Als England seine Augen aufschlug, bemerkte er sofort den blonden Schopf vor sich. Überrascht hob er den Kopf und starrte auf Deutschland hinunter, der sich zu einem Ball zusammengerollt hatte und friedlich schlief.
Minuten lang bewegte England sich nicht und beobachtete die kleine Nation. Sein überraschter Gesichtsausdruck war wie in sein Gesicht gemeißelt.
Dann schließlich verstand er die Situation. Deutschland war dabei, ihm zu vertrauen. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Aber nicht, weil er sich endlich am Ziel sah, sondern weil es ein süßer Anblick war, wie er so dalag. Ganz nahe bei ihm…
Es rührte England. Genauso hatte Amerika immer gerne geschlafen.
Er hob seine Hand auf den kleinen Kopf und streichelte Klein-Deutschland übers Haar.
„Hmm…"
Deutschland bewegte sich. Verschlafen hob er den Kopf und schaute England an.
„Good morning", lächelte dieser.
Die kleine Nation setzte sich auf. Überraschenderweise schmerzten seine Verletzungen nicht mehr so stark.
Er saß England gegenüber, aber senkte den Blick, nachdem er mit seinen Augen den Raum abgesucht hatte, um festzustellen, dass sein Bruder wirklich nicht da war.
„G…good…morning…"
Das englische Herz machte vor Freude einen Sprung.
Ein weiteres Lächeln zierte Englands Gesicht. Klein-Deutschland schaute auf und in seinem Blick konnte England erkennen, dass sich etwas in dem Kleinen tat.
Und tatsächlich. Sehr zögerlich bewegte er sich auf ihn zu. Nahe vor England hielt er inne. Er schien zu überlegen. Und dann legte er seine Ärmchen um Englands Hals und vergrub sein Gesicht in dessen Schulter.
England erstarrte. Sein Herz flatterte. War das alles gerade real, oder vielleicht doch nur ein Traum?
Erst als er Deutschlands warmen Atem auf seiner Haut spürte, überkam es ihn und er schlang einen Arm um seinen Oberkörper und eine Hand grub sich in das goldblonde Haar und drückte ihn sacht an sich.
Deutschland wehrte sich nicht.
England schloss seine Augen und genoss diesen überwältigenden Moment. Das Thermometer seiner Vatergefühle schoss ungebremst in die Höhe und seine Umarmung um ihn wurde stärker.
Er ist nun mein. Mein ganz allein. Nur mein.
England löste die Umarmung und bemerkte die eine Träne, die über die junge, zarte, rötliche deutsche Wange hinunterrann.
Lächelnd wischte er sie mit seinem Daumen weg.
„Nicht weinen. Es ist alles in Ordnung. Dein Leben hat sich nun zum Guten gewandt. Du wirst groß und stark werden. Und dann wird dich niemand mehr verletzen. Was mich angeht, ich werde immer für dich da sein. Auch wenn du irgendwann dein eigenes Leben leben wirst. Ich werde dich nie enttäuschen. Niemals."
„…"
Ein Nicken von der deutschen Nation.
„Na komm. Ziehen wir dich an und gehen runter. Du musst Hunger haben. Es geht nichts über ein kräftiges englisches Frühstück."
Ein weiteres Nicken.
„Land in Sicht!", rief Spanien und alle versammelten sich vorn am Bug. Am Horizont war endlich die englische Insel zu sehen.
„Das wurde aber auch Zeit", brummte Österreich.
Spanien sprintete zur rechten Bordwand und schaute über den Rand. Dänemark und Norwegen blickten zu ihm hoch.
„Wir müssen einen Fleck finden, an dem wir unbemerkt anlegen können. Es wäre dumm, einfach in den Hafen zu fahren", rief er zu ihnen runter.
Beide nickten.
„Dänemark und ich werden vorfahren und uns nach einem geeigneten Versteck umschauen."
„Verstanden!"
Die Nordeuropäer gaben Gas und überholten das spanische Schiff.
„Woah, haben die schnelle Schiffe. Wieso ist dein Schiff so lahmarschig, Spanien?", fragte Preußen.
„Na hör mal", antwortete Spanien. „Das hier ist ein Kriegsschiff und keine Pferdekutsche. Außerdem sind kleinere Schiffe immer schneller."
„Unfantastisch."
Als sie schon etwas näher waren, bemerkte Preußen etwas. Er schnappte sich das Fernrohr, das mit Haken an einem Mast befestigt war und schaute hindurch.
„Kein Wunder, dass du Frankreich nicht bei ihm Zuhause angetroffen hast", sagte er schließlich zu Spanien gewandt. „Er ist bei England."
„Was? Ehrlich?"
„Yo. Ich habe soeben sein Schiff am englischen Hafen entdeckt."
Österreich verdrehte die Augen. Ihm blieb wohl gar nichts erspart.
„Was macht dieser Kerl hier?", knurrte Ungarn. „Der steckt doch ganz bestimmt mit England unter einer Decke."
„Ach Quatsch! Frankreich ist mein Freund. Der würde mir das nicht antun."
Doch kaum hatte Preußen diesen Satz ausgesprochen, machte sich ein ungutes Gefühl in ihm breit. West war ein inoffizielles Land. Die einzigen, die von seiner Existenz wussten, waren Ungarn, Österreich, er, Spanien und…Frankreich.
Er schüttelte ungläubig den Kopf. Frankreich würde ihm nie in den Rücken fallen. Außerdem war es nicht unüblich, dass er sich hin und wieder bei England aufhielt. Noch dazu lästerten er, Frankreich und Spanien immer über England. Klar hatte sich Preußen oft gefragt, warum er manchmal bei England abhing, obwohl er ihn scheinbar nicht leiden konnte. Aber Frankreich war halt ein Land für sich und deswegen tat er manchmal Dinge, die man nicht zu verstehen brauchte.
„…"
„Tchip tchip!"
Gilbird flatterte von Preußens Kopf und ließ sich auf seine Schulter nieder. Er schmiegte sein Köpfchen an die blasse Wange seines Besitzers, um ihn aufzumuntern.
„Gilbird…? Hach, du kennst mich einfach am besten. Aber mach dir keine Sorgen. Mir geht's gut. Lass uns einfach nur schnell England fertigmachen, West aus seinem Kerker holen und dann geht's wieder nach Hause. Klingt doch gut, oder?"
„Tchip tchip tchip!"
„Keseseses! Du bist fantastisch, Gilbird."
„Hör auf mit deinem Federvieh zu reden! Das sieht total lächerlich aus."
Breit grinsend drehte sich der Albino zu Österreich.
„Eifersüchtig?"
„Pah! Auf keinen Fall. Ich bin froh, einen gesunden Menschenverstand zu besitzen."
„Keseseses!"
Österreich ging genervt weg.
Gilbird flog zurück auf seinen Stammplatz und Preußen gesellte sich zu Spanien an das Steuerrad.
„Selbst wenn wir es schaffen unbemerkt in Englands Schloss einzudringen, müssen wir uns darauf gefasst machen, dass es nicht leicht wird."
„Was ist denn los mit dir? Sagtest du gestern nicht noch, dass man positiv denken muss, wenn einem was Positives widerfahren soll…oder so ähnlich."
„Ja, schon. Aber mir machen gerade zwei Dinge große Sorgen. Erstens: hat Frankreich etwas damit zu tun? Und zweitens: England könnte deinen kleinen Bruder als Schutzschild missbrauchen."
„…"
Daran hatte Preußen überhaupt nicht gedacht. Aber schnell schüttelte er diesen Gedanken ab.
„Er wird nicht zulassen, dass West etwas passiert. Er braucht ihn schließlich. Und was Frankreich betrifft… er ist unser Kumpel. Wir dürfen nicht schlecht über ihn denken."
„Ja…"
„Dänemark und Norwegen kehren zurück", teilte Ungarn den beiden mit.
„Fantastisch!"
Die viere beugten sich über die Bordwand. Die Nordeuropäer kamen unter ihnen zum Stehen.
„Und? Habt ihr was gefunden?", wollte Spanien wissen.
Norwegen wollte antworten, aber Dänemark kam ihm zuvor.
„Yeah! Wir haben eine Höhle gefunden! Das heißt, ICH habe sie gefunden! Dort können wir ohne Probleme und ungesehen andocken."
„Sehr gut. Führt uns dorthin."
„Alles klar!"
Gerade als Dänemark losfahren wollte, bemerkte er, dass Norwegen ihn ansah. Er schaute zu ihm rüber und wunderte sich über dessen wütenden Blick.
„Was denn?"
Norwegen schüttelte genervt den Kopf und fuhr los. Dänemark fuhr neben ihm her und fragte sich, was er nur falsch gemacht hatte.
Die drei Schiffe fuhren einen weiten Bogen um den großen englischen Hafen. Auf der östlichen Seite der Insel gab es große Felsenriffe. Sie mussten vorsichtig sein, als sie sich nährten.
Die Höhle war gerade groß genug, dass die Armada dort hineinpasste. Und sehr weit führte sie sie auch nicht hinein, aber doch so weit, dass das Heck des großen Schiffes nicht zu sehen war.
„Seid ihr sicher, dass diese Höhle nicht überwacht wird? Ich meine, was das betrifft, ist England ziemlich kleinkariert."
„Der Snob hat Angst."
„Halt gefälligst den Mund, wenn du nicht gefragt wirst!"
„Keseseses!"
Es gab keinerlei Probleme von Bord zu gehen.
Preußen war der erste, der auf festem Boden stand. Als nächstes war Ungarn dran. Preußen hielt grinsend weit seine Arme auseinander.
„Spring. Ich fang dich auf."
Kaum war der Satz ausgesprochen, landete die schwere Pfanne in seinem Gesicht und riss ihn zu Boden. Erst dann sprang Ungarn.
Sie hob ihre Pfanne auf, ohne auf Preußens gefährlich aussehenden Beule zu achten und breitete ihre Arme aus, um Österreich aufzufangen.
„Komm, mein Liebster. Nur keine Angst. Es ist leichter, als es aussieht."
Österreich schluckte. Es waren zwar nur zweieinhalb Meter, aber trotzdem fühlte er sich unwohl. Außerdem…was war, wenn seine Brille dabei kaputtging? Ohne sie war er blind wie ein Maulwurf!
Aber er musste Ungarn beweisen, dass er ihr vertraute. Also sprang er, dabei kniff er die Augen fest zusammen.
„Aaahhh!"
Er spürte seine Landung in den Händen seiner Ehefrau und starrte sie verunsichert an. Sie lächelte und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.
Als Preußen das sah, setzte er sich im Schneidersitz und schaute zu den beiden auf.
„Und? Wie schmeckt so ein Weichei?"
Eine Sekunde später erhielt er eine weitere Beule zu seiner Sammlung.
Norwegen und Dänemark hatten sich dieses Schauspiel angesehen. Während Norwegen ungläubig schaute, sprach Dänemark breit grinsend Spanien an, der als letztes von der Armada gesprungen war.
„Machen die das ständig?"
„Ja. Das ist Alltag bei denen."
„Hoho! Bei denen scheint's ja abzugehen. Das erinnert mich irgendwie an Schweden…"
Bevor Dänemark in Erinnerungen schwelgen konnte, schlug ihm Norwegen eine Hand auf den Hinterkopf.
„Au!"
„Nicht träumen!"
„So. Haben alle ihre Waffen?", fragte Ungarn.
Alle bejahten die Frage und dann begannen sie mit den Aufstieg aufs Festland. Allen voran Preußen.
Bald war es soweit…
Deutschland saß mit England zusammen am Tisch und aß ohne Kommentar das englische Frühstück. England beobachtete ihn dabei und genoss nebenbei seinen Tee.
„Schmeckt es dir, Neuengland?"
Die kleine Nation blickte auf und nickte.
„Yes… It's… very delicious."
"Good", lächelte die ältere Nation.
Deutschland war sich nicht sicher, ob es ihm wirklich schmeckte. Er konnte es wirklich nicht sagen. Und die ganze Atmosphäre war unbeschreibbar. Er wusste einfach nicht, was er denken sollte, wie er sich fühlen sollte.
Tief im Innern hatte er sein Schicksal noch nicht akzeptiert. Aber was blieb ihm denn anderes übrig?
Obwohl er ein Pessimist war, versuchte Deutschland dennoch positiv zu denken. Es stimmte, dass er von seinem…ehemaligen Bruder unter Verschluss gehalten wurde. Aber England hatte ihm versprochen, dass er das nicht mit ihm tun würde.
War er als falsche Nation geboren worden? Und nun machte das Schicksal es wieder gut?
Ein englischer Soldat tauchte plötzlich im Speiseraum auf und flüsterte England etwas ins Ohr.
Deutschland beobachtete Englands Reaktion. Dieser stellte sofort seinen Tee auf den Tisch und erhob sich vom Stuhl.
Deutschland spürte, dass irgendetwas nicht stimme und schaute zu dem Grünäugigen auf.
„Es tut mir leid, Neuengland, aber ich muss dich bitte, in dein Zimmer zu gehen."
„…"
Gehorsam tat er, was England ihm sagte und ging mit ihm zusammen hoch in sein Schlafgemach.
Er setzte sich auf sein Bett und England kniete sich vor ihm hin.
„Neuengland…ich muss weg. Ich bitte dich, dass du dieses Zimmer nicht verlässt. Versprichst du mir das?"
Ein Nicken.
„Okay. Ich vertraue dir."
Die ältere Nation erhob sich wieder und wollte gehen. Die kleine Nation sprang auf, lief ihm hinterher, schlang seine Arme von hinten um Englands Hüften und drückte sich an ihn.
Überrascht drehte er seinen Kopf nach hinten.
„Neuengland…"
Er kniete sich wieder vor ihm hin und hielt die kleinen Hände in seinen.
„Ich bin bald wieder da. Aber ich habe jetzt etwas Wichtiges zu erledigen. Sei artig. Versprichst du mir das?"
Wieder ein wortloses Nicken.
England strich ihm sanft mit einer Hand über den Kopf und verließ das Zimmer. Die Tür schloss er nicht ab. Er wollte, dass Neuengland wusste, dass er ihm vertraute.
Frankreich trat gerade aus seinem Schlafzimmer und reckte und streckte sich.
Als er England erblickte, konnte er sich ein Lächeln nicht verkneifen.
„Ah! Bonjour, Angleterre."
„Ich habe jetzt keine Zeit. Frankreich, du musst mir einen Gefallen tun."
„Oui?"
„Bitte pass auf Neuengland auf."
„Warum…?"
„Ich kann dir das jetzt nicht erklären, aber ich muss dringend weg. Pass einfach drauf auf, dass er sein Zimmer nicht verlässt. Und wenn Amerika bald von seinem Spaziergang wiederkommt, dann achte darauf, dass er kein einziges Wort mit Neuengland wechselt."
„Ähm…okay…?
„Ich sage das nur ungern, aber ich vertraue dir."
Mit diesen Worten verließ er den Westflügel, stieg die breite Treppe hinab und verließ mit schnellen Schritten seinen Wohnsitz.
Frankreich stand ungläubig im Flur und fragte sich, was das gerade eben sollte.
War die Insel am Sinken?
