Die Sonne war im Begriff unterzugehen, der Tag neigte sich seinem Ende. Das Licht wurde immer schwächer im Krankenflügel, doch Harry zeigte keine Anstalten aufzustehen. Seit mehreren Minuten, oder waren es Stunden, saß er hier am Krankenbett und starrte vor sich hin. Gedankenverloren strich er über den ledernen Einband von dem Buch, was er von der Tribüne geholt hatte.
Alles war anders, alles Komplizierter als Harry es sich je erträumt hatte. Vor einigen Monaten war bloß das Überleben, das Siegen gegen Voldemort wichtig, sodass er keine Vorstellung von einem Leben danach hatte. Statt eines immerwährenden Happy Ends, regierte völliges Chaos sein Leben.
Nicht nur Hermione, seine beste Freundin, hatte ein gut gehütetes Geheimnis gehabt, sondern Ron auch. Weder mit dem einen, noch mit dem anderen konnte er darüber reden. Dazu kamen seine eigenen verwirrenden Gefühle. Harry sah zur Bettkante, wo er ihre Hand in seiner hielt. Seine Beziehung zu Hermione veränderte sich rapide und er wusste nicht in welche Richtung.
Hier im dämmernden Krankenflügel hatte Harry genug Ruhe, um über all das nachzudenken. Madame Pomfrey hatte lediglich gemeint, sobald Hermione aufwachte, sie die Krankenstation wieder verlassen dürfte. Ihre Verletzungen waren verheilt, sie musste sich nur von den Strapazen erholen und darauf bestand die Oberschwester. Harry hatte nur genickt, ihm war es recht zu warten, bis Hermione von selbst aufwachte, so hatte er zu mindest Zeit den Schock über Ron zu verarbeiten.
Langsam bewegte sich Hermiones Brustkorb auf und ab. Die Augen waren geschlossen, das Gesicht wieder makellos. Sie wirkte so friedlich auf ihn, er wollte das nicht stören. Seine Gedanken kreisten um Ron, was das mit Pansy eigentlich war? Es kam nur ein Zeitpunkt in Frage, als Ron im Streit aus dem Zelt gerannt war. Etliche Wochen war er alleine in England unterwegs gewesen und hatte ihnen bei seiner Rückkehr nur wenig erzählt. Tatsächlich hatte es Harry damals nicht interessiert, er war nur froh gewesen, dass Ron wieder da war.
Ein Gefühl, das so weit weg war von den Gefühlen, die er heute in Bezug auf seinen besten Freund empfand. Jetzt machte es auch Sinn, warum Ron trotz Harrys Beteuerungen für Hermione, wie für eine Schwester zu empfinden, eifersüchtig blieb. Schließlich hatte er auch Trost in den Armen einer anderen gesucht. Von seiner Warte war es unvorstellbar, dass zwischen Harry und Hermione in all den Wochen nie etwas gewesen war.
Harry lächelte schief. Es hatte einen Moment gegeben, der anders war. Wenig hatte gefehlt, um die Grenze reiner Freundschaft verschwimmen zu lassen.
»Warum sie, warum ausgerechnet Pansy?« Harry griff sich ins Haar, er verstand es nicht.
Sie war von je her unausstehlich gewesen, vielleicht nicht hässlich aber sicherlich niemand wo er, Harry, Trost oder Zuneigung suchen würde. Der bloße Gedanke ließ ihn schaudern. Hermione erwachte langsam und Harry beschloss ihr nichts davon zu sagen, nicht bevor er die ganze Geschichte kannte. Es war egal, ob sie für ihn Gefühle gehabt hatte, als sie sich für Ron entschieden hatte, war es bewusst gewesen. Harry wusste, es würde sie verletzen, wenn sie von Ron und Pansy wüsste, vor allem da es offensichtlich schon länger lief.
Die Lider flatterten und es dauerte nicht lange und erstaunlich wache, klare braune Augen sahen in seine. Eine ungekannte Erleichterung überkam Harry. Der erste Impuls war sie zu Umarmen, sich zu versichern, dass es ihr wieder gut ging. Langsam richtete sich Hermione auf, sah sich im Zimmer um, dann sah sie das Buch, was Harry auf den Nachttisch gelegt hatte. Ihr Gesicht verfinsterte sich für den Bruchteil einer Sekunde, dennoch hatte Harry es mit bekommen.
»Alles wieder gut?« Wie selbstverständlich berührte Harry bei der Frage mit seiner Hand ihre Wange.
Sie zog bei der Berührung die Luft ein und sah ihn einen Moment erschreckt an.
»Hermione?« Zunehmend besorgter wurde Harry.
»Ich bin in Ordnung.« Kam schließlich doch noch eine Antwort, die ihn alles andere als zufriedenstellte.
Sie nahm seine Hand von ihrer Wange und war dabei ganz aufzustehen, als Madam Pomfrey hereinkam.
»Miss Granger, ich sehe, sie sind wieder munter.« Die Oberschwester war guter Laune, Angesicht der zügigen Heilung ihrer Patientin. »Hier sind frische Sachen. Nun, Mr. Potter, wenn sie uns etwas Privatsphäre überlassen würden?«
Schlagartig dachte Harry an die Erinnerungen, die Hermione ihm überlassen hatte. Daran wie sie vor knapp zwei Jahren hier im Krankenflügel gesessen hatte und von Madam Pomfrey untersucht wurde. Vor allem aber, wie er Hermione nackten Oberkörper gesehen hatte und schluckte.
»Ich warte draußen auf dich.«, sagte er hastig und bemerkte, wie schwer es ihm fiel, die Augen von ihr abzuwenden, bevor er ging.
Im Flur vor der Krankenstation atmete er aus, hier war er vorerst sicher. Es war beschämend, aber Gleichzeitig auch erregend, der Vorstellung sie wieder so zu sehen nur dies Mal wäre er im Stande ihre Haut, Körper berühren zu können. Angestrengt lehnte Harry seinen Kopf gegen die kalte Mauer. Es war seine beste Freundin, von der er so dachte.
Natürlich hatte er gewusst, dass sie ein Mädchen, eine junge Frau war und er hatte sie auch als attraktiv empfunden. Trotzdem hatte sie nie erotisierend auf ihn gewirkt. Der Gedanke allein fühlte sich verboten an. Alles hatte mit diesen Erinnerungen angefangen, die ihm ein völlig neues Tor an Möglichkeiten öffnete.
Eine Tür fiel ins Schloss und Harry sah auf. Im Flur wenige Meter von ihm entfernt stand Hermione, sie wirkte unschlüssig. Er konnte es nicht mit Bestimmtheit sagen, aber irgendetwas hatte sich geändert. Die Ereignisse der vergangenen Stunden hatten etwas in ihr ausgelöst. Er konnte förmlich die Rädchen in ihrem Kopf arbeiten sehen.
»Komm, gehen wir!«, sagte sie schließlich.
»Was ist los?« Wollte er von ihr wissen, sie ignorierte ihn, drehte sich um und ging voraus.
Mit eiligen Schritten holte er sie ein, griff nach ihrem Handgelenk.
»Hermione!«
»Nicht hier!«, zischte sie.
Verständnislos sah er sie an, er verstand nicht.
»Erinnerst du dich? Nichts in diesen Gemäuern bleibt unentdeckt.« Sprach sie eindringlich.
Sekunden hielt Harry inne, sie hatte tatsächlich auch daran gedacht. Er bemerkte wie sein Gesicht errötete und ließ sie schlagartig los. Im halbdunklen Flur konnte er nicht ihr Gesicht sehen, doch das Senken des Kopfes und ihr schneller Gang verrieten, sie wusste sehr genau, was er gesehen hatte.
Mit einigem Zögern folgte er ihr. Die Situation war ihm unangenehm, es war keine unbändige Wut in ihm, noch Feuerwhiskey was ihn leichtsinnig werden ließ. Sondern nur sie beide und die erschreckende Aussicht, dass Hermione mit ihm über all das reden wollte, was er nicht erörtern wollte. Zu hinterfragen, warum er sie geküsst hatte, warum er sich so verhielt, war ihm zuwider.
Widerstrebend folgte er ihr, doch statt sie Richtung Gryffindorturm ging, bog sie ab und lief auf die, Harry wohlbekannte, Statue von Boris dem verwirrten zu.
»Seifenblase!«, sagte Hermione und der Zugang zum privilegierten Bad für Vertrauensschüler, Quidditchkapitäne und Schulsprecher öffnete sich.
Nach der Schlacht um Hogwarts und den enormen Beschädigungen einzelner Abschnitte, war dieses Bad erneuert worden. Statt eines kleinen Pools mit etlichen Hähnen, befand sich nun ein großer Pool im Hauptraum. Die Absicht dahinter war klar, da mehrere Schüler das Bad nutzen konnten, bot ein großer Schwimmingpool viel mehr Möglichkeiten. Der kleine Pool war hingegen in einen weiteren, kleineren Raum platziert worden. Die bauliche Veränderung hätte Harry bereits in seinem sechsten Schuljahr, die eine oder andere peinliche Begegnung erspart. Ihm war schleierhaft, was Hermione hier mit ihm wollte. Egal was es war, er hoffte, dass niemand anderes hier war.
Offensichtlich ein Gedanke, den auch Hermione verfolgte. Zielstrebig ging sie die Räume ab und ließ einen verdatterten Harry am Pool zurück. Die Beleuchtung und die Spiegelung des Wassers tauchten den gesamten Raum in ein blaues Licht.
»Los, beweg dich, Parker! Raus hier und nimm deine Freundin gleich mit.« Hörte Harry und schloss seine Augen.
Mehrere hastige Schritte folgten und Harry sah, zu seinem Leidwesen, das es sich tatsächlich um einen Gryffindor Vertrauensschüler handelte. Liam Parker kam mit einem blonden Mädchen im Schlepptau in den Raum gestürzt.
»Was soll das? Ich darf hier sein -« Als der Sechsklässler Harry erblickte, verstummte er und ein wissendes Grinsen zeigte sich auf sein Gesicht.
Bald würde das gesamte Schloss wissen, dass Harry und Hermione hier Zeit verbrachten.
»Solltet ihr nur daran denken, hiervon zu erzählen, seid versichert, ich werde euch büßen lassen.« Drohte Hermione, sie war den beiden auf den Fersen gewesen. »Und jetzt, verschwindet!«
Harry musste sich das Lachen verkneifen, als er sah, wie Liam Parker regelrecht angst bekam. Eilig nahm er die Hand des Mädchens, mit einem letzten entgeisterten Blick zu Harry, verschwanden sie.
»Du kannst wirklich sehr furcht einflössend sein.« Lachte Harry, als die Geheimtür sich geschlossen hatte.
»Ja, das kann ich wohl. Gut, dass du keine Angst vor mir hast.« , schmunzelte sie, während sie zum ihm ging.
»Sollte ich?« Fragend zog er eine Augenbraue hoch.
»Vielleicht!«, entgegnete sie und tat etwas, womit Harry nicht gerechnet hatte.
Sie schubste ihn und er fiel, rücklings in den Pool. Pustend und völlig überrascht tauchte Harry auf. Das Erste was er wahrnahm, war, wie sich seine Kleidung voll mit dem warmen Wasser gesogen hatte, und das ausgelassene Lachen seiner Freundin. Bevor er irgendetwas tun konnte, überraschte Hermione ihn abermals und sprang ihm nach. Sprachlos beobachtete, er wie sie auf ihn zu getaucht kam.
»Du bist verrückt!« Stellte Harry fest, als Hermione wieder auftauchte.
»Du hättest dein Gesicht sehen sollen.« Lachte sie nur.
Sie tastete in ihrer Hosentasche nach etwas, als sie es mühsam hervorgeholt hatte, verdüsterten sich ihre Gesichtszüge. Von seiner Position aus konnte Harry nicht erkennen, was es war.
»Aber wir sind nicht hier, um Spaß zu haben.«
Verblüfft erkannte Harry jetzt, dass Hermione den Deluminator von Ron in der Hand hatte. Kurz nachdem sie ihn benutzt hatte, bündelte sich das gesamte wenige Licht von dem Raum, in einer leuchtenden Kugel. Sie schwebte genau zwischen ihnen. Immer noch strahlte der Raum bläulich, nur war die Lichtquelle, direkt vor ihnen. Mit den nassen Haaren, den nassen Klamotten, die nun eng anliegend waren, wirkte Hermione tatsächlich verboten auf Harry. Ihre Haut erschien blasser durch das Licht. Die Augen und die Haare hingegen sahen fast schwarz aus.
»Schon damals hatte ich mich gewundert, wie es sein konnte.« Ihre Stimme hallte in dem Raum.
»Sag meinen Namen, Harry!« Forderte sie ihn auf.
Er hatte nicht die geringste Idee, was das werden sollte, trotzdem kam er ihrer Aufforderung nach.
»Hermione?«
Nichts passierte. Die Lichtkugel blieb unbeeindruckt zwischen ihnen.
»Nun, dann versuchen wir es eben mit Ron. Wenn du so gut wärst?«
Die Mimik von Harry verdüsterte sich. Hermione wusste, wie schlecht er auf Ron zu sprechen war, weshalb diese Spielchen? Was wollte sie ihm damit beweisen?
»Ron!«, zischte er dann doch.
Nur aus den Erzählungen von Ron kannte er, was nun geschah. Die Kugel berührte kurz Hermione, eine Art Echo war zu hören bevor sie sich auf Harry zu bewegte. An diesem Punkt benutzte Hermione den Deluminator wieder und ließ die Lichter zurückkehren.
»Du bist nicht Ron!«, stellte Harry fest und erntete ein grimmiges Lächeln von Hermione.
»Offensichtlich.«
»Aber - »
»Ein Trick, ein Taschenspielertrick, wenn du so willst. Um das zu erreichen, was man will, braucht es keine bösartige Flüche oder aufwendige Verzauberungen, Harry. Man muss die Menschen nur glauben lassen, was sie auch glauben wollen.«, erklärte sie, »Die einen, wie Gilderoy Lockhart, sind weniger geschickt und die anderen, wie Albus Dumbledore, so sehr, dass man es nicht für möglich hält.«
Harry schluckte, allmählich dämmerte es ihn, was Hermione ihm zeigen wollte.
»Dumbledore hat eine Art magisches Tabu auf Rons Namen gelegt?« Hermione nickte auf seine Schlussfolgerung hin.
»Und es auf den Deluminator fixiert, den er dann Ron vermacht hatte.«
Harry verkürzte den Abstand zu Hermione, nahm völlig fasziniert ihr das Gerät aus der Hand. Das Metall fühlte sich warm an, es hatte ihre Körperwärme gespeichert.
»Aber er konnte unmöglich wissen, was passieren würde?«, sprach er entgeistert, aber konnte an ihrer Mimik ablesen, dass sie anderer Meinung war.
»Er konnte es wissen, zumindest als sehr wahrscheinliche Möglichkeit in betracht ziehen.«, erwiderte sie, nahm einen tiefen Atem, bevor sie weiter sprach. »Wir sind hier nicht wegen des Pools, Harry.«
Ein zauberhaftes Lächeln erschien auf ihren Lippen.
»Nicht? Ich dachte, du wolltest ein Bad nehmen?« Konterte er.
»Nun,« Hermione schmunzelte,«so gerne, wie ich mit dir bade, das ist nicht der Grund. Wir sind hier ungestört, unbeobachtet. In Toiletten noch hier im Bad findest du magische Gemälde.«
Sie hatte völlig recht, die Wände waren zwar kunstvoll bemalt, doch hing kein einziges Gemälde. Harry verstand nicht, warum ihm dies nie zuvor aufgefallen war?
»Das ist auch, wie Professor Dumbledore vorausahnen konnte, dass sich die Wege zwischen dir und Ron trennen. Er war immer bestens informiert und konnte entsprechend handeln und entscheiden.«
»Wie Schachfiguren!«, fasste Harry zusammen.
»Und er war der Spieler in einem Spiel um dein Leben. Ron war genauso, wie du und ich bloß eine Spielfigur in dem ganzen.«
»Du heißt es gut?«, wollte er plötzlich wissen.
Harry hatte besser zu gehört, als es ihr recht sein konnte. Ihr ging es um seine Freundschaft zu Ron und doch stellte er, stattdessen ihre eigene Einstellung in Frage.
»Nein, aber ich verstehe die Gründe und schließlich bist du am Leben.«, erwiderte sie ein wenig verärgert.
Minuten lang starrte er sie daraufhin an, verarbeitete ihre Worte, bevor er den Abstand zu ihr weiter verkürzte.
»Du bist wirklich brillant, Hermione, aber der Preis dafür ist zu hoch.« , sachte strich er ihr über die Wange, »Viel zu hoch.«
»Harry, nicht wenn -«, begann sie, doch waren es seine Lippen, die sie verstummen ließen.
Zärtlich küsste er sie ganz bewusst, nicht spontan oder aus einer Laune heraus. Zurückhaltend erwiderte sie die Berührung. Ganz bewusst nahm er sie wahr und war überwältigt wie es sich anfühlte, wie er das Gefühl vermisst hatte.
Kurz pausierte er, sah ihr ins Gesicht, spürte ihren warmen Atem auf seinem, bevor sich ihre Münder wieder, diesmal, entfesselter trafen. Mit dem linken Arm umschlang er ihre Taille und zog sie nah an sich. Durch die nasse Kleidung spürte Harry, die Wärme ihres Körpers wesentlich intensiver. Seine Sinne waren auf einen unerwarteten Höhenflug.
»Harry!«, wie aus einem Nebel, hörte er Hermiones atemlose Stimme,«Das muss aufhören.«
Nur langsam wich er von ihr und sah sie verständnislos an. Sie senkte den Blick, atmete, als ob sie ihm etwas entsetzlich Einfaches erklären müsse. Erst als sie ihn wieder ansah, erkannte er, dass sie mit sich selbst kämpfte. Ihre Augen glänzten, das Gesicht angespannt.
»Du musst dich nicht verpflichtet fühlen. Nur weil du weißt, wie ich fühle.«, sagte sie leise und ging Richtung der Leiter.
»Hermione!« Harry hielt sie an der Hand zurück.
»Nicht! Mach es mir nicht schwerer als es ist.« Entgeistert lies er ihre Hand darauf los.
