8. Ridiculus


"Ein Schatten flatterte durch meinen Geist, wie Falterflügel zwischen Stühlen und Tischen in einem Zimmer am Abend."
-
Virginia Woolf-


,,Wir sehen uns später."

,,Was ist?"

Sie machte ein schiefes Gesicht.

,,Du immer mit deinen Mädchenproblemen." stichelte Harry. ,,Ich dachte die hat man nur einmal im Monat."

Hermione streckte ihm die Zunge raus und bog in den Korridor ab. Sie wartete bis Harry und Ron sich entfernt hatten, dann trat sie den Rückweg zum Klassenzimmer an. Sie trat näher. Ihr Blick stahl sich durch die angelehnte Tür.

Snape war leicht über sein Pult gebeugt und korrigierte den Punktestand der beiden Häuser mit eifriger Federführung. In dieser Hinsicht war er mindestens genauso gewissenhaft wie in seinem Lieblingsfach.

Sie erkannte Dracos Profil. Mit verschränkten Armen stand er vor Snape. Crabbe und Goyle waren nirgendwo zu sehen. Als Snape Draco mit einem auffordernden Blick belegte, schnaubte dieser leise in sich hinein. Er wirkte angewidert und belustigt zugleich. Hermione musste zugeben, dass Malfoy immer schon merkwürdig gewesen war, doch dass er mit Snape über seine Leistungen im Unterricht stritt, passte absolut nicht zu ihm, das musste selbst sie zugeben. Ihr Herz begann zu klopfen, doch ob es von dem Schwindel herrührte, der sie mit einem Mal überfiel, oder von der düsteren Ahnung herrührte, die in ihr anschwoll, wusste sie nicht. Draco wusste von den Ereignissen ihrer weinbeseelten Nacht. War er hier, um Snape unter Druck zu setzen? Was sonst konnte ihn dazu bewegen, seinem Patenonkel so entgegenzutreten?

Hermione hatte ihn lange genug beobachtet, um etwas in Dracos Blick, mit dem er seinen Patenonkel zu bemerken, dass Snape ihr in einem Anflug von verzweifelter Offenheit anvertraut hatt. Enttäuschung gegenüber seiner Person. Doch da war auch etwas anderes. Wut. Dieselbe Wut, die in diesem Moment aus Dracos Blick sprühte.

Und sie?

Was tat sie hier? Sie ahnte es, aber sie wusste es nicht. Sie wollte kein Schatten sein. Sie hatte doch nur ihre Erinnerungen wieder haben wollen, mehr nicht.

,,Sie wissen wo sich mein Büro befindet, Draco." Snapes Worte klangen wie eine Aufforderung. Draco zögerte kurz und beschloss dann mit einem kühlen Gesicht von Snape abzulassen.

,,Ich bin nicht dumm, nicht so dumm, wie Sie denken." murmelte er scharf.

Snape machte ein gereiztes Gesicht. ,,Beweisen Sie es."

Draco rauschte durch die Tür. Der Stoff seines Umhangs strich an ihrem Körper entlang als er mit federnden, trotzigen Schritten in den Korridor bog. Zum Glück schien er zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass er auf sie eingegangen wäre und so reichte es, dass sie sich in eine dunkle Ecke drückte, um vor ihm sicher zu sein.

Diesmal, dachte sie bitter. Sie war verrückt. Das musste es sein.

Sie hörte Snape das Heft zuschlagen, in dem er geschrieben hatte. Das plötzliche laute Zufallen der Tür ließ sie aufschrecken. Für einen Moment dachte sie, er stände direkt vor ihr, doch der Flur war leer, in der Ferne waren Stimmen und Gelächter zu hören. Snape hatte sich in das Klassenzimmer zurückgezogen.

Gedankenerfüllt starrte sie an die Wand.

Die Welt wankte ein wenig, als ein Fetzen von Erinnerung zurückkehrten und ihre Gedanken durchkreuzten wie eine löchrige Wolkendecke. Sie schmeckte seinen Mund. Er war weich, sein Mund und warmer Atem entströmte ihm.

Ihr war schwindelig vor diesen neuen Eindrücken. Sie wartete den erneuten Schwindel ab, dann ließ sie ihre Beine den Weg in den großen Saal finden. Das Essen musste gut sein, allein Rons Appetit bewies dies, aber ihr bereiteten sämtliche Gerüche Übelkeit. Mühsam schob sie sich ein paar Bissen in den Mund, kaute und schluckte, doch mehr als ein Alibi war es nicht.

,,Alles wieder gut?" erkundigte sich Harry.

,,Was?"

,,Na, geht es dir wieder besser?"

Hermione war ein wenig erschrocken, als sie sich der Gefahr bewusst wurde, dass sie vermutlich seit zwei Tagen alles andere als gut aussah. Vielleicht meinte er auch ihre Mädchenprobleme, versuchte sie sich zu beruhigen.

,,Ja, klar, danke." murmelte sie.

,,Warte mal." wollte Ron sie aufhalten, als er sah, dass sie aufsprang und ihre Tasche an sich drückend, davongehen wollte. ,,Willst du schon wieder in die Bücherei?"

,,Na und?" erwiderte sie harsch. ,, Muss ich neuerdings einen Antrag ausfüllen, bevor ich irgendwo hingehen darf?"

Ron sah sie wütend an. ,,Na dann kurier deine Mädchenprobleme schön aus." murmelte er ihr scharf hinterher. ,,Vielleicht kann man dann wieder mit dir sprechen."

,,Entschuldige, Ron...".

Es kam Hermione wie eine halbe Ewigkeit vor, bevor sie den Baum draußen am See hatte sie nur getan? Dieser Trank...er...

Ihre Hand bekam den Stamm der Trauerweide zu fassen. Der feste Boden und das kühle Gras, in das ihre Hände greifen konnten, gaben ihr Halt. War sie nicht sorgfältig genug gewesen?

Sie schloss die Augen und ließ den Wind über ihr Gesicht streichen.


,,Na, Granger? Träumst du schön?"

Er schien ihr aufgelauert und sie beobachtet zu haben, während sie Löcher in die Luft starrend den Weg zum Schloss zurückgegangen war. Sie hatte sich nie weit von Harry und Ron entfernt, doch seitdem sie den Trank genommen hatte war sie unvorsichtig geworden. Merkwürdigerweise waren Crabbe und Goyle nicht bei ihm, was vermutlich bedeutete, dass er sie nicht in all seine Geheimnisse einweihte.

Draco machte nicht einmal den Versuch, sich vor ihr aufzubauen, lehnte sich einfach gegen einen der Felsbrocken, die den Abschnitt dieses Wegs säumten. ,,Du würdest nicht einmal merken, wenn um dich herum die Welt untergehen würde, stimmt doch, oder?" Ein spöttisches leises Lächeln schlich sich über sein blasses Gesicht. Der letzte eisige Wind des Jahres zupfte an seinem wangenlangen Haar und ließ ihn zerrupft aussehen. Hermione konnte sich nicht entsinnnen, dass seine Wangen jemals so eingefallen gewirkt hatten. Er sah mitleiderregend aus. Und vielleicht hätte sie sogar so etwas wie Mitleid empfinden können, wenn sein Blick nicht davon erzählt hätte, dass er die Macht, die ihm sein Wissen um Professor Snape und sie verlieh, nur zu gerne missbrauchen wollte. Aber was zur Hölle hielt ihn ab?
Hermione besah ihn mit dem schärfsten Blick der Verachtung, zu dem sie fähig war. Ohne Worte an ihn verschwenden zu wollen, wollte sie weitergehen, doch er packte sie am Arm.

,,Hat mein Onkel es dir gut besorgt?" Ein belustigtes Lachen vibrierte in seiner Kehle. In diesem Augenblick hatte er kaum Ähnlichkeit mit der eleganten Erscheinung seines Vaters.
,,Auf mich macht er immer einen recht steifen Eindruck."

,,Was willst du?" fauchte sie leise.

,,Ich wollte dir nur sagen, dass ich einen Riesenspaß habe."

,,Komisch, du siehst aus, als hättest du alles andere als Spaß." erwiderte sie ätzend. ,,Ehrlich gesagt, siehst du beschissen aus."

Trotz der Schärfe ihrer Stimme fühlte sie sich verunsichert durch Dracos plötzliches Erscheinen.

Ihre Worte schienen jedoch die hämische Freude aus seinem Gesicht zu wischen. Er drückte sie gegen einen der ausladenden Steine.

,,Ich habe dich falsch eingeschätzt. Ich hatte dich immer für zugeknöpft gehalten, aber anscheinend machst du es mit jedem."

,,Nein, nicht mit jedem, Malfoy. Lass mich, oder ich tue dir weh!" zischte sie.

,,Schlampe." Er drückte ihr den Zauberstab an die Stirn und betrachtete sie funkelnd. ,,Dir wird das lachen noch vergehen. Was wird wohl dein Heldenfreund sagen, wenn er erfährt, was für ein Flittchen seine Freundin ist."

,,Du verstehst überhaupt nichts, du Arschloch." Sie zog ihren Zauberstab hervor und kämpfte sich frei.

,,Stupor!"

Draco Zauberstab flog weit hinter ihn und für einen Moment sah er ihm verwirrt nach.

,,Ich weiß eines. Ich werde mich weiterhin darüber amüsieren, wie du Snape hinterher läufst." zischte er ihr entgegen. Der Wind verschlang seine Worte, aber nicht schnell genug, bevor sie sie erreichten. ,,Glaubst du, nur weil er dich gefickt hat, macht er sich etwas aus dir? Er findet dich genau so ätzend wie jedes andere kleine Mädchen, das sich daneben benimmt."

Für einen Moment war sie erstarrt, doch dann nutzte sie die Gelegenheit, in der Draco seinen Zauberstab aufhob, um ins Schloss zu fliehen.


Ihre Hand, die sich zwischen Stoff und Haut schob. Wie schön es gewesen war, mit ihm zu schlafen - ein gutes Gefühl von anschwellender gieriger Süße. Dieses Stöhnen aus seinem Mund, flackernd seine zitternden Augenlider in ihrer Erinnerung, als er...als sie...ihre Hände hatten die Haare auf seiner Brust ertastet. Er bestand aus warmer Haut. Warmem Geruch. Kitzelndem Haar, das auf ihre Wange fiel. Er küsste sie, beißend. Sie wurde gefressen. Keine Worte. Nur allumfassendes Keuchen.

Seine Hand auf ihrer Wange. Stille.


Hermione erinnerte sich an die Augenblicke, die sie Snape gegenüber befangen gegenübergestanden hatte, doch diesmal fürchtete sie sich geradezu vor dem Unterricht mit ihm. Es war soviel geschehen, dass ihr die vergangenen Tage wie ein Jahrhundert vorkamen. Ihr schwirrte der Kopf.

Immer und immer wieder verlor sie sich während Zaubereigeschichte in ihrer Erinnerungen, so dass es ihr kaum gelang, die letzte Passage über den Zaubereraufstand von 1394 mit zu schreiben.

Spürten Ron und Harry, was mit ihr los war?

Während sie zu Snapes Unterricht gingen, beobachtete Hermine ihre beiden besten Freunde, doch sie konnte nichts Auffälliges feststellen. Ron verlor sich in seinen Witzeleien und versuchte Harry, der ihm dieses Jahr viel zu ernst war, zum lachen zu bringen. Keiner von ihnen hätte mehr in seiner eigenen Aufgabe gefangen sein können.

Als sie den finsteren mit grausamen Verstümmlungsszenen geschmückten Raum betraten, in dem Snape seinen Unterricht abhielt, sah sie, dass Malfoy schon an seinem Platz saß. Auch Snape stand schon am Pult, die Arme verschränkt, mit undurchdringlichem Blick auf die letzten Nachzügler wartend.

Sein Blick glitt an ihr ab, wie Wasser an einer Ölhaut. Auch diesmal entlud sich ihre Enttäuschung in heftigem Herzklopfen. Sie atmete tief ein, um sich zu fangen. Als wäre Snapes abweisender Blick nicht schon genug gewesen, streifte sie jetzt auch noch Malfoys triumphierendes Ich- hab´s – dir-doch-gesagt-Lächeln, finster und freudlos, wie es nur jemand aufsetzen konnte, der nach Genuugtuung gierte. Schnell blickte sie auf ihr Buch und schlug es auf.

Als alle sich gesetzt hatte, ließ Snape seinen funkelnden Blick über sie gleiten.

,,Da sich einige von ihnen permanent weigern, gute Leistungen zu zeigen, werde ich als Anreiz, ein wenig mehr Leidenschaft in dieses Fach zu investieren, für jede unakzeptable Leistung ab sofort zwei Punkte mehr abziehen."

Ein leise und verhaltenes Raunen ging durch den Raum. Ron lehnte sich zu Harry ,,Kann es sein, dass er noch schlechtere Laune als sonst hat?"

,,Mr. Weasley, wollen sie mir erklären, wie man Inferi am besten gegenüber tritt?" wandte Snape sich an Ron, den er ins Visier genommen hatte. Ron sah ihn unsicher an. ,,Am besten ausgeschlafen, würde ich sagen."

,,Drei Punkte Abzug für das Haus Gry-ffin-dor." Snapes Stimme war von einer gänsehautverursachenden präzisen Sanftheit und wieder einmal fragte sich Hermione, ob dies derselbe Mann aus ihren Erinnerungen war. Der Mann, der ihr Lust bereitet und der sie danach nicht gleich davon geschickt hatte.

Jeder hörte das Kratzen der Feder, das vom Punkteabzug erzählte. Ron versuchte sich aufrecht zu halten und Hermione wusste, wie schwer ihm dies in Snapes Anwesenheit fiel. Neville nickte ihm aufmunternd zu.

Der Unterricht nahm den üblichen Lauf. Es gab kaum einen Gryffindor, der als die praktischen Übungen begannen, nicht vor den Kopf gestoßen worden war.

Hermione war von ihm jedoch die ganze Zeit nicht eines Blickes gewürdigt worden. Zusammen mit Seamus machte sie sich daran, ihren Schildzauber mit und ohne Worte zu üben.

,,Stupor!"

Hermine spürte das Schild um sich herum auftauchen und seinen Zauber an ihm abprallen. Sie sah Snape in die dunklen Augen. Erhobenen Zauberstabs standen sie sich gegenüber. ,,Wollen sie Gryffindor dafür nicht drei Punkte geben, Professor?" fragte sie ernst.

,,Sie wollen zeigen, was Sie können, Granger, dann nur zu." erwiderte er lauernd.

Immerhin redete er mit ihr. Das war mehr als er in den vergangenen Wochen getan hatte, wo ihr Platz war - in seinen Augen.

,,Impedimenta!"Mit einer knappen und präzisen Drehung aus dem Handgelenk schoss der Zauber auf sie zu.

,,Protego!" Die Wut, die sich in Hermine angestaut hatte, hatte sie diesmal den Zauber schreien lassen.

,,Enervate!" Der helle Strahl, der Snapes Zauberstab verließ, prallte heftig gegen Hermines Schild. Er hob belustigt die Augenbrauen, als er sah, dass sie zurückgestoßen wurde und nach hinten fiel.

Hermione, von der Stärke seines Zaubers überrascht, rappelte sich nur langsam wieder auf. Sie sah ihn wütend an. Dieser Blick- er war wie ein verschlossenes Tor. Er wollte mit all dem nichts mehr zu tun haben. Er wollte dass sie sich in Luft auflöste. Er hatte sie benutzt und weggeworfen. Draco hatte recht, er mochte sich wie ein Arschloch aufführen, dennoch hatte er recht.

,,Ich hoffe, dass war eine Kur gegen ihre Arroganz, Miss Granger." schnitt seine Stimme in die angespannte Stille. Niemand sagte etwas. Alle sahen verhalten auf die beiden Duellanten. Es war wieder Ron der Harry die ungläubige Frage zuflüsterte ,,Seit wann ist sie dermaßen rebellisch?" Und es war Harry, der nur sprachlos mit den Schultern zucken konnte.

Hermione rappelte sich auf. Der Schwindel, der sie überrollte bereitete sie darauf vor, was mit ihr geschah. Erinnerungsbruchstücke, zart wie Spinnenweben, ätherisch verwunden, wehten durch ihre Gedanken.

Snapes Blick blieb an ihr hängen, als sie sich von Ron gestützt, aufrichtete, doch sein fragender Blick verwischte zwischen dem, was in ihr Gedächtnis zurückkehrte.

Seine Hand auf ihrer Schulter...ein warmes Kitzeln, als er ihren Rücken hinunterfährt. Sie regt sich und seine Hand wandert weiter, dorthin, wo sich ihre Beine öffnen...Kribbeln überall, während die Welt wankt...wieder ist da sein Gewicht auf ihr...diesmal tut er es langsamer...er sieht ihr ins Gesicht...sein Gesicht ...es verzerrt, als er zum Höhepunkt kommt...und sie ...und sie seufzt, weil es noch nicht aufhören soll...sie spürt, dass dort jemand neben ihr liegt, während die Erregung in ihr nachhallt...es war schön und sie murmelt es ihm zu...er starrt in die Luft...die Zeit verwischt...eine ganze Weile liegt er dort und starrt an die Decke...sitzt auf dem Bett...er reibt sich das Gesicht...dann ist da seine Hand an ihrer Stirn...kühles Holz...ein raues Murmeln...Schwärze...Morgenlicht..er liegt dort...was war nur geschehen?

Snapes Augen verengten sich kurz zu Schlitzen. Hermione richtete sich trotzig auf und befreite sich aus Rons Griff. Snape wandte Hermione den Rücken zu. Alle im Raum warteten darauf, dass Snape den Unterricht beendete. Es brannte ihnen auf der Seele hinaus zueilen und darüber zu tratschen, dass Snape der Besserwisserin eine Lektion erteilt hatte.

Dumpf vor Wut hob Hermione ihren Arm und zielte auf den Mann am Pult.

,,Ridiculus!" schrie sie.

Tbc...


Liebe Leser,

für eventuelle Ungereimtheiten entschuldige ich mich. Vielleicht werden sie mit den nächsten Kapitel klarer. Aber die Geschichte verdichtet sich mehr und mehr in meinem Kopf.

Liebe Grüße Miri