8. Geheimrezepte
Mione hatte sich auch am nächsten Tag noch nicht über ihre Dummheit und Malfoys Dreistigkeit erholt, als es vollkommen unerwartet an ihrer Bürotür klopfte. Sie rief motorisch „herein", ohne von den Unterlagen, die sie für einen Ministeriumsangestellten in Sachen Muggelangelegenheiten überprüfte, aufzusehen. Umso überraschter war sie, als es ausgerechnet Malfoy war, der ins Zimmer trat und die Tür so leise wieder hinter sich schloss, wie er sie geöffnet hatte. „Was willst du?", fragte sie schroff, schlug die Unterlagen zu und schob sie beiseite.
Natürlich wusste sie, dass die Dinge die sie bearbeitete ihn wahrscheinlich nicht im Geringsten interessieren würden. Allerdings wusste sie auch, dass er neugierig war. Oder eher: Sie vermutete er war neugierig. Ob es wirklich stimmte konnte sie nicht wirklich einschätzen. Dazu fehlten ihr ganz einfach die Fallbeispiele. Und die wenigen die sie hatte, lagen einfach zu lange zurück. In der Schule hatte er sie oft belauscht oder schien sie belauscht zu haben. Ob das heute noch der Fall war, war schwer zu sagen. Er ließ sich von ihrer schroffen Frage nicht beeindrucken und trat an ihren Tisch heran. Dort angekommen zog er ein kleines klares Fläschchen aus seiner Westentasche und stellte es auf ihrem Schreibtisch ab. Dann ließ er sich langsam auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch fallen. „Ich habe noch einmal nachgedacht", erklärte er, ganz offensichtlich ohne auf eine Antwort zu warten. Einen kurzen Moment hielt er inne, um sich umzusehen. Er sah ebenso wenig interessiert wie begeistert aus, als er einige der Muggelsachen entdeckte, die sie hier gesammelt hatte. Nichts Außergewöhnliches. Dinge wie ein kaputtes Handy aus den Anfangszeiten, einen Toaster, ein paar alte Spielzeugautos und eine dieser grauen Maltafeln für Kinder, bei denen man mit den Fingern über die Oberfläche fahren konnte und Etwas erschien, das man wiederum wieder fortwischen konnte. Auch dieses Stück war jedoch defekt. Nur noch die Hälfte des Bildes, ein äußerst hässlicher Hund, das eindeutig ein Kind gemalt hatte, war zu sehen.
Malfoy schien die kleinen Schätze abschätzig zu betrachten, bevor er sie wieder ansah. Mione runzelte die Stirn, sagte jedoch nichts. „Du sagtest, du hattest die Reste deines vorherigen Trankes schon eine Weile – und das von Treva", er räusperte sich kurz, „es ist nur eine Vermutung. Allerdings könnte es sein, dass es sich dabei um eine leicht modifizierte Version des Trankes gehandelt hat." Er deutete nickend auf das Fläschchen, das sich zwischen ihnen auf dem Tisch befand.
„Was heißt modifiziert?", fragte sie skeptisch.
Er seufzte leise und nickte schwach. „Vor einigen Monaten fehlte mir eine Zutat, die man zum Brauen des eigentlichen Traumfänger-Trankes braucht. Allerdings gibt es da eine sehr ähnliche Substanz, die man ebenfalls verwenden kann. Der Trank fällt hier eigentlich nur etwas schwächer, wenn nicht sogar sanfter aus. Ich bin nicht ganz sicher, aber das könnte des Rätsels Lösung sein, warum du dennoch geträumt hast. Auch wenn das eigentlich nicht sein sollte."
Sie schnappte wütend nach Luft. „Und diese Weisheit stammt woher, auf welche Substanzen du im Zweifelsfall verzichten oder auch ausweichen kannst?"
Er sah sie fest an. „Wissen, Granger. Ich bin nicht hier und in dieser Position, weil ich so charmant und gutaussehend bin."
Einen Moment starrte sie ihn einfach nur fassungslos an und fragte sich, ob er nun scherzte oder ob er tatsächlich so arrogant und eingebildet war, wie es gerade klang. „Das heißt aber noch lange nicht, das du selbst ein paar Tränke erfinden und dann auch noch munter unter Leute bringen kannst", zischte sie schließlich.
„Das ist mir bewusst, Granger. Normalerweise verwendet auch nur meine Mutter diese Version. Sie ist allergisch auf die eigentliche Rezeptur. Das mit Treva war eine Ausnahme. Ein Einzelfall", er lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, „ich habe ihn darüber informiert, dass es sich nicht um die eigentliche Rezeptur handelt. Ihm war es, wie den meisten Tränkejunkies, egal. Dass er seine Junkiefreunde nicht ebenfalls informiert, wenn er sie eindeckt, ist nicht mein Fehler."
Sie verspannte sich vor Wut. „Ich bin kein Tränkejunkie", zischte sie leise.
Er grinste sie wissend und überheblich an. „Wie oft nimmst du ihn, Granger? Wie oft kannst du tatsächlich verzichten, wenn du es willst?"
„Ich komme Wochen ohne den Trank aus, wenn ich es will", sagte sie fest.
Malfoy nickte. „Wie sieht es mit Monaten oder Jahren aus?"
Mione zog ihre Lippen schmal. „Natürlich", sagte sie dann.
„Natürlich", imitierte er sie mit zuckenden Mundwinkeln und beugte sich vor, „nun ja, Granger. Ich will nichts versprechen, aber das hier ist eventuell das, was du suchst. Finde es heraus und lass es mich wissen. Meine Mutter klagt beispielsweise nicht darüber, dass sie weiterhin träumt, wenn sie diesen Trank nimmt."
Sie lehnte sich zurück, starrte die Flüssigkeit im Inneren der klaren Flasche einen Moment einfach nur an. „Welche Nebenwirkungen könnte es noch geben?", fragte sie schließlich, „dass du meine Träume beeinflusst?", spie sie schließlich den Gedanken hervor, der ihr plötzlich durch den Kopf schoss.
Malfoy runzelte die Stirn. Schließlich begann er heiser zu lachen. „Etwa dadurch, dass die geheime Zutat ein Teil von mir ist? Ein Haar oder eine Träne? Granger, ich hätte dich für etwas gewitzter gehalten. Natürlich ist es mir nicht möglich deine Träume zu beeinflussen, nur weil ich einen simplen Schlaftrank braue, der anstatt Venezuela etwas Perlengras enthält. Um ein Bewusstsein zu manipulieren bedarf es weitaus mehr, als einen kleinen Tropfen Trank."
Ein schwaches Nicken. „Ich weiß", gab sie leise zurück. Natürlich wusste sie das. Und hätte sie eine Sekunde darüber nachdenken können, hätte sie diese lächerliche Frage ganz sicher nicht gestellt. Es war ihr aber einfach herausgerutscht, nachdem es ihr durch den Kopf geschossen war. Es musste also eine andere Lösung geben. Dieser Trank war, wenn er richtig lag, nur das Mittel zum Zweck. Das Mittel, um es herauszufinden. Sie lehnte sich vor, umfasste die Flasche und zog sie langsam an sich. „Perlengras ist kein Mittel der schwarzen Tränkekunde", sagte sie leise, eigentlich mehr zu sich selbst, doch natürlich entging es ihm nicht.
Malfoy nickte. „Ich weiß. Jedoch heißt das nicht, dass die anderen Zutaten ebenso sanft sind wie diese. Bring dich bitte nicht damit um. Oder um den Verstand", zischte er abfällig. Mione funkelte ihn herausfordernd an. „Oder mache es so, dass es nicht auf mich zurückfällt", fuhr er fort, schenkte ihr ein gehässiges, breites Grinsen und richtete sich wieder auf. „Bis dahin wünsche ich dir schöne Träume."
„Warte", sagte sie, „was bekommst du dafür?"
„Nichts", sagte er, „sag mir einfach ob es tatsächlich daran lag oder nicht. Ich wüsste sehr gerne, welche Wirkungen meine Eigenrezepturen entfalten und welche nicht." Wieder begann er zu grinsen. „Ein weiteres Testobjekt ist mir immer willkommen."
„Sehr witzig", entgegnete sie, „aber da ich weiß, dass du deine Mutter sicherlich nicht wissentlich umbringen würdest, werde ich es ausprobieren."
Er lachte. „Das weißt du?", fragte er feixend, „was, wenn du dich irrst?"
Nun war es an ihr, ihre Augenbraue hochzuziehen. Plötzlich fehlten ihr die Worte. Sie wusste nicht, was sie dazu sagen wollte. Natürlich hatte sie von den angeblichen Differenzen gehört, die es zwischen Malfoy und seinen Eltern geben sollte. Gerüchten nach hatte er sich bereits mehr als einmal geweigert eine schöne und namhafte Reinblüterin zu heiraten, die den Namen seiner Familie endgültig reinwaschen konnte. Jedoch war das Gespräch hiermit endgültig beendet. Denn er wandte sich ab und verließ ihr Büro. Ließ sie mit dem kleinen Fläschchen zurück, das sie plötzlich verlockender anzulachen schien, als alle Bücher dieser Welt.
Ein Kribbeln fuhr durch ihren Körper, als sie an später dachte. Oh ja, sie würde es gleich heute Abend ausprobieren. Würde sich genug Zeit einräumen, um ausgiebig mit sich selbst – wahrscheinlich in Form von diesem elenden, blonden Schnösel – zu sprechen. Und zur Krönung des Abends würde sie Malfoy zur Begrüßung eine schallende Ohrfeige verpassen ... dem in ihren Träumen versteht sich.
Es dauerte eine Weile, bis sie am Abend die Zeit fand endlich an Schlaf denken zu können. Erst hatten sie Charlotte und dann ihre Mutter angerufen. Im Anschluss war ein Brief vom Ministerium gekommen, dessen Inhalt sie wenigstens teilweise noch hatte nachgehen müssen. Also hatte sie ihre Pläne ein wenig verändert und hatte sich entschlossen, es dieses Mal tatsächlich direkt mit dem Schlafengehen zu verbinden. Außerdem hatte sie so auch etwas mehr Zeit und musste nicht wieder den Wecker stellen, um nicht den ganzen Nachmittag und frühen Abend zu verschlafen. Sie legte sich also um kurz nach elf ins Bett, sah jedoch davon ab noch etwas zu lesen und nahm sofort den kleinen Tropfen von Malfoys viel versprechendem Geheimrezept ein. Es war allerdings ein merkwürdiges Gefühl zu wissen, dass sie dieses Mal Etwas aus seiner ganz eigenen individuellen Tränkefeder zu sich nahm. Dass es wahrscheinlich nicht das erste Mal war, wollte sie nicht wirklich beruhigen. Allerdings verdrängte sie das ungute Gefühl und versuchte sich zu entspannen, als sie das kleine Tröpfchen wie immer auf ihre Zunge träufelte. Schmeckte es wirklich anders als sonst, oder bildete sie sich das nur ein?
Sie war sich nicht sicher... doch das spielte auch keine Rolle mehr, denn sie driftete viel zu schnell in den Nebel ab.
Dieses Mal kam sie recht schnell wieder zu sich. Es beruhigte sie aber nur einige Sekunden lang und machte sie auch nur so lange ein wenig euphorisch, bis sie spürte, dass sie nackt an einem ebenso nackten Körper lehnte. Einen Moment war sie wie erstarrt. Die Dunkelheit im Zimmer verwehrte ihr einen klaren Blick auf das Geschehen. Aber das Bisschen was sie von diesem Raum sah und was sie neben sich auf und unter ihrer nackten Haut spürte, ließ sie nichts Gutes ahnen. Mione räusperte sich, rutsche sofort, als sie es konnte, so weit wie nur irgendwie möglich von der nackten Form neben ihr. Als sie genügend Abstand zwischen sich und den Schlafenden gebracht hatte, zog sie die Decke an sich und streckte die Hand nach ihm aus. „Malfoy", raunte sie leise und schüttelte ihn.
Eine Sekunde schoss ihr durch den Kopf, dass es ziemlich peinlich enden würde, wenn jetzt doch Ronald neben ihr lag. Doch dieser Gedanke verflüchtigte sich, als sich der Schlafende regte und leise „bitte nicht schon wieder", von sich gab.
Auch wenn sie ihn nicht sehen konnte verriet der Klang seiner Stimme ihr alles, was sie wissen musste. Fast überkam sie etwas wie Erleichterung, obwohl sie eigentlich wusste, dass sie träumen musste. Selbst wenn dieser Mann also doch plötzlich Ron gewesen wäre, hätte es wahrscheinlich keine große Rolle gespielt. Malfoy richtete sich in der Dunkelheit hörbar und schemenhaft sichtbar auf und machte sich anscheinend daran, das Licht einzuschalten. „Nein", sagte sie und er hielt tatsächlich inne.
„Was?", fragte er.
„Lass uns erst einmal Etwas überziehen", sagte sie und fügte leise, „warum müssen wir eigentlich ständig nackt sein?" hinzu.
Er lachte, doch es klang wenig belustigt. Schließlich schien er sich neben das Bett zu lehnen und schmiss ihr einige Sekunden etwas auf den Schoß, das sich wie ein Hemdchen anfühlte. Sie zog es sich hektisch über und stellte erleichtert fest, dass es sich um eine Art Nachthemd handeln musste. Es reichte ihr bis über den Po und endete nur knapp unter ihren Oberschenkeln. Es raschelte und seinem Schatten nach zog er sich ebenfalls Etwas über. Dann schaltete er das Licht ein und sah sie herausfordernd an. Mione zog sich die Decke trotzdem noch etwas höher. Sah Etwas, das wie ein Höschen aussah, auf seinem Nachtschrank liegen „I-ist, ist das da meins?", fragte sie und ärgerte sich einige Sekunden später über sich selbst. Natürlich war das da ihres. Und selbst wenn nicht spielte es keine Rolle. Das hier war immerhin nur ein Traum. Ein äußerst absurder, wie sich wieder einmal herausstellte. Doch glücklicherweise verstand der Blonde in ihrem Traum sie, anders als das nervenaufreibende Original, auch ohne große Worte. Er griff nach links und reichte ihr den Stofffetzen schließlich. Mione begutachtete ihn skeptisch. Ein hauchzarter Spitzenstring. Was genau wollte ihr Unterbewusstsein damit bitte sagen?
Mürrisch zog sie sich das hauchzarte Teil über und kletterte dann langsam aus dem Bett. Als sie neben diesem stand zog sie sich das Hemdchen so weit es ging über den Po und über die Schenkel. Ein Blick in den Spiegel zeigte ihr allerdings, dass es nicht besonders viel brachte. Der Stoff war nicht nur hauchdünn, sondern auch noch grau und nahezu komplett durchsichtig. Er gab weitaus mehr preis als es verbarg. Sie war praktisch nackt. Das einzige, was halbwegs etwas verbarg war das hauchdünne kleine schwarze Dreieck des Strings, der ihre Scham bedeckte. „Merlin", fluchte sie und zupfte unbehaglich am Stoff herum. Noch während sie sich selbst skeptisch musterte, stand Malfoy nur in viel zu engen grauen Shorts neben ihr und reichte ihr den grauen Morgenmantel, den sie bereits vom ersten Traum kannte. Sie lachte heiser, nahm diesen aber an sich und zog ihn erleichtert und schnell über. Malfoy beobachtete sie dabei mit skeptischer Miene. Dass er dabei praktisch halb nackt war irritierte sie plötzlich noch mehr als die Tatsache, dass sie gerade eben noch praktisch nackt gewesen war. Sie schloss die Augen, sagte sich selbst, dass er jetzt gleich etwas Vernünftiges anhaben würde, wenn sie die Augen wieder öffnen würde ... als es nicht funktionierte, versuchte sie es erneut. und noch einmal.
„Was zur Hölle tust du da?", fragte er schneidend, als sie nach dem dritten Versuch wieder ihre Augen öffnete.
„Ich will, dass du dir etwas Anständiges anziehst", sagte sie.
„Oh ja. Entschuldige bitte, dass ich das deiner lächerlich verkniffenen Miene nicht entnehmen konnte", zischte er und ging rüber zum Schrank, aus dem er eine graue Stoffhose und ein weißes Unterhemd fischte.
Sie nickte ihm zufrieden zu, als er wenigstens halbwegs anständig gekleidet wieder vor ihr stand. Halbwegs, denn dass sie immer noch seine nackten Arme sah und dass sich seine Brust viel zu gut durch den Stoff des Hemdes abzeichnete, gefiel ihr nach wie vor nicht. Warum zur Hölle malte sie ihn sich um Gotteswillen bloß so genau und deutlich aus? Sie beschloss, dass sie sich darüber jetzt keine genaueren Gedanken machen würde. „Könntest du ... auch jemand anderes werden, wenn ich es will?", fragte sie.
Er zog seine Stirn kraus. „Natürlich. Wer soll es denn sein?" Etwas in seinem Tonfall erinnerte sie so bedenklich stark an den echten Malfoy, dass ihr eine Sekunde ganz anders wurde.
Doch sie bewahrte die Fassung. Zuckte schließlich schwach mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Wie wäre es mit Ron?"
Er schwieg. Starrte sie eine Sekunde lang einfach nur fassungslos an. „Wer ist Ron?"
„Mein Freund", sagte sie.
Er lachte, doch plötzlich klang es mehr als nur bitter. Seine Augen funkelten. Er schien eindeutig wütend zu sein. „Dein Freund", zischte er und wich zurück, „jemand mit dem du schläfst?"
Mione schluckte. „Natürlich. Er ist immerhin mein Freund. Bereits seit Jahren."
„Ich bin dein Freund", zischte er und trat einen bedrohlichen Schritt auf sie zu, „bereits seit Jahren. Wenn das also witzig sein soll, dann sage ich dir, das ist es nicht. Und das werden wir eindeutig noch einmal bereden, wenn du wieder normal bist."
Sie lachte und ihr Lachen hatte etwas unglaublich Hysterisches. „Tatsächlich? Seit der Schulzeit, nicht? Etwa seit dem ersten Schuljahr, in dem wir uns wie Romeo und Julia kennen und lieben gelernt haben? Im zweiten, als du mich als Schlammblut bezeichnet hast? Oder doch im-" Eigentlich wollte sie noch eine Weile so fortfahren, doch er machte ihr einen Strich durch die Rechnung, indem er sich abwandte und aus dem Zimmer stürmte. Mione folgte ihm. „Warte", rief sie.
Und er tat es – und zwar so plötzlich, dass sie von hinten in ihn hinein rannte. „Dieser Ron", fragte er schneidend und drehte sich zu ihr um, „der ist also so viel besser als ich, weil er-" Er stockte und sah sie fragend an. In seinen grauen Augen lag tatsächlich etwas Verletztes.
„Er ist mein Freund", sagte sie, „das war er schon vor dem Krieg. Du und ich-", sie stockte, fragte sich wie genau sie diese Diskussion genau beginnen oder auch beenden konnte. „Wir wissen doch wie lächerlich der Gedanke ist, dass ich ausgerechnet mit Malfoy-" Sie sah ihn eindringlich an.
In seiner Miene änderten sich binnen weniger Sekunden eintausend Züge. „Warum sprichst du in der dritten Person von mir?", fragte er und sie wich irritiert zurück.
„Weil du natürlich nicht echt bist. Das ist ein Traum und du bist ein Produkt meiner Fantasie."
Er schwieg, sah sie einfach nur an. Jedoch verschränkte er seine Arme vor seiner Brust. "Ach ja, da war ja was", flüsterte er schließlich, jedoch anscheinend eher zu sich selbst. Sein Blick ging zu Boden und er leckte sich langsam über die Lippen.
„Auch wenn ich nicht verstehe, warum ich mir das alles ausgerechnet mit dir vorstelle", sagte sie und implizierte absichtlich, dass sie tatsächlich mit Malfoy und nicht mit sich selbst sprach, „immerhin konnten wir uns niemals wirklich leiden. Vor, während und auch nach dem Krieg nicht."
„Welcher Krieg verdammt?", fragte er und rollte sichtlich genervt mit den Augen.
Mione zog irritiert eine Augenbraue hoch. „Der Krieg gegen Voldemort", sagte sie fassungslos.
Malfoy sah sie fragend an. Schien einen Moment tatsächlich überlegen zu müssen. Dann schüttelte er langsam den Kopf. „Voldemort? Krieg. Das sagt mir nichts. Hast du-"
Dieses Mal fiel sie ihm ins Wort. „Der Krieg gegen Voldemort", sagte sie, „dieser Mann hat beinahe deine ganze Familie zerstört. Sie haben mich, Harry und Ron gefangen genommen. Deine Tante hat mich gefangengenommen und gefoltert", sie hob hektisch ihren Arm. Den, in den Lestrange damals das Wort Schlammblut geritzt hatte … irritiert ließ sie ihren Arm wieder sinken. Blickte Malfoy mit klopfendem Herzen an. „E-es ist weg."
Er umfasste ihre Hand, woraufhin sie tausend Blitze zu durchfuhren schienen. „Da war nie Etwas", sagte er und berührte die makellose Haut ihres Unterarms.
Sie entzog ihm ihren Arm, wich zurück. „Warum erinnerst du dich nicht?", fragte sie atemlos, „ist es das? Die Verdrängung?"
Malfoy, der den sich ihr Unterbewusstsein zusammengesponnen hatte, schüttelte den Kopf. „Weil es diesen Krieg niemals gab, Mione. Und diesen Mann. Diesen Vol-" Er sah sie fragend an.
„Voldemort", sagte sie, „dein Vater war einer seiner Leute. Er hat bei euch im Manor gelebt, als ich Harry und Ron die Horcruxe gesucht und zerstört haben."
Malfoy seufzte, packte sie am Arm und zog sie langsam mit sich ins Wohnzimmer. Dort angekommen drängte er sie sanft aber bestimmt aufs Sofa. „Es lebt seit Jahren niemand mehr im Manor. Mein Vater ist schon lange tot. Und diese Leute gibt es nicht", sagte er, als sie ihn von unten herab ansah. "Ich bin bei meinem Onkel aufgewachsen. Armand Malfoy, erinnerst du dich? Schwarzes Haar und stechend blaue Augen. Ein Muggelfreund. Absolut untypisch für meine Familie und eigentlich seit Jahren ausgestoßen."
Sie schüttelte verzweifelt den Kopf. Verdrängte diesen Unsinn, den er da von sich und seiner Familie faselte. „Tom Riddle? Harry Potter und Ronald Weasley?", flüsterte sie stattdessen.
Malfoy begann schwach den Kopf zu schütteln, nickte dann aber sichtlich irritiert. „Dieser geheimnisvolle Ron ist also Ronald Weasley?"
Mione atmete erleichtert aus. „Ja", sagte sie und spürte, wie ihr ein tonnenschwerer Stein vom Herzen fiel.
„Richtig … und du glaubst, du wärst mit ihm zusammen?" Sie nickte und das tat er ebenfalls. Und das wiederum irritierte sie. „Ich hole dir einen Tee und dann werde ich Lily eine Eule schicken", wisperte er und schien sich auf den Weg in die Küche zu machen.
„Lily? Lily Potter?", fragte sie hoffnungsvoll.
Er sah sie an. „Lily Snape, Mione. Wer auch immer diese Lily Potter sein soll, ich kenne sie ebenso wenig, wie diesen Harry Potter, vom dem du immer wieder sprichst."
Ein hysterisches Lachen entwischte ihr. „Lily Snape? Snape lebt?" Doch Malfoys Antwort wurde vom Sog geschluckt, in den es sie wieder zog.
Ihr Atem ging hektisch und ihr Herz raste immer noch, als sie wieder in ihrem Bett zu sich kam. Lautes Stimmengewirr und noch lautere Musik erfüllte das Zimmer – beides kam von der Straße, auf der sich offensichtlich wieder einmal ein paar Jugendliche in ihren Autos versammelt hatten. Mione richtete sich auf, noch bevor sie das Fenster jedoch erreicht hatte um nachzusehen, ob es der Nachbarjunge aus dem Nebenhaus war, hörte sie auch schon eine andere Nachbarin in die Nacht hinein schreien. „Rory Sanders, nimm dein nutzloses Pack und verschwinde, bevor ich die Polizei rufe", brüllte die Alte, bei der es sich eindeutig um die Hexe (als reines Schimpfwort gesehen) handelte, die in der gegenüberliegenden Wohnung unter ihr lebte. Und es handelte sich eindeutig auch um Sanders, den halbstarken Sohn der Nachbarn, der es immer schon nötig gehabt hatte junge Mädchen und Frauen mit viel Getöse zu beeindrucken. Hermione trat vor und verschloss das Fenster. Dann wandte sie sich um und betrachtete das Zimmer durch das spärliche Licht, das durch die Straßenlaterne in dieses fiel. "Verdammt", fluchte sie leise und stützte sich auf der Fensterbank ab. Starrte einen Moment hinaus in die Dunkelheit. Ein Teil von ihr wollte sofort zurück in diesen Traum. Der Teil, der ihr vor Argwohn und Neugierde keine Ruhe lassen wollte. Ein anderer Teil wollte gerade aber einfach nur seine Ruhe haben – egal was das alles auch bedeuten mochte. Unterstützt von ihrem rasenden Herzen, ließ sie von dieser wahnwitzigen Idee also ab und ging in die Küche, um sich einen Tee aufzukochen. Dabei musste sie wieder an Malfoy denken. Dem aus ihrem Traum versteht sich, der anscheinend ebenfalls bereits auf dem Weg in die Küche gewesen war, um ihr eine Tasse Tee zu bringen. Was natürlich einfach nur daran lag, dass sie selbst unterbewusst gewusst hatte, dass sie dringend etwas zur Beruhigung brauchte.
Während sie wartete, dass das Wasser endlich kochte, blickte sie auf die Uhr. Es war jetzt knapp halb zwei. Sie seufzte und raufte sich kurz die Haare. Ging zur Kommode im Flur, an dem ihre Handtasche hing und zog ihr Handy aus dieser. Schnell hatte sie Charlotte ein paar Worte geschrieben: Noch wach? Wenige Sekunden später klingelte ihr Handy. „Was ist los?", meldete sich Charlottes schläfrige Stimme am anderen Ende der Leitung.
„Entschuldige", sagte Mione leise, „ich hatte gehofft, du bist vielleicht noch wach."
„Humbug", antwortete die andere Frau, „du weißt, dass du immer anrufen kannst, wenn es brennt. Was ist also los?"
„Diese Träume", begann sie leise und ihre Freundinn bestätigte mit einem „Ja", dass sie zuhörte und wartete. Also begann sie zu erzählen: „Ich hatte sie in den letzten Tagen erneut. Mehr als einmal. Und sie werden immer verworrener. Heute habe ich mit diesem Mann gesprochen, der ja eindeutig nichts weiter als ein Gespinst meines Unterbewusstseins ist. Und er sprach von einer Frau namens Lily Snape und davon, dass es Harry und Tom Riddle nie gegeben hat – und auch diesen Krieg nicht." Mione schwieg kurz und Charlotte sog am anderen Ende scharf die Luft ein. „Was will mein Unterbewusstsein mir damit bloß sagen?", fragte Hermione schließlich leise.
Charlotte schien kurz zu überlegen. „Dass ein Teil von dir sich wünscht, dass dieser Krieg niemals stattgefunden hätte vielleicht? Das läge doch nah. Das geht sicherlich den meisten Magiern so."
Mione nickte und antwortete dann: „Das mag sein. Aber warum bin ich dann nicht mit Ron, sondern mit einem anderen Mann zusammen? Und warum gibt es Harry anscheinend nicht? Oder auch: Warum scheine ich ihn nicht zu kennen?"
Charlotte machte einen Laut der deutlich machte, dass sie angestrengt überlegte. „Gut, das kann ich dir nicht sagen. Solltest du das nicht vielleicht mit Shaklebee besprechen?" Shaklebee war wohl das, was man am besten ihren Seelenklempner nennen konnte. Allerdings hielt sie es für keine gute Idee, diese Träume mit ihm auszudiskutieren. Sie wusste nicht wirklich warum das so war. „Das ist eigentlich nicht alles. Hinzu kommt, dass diese Träume nur in Verbindung mit dem Trank aufzutreten scheinen", sie ersparte es sich zu sagen, dass es zudem nur mit Malfoys Spezialtrank passierte. Einem Trank, den er gemischt hatte und der ihn plötzlich zum Hauptdarsteller ihrer Träume machte. Sie schluckte, „meinst du es wäre jemandem möglich, meine Träume zu kontrollieren. Nur durch einen Trank?"
„Mir wäre nur ein Zauber bekannt. Oder eben Tränke, die Träume unterdrücken oder ihre Art bestimmen. Etwa dieser Trank aus Norwegen, der Alpträume begünstigt. Jedoch ist das nicht mein Fachgebiet. Könnte dir Harry da nicht vielleicht besser weiterhelfen? Sein Fachgebiet ist immerhin die Verteidigung gegen die dunklen Künste."
Hermione nickte. „Da hast du recht. Vielleicht sollte ich ihn um Rat bitten."
„Solltest du. Und soll ich versuchen Rooney um ein Gespräch zu bitten? Er kennt sich mit Träumen und deren Deutung wirklich gut aus", sagte Charlotte.
„Ja, bitte tu das", gab sie zurück. Das war vielleicht wirklich keine schlechte Idee. Sie sollte sowohl mit Harry als auch mit Rooney sprechen – möglichst bevor sie sich erneut in einen dieser merkwürdigen Träume begab.
Vorschau:
„Ja", sagte sie und richtete sich angespannt etwas auf, „das ging mir ebenfalls durch den Kopf. Könnte es sein, dass jemand versucht mit mir Kontakt aufzunehmen? Jemand, aus dem Jenseits?"
Rooney sah sie an, ließ kurz von dem Buch ab, das er in seinen Händen hielt. „Das wäre eine sehr unwahrscheinliche Option." Mione runzelte die Stirn und ließ sich in ihrem Sessel zurückfallen. Der Alte blätterte in zwei weiteren Büchern. Lächelte schließlich zufrieden und kam mit einem dicken Wälzer, dessen blauer Einband bereits so zerschlissen und mitgenommen aussah, das ihn eindeutig nur noch ein Zauber zusammenhielt. Er überreichte ihn ihr und sie nahm ihn ehrfürchtig an sich. „Ändern Sie Ihren Blickwinkel, Hermione", sagte er und eine Sekunde irritierte es sie, dass er sie einfach beim Vornamen nannte. Dann quittierte sie es allerdings mit einem Lächeln und warf einen genaueren Blick auf das Buch.
Huhu, ihr Lieben. Erst einmal möchte ich euch allen an dieser Stelle wundervolle Feiertage wünschen. Genießt die besinnliche Zeit mit euren Lieben. :)
Ich freue mich, das sich tatsächlich einige hierher verirrt zu haben scheinen. :) Es ist lange her, aber wie ihr seht, geht es stetig weiter – und die Lage spitzt sich etwas zu. Und, hat schon wer eine Ahnung, wo es hingehen könnte? Ich finde es ja immer spannend zu hören, wie dicht ihr meiner Grundidee auf den Fersen seid. Hehe Ich bin aber natürlich auch stets für Fragen und Kritik offen. Immer her und raus damit. *kekseverteil*
An dieser Stelle natürlich auch danke für die Faves, Empfehlungen und danke an Minchen, Awi, Anna und Dramionelover99 für die lieben Reviews. Ihr rockt.
