Kapitel 7

„Ich verstehe ja, warum Bella und Edward nicht gehen konnten, aber warum wir? Was ist mit Rosalie und Emmet?", fragte Jasper leise und sah seine Geliebte an, die seinen Arm hielt und ihn kurz drückte. „Weil wir eben dieses Mal an der Reihe sind", meinte sie sanft und stellte sich auf ihre Zehenspitzen, um ihm einen Kuss auf die Wange zu drücken. „Ich weiß, du hasst es in diesem Gefühlschaos namens Highschool, aber wir müssen dafür sorgen, dass unsere Informationen verschwinden. Es wird schnell gehen, versprochen. Wir sagen einfach, dass wir die Daten unseres Jahrganges für ein Wiedersehen brauchen und dabei klauen wir unsere Unterlagen einfach." Damit zog Alice ihn schnell weiter, nur um ihre Schritte zu verlangsamen, als sie eine bekannte Stimme hörte. „…und bin dabei auf Dr. Cullen, also Carlisle getroffen. Und wir haben tatsächlich den ganzen Tag gesprochen. Es war so seltsam…" Sofort spitzte sie die Ohren und drückte nochmal Jaspers Arm, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. „Hör mal", flüsterte sie, als sie sich den Fenstern zur Cafeteria näherten. Bald hatte der Blonde verstanden, was sie meinte und er hob eine Augenbraue. Sah so aus, als ob Carlisle nicht der Einzige war, der sich verknallt hatte.

Carlisle sah auf, als Alice geradezu auf ihn zu tänzelte und das breite Lächeln auf ihrem elfenhaften Gesicht ließ ihn unsicher werden, ob sie etwas unglaublich Gutes oder unglaublich Schlechtes im Gepäck hatte. Sie mit einem geduldigen Lächeln betrachtend legte er sein Buch – eines der neuesten Werke über Neurochirurgie, denn sogar Vampire mussten lernen, um auf dem aktuellen Stand zu bleiben – auf die Seite und verschränkte die Hände. Doch bevor er fragen konnte, was sie zu ihm brachte, sang sie praktisch: „Er redet über dich, weißt du?"
Natürlich sprangen seine Gedanken sofort zu Helios, aber so leicht wollte er es ihr nicht machen, versuchte sie doch so offensichtlich, ihn zu ködern. „Wer, meine Liebe?", fragte der Blonde stattdessen lächelnd und legte den Kopf leicht schief. Alice schien alles andere als in ihrer Aufregung gedämpft zu werden, es störte sie auch nicht, dass er nicht sofort darauf ansprang, sondern lachte ihr melodisches Lachen. „Du weißt genau, wen ich meine! Und er hat ziemlich deutlich gemacht, was er von dir hält. War gar nicht so leicht, alles über den Lärm zu verstehen, aber nachdem dein Name gefallen ist musste ich es einfach wissen", flötete sie und ließ sich neben ihn auf die Couch fallen.
Einen Moment lang war er versucht, sich weiterhin uninteressiert zu geben, doch ein letzter Blick auf die kleine Vampirin zeigte ihm, dass es ziemlich unnötig war, noch irgendwas zu leugnen. Mit einem tiefen Seufzen drehte er sich etwas zu ihr um und fragte endlich: „Gut, nachdem du so darauf brennst, es mir zu erzählen… was hat er gesagt?" Das war alles, was sie gebraucht hatte, denn sofort erzählte sie Carlisle haargenau, was der schwarzhaarige Junge gesagt hatte, was alle an dem Tisch gesagt hatten.
Ein Teil von ihm freute sich sogar darüber, dass er Helios so verzaubert hatte und dass dieser ihre Unterhaltung so sehr schätzte, doch der Rest war tiefbetrübt. Natürlich merkte Alice das sofort und runzelte die Stirn. „Was ist los? Ich dachte, das würde dir gefallen. Immerhin bist du mit ihm mitgegangen und warst den ganzen Tag mit ihm zusammen. Noch deutlicher kannst du nicht zeigen, dass du Interesse an ihm hast. Also, ihm schon, aber für uns ist das ziemlich eindeutig."

Ein kleines, gequältes Lächeln erschien auf den Lippen des Blonden und die augenscheinlich junge Frau war sich nicht sicher, ob sie nicht besser ihren Mund gehalten hätte. Dabei war sie so sicher gewesen, aber sie musste ja am besten wissen, dass die Zukunft sich ständig änderte. „Du vergisst einen sehr kritischen Punkt", meinte der Ältere ruhig, „Er ist ein Mensch. Dass wir uns gegenseitig anziehend finden ändert daran nichts. Es war schon mit Bella und Edward riskant genug. Nach der Sache mit Renesmee warten die Volturi doch nur auf einen Grund uns anzugreifen. Und den werde ich ihnen nicht liefern."
Nachdenklich starrte Alice vor sich hin, sie könnte aber auch gerade versuchen, die Zukunft um alle Schwierigkeiten herum zu sehen, so konzentriert wie sie aussah, bevor sie den Kopf schüttelte. „Also… an meinen Visionen hat sich nichts geändert. Und von den Volturi sehe ich keine Spur", sagte sie langsam, bevor sie endgültig wieder im hier und jetzt landete und ihren „Vater" angrinste. „Egal was du denkst, der Kleine wird zumindest hier zu Besuch sein, ob da mehr draus wird ist allerdings noch offen."

Es war so verlockend, sich darauf einzulassen, doch seine Logik schrie ihn an, es nicht zu tun. Seinen inneren Konflikt fühlend legte Alice eine Hand auf die Seine und brachte ihn so dazu, sie wieder anzusehen. „Einen Versuch ist es wert. Genau du solltest doch wissen, dass unser Leben zu lang ist, um etwas zu bereuen. Denn wir bereuen tatsächlich für die Ewigkeit", wisperte sie sanft. „Und nur ein Moment des Glücks ist jedes Risiko wert, machen die Erinnerungen daran unsere Unendlichkeit etwas erträglicher."
Damit stand sie auf, schenkte ihm nochmal ein Lächeln und verließ das Zimmer, einen mehr als nachdenklichen Carlisle zurücklassend. Er musste zugeben, dass sie recht hatte. Nur wusste er nicht ob das Risiko, seine ganze Familie zu gefährden tatsächlich den Moment mit Helios wert war. Und mehr würde es nicht sein, ein kleiner Augenblick in seinem langen Dasein. Selbst wenn sie bis zum Tod des Jungen zusammenblieben, auch wenn dieser noch Jahrzehnte auf sich warten ließ, wäre es im Vergleich zu seinen fast vierhundert Jahren doch nur die Dauer eines Herzschlags. Zwar gab es die Möglichkeit einer Verwandlung, doch er konnte dieses Leben nicht noch jemandem antun. Die meisten von ihnen waren nur unfreiwillig so geworden, auch wenn sie jetzt sehr glücklich waren, vermisste jeder aus der Familie von Zeit zu Zeit ihre Menschlichkeit. Bella war die Ausnahme, doch sie hatte das Glück, ihren Gefährten schon in ihrem menschlichen Leben zu finden und hatte das Geschenk der Entscheidung. Der Junge würde niemals zustimmen, er würde auf keinen Fall seinen Bruder zurücklassen, selbst wenn er Carlisle eines Tages tatsächlich liebte. Für ihn stand Jaime immer an erster Stelle. Und der Vampir würde ihn nie dazu zwingen oder seine Wünsche ignorieren.

Kurz schüttelte er den Kopf. Diese ganzen Überlegungen waren unnötig, denn auch wenn er erst Dreiundzwanzig war als er verwandelt wurde, so sah Helios ihn doch nur als erwachsenen Mann, als verheirateten noch dazu. Es war also gut möglich, dass er sich einfach einen ordentlichen Korb holte, wenn er es versuchte. Ein tiefes Seufzen entkam ihm. Selbst mit seinem übermenschlichen Gehirn wurde ihm das alles langsam zu viel und er beschloss, das Thema erstmal ruhen zu lassen.