Penelope hatte sich diesen Abend ganz anders vorgestellt, als sich jetzt schnell ihre Jacke zu schnappen und Lilith hinterherzulaufen, die anscheinend wie ein trotziger Teenager davonlaufen wollte.

„Verdammt, wie kann sie mit Gepäck nur so schnell sein."

Penelope sah sich auf der Strasse um, in welche Richtung Lilith gelaufen sein könnte. Sie suchte die nächsten 2 Blocks ab, entschied aber, dass es unwahrscheinlich war, dass sie sich hier in der Gegend herumtrieb. Penelope ging zurück in ihre Wohnung, um zu überlegen, wo Lilith sich am ehesten aufhalten würde. Sie nahm ihr Notebook, um die Leute durchzugehen, mit denen sie auf der Abendschule war, ihr war klar, dass es nicht ganz in Ordnung war, sich das Verzeichnis der Teilnehmer zu beschaffen, aber das war ihr egal, es ging hier um Lilith, und obwohl sie Lilith nicht allzu lange kannte, war sie so etwas wie eine kleine Schwester für sie. Nachdem sie die Liste hatte, machte sie sich daran, diese durchzutelefonieren und zu fragen, wo Lilith sein könnte, doch das brachte auch keinen Erfolg. Nach fast 3 Stunden hatte sie immer noch keine Idee, aber ein furchtbarer verdacht nagte immer mehr an ihr. Sie alle hatten an dem Abend darüber gesprochen, was war, wenn Lilith tatsächlich auf den Straßenstrich zurückgegangen war? Wenn sie keinen anderen Ausweg mehr gewusst hat, als ihr altes Leben wieder aufzunehmen, dass sie sich entschieden hatte, dass alle Bemühungen umsonst gewesen waren. Penelope überlegte erst einen Moment, ob sie Derek oder Spencer anrufen sollte, aber die beiden hatten für heute abend schon genug angerichtet und wenn ihr Verdacht stimmte, wollte sie nicht, dass die beiden Lilith so sahen. Deswegen machte sie sich alleine auf den Weg, sie hoffte inständig, dass Lilith sich noch nicht wieder verkauft hätte. Es brach ihr fast das Herz, als sie die vielen noch zu jungen Mädchen sah, die sich verkauften. Am liebsten wäre sie wieder nach Hause gefahren, hätte sich auf ihr Sofa gekuschelt und versucht, eine Szenerie wie diese wieder zu vergessen, doch das konnte sie nicht. Es reichte schon, wenn so viele andere die Augen davor verschlossen. Penelope parkte Esther und machte sich auf, einige der Mädchen zu fragen, ob sie Lilith gesehen hätten, dich entweder konnte oder wollte keiner ihr trotz einer ausführlichen Beschreibung sagen, wo Lilith sich aufhielt. Penelopes Sorge um Lilith wuchs mit jeder Minute und jeder erfolglosen Auskunft nach ihrem Verbleib, sie überlegte, ob sie die Polizei einschalten sollte, aber wenn die von Liliths Vergangenheit erfahren würde, würde ihr letzter Rest Diensteifer dahingehen. Ehemalige oder noch drogensüchtige Prostituierte verschwanden immer wieder mal, war eine dieser verhassten Standardaussagen, die jeden einzelnen von ihnen auf die Palme brachten, wenn sie einen Fall hatten, in dem es um Prostituierte ging. Penelope hatte keine Ahnung, wie lange sie nach Lilith suchte, aber sie war unglaublich erleichtert, aber auch wütend, als sie diese endlich entdeckte, wie sie gerade in ein fremdes Auto einsteigen wollte. Obwohl ihr die Füße vom langen Herumlaufen wehtaten, lief sie los und packte Lilith am Kragen, um sie am Einsteigen zu hindern.

„Das wirst du nicht tun."

Lilith drehte sich um, und ihr Gesicht wurde eine Maske aus Kälte und Feindseligkeit.

„Lass mich in Ruhe, du hast kein Recht, mir hinterher zu schnüffeln."

„Nein, aber ich kann dich vor einer riesengroßen Dummheit bewahren."

„Es ist immer noch mein Leben, und ich kann tun und lassen, was ich will."

„Und ich lasse nicht zu, dass du es wegwirfst…"

„Verdammt, geh nach Haue, lass mich endlich in Ruhe."

Lilith versuchte, sich von Penelope loszureißen, die sie fast wie ein Schraubstock festhielt.

„Nein, du kommst jetzt mit nach Hause."

„Ich will nicht, und ich werde nicht, was soll dieses ganze Spielchen? Wenn ihr mir den ganzen Abend vorhaltet, dass ich mich wie eine Prostituierte benehme, was ist daran so schlimm, wenn ich wieder eine bin?"

„Das meinst du nicht ernst."

„Hey, Mädchen, was ist denn nun? Ich hab nicht den ganzen Abend Zeit, auf nen Blowjob zu warten."

Penelope schob Lilith an die Seite, ohne aber ihren Arm loszulassen und sah den Typen im Wagen an.

„Ich gebe ihnen einen guten Rat, Sie fahren jetzt ganz schnell nach Hause, schlafen mit Ihrer Frau oder spielen mit sich selbst, und ich sehe davon ab, ihr Autokennzeichen in meine FBI Datenbanken einzugeben und Ihnen den Rest Ihres Lebens zu versauen. Hmm, großer Mitteklassewagen, Kinderspielzeug, ich glaube, es würde schön reichen, wenn Ihre Frau erfährt, dass sie den kleinen Kick zwischendurch hier suchen, nicht wahr?"

Ohne ein weiteres Wort zu sagen, fuhr er weg.

„Was sollte das? Er hat mir 100 Dollar geboten."

„100 Dollar? Für die Aussicht, dass er ein Psychopath hätte sein können, der dich abschlachtet?"

„Das wäre schon nicht passiert, er wirkte nicht so…."

„Kannst du das beurteilen? Haben die nen Schild auf der Stirn?"

„Verdammt, du kannst mir nicht das Geschäft versauen."

„Oh, doch…"

„Nein, ich gehe."

Lilith versuchte erneut, sich aus Penelopes Griff zu lösen, was ihr aber fast unmöglich erschien. Lilith sah Penelope einige Sekunden an, die es nicht kommen sah, dass Lilith ihr schließlich ins Gesicht spuckte, wodurch sie ihren Griff löste. Lilith wollte sich umdrehen und davon laufen, doch Penelope fing sich schnell wieder und zog sie am Kragen ihrer Jacke wieder zu sich, drehte sie zu sich herum und verpasste ihr 2 schallende Ohrfeigen.

„Au, bist du wahnsinnig?"

In dem Moment kamen 2 andere Prostituierte auf sie zu.

„Hey, schlag die Kleine nicht, sonst…"

„Sonst was? Sie sollte nicht hier sein…"

„Guter Witz, das sollte keine von uns."

„Lilith, du kommst mit."

„Nein…"

„Du hast sie gehört, sie will nicht weg."

„Ja, aber da wird sie leider gar keine andere Wahl haben."

„Lass sie los, oder…"

„Oder was? Wollt ihr euch mit dem FBI anlegen?"

Penelope sah das junge Mädchen, das vor ihr stand, lange an.

„Hör zu Kleines, es wird mich keine 10 Minuten kosten, herauszufinden, dass du noch keine 18 bist und dass deine Eltern dich suchen, nachdem du von zu Hause weggelaufen, um mit deinem Freund zusammen zu sein, der sich dann auf den Strich geschickt hat."

Das schien einen empfindlichen Nerv zu treffen, denn sie verzog sich wie ein geprügelter Hund.

„Und du Fräulein, kommst jetzt mit. Und ich gebe dir einen guten Rat, noch mal so etwas wie eben. Wir reißen uns für dich den Arsch auf, und du haust einfach ab und dann auch noch hierhin."

Lilith sagte nichts mehr, sondern funkelte Penelope nur noch böse an. Diese fackelte nicht lange und zog Lilith wie ein kleines trotziges Kind hinter sich her.

„Wo sind deine Sachen?"

Lilith sah stur geradeaus.

„Ich frage dich jetzt nur noch einmal, wo sind deine Sachen?"

„In einem Hotel."

Es kostete Penelope noch einige Minuten, aus Lilith herauszubekommen, in welchem Hotel ihre Sachen waren. Sie ging nicht das Risiko ein, dass sie wieder abhauen würde und schleifte sie mit sich, als sie Liliths Sachen aus ihrem Zimmer holte. Sie schien sich dafür entschieden zu haben, trotzig zu schweigen und sich in ihren Schmollwinkel zurückzuziehen. Als sie wieder in Penelopes Apartment waren, saß Lilith auf ihrem Sofa und sie zog ein Gesicht, als wenn sie die schwerste Strafe der Welt ertragen müsste.

„Wie hast du dir das überhaupt vorgestellt mit deinem Wiedereinstieg ins Berufsleben?"

„Das hast du ja bravourös verhindert."

„War der Typ dein erster Freier oder gab es …?"

Wiederum nur eisiges Schweigen von Lilith.

„Wie wolltest du das überhaupt machen? Früher warst du immer auf Drogen, wenn du mit deinen Freiern mitgegangen bist, wie wäre das für dich gewesen, wo du clean bist, solange du noch clean bist?"

„Was?"

„Hast du wieder Drogen genommen, Lilith? Ganz einfache Frage."

„Nein, spinnst du? Bist du irre?"

Penelope ging auf Lilith zu, hielt sie fest und krempelte die Arme ihres langärmeligen Shirts hoch.

„Was soll das der Unsinn?"

„Sieh mich an, Lilith, hast du wieder Drogen genommen?"

„Nein, ich habe nicht und wenn schon…"

Penelope nahm Liliths Tasche aus dem Augenwinkel wahr und griff danach.

„Nein, lass meine Sachen in Ruhe."

Lilith versuchte, Penelope anzuspringen und sie davon abzuhalten, ihre Tasche zu durchsuchen, doch ohne Erfolg. Die Technikerin setzte sich durch und nahm jedes einzelne Stück aus Liliths Tasche, die sich in die äußerste Ecke des Sofas zurückgezogen hatte. Penelope war mehr als besorgt, als sie eine Flasche Wodka zu Tage förderte.

„Kleines, wo hast du die her?"

Wie schon so oft schwieg Lilith und sagte nichts mehr. Penelope entschloss sich, erst später wieder Fragen zu stellen und suchte weiter in Liliths Tasche. Sie war sehr verwundert, als sie einen Stoffbären aus der Tasche holte, es war ein ziemlich abgeknuddelter Winnie Puh.

„Der Bär gehört doch eigentlich Spencer."

Wie ein kleines trotziges Kind stand Lilith vom Sofa auf, nahm Penelope den Plüschbären ab und setzte sich wieder aufs Sofa, während sie den Bären im Arm hielt. So intensiv sie auch suchte, aber Penelope fand keine weiteren Drogen bei Lilith. Sie räumte alles wieder in die Tasche ein, brachte aber die Flasche Wodka in die Küche und setzte sich dann zu Lilith aufs Sofa.

„Hör zu, der Abend war für dich sicherlich nicht einfach, aber wir alle wollen dir nur helfen. Klar, Spencer ist ziemlich an die Decke gegangen, das hab ich ihm auch am Telefon gesagt, aber er hat es nicht so gemeint und Derek auch nicht, wir machen uns nur Sorgen um dich. Und nach allem, was war, kannst du Spencer nicht ein klein wenig verstehen, dass er wütend geworden ist, weil du dich ihm gegenüber so merkwürdig benommen hast? Wir wollen dir nichts Böses, aber du musst uns vertrauen."

Wenigstens sah Lilith sie nicht mehr wie einen Staatsfeind an.

„Wo ist die Flasche Wodka her?"

„Ich hab sie gekauft, ich dachte, falls ich es nicht schaffe, total nüchtern mit einem der Freier zu schlafen, dass ich dann wenigstens was trinken könnte."

„Oh, Kleines, nicht doch. Das macht es nicht besser. Warum bist du…?"

„Ich hab das Gefühl, dass ich alles falsch mache, ihr wart so wütend auf mich und Spencer, er war…, er hat Dinge gesagt, die so wehgetan haben. Ich habe nicht aus Berechnung mit meinem Betreuer geschlafen und ich habe mich nicht von ihm schwängern lassen."

„Lilith, das weiß Spencer auch, er war wütend und fassungslos. Auch unser Kleiner vergisst sich mal."

„Ich hab das Gefühl, er hasst mich."

„Nein, er macht sich große Sorgen, ich hab ihn ja vorhin angerufen. Ich bin selbst noch wütend auf ihn, weil er sich wie ein Idiot benommen hat, aber er sagt, dass er nicht wütend auf dich ist und dass du jederzeit wieder nach Hause kommen kannst."

„Ich weiß nicht, ich hab mich auf dem Strich nicht wohl gefühlt, aber ich kenne nichts anderes."

„Nur warum bist du dahin zurückgegangen?"

„Ich weiß es nicht, wie gesagt, ich kenne nichts anderes, ich kann einschätzen, wie Leute mich dort behandeln, es war sicheres Terrain für mich."

„Sicheres Terrain? Lilith, weißt du, was du da sagst? Du bist da draußen Freiwild."

„Aber es ist noch nie…"

Penelope holte ihr Notebook und stellte es auf den Wohnzimmertisch, sie schaltete es an, loggte sich in paar Datenbanken ein und nach einer kurzen Zeit erschienen mehrere Fotos auf dem Bildschirm.

„Was ist das?"

„Fotos von ermordeten Prostituierten, und jetzt sag mir noch mal, dass der Strich für dich ein sicheres Terrain ist."

„Ich will das nicht sehen, ich lebe ja schließlich noch."

„Doch, du siehst hin."

Penelope hielt Liliths Kopf fest und zwang sie, auf den Monitor zu sehen.

„Manche dieser Mädchen waren noch keine 18, als man sie getötet hat, einige von ihnen sind von Tätern schlimm verstümmelt worden, andere wurden sehr schnell getötet. Sieh es dir an, wie lange kannst du garantieren, dass dir das nicht passieren wird, dass du nicht eines Tages verblutet und misshandelt in einer Seitenstraße oder in einem Müllcontainer liegst?"

Penelope sah, dass Lilith Tränen in die Augen stiegen.

„Das hätte dir auch passieren können, willst du, dass dein Leben so endet?"

Lilith sprang auf und hastete in Penelopes Badezimmer, die hörte, wie Lilith sich übergab, es tat ihr im selben Moment leid, aber sie hatte sich nicht anders zu helfen gewusst als sie damit so zu konfrontieren, was aus ihr hätte werden können in negativer Hinsicht. Sie ging zu Lilith ins Bad, hockte sich zu ihr herunter, strich beruhigend über ihren Rücken und gab ihr ein Glas Wasser, als sie sich wieder beruhigt hatte.

„Geht's wieder?" fragte sie leise.

Lilith nickte langsam, bevor sie ein paar Schlucke Wasser trank, sie war noch blasser als sonst und ihre Augen tränten.

„Seht ihr das jeden Tag?" fragte sie.

„Nicht jeden Tag, aber es kommt viel zu oft vor, was glaubst du, warum Spencer das alles für dich macht, sich um dich kümmert und weswegen er so wütend geworden ist? Er weiß, was Mädchen und Frauen da draußen passieren kann, euch schützt fast keiner. Und du hast viel zu viel zu geben, als dass du da enden solltest."

„Aber …"

„Nein, sssshhhh, kein aber. Beruhig dich jetzt erst mal. Du bleibst hier, bis du denkst, dass du zu Spencer zurückgehen kannst."

„Aber du hast doch…"

„Hey, ich sitze den ganzen lieben langen Tag in meinem dunklen Büro und spiele Derek Morgans Glücksfee und abends machen wir Weiberkram."

„Weiberkram?"

„Ja, kitschige Videos gucken, uns gegenseitig die Nägel lackieren, Gesichtsmasken auftragen, Eiscreme futtern, kochen und über Derek und Spencer lästern."

„Es tut mir leid, dass ich dich angespuckt habe."

„Und mir tun die Ohrfeigen leid, aber ich musste dich irgendwie zur Räson bringen."

„Ich weiß. Ich war so gekränkt, durch das, was ihr gesagt habt, ihr habt über mich gesprochen, als wenn ich nicht da wäre, und das hat so wehgetan."

„Ich weiß, Kleines, Ich weiß. Das war nicht richtig von uns."

„Aber ihr hattet recht, nur ich weiß nicht, ob ich diesen neuen normalen Weg gehen kann, es ist so schwer."

„Es hat keiner gesagt, dass es einfach ist, aber du bist nicht allein dabei, wir sind für dich da."

„Ich kann das nie wieder…"

„Fang nicht schon wieder an, unter Freunden muss man so etwas nicht gut machen. Na, komm, wir suchen ein schönes Plätzchen für deine Sachen und dann mache ich dir noch was zu essen, okay?"

„Okay."

„Sag mal, dieser Winnie Puh ist doch Spencers Bär."

„Ja, eigentlich schon. Er hat ihn mir mal gegeben, als ich nachts mit Alpträumen aufgewacht bin. Und wenn er wegen nem Fall weg ist, ist das immer ein bisschen so, als wenn er als Mitbewohner auch noch da ist."

„Du hast ihn mitgenommen, obwohl du wütend auf ihn warst?"

„Ja, weil ich mit dem Bären besser einschlafen kann."

„So lange Spencer ihn nicht vermisst…"

„Ich denke, er hat sich schon daran gewöhnt."

Lilith rappelte sich auf und folgte Penelope ins Wohnzimmer, die schon ihre Couch auszog und durchs Wohnzimmer wirbelte.

„Willst du pinkfarbene oder violette Bettwäsche haben?"

„Hmm, also wenn du mich so fragst, lieber violette, ich mag pink nicht so."

„Okay. Setz dich erst mal aufs Bett, ich komme hier schon allein klar."

Lilith sah Penelope dabei zu, wie sie aus ihrer Couch ein bequemes Gästebett für Lilith herrichtete, die Kissen zurecht klopfte und es für sie so gemütlich wie möglich machte. Sie fragte sich, woher sie noch so viel Energie hatte. Anschließend half sie Lilith dabei, ihre Sachen einzuräumen.