Der Abend war rasch gekommen, doch Severus Snape hatte sich nicht von seinem Sofa erhoben.

Er konnte an jenem Abend nicht in den Eberkopf gehen – zu dieser Erkenntnis war er gelangt, als er die möglichen Szenarien überdachte, die sein Aufkreuzen dort anzetteln würde.

Hermine würde entweder gar nicht kommen, weil Potter gelogen oder sie es sich anders überlegt hatte. Snape wäre dann unnötiger Weise um das Gold für ein erbärmliches Abendessen in der widerlichen Spelunke ärmer.

Oder Hermine erschiene tatsächlich. Dann müsste er aller Wahrscheinlichkeit nach ihr Bitten und Betteln erdulden, Serena wieder in die Lehre zu nehmen – denn nur das konnte ja der Grund für das gewünschte Treffen nach all der Zeit sein. Er müsste damit rechnen, dass sie seiner Wunschvorstellung überhaupt nicht mehr entsprach und sich für ihn ausschließlich als Lehrmeister für ihre Tochter interessierte. Und er würde ihrem Wunsch natürlich dennoch nachkommen und Serena wieder aufnehmen, denn seine Gefühle für Hermine waren unverändert.

Im Grunde wollte er es sogar selbst, denn Serena war eine sehr gute Schülerin. Doch müsste er sich dann immer wieder fragen, ob er sich nicht nur wieder hat einspannen lassen.

Es würde nicht leicht werden. Nun da er die Wahrheit kannte, würde er Serena mit anderen Augen sehen. Es würde ihm mit ihr wie mit Potter ergehen: er musste sie hassen, weil sie die Tochter des anderen Mannes war. Nur mit dem Unterschied, dass er bereits begonnen hatte, sie zu schätzen.

Trotzdem würde er sich immer wieder fragen, warum er sich das alles antat. Und war dann weil Hermine es wollte eine befriedigende Antwort? Nein. Er hatte geschworen, sich nicht mehr in den Dienst anderer zu stellen. Er schuldete Hermine nichts – warum sollte er ihr also den Gefallen tun.

Er beschloss stattdessen, es für sich selbst zu tun. Die Abwechslung, die Serena in seinen Alltag gebracht hatte, tat ihm gut und er wäre schließlich derjenige, der etwas gut hatte, weil er unter Berücksichtigung der Umstände allen Grund hatte, sich dagegen zu entscheiden.

Und so ließ er Miss White eine Nachricht zukommen, in der er ihr anbot, sie weiter zu unterrichten, wenn sie bis zum nächsten Abend 7 Uhr zurückkehren würde. Dann ging er erleichtert und ohne den gemalten Dumbledore noch eines Blickes zu würdigen schlafen.

Punkt Neunzehn Uhr am folgenden Tag stand eine äußerst verlegene Serena White vor Snapes Haustür und klopfte an. Schwungvoll öffnete Severus Snape und ließ sie ein. Ihr riesiger Koffer schwebte wie von selbst über die Schwelle. „Miss White, ich möchte Sie zunächst in die Küche bitten für ein kleines Gespräch unter vier Augen.", sagte Snape mit einem seltsamen Blick in Richtung des Portraitgemäldes an seiner Flurwand.

„Natürlich, Sir.", mit einem dumpfen Geräusch viel der schwere Koffer auf den Boden und wirbelte kleine Staubwölkchen auf. Serena nickte Professor Dumbledore im Vorbeigehen zu und Snape schloss hinter ihr sofort die Küchentür.

„Sie können froh sein, dass ich auf Ihr Prüfungsergebnis gespannt war, das ja an meine Adresse gesendet wird, solange Sie sich bei mir in Lehre befinden. Nur deshalb habe ich Sie nicht umgehend beim EDK abgemeldet, was uns die glückliche Möglichkeit eröffnet, die letzte Woche und ihre Vorkommnisse zu vergessen.", Snape ragte vor der zarten Serena auf wie ein schwarzer Wall. Voller Überheblichkeit sah er entlang seiner Hakennase auf sie hinab.

„Vielen Dank, Sir.", sagte Miss White kleinlaut. „Ich möchte mich für meine Unaufrich-"

„Ruhe!", blaffte er da ungeduldig und kam sogleich zu seinem eigentlichen Anliegen. „Ich habe keine Ahnung was und wie viel Ihnen Ihre Mutter über mich erzählt haben mag und bin nicht daran interessiert, es zu erfahren. Ich setze Ihre Ausbildung ungeachtet der Vergangenheit fort unter der Bedingung, dass Sie es ebenso halten."

„Sehr wohl, Meister Snape.", bestätigte die Auszubildende sogleich.

Snape ignorierte es und fuhr fort: „In Absprache mit dem EDK bekommen Sie von nun an die Wochenenden frei. Ich werde versuchen unsere Expeditionen auf Werktage zu verlegen. Es steht Ihnen zur Wahl, wo Sie Ihre arbeitsfreien Tage verbringen. Sollten wir uns während dieser Zeit jedoch ‚zufällig' über den Weg laufen, sein Sie sich gewahr, dass ich dann nicht als Ihr Meister in Erscheinung trete."

Serena machte kugelrunde Augen und nickte verstehend. „Sie sollten wissen, dass ich normalerweise keine zweiten Chancen gewähre. Dass ich es in Ihrem Fall dennoch tue, beruht auf Ihrem viel versprechenden Talent und ist allein meine Entscheidung gewesen. Ihrem übereifrigen Patenonkel brauchen Sie also keineswegs zu danken. Aber: vermasseln Sie es nicht wieder!", Seine Stimme war leise, doch die Warnung darin unüberhörbar. Serena war sich gewahr, welche Kraft es ihren Meister kostete, ausgerechnet sie erneut ins Haus zu holen.

Ihre Mutter hatte ihr Weihnachten die ganze Wahrheit über Severus Snape und die intensive, wenn auch kurze gemeinsame Episode erzählt. Nach allem, was Serena seither erlebt hatte, musste der Mann vor ihr noch starke Gefühle für Hermine haben, auch wenn er angestrengt versuchte eben jene nicht zwischen sich und seine Auszubildende dringen zu lassen. Und genau damit betrat Severus Snape Neuland, denn bisher war es für ihn gang und gäbe gewesen, andere für die ihm widerfahrenen Ungerechtigkeiten leiden zu lassen.

Serena wollte aus zwei Gründen alles tun, um ihn nicht wieder zu enttäuschen. Erstens: um die hart erarbeitete Lehre nicht erneut zu gefährden und Zweitens weil sie so seltsam es erschien diese einsame finstere Seele nicht verletzen wollte. Und so sah sie hoch in Snapes tiefschwarze Augen und antwortete aus tiefstem Herzen: „Ich verspreche es, Sir."

Wie bei Snape üblich ging es im Morgengrauen des nächsten Tages wieder an die Arbeit. Miss White und ihm gelang es überraschend mühelos an ihrer alten Zusammenarbeit anzuknüpfen, worüber er sehr erleichtert war. Serenas Auffassungsgabe war bemerkenswert und ihr Engagement vorbildlich.

Donnerstag gegen Mittag begehrte eine Waldohreule am Kellerfenster pickend Einlass und Snape wies sein Lehrmädchen an, sie hereinzulassen. Gerade wollte sie losgehen, als ihr einfiel, dass Snape sicher nicht hatte sehen wollen, ob sie noch laufen könne. Sie versuchte ihren bereits gemachten Schritt als bloße Gewichtsverlagerung zu tarnen und richtete stattdessen ihren Zauberstab mit einer ausladenden Bewegung auf das Fenster, das sogleich aufschwang.

Snape sah leicht schmunzelnd von dem Trank auf, den er gerade schwenkte, ihn dann aber in die Halterung überm Feuer hing, um sich dem geflügelten Briefboten zu widmen. Er stellte ihm eine Schale mit frischem Wasser hin und gewährte dem Tier ein paar Minuten zum Aufwärmen. In der Zwischenzeit öffnete er den Brief.

Zwei Dinge fielen ihm sofort auf: dass er das übergroße Emblem des EDK trug und dass Miss White nervös zu ihm schielte, während er den Pergamentbogen genüsslich und langsam auffaltete. „So…so…", machte er schließlich und hatte sofort Serenas volle Aufmerksamkeit. „Dann werden wir wohl oder übel unsere Arbeitsweise anpassen müssen.", sagte er in seiner leisen, doch alles durchdringenden Art.

Miss White sah ihn fassungslos an. Snape schaute schließlich von dem Brief auf und ihr direkt in die entsetzten Augen. „Offenbar, hat Sie die Ausbildung nicht hinreichend gefordert, Miss White. Oder wie erklären Sie sich Ihr schockierend streberhaftes Abschneiden mit einhundertvierundneunzig von zweihundert Punkten?!", er bleckte seine unschönen Zähne und grinste listig, während Serena ungläubig zu ihm gerannt kam, um das Ergebnis mit eigenen Augen zu sehen.

„Von nun an erwarte ich noch mehr Eigeninitiative von Ihnen. Sie werden ab sofort weniger putzen und mehr brauen!", machte Snape klar. „Das ist ein ganz passables Ergebnis, was Sie da vorgelegt haben, allerdings handelt es sich nur um eine Zwischenprüfung. Machen Sie also keinesfalls den Fehler, sich darauf auszuruhen."

„Nein, Sir.", Serena war sichtlich erleichtert, Snape nicht enttäuscht zu haben. „Sehen Sie mal!", bat sie, nachdem sie den Brief erneut überflogen hatte. „Hier steht ja schon mein richtiger Name."

„In der Tat.", meinte Snape nur. „Offenbar hat Professor Dumbledore seine Beziehungen bereits spielen lassen, um Ihren kleinen Identitätswechsel zu vertuschen. Hoffen wir, dass er sorgfältig war…" Dann sah er sich in seinem Kellerlabor um und erkannte, dass die Eule sie bereits verlassen hatte. „Miss White, ich möchte, dass Sie das Fenster wieder schließen. Und ich möchte, dass Sie dazu weder wie ein Muggel zum Fenster laufen, noch Ihren Zauberstab herumwedeln wie eine Erstklässlerin."

Betreten sah Serena zu ihrem Mentor auf. „Sie meinen, ich fuchtele zu sehr herum?", fragte sie verunsichert.

„Nicht zwangsläufig.", antwortete der Meister großzügig. „Ich meine nur, dass eine Hexe Ihres Formats auch ohne Zauberstab genügend Magie bündeln können sollte, um eine winzige Ortsveränderung bei etwas so Unbelebtem wie einem Kellerfenster herbeizuführen."

Miss White blinzelte ungläubig. „Sie sprechen von Telekinese?! Zaubern ohne Zauberstab?!"

„Nun sein Sie doch nicht so geschockt! Bevor man Ihnen für viel Gold einen Holzstab mit magisch relevantem Kern verkaufte – bevor Sie also die offizielle Erlaubnis erhielten, zunächst nur in der Schule zu zaubern – haben auch Sie bestimmt schon das eine oder andere passieren lassen?", sprach Snape mit öliger Stimme und schien dabei direkt in sie hinein zu sehen.

Miss White versuchte sich zu erinnern und plötzlich schien ihr etwas einzufallen: „Oh! Ja, beim Schulsport habe ich einige Male die Flugbahn eines Balls geändert, weil ich seit mich einmal ein geschmetterter Ball sehr schmerzhaft im Rücken erwischt hatte, totale Angst vor fliegenden Bällen hatte. Ich dachte erst, ich wäre ihm geschickt ausgewichen, aber irgendwann sah ich, dass der Ball kurz vor mir regelrecht abdrehte. Ich war natürlich eine miserable Torwartin.", sie lachte und Snape sah sie verständnislos an.

„Naja, eigentlich war ich in jedem Sport miserabel!" Snape beschloss, das einfach unkommentiert stehen zu lassen und meinte stattdessen: „Na sehen Sie! Das klingt doch, als haben Sie durchaus einschlägige Erfahrungen in zauberstablosem Zaubern. Natürlich fällt das deutlich in die Kategorie des kindlichen, unbewussten Zauberns, das ja auch zu Recht straffrei ist, bedenkt man, dass es vornehmlich in für das betreffende Kind sehr aufwühlenden Situationen vorkommt."

Miss White wusste genau, was er meinte und hörte gespannt seinen Ausführungen zu. „Das bewusste zauberstablose Zaubern erfordert dagegen besonders von Ungeübten höchste Konzentration. Je komplexer der auszuführende Zauber wird, umso mehr muss der Zauberer darauf fokussieren. Wenn Sie erst etwas Erfahrung gesammelt haben, werden Sie kleinere Hexereien praktisch nebenbei verrichten können oder während eines Gesprächs." Plötzlich klapperte der Kessel im Feuer.

Als Miss White alarmiert hinsah, erkannte sie, dass der Kessel sich aus der Halterung gelöst hatte und wieder in sanften Kreisen geschwenkt wurde – nur stand Snape nach wie vor ungerührt vor ihr mit nichts anderem in den Händen als den Briefumschlag vom EDK.

Sie schaute ungläubig zwischen ihrem Meister und dem Kessel hin und her. Snape blickte nur unbeeindruckt und ließ nun auch eine Wurzel recht fein schneiden, ohne einen Finger rühren zu müssen.

„Wahnsinn! Wäre ich Muggel und Neurologin, wollte ich allzu gern einmal Ihr Gehirn untersuchen!", stieß Miss White begeistert aus. Snape hob verwundert eine Augenbraue und fuhr dann mit seinem Vortrag fort – unterdessen verrichteten Messer und Kessel weiter ihren Dienst.

„Sie können den Zauber, den Sie verwenden wollen. Sie kennen Aussprache und Betonung und die Bewegung, mit der Sie ihn durch Ihren Zauberstab bündeln und entsenden müssen. Und Sie wissen, dass Sie eine Hexe sind.

Am Anfang hilft es auch, seinen Zauberstab in der Nähe zu wissen, da Hexen und Zauberer sich ohne oft unbewaffnet oder gar ‚nackt' vorkommen.

Nun richten Sie Ihre Gedanken ganz auf Ihr Ziel aus."

Miss White folgte angestrengt den Anweisungen Snapes. „Führen Sie sich vor Augen, wie Zauber und Effekt aussehen sollen…" Er beobachtete die junge Frau, die ganz ruhig dastand und tief ein- und ausatmete. „Wenn beides klar ist, zaubern Sie los!"

Forem Claudo!", rief seine Schülerin energisch, doch nichts passierte.

„Sie sollen das Fenster schließen und nicht mit Ihrem Geschrei die Scheibe zum Bersten bringen!", meinte Snape spöttisch, doch dann gab er ihr noch einen Tipp: „Sie hoffen nur, dass Ihr Zauber gelingt. Darin liegt bereits der Fehler. Sie müssen WISSEN, dass es gelingt, weil Sie es können. Sehen Sie: ein guter Anführer führt, weil er souverän ist und nicht, weil er hofft, es zu sein. So wie Sie atmen können, können Sie auch zaubern!"

Serena sah ihn an und nickte dann entschlossen. Noch einmal atmete sie tief durch und wiederholte dann mit ruhiger, gefasster Stimme ihren Zauberspruch. Einen Moment später ließ die kalte Brise, die durch die Öffnung eingetreten war, nach und ein leises Verriegeln war zu hören, als sich das Fenster schloss.

„Perfekt.", war Snapes trockene Bemerkung. Seine Wurzel war inzwischen klein genug geschnitten und auch mit dem Kesselschwänken hörte er nun auf. Zu seinen besten Zeiten hatte er bis zu fünf Dinge gleichzeitig ausführen können. Jetzt war er ganz froh, den Kopf wieder frei zu haben.

„Das werden Sie nun täglich selbstständig üben, bis Sie es auch ungesprochen schaffen, den Zauber zu veranlassen. Die Magie muss Ihnen noch viel mehr in Fleisch und Blut übergehen, bis sich ihr ganzes Potenzial entfalten kann. Aber keine Sorge. Es wird einmal für Sie so selbstverständlich werden, wie das Essen mit Messer und Gabel.

So. Genug davon. Brauen Sie das Vergessenselixier für mich zu Ende und nehmen Sie es dann aus dem Feuer! Ich will mich noch etwas belesen…Wenn Sie Fragen haben – ich bin im Wohnzimmer…Ach! Und, hinterlassen Sie kein Chaos, ja?!", damit drehte er sich auf der Stelle, erzeugte mit seinem bauschenden Umhang einen kühlen Windstoß und verschwand die Treppe hinauf.

So gingen die Wochen ins Land und Severus Snape war überrascht wie ausnehmend gut seine Übereinkunft mit Miss White funktionierte: sie lernte unablässig dazu und er konnte sie mit immer komplexeren Aufgaben betrauen, denn ihre Fähigkeiten wuchsen Tag für Tag. Dass sie die Wochenenden in ihrem Zuhause verbrachte, tat beiden gut, weil es Snape eine private Konfrontation mit ihr ersparte.

Tatsächlich gab es Momente, in denen er fluchtartig aus dem Keller stürmte und Serena allein zurück ließ. Nun da er wusste, warum ihm manche ihrer Züge so vertraut waren, übermannte ihn in einigen Situationen der Schmerz regelrecht. Er ertrug ihre Anwesenheit dann nicht länger. Es kostete ihn größte Mühe, nicht wieder in sein altes Schema zu verfallen und sich an der jungen Frau auszulassen. Er vermisste den süßen Geschmack von Rache und Macht, die er gern über jene hatte, die ihm unterlegen waren. Doch eine leise Stimme in seinem Kopf mahnte ihn, Serena nicht zu verletzen. Um ihrer Willen und den von Hermine. Also ging er ihr dann schleunigst aus dem Weg und für die Nacht gab er sich Selbstmitleid, Wut und Feuerwhiskey hin, um ihr am nächsten Morgen reservierter zwar, doch einigermaßen professionell gegenüber treten zu können.