vergeblich – sich auf Drachenföten in Spiritus zu konzentrieren und auch Gilderoy keuchte vernehmlich.
Schließlich jedoch durften sich die Nachwuchsmodels versuchen. Mit orientalischen Krügen auf dem Kopf, langen Stangen hinter dem Rücken oder Löffeln mit Eiern im Mund übten sie das Geradeaus-Laufen.
„Nicht nach unten sehen", schrie Suleika in Richtung von Natalja, die gerade wieder einen Krug fallen gelassen hatte.
„Reparo!" riefen Hermione und Ginny unisono und zeigten mit ihren Zauberstäben auf die Scherben.
„Geradeaus, Tonks!"
„Du läufst wie ein Storch im Salat, Paola."
Alles in allem schlugen sich die Mädchen wacker, sogar Tonks schien Fortschritte zu machen. Gar nicht zufrieden waren Heidi und Suleika jedoch mit Fleur.
„Sie ist wunderschön", sagte Heidi zu den beiden Juroren. „Aber sie läuft zu steif, wie eine Marionette."
Als Suleika den Mädchen dann den richtigen Einsatz der Hüften beibrachte, zog Gilderoy Severus beiseite und ging mit ihm zu der Stelle, von der aus man über ganz Istanbul blicken konnte. Gemeinsam bestaunten sie den regen Verkehr auf dem Bosporus, auch wenn die Schiffe aussahen wie Spielzeuge, die ein Kind planlos verstreut hatte.
„Heute Abend sollten wir uns den „Tanz der sieben Schleier" ansehen", sagte Gilderoy schließlich. „Das ist genau das, was wir nach diesem Tag brauchen."
Severus nickte beklommen und sah aus den Augenwinkeln nach Suleika und ihren geschmeidig tanzenden Hüften.
Hexenwoche, Ausgabe 19 – Fortsetzung
Wer wird „The Magic World's next Topmodel?
Wer gewinnt Werbeverträge mit „Gladrays Wizardwear" und „Madam Malkins Roben für alle Gelegenheiten" im Wert von fünfzigtausend Galleonen?
Wer schmückt das Titelbild Ihrer „Hexenwoche"?
Heute Abend kommen wir der Antwort auf all diese Fragen wieder einen Schritt näher.
Heute Abend werden uns wieder zwei Mädchen verlassen, für sie ist der Traum von der ganz großen Modelkarriere ausgeträumt.
Die anderen können morgen wieder zeigen, was in ihnen steckt und wie hart sie an sich arbeiten …
„Morgen werde ich keinen Knochen mehr bewegen können", stöhnte Anna. Nach Stunden des Laufens und Stehens auf den immer noch ungewohnt hohen Schuhen genossen die Mädchen es, einfach nur im Gras zu sitzen und dem Gesang der Vögel zu lauschen.
Suleika, Heidi, Severus und Gilderoy diskutierten derweil lebhaft.
Zwei Mädchen sollten heute, zwei weitere morgen gehen.
„Sie ist zu steif", „sie hat keine Ausstrahlung", „kein Charisma", „kein …"
Das Gespräch war kurz, denn eigentlich waren sich alle einig. Sogar Severus sah mittlerweile Unterschiede in dem, was die Mädchen taten. Und dass manche sich sehr, andere sich gar nicht anstrengten, war er aus seinem Unterricht gewohnt. Auch wenn es ihn hier überraschte – alle hatten sich beworben und waren freiwillig hier.
Dann war es soweit. Einzeln und beklommen dreinschauend traten die Mädchen vor die Jury.
„Hermione", sagte Heidi. „Das war klasse heute. Du kannst Kritik annehmen und umsetzen, das ist sehr wichtig für ein Model. Du bist weiter."
„Ginny, nicht schlecht. Du kommst aber immer noch recht kindlich rüber. Arbeite an deinem Gesichtsausdruck. Du bist weiter."
„Luna, du machst phantastische Fortschritte. Du wirst selbstbewusster und strahlst das auch aus. Du bist weiter."
„Anna, wie oft haben wir dir heute gesagt, dass du diese albernen Handbewegungen beim Posen lassen sollst? Einfach nur die Hände in die Hüften, kurze Drehung nach rechts, kurze nach links und zurück."
Anna stand mit tränenumflorten und doch leerem Blick vor der Jury.
„Du nimmst Kritik nicht an, und du arbeitest nicht an dir. Wir wissen nicht einmal, ob du das hier wirklich willst … du hast von Anfang an auf der Kippe gestanden. Wir können dir leider keine weitere Chance mehr geben. Du bist raus."
Anna warf Gilderoy einen Blick zu, der etwas von einem scharfen Messer hatte und Severus wusste, wer das Bett seines Mit-Jurors in der letzten Nacht so hingebungsvoll zum Quietschen gebracht hatte. Dann ging Anna zu den Mädchen zurück und brach in Tränen aus.
„Floßhilde … du bist weiter."
„Paola … weiter."
„Fleur. Du bist wunderschön. Aber leider kannst du nicht laufen. Dir fehlt natürliche Eleganz. Daher haben wir uns entschlossen …"
Weiter kam Heidi nicht.
Fleur drehte sich um und rannte wütend aus dem Palast. „Isch … kein' natürlische Elegonz … was für eine Blödsinn!" hörte man sie schreien.
„Wenn einer natürliche Eleganz hat, dann ist das Fleur", sagte Ginny. „Aber irgendwer muss fliegen, selbst wenn die Juroren eine Münze werfen."
Fleur war schon abgereist als die Mädchen ins Hotel zurück kamen.
Für die verbliebenen zwölf Nachwuchsmodels gab es eine kleine Stadtführung mit anschließendem Abendessen.
Gilderoy und Severus entschuldigten sich und begaben sich auf ihre eigene „Sightseeing-Tour", wie Gilderoy es genannt hatte.
Gilderoy führte seinen Mit-Juror in ein Stadtviertel, das Severus wohl nie alleine betreten hätte und dann in eine kleine Bar.
Dort machten sie Bekanntschaft mit Salome, Ayse, Hatice und Semra; dem Tanz der sieben Schleier und den Freuden, die die Damen zu bieten hatten als die Schleier schließlich gefallen waren …
