VIII. LEBEN UNTER DER ERDE
MICHELANGELO
Mit der Zeit veränderte sich unser Teil der Kanalisation. Vorher war es nur ein verlassener Tunnel, in den fünf Freaks sich verkrochen hatten. Später sah es mehr aus wie… na ja, irgendwie wie ein Zuhause.
DONATELLO
Wir hatten keine wirklich festgelegte Grenze wo „Kanalisation" aufhörte und „unser Zuhause" anfing. Wir breiteten uns einfach von dem Punkt, an dem wir uns zuerst niedergelassen hatten, weiter aus.
LEONARDO
Ich kann mich nicht daran erinnern, wer unser Zuhause zuerst „das Versteck" genannt hat. Das klingt wie ein Satz von Raph, also gebe ich ihm die Schuld.
MEISTER SPLINTER
Der Platz, an dem wir zuerst ein Feuer entzündet hatten, war letztlich der ideale Ort hierfür. Der Rauch des Feuers zog durch die Tunnel ab, und so blieb er weder in unserem Wohnraum, noch zeigte er an der Oberfläche unsere Position an.
RAPHAEL
Wir nannten es den „Hauptraum" oder das „Familienzimmer" – da, wo wir immer das Feuer gemacht haben. Dann bauten wir… (die Stirn runzelnd) Lass mich mal nachdenken. Mann… es wird jetzt schon schwierig, sich dran zu erinnern. Ich weiß noch, dass die Küche – oder was mal unsere Küche gewesen ist – direkt neben dem Hauptraum war.
LEONARDO
Splinter malte ein paar Bilder nur für uns, und ich habe ein paar Kaligraphiezeichnungen gemacht. Wir hängten sie an die Wand, so fühlte es sich mehr nach einem Zuhause an.
MICHELANGELO
Wir haben unser Essen früher direkt am Feuer gemacht. Es gab eine Wasserleitung, also konnten wir uns Wasser holen, wenn wir es brauchten. Und dann hatten wir da diese behelfsmäßige Küche direkt neben dem Hauptraum, wo wir unsere Schüsseln und Teller und das Essen aufbewahrt haben.
DONATELLO
Als wir dann Küchengeräte bekamen, wurde klar, dass wir mit unserer ursprünglichen Küche nicht mehr auskommen würden. Es gab dort nur eine Steckdose. Also bauten wir die Küche einen Raum weiter hinten auf. Die ursprüngliche Küche wurde unser Klassenzimmer, die Steckdose verwendeten wir für die Lichter.
LEONARDO
Es gab einen ziemlich großen, ebenen Platz, etwas weiter hinter dem Hauptraum. Daraus wurde unser Dojo.
MEISTER SPLINTER
Der Raum war sicherlich nicht optimal für ein Dojo. Der Boden war, wie nicht anders zu erwarten, aus Beton, was äußerst ungünstig ist für Füße und Beine. (lächelnd) Vor allem für meine. Und die Decke war etwas niedriger, als mir lieb gewesen wäre. Doch es war der beste zur Verfügung stehende Ort.
DONATELLO
Mindestens zweimal bin ich während eines Übungskampfes hochgesprungen und dabei mit dem Bo an der Decke hängen geblieben. Das hat in den Handgelenken schon ordentlich wehgetan.
MICHELANGELO
Es war sehr geräumig – wir konnten dort alle ohne Probleme trainieren. Und es war nicht weit von der Hauptschleuse entfernt. Das klingt jetzt vielleicht ekelig... Okay, es ist ziemlich ekelig, aber es hieß, dass da zumindest eine Brise durchkam, so dass wir uns nicht in der stehenden Luft kaputt schwitzten.
MEISTER SPLINTER
Wir entdeckten ein paar Stromanschlüsse in der Kanalisation, und ich war sehr überrascht davon, dass sie funktionierten. Ich befürchtete, dass das Elektrizitätswerk, oder wem auch immer diese Anschlüsse gehörten, einen hohen Verbrauch bemerken würde, doch ich entschied, dass es das Risiko wert war, ein wenig Strom zu benutzen. Ich bat Mitake, mit dem Geld, das ich verdient hatte, ein paar Dinge für uns zu kaufen – zunächst Beleuchtung.
MITAKE
Es war etwas seltsam. Ich glaubte, dass die Kanalisation eine sehr kurzfristige Bleibe für Yoshi und seine Mündel sein würde. Doch als er anfing, mich darum zu bitten, Dinge für ihn einzukaufen, wurde mir klar, dass er dort wohl längerfristig bleiben wollte.
DONATELLO
Ich erinnere mich daran, dass unsere ersten elektrischen Sachen Lichterketten waren. Es war Januar, deshalb hatte jeder Laden diese grünen Kabel mit den kleinen, weißen Lichtern dran für einen Dollar oder so. Mitake kaufte für uns… Ich glaube, es waren dreißig Stück. Wir hielten zehn in Reserve und hängten zwanzig davon auf. Im ganzen Familienzimmer, in der Küche, im Dojo und in den Gängen dazwischen.
MICHELANGELO
Die eigentliche Idee war, sie auszustöpseln, wenn wir schlafen gehen. Aber sie waren dämmrig genug, um zu schlafen, auch wenn sie an waren. Also ließen wir sie die ganze Zeit laufen.
LEONARDO
Ich erinnere mich an die erste Nacht, in der wir diese Lichter hatten. Ich konnte nicht schlafen. Ich starrte sie nur an. Ich kann es nicht richtig erklären, aber sie waren aufregend. Es war wie der erste Schritt dazu, eine richtige Person zu sein – elektrisches Licht zu haben wie jeder andere in New York, auch, wenn es nur Lichterketten waren.
RAPHAEL
Als die Lichter da waren, brauchten wir die Kerzen nicht mehr so oft. Splinter zündet sie noch immer gerne an, wenn er malt – er sagt, sie lassen ihn seine Mitte finden – aber wir waren nicht mehr auf sie angewiesen, nur, um etwas zu sehen. Das war echt cool.
MEISTER SPLINTER
Als ich genug Geld angespart hatte, bat ich Mitake, uns als Nächstes ein paar gebrauchte Küchengeräte zu kaufen.
MICHELANGELO
Ich erinnere mich daran, wie wir unseren ersten Herd bekommen haben. Wir waren so was von drauf – Mann, jeden Abend Pizza! Aber dann wurde uns klar, dass wir ihn nicht einfach durch den Gully schieben konnten – er war zu groß. Wir mussten warten, bis das Wetter trocken war, und dann musste Mitake ihn den ganzen Weg zur nächsten Außenschleuse bringen. Wir packten ihn auf ein Holzgestell mit Rollen und schoben das verdammte Ding mehrere Meilen weit nachhause. (lächelnd) Wir wollten diesen Ofen wirklich. Und wir haben an diesem Abend mit Pizza gefeiert. Allerdings erst sehr spät.
DONATELLO
Mitake, Casey – du auch, April… Ihr habt alle für uns die Augen offen gehalten. Immer, wenn jemand etwas loswerden wollte, dachtet ihr gleich: „Könnten die Mutanten das brauchen?"
MITAKE
Ein alter Freund von mir kaufte sich einen neuen Kühlschrank, weil sein alter ständig Kurzschlüsse hatte. Ich fragte, ob ich ihn haben könne. Er hielt das für etwas seltsam, aber er überließ ihn mir.
RAPHAEL
Wir mussten den Kühlschrank auf demselben Weg holen. Verglichen mit dem Kühlschrank war der Ofen ein Kinderspiel.
MICHELANGELO
Wir marschierten voran und rollten den Kühlschrank durch die Gänge. Ich erinnere mich daran, dass wir alle ein albernes Lied sangen, dass wir uns ausgedacht hatten. „Wir werden… kaaaaaaltes Eeeeessen haben…"
DONATELLO
Oh mein Gott, das hatte ich völlig vergessen! (schmunzelt und schließt die Augen) „Wir werden… kaaaaaaltes Eeeeessen haben…"
LEONARDO
Wir bogen gerade um eine Ecke, als eine der Rollen vom Gestell brach und der Kühlschrank abrutschte. Wir versuchten alle, ihn festzuhalten, aber er landete im Abwasser. Und mit ihm Mikey und Don.
DONATELLO
Mikey und ich fielen ins Wasser, zusammen mit dem Kühlschrank. Es war nicht besonders tief, irgendwas zwischen einem halben und einem Meter. Aber das machte es fast noch schlimmer - je weniger Wasser, desto mehr Klärschlamm.
LEONARDO
Ich schickte Raphael zum Versteck zurück, um ein Seil und ein paar alte Paletten zu holen.
MICHELANGELO
Leo meinte, wir sollten rauskommen, aber ich entschied mich dagegen. Ich wusste, dass jemand das Seil um den Kühlschrank wickeln musste, und das hieß, dass wir eh wieder rein mussten. Ich sprang einfach auf den Kühlschrank, schlug mit den Hacken dagegen und fing wieder an, dieses Lied zu singen.
DONATELLO
Ich stieg zu Mikey auf den Kühlschrank und ich erzählte ihm, dass ich wirklich hoffte, dieses Ding nach allem, was es mitgemacht hatte, noch reparieren zu können. Ich meine, stell dir vor du schleppst ein riesiges, schweres Etwas ein paar Meilen weit nachhause, fällst dabei ins Abwasser, und findest dann heraus, dass du es nicht ans Laufen kriegst. Zum Glück war die Reparatur ziemlich einfach.
RAPHAEL
Ich kam mit dem Seil und den Paletten zurück. Wir zogen diesen Kühlschrank da raus und kriegten es irgendwie hin, ihn ins Versteck zu schaffen. Leo und ich wuschen ihn draußen ab, während Don und Mike duschen gingen.
MICHELANGELO
Ich erinnere mich daran, dass ich den Schlamm abduschte. Also hatte Don da wohl schon die Dusche gebaut.
RAPHAEL
Es ist nicht so, als hätten wir jeden Tag duschen müssen. Um Gottes Willen, wir lebten in der Kanalisation! Aber wenn man da in den Schlamm fällt, glaub mir, man will ihn abkriegen.
LEONARDO
Wir müssen eine ganze Woche geplant haben, wie wir diese Dusche bauen wollen – wie sie funktionieren würde, wo wir sie platzieren würden…
DONATELLO
Der eigentliche Aufbau der Dusche war nicht kompliziert. Wir befestigten ein Gitter über einem Abwasserkanal. Ich installierte darüber einen kleinen Boiler, und schloss daran ein Rohr und ein Paar Hebel an – einen für die Temperatur, einen für den Wasserdruck. Instantdusche.
MEISTER SPLINTER
Donatellos Dusche funktionierte sehr gut. Der Boiler war etwas klein, also musste ich lernen, ein wenig schneller zu duschen, als ich es gewohnt war.
MICHELANGELO
Ich hab darin mal geduscht, und ich muss ziemlich in Gedanken gewesen sein. Ich machte einen Schritt weg vom Rohr und wäre fast heruntergefallen. (schmunzelnd) Ungefähr eine Woche später hatten Raph und Don ein Geländer angebaut.
MEISTER SPLINTER
Als ich angefangen hatte, meine Bilder zu verkaufen und der Hunger kein unmittelbares Problem mehr darstellte, fanden wir zu einer etwas gleichmäßigeren Routine.
DONATELLO
Wir standen früh auf. Sechs, halb sieben. Wenn wir noch spät auf Patrouille waren, haben wir bis sieben oder so geschlafen.
RAPHAEL
Von Anfang an hat Sensei uns hart trainiert. Keine Faulenzerei. Früh aufstehen, hart arbeiten, fleißig lernen, früh ins Bett.
LEONARDO
Gleich nach dem Aufstehen machten wir Dehnübungen, dann Tai Chi. Zum Aufwärmen, sozusagen. Dann Karate. Dann Waffentraining. Dann Übungskämpfe. Dann liefen wir durch den Hindernisparcours, den wir da unten aufgebaut hatten.
MICHELANGELO
Das war etwas, woran wir alle gearbeitet haben. Es war lustig. Du weißt schon, über diesen Kanal springen, jenes Seil hochklettern und so weiter.
RAPHAEL
Dann und wann kam einem von uns eine Idee, wie man ihn noch erweitern oder schwieriger machen könnte. Die meisten meiner Ideen wurden verworfen – zu gefährlich. (zuckt die Schultern und schmunzelt) Waren sie vermutlich.
DONATELLO
Nach dem wir durch den Parcours gelaufen waren, gingen wir duschen und aßen kurz zu Mittag. Danach war es Zeit zu Lernen.
MEISTER SPLINTER
Ich hatte nie in wissenschaftlichen Fächern unterrichtet – nur in den Kampfkünsten. Etwa ein Jahr lang musste ich sie gemeinsam unterrichten, unabhängig von ihren Fähigkeiten – etwas, das ich nicht gutheißen konnte, doch leider fiel mir nichts anderes ein. Nach einer Weile konnten sie selbst lernen, und ich konnte sie in ihrem eigenen Tempo fortfahren lassen.
LEONARDO
Raph hatte da Schwierigkeiten. Man konnte sehen, dass es ihm vor den Nachmittagen graute.
RAPHAEL
Es war zum Kotzen. Splinter brachte uns was bei, und ich saß da und dachte „Häh?" und hatte keine Ahnung. Sensei hätte genauso gut Suaheli sprechen können. Aber die anderen meinten alle nur: „Okay, ich hab's, weiter." Ich fühlte mich so dämlich, weil es aussah, als müsste jede Kleinigkeit für mich noch mal extra erklärt werden. Die anderen… Na ja, sie versuchten, es nicht zu zeigen, aber ich weiß, dass sie ungeduldig waren. So nach dem Motto: Warum müssen wir auf diesen Trottel warten?
DONATELLO
Tatsächlich habe ich einiges an Respekt für Raph. Er ist auf dem gleichen Level wie Leo und Mike, aber er hat das durch pure Willenskraft geschafft. Er musste doppelt so hart arbeiten um die Hälfte zu lernen.
MEISTER SPLINTER
Ich halte es für sehr wahrscheinlich, das Raphael eine Art Lernbehinderung hat, doch er gleicht das extrem gut aus. Er hat manchmal eine andere Art zu lernen als die anderen, doch er findet immer einen Weg.
RAPHAEL
(grinsend) Ich bin offensichtlich nicht besonders helle, aber ich bin stur und arbeite verdammt hart. Und wenn man das oft genug macht, kann man genug lernen, um mit den Klugen mitzuhalten.
LEONARDO
Bei Donatello war es genau andersherum. Splinter konnte ihm einfach nicht genug beibringen.
DONATELLO
Manchmal konnte ich einfach zum Ende der Lektion springen. Er stellte ein mathematisches Problem auf und ich hatte es klar vor Augen, bis hin zur Lösung.
MEISTER SPLINTER
Es dauerte nur ein paar Monate, ehe Donatello auf sich gestellt war. Er brauchte für die Schulbücher kaum mehr einen Tag. Ich hatte Probleme damit, ihm genug Material zum Lernen zu beschaffen.
DONATELLO
Da hat es angefangen, mich zu jucken, in die Bibliothek zu gehen. (lächelnd) Ich nahm an, dass ich mir da einfach eine ganze Ladung Bücher holen und sie alle verschlingen könnte. Manchmal allerdings war ich mit einem Thema fertig, und es gab keine Bücher mehr, die ich noch hätte anfangen können. Wenn das passiert ist, habe ich mich zu Raph gesetzt und versucht, ihm zu helfen.
RAPHAEL
Ich wusste das zu schätzen. Donny ist klasse darin, einem Sachen noch mal anders zu erklären. Was ich mag, denn wenn man mir vier oder fünf Wege zeigt, an etwas heranzugehen, dann kann ich normalerweise mit einem davon was anfangen. Aber gleichzeitig fühle ich mich dabei noch blöder. Ich meine – er kann sich sogar die Zeit nehmen, um mir zu helfen.
MICHELANGELO
Nach dem Lernen war es Zeit für die Hausarbeit. Für mich hieß das, das Abendbrot zu machen, und die anderen würden aufräumen oder so was. Dann haben wir zu Abend gegessen, gespült und dann, wenn es nicht gerade auf Patrouille ging, war Freizeit. Wir konnten machen, was wir wollten. Ich bin dann normalerweise skaten gegangen, Donatello hat an seiner Werkbank irgendwas gebastelt, Raph hat seine Bälle mit dem Hockeyschläger vor die Wand geballert und Leo mit seinen Schwertern geübt.
LEONARDO
Ganz früher hat Splinter uns eine Geschichte erzählt oder vorgelesen. Selbst, nachdem wir alle lesen gelernt hatten, saßen wir gerne um die Kerzen herum und hörten ihm zu, wie er Geschichten erzählte. Ich vermisse das jetzt irgendwie.
DONATELLO
Splinter sollte die Vorlesestunde in der Bibliothek gestalten. Wenn er erzählt, verliert man sich völlig darin.
RAPHAEL
Wir hatten keinen Fernseher – na ja, eine Weile schon. Funktionierte aber nicht so gut. Wir haben nur zwei Sender reingekriegt, und keiner davon war besonders klar. Splinter war auch kein Fan davon. Er dachte, dass es uns vom Lernen ablenken würde. Ich hielt das für eine Ausrede. Ich war in Mathe nicht scheiße, weil ich ferngesehen habe. Ich war in Mathe scheiße, weil ich in Mathe scheiße war. Aber Splinter wollte ihn nicht. Also mussten wir irgendwie mit dem Radio klarkommen.
MICHELANGELO
Ich fand diesen alten Radiowecker und brachte ihn Don, damit er sich mal angucken kann, ob er ihn wieder ans Laufen kriegt. Er brauchte eine Weile, um ihn zu reparieren, aber letztlich brachte er ihn zum Funktionieren. Die Uhr hat er allerdings nicht mehr ganz gekriegt, also zeigte er nie die Zeit an – es stand immer nur 10:37 darauf. Wir hörten ziemlich oft Radio, besonders während der Hausarbeit und in unserer Freizeit. Ich wollte Rock, Raph mochte Classic Rock und Metal, Donny wollte Jazz hören, Leo dieses New Age Zeug, und Splinter bevorzugte klassische Musik.
DONATELLO
Meistens sind wir dann beim Oldiesender gelandet, da keiner von uns daran wirklich etwas zu meckern hatte. Im Laufe der Zeit habe ich für jeden ein eigenes Radio fertig gemacht, so dass wir in unseren Zimmern hören konnten, was wir wollten.
MICHELANGELO
Unser Wohnraum wurde immer größer, aber wir waren immer zu zweit in einem Zimmer. Splinters Idee.
MEISTER SPLINTER
Ich glaubte, dass sie sich sicherer fühlen würde, wenn jemand in ihrer Nähe schläft. Auch mein Raum befand sich nicht weit weg.
RAPHAEL
Leo und Don waren in einem Zimmer, Mikey und ich schräg gegenüber. Ich weiß nicht mehr, warum das so war, aber so ist es seitdem immer gewesen. Sogar jetzt noch. Es ist ein bisschen seltsam. Ich meine, ich und Mikey, wir sind das komplette Gegenteil voneinander – er ist der Optimist, ich bin der Pessimist. Aber es klappt ziemlich gut – wir kommen miteinander zurecht.
DONATELLO
Das war nie ein Problem. Sicher, es gibt Zeiten, da möchte ich allein sein, aber es gab genug Orte im Versteck wo ich das sein konnte, wenn ich es wirklich wollte.
LEONARDO
Splinter schlief auf seinem mitgenommenen Futon. Es war in einem ziemlich schlechten Zustand, aber es schlug immer noch das, was wir hatten.
DONATELLO
Betten sind nicht billig und Splinter verdiente nicht wirklich genug, um uns allen welche zu kaufen. Also mussten wir uns da irgendwas zusammenschustern.
RAPHAEL
Wir fanden einen Haufen Lumpen neben einem Lagerhaus – da muss mindestens eine Tonne von denen gewesen sein. Splinter ließ sie uns zurück zum Versteck bringen. Wir warfen die wirklich unbrauchbaren weg und wuschen den Rest so gut aus, wie es ging. Dann baute Donny diese kleinen Holzrahmen, die füllten wir dann mit den Lumpen auf, legten oben einen alten Schlafsack drauf, und darauf dann eine alte Decke. Glaub's oder nicht, aber darauf haben wir geschlafen.
LEONARDO
Sie waren sicher nicht das Bequemste, aber es war schon besser als auf dem Fußboden zu schlafen, was wir davor getan hatten.
MICHELANGELO
Um ehrlich zu sein vermisse ich sie jetzt irgendwie. Ich konnte auf meinem Rücken schlafen, meinen Panzer quasi in die Lumpen drücken, während mein Kopf und meine Arme und Beine oben blieben. Auf einem normalen Bett kann ich das nicht, also fällt auf dem Rücken schlafen jetzt flach.
DONATELLO
Sie waren irgendwie blöd, aber sie funktionierten ganz gut. Es war warm genug. Die Temperaturen in der Kanalisation sind das Jahr über stabil bei sieben bis zehn Grad. Die paar Male, die es wirklich kalt geworden ist, haben wir einfach in den Schlafsäcken gelegen.
RAPHAEL
Wir haben Jahre lang keine Kleidung gehabt. In der Anfangszeit sind wir so nackt herumgelaufen wie am Tag unserer... Mutation. (lachend) Warum auch nicht? Niemand hat uns gesehen. Und unsere Panzer verdecken eh alles.
MICHELANGELO
Als wir anfingen, an die Oberfläche zu gehen, bestand Splinter darauf, dass wir uns etwas anzogen. Machte Sinn – andre Länder, andre Sitten und das alles. Aber es fühlte sich echt komisch an, weil keiner von uns dran gewöhnt war. Es war wie mit einem Hemd über dem Kopf herumzulaufen.
LEONARDO
Wie immer ging es auch bei unserer Kleidung darum, sparsam zu sein. Wenn wir etwas zum Anziehen brauchten, kauften wir es gebraucht.
RAPHAEL
Sagen wir einfach mal, dass die Klamotten, die wir tragen, nicht unbedingt die angesagtesten sind. Aber wen juckt's? Die Leute starren uns eh an, egal, was wir uns anziehen.
DONATELLO
Extra große T-Shirts passen um unsere Panzer. Sie sind etwas lang, aber man kann sie in die Hose stecken. Die Jeans sind das wirklich Lächerliche. Ich meine, niemand stellt Jeans her die 34 Inch breit und 24 Inch lang sind. Also müssen wir sie knapp über den Knien abschneiden. Oder wir tragen Shorts – allerdings sehen die an uns nicht wie Shorts aus.
RAPHAEL
Wir sehen mit Klamotten nicht „besser" aus als ohne. Wäre ja nicht so, als würden die Leute plötzlich übersehen, dass wir Mutanten sind, nur weil wir was anhaben. Es ist eher ein Zugeständnis an die Menschen: „Ja, wir tragen Kleidung, weil ihr es tut." Wir haben uns aber dran gewöhnt.
LEONARDO
Splinter verdiente gutes Geld mit seinen Gemälden, aber er verdiente es nur unregelmäßig und niemand konnte sagen, ob er nicht irgendwann keine mehr verkaufen kann. Also tendierten wir dazu, das, was wir hatten, zu sparen, und so wenig wie möglich auszugeben.
RAPHAEL
Mr. Li ließ uns kurz vor Ladenschluss in seinem Geschäft einkaufen, wenn die wenigsten Leute da waren.
MICHELANGELO
Splinter ging immer einkaufen, aber als ich anfing, immer öfter zu kochen, kam ich irgendwann mit. Etwas später gingen wir alle.
LEONARDO
Wir benahmen uns wie Kinder im Supermarkt. Könnte daran liegen, dass wir Kinder im Supermarkt waren! Du weißt schon – „Kauf mir dies, kauf mir das!" Splinter war da allerdings sehr streng. Wenn wir zuviel gemault haben, durften wir beim nächsten Mal nicht mit.
MICHELANGELO
Geld zu sparen war immer wichtig, also haben wir immer so billig wie möglich gegessen. Außerdem war Splinter sich nicht ganz sicher, was unser Verdauungssystem so annimmt. So ziemlich alles, hat sich herausgestellt, aber wir blieben bei der ganzen Sache lieber auf der preiswerten und sicheren Seite. Obst, Gemüse, Müsli, Reis, Nudeln. Abends gab es normalerweise Hühnchen oder Pizza, oder Nudeln. Hin und wieder hab ich total abgedreht und Steaks gemacht oder einen Kuchen gebacken oder so was.
DONATELLO
Als es mit dem Geld etwas besser wurde, haben wir unsere Speisekarte ein bisschen erweitert. Einige Male sind wir sogar auswärts essen gegangen – zum Teufel mit den Schaulustigen. Aber ich esse noch immer lieber Michelangelos Pizza als irgendetwas anderes auf der Welt.
LEONARDO
Das Leben in der Kanalisation war nicht so schlimm. Das einzige Mal, dass es ein echtes Problem wurde war, als es vor ein paar Jahren so stark geregnet hat.
MICHELANGELO
Mann, das war übel! Es hat nonstop geregnet für, was weiß ich, einen Monat?
MEISTER SPLINTER
Nach einigen Tagen heftigen Regens begann ich, mir Sorgen zu machen. Als ich im Radio hörte, dass der Regen in der näheren Zukunft nicht aufhören würde, hielt ich es für angeraten, Vorkehrungen zu treffen.
DONATELLO
Sensei ließ Mitake Sandsäcke für uns beschaffen. Eine Tonne davon – im wahrsten Sinne des Wortes. Es könnten auch zwei Tonnen gewesen sein. Wir mussten versuchen, sie einen nach dem anderen von der Schleuse bis zum Versteck zu tragen. Was ein Albtraum war, da das Wasser bereits stieg.
RAPHAEL
Jemals mit einem riesigen Sandsack auf dem Arm durch knietiefes Wasser gewatet? Ich kann's nicht empfehlen.
MICHELANGELO
Wir haben alle Eingänge mit Sandsäcken verstopft, fast bis unter die Decke. Die einzige Möglichkeit nach draußen zu kommen war, darüber zu klettern und sich durch die Lücke zu quetschen.
LEONARDO
Meister Splinter gab uns Geld und beauftrage uns, „Notfallrationen" zu kaufen. Er meinte Zeug, dass wir nicht einfrieren oder richtig zubereiten mussten. Jede Menge Studentenfutter, Müsliriegel, Obst uns Gemüse, solche Sachen. Als wir zurückkamen, hatten wir das säckeweise eingekauft, nur zur Sicherheit. Letztlich war es gerade eben genug.
RAPHAEL
Ich meinte nur: „Hey, kommt schon, wofür machen wir das hier?" Es dauerte ein paar Tage, aber ich fand es heraus.
MICHELANGELO
Am Ende der ersten Woche mussten wir entweder durch hüfttiefes Wasser waten oder oben durch die Tunnel kriechen, wenn wir an die Oberfläche wollten. Gegen Ende der zweiten Woche kamen wir nur noch schwimmend raus, und mussten dabei gegen eine mordsmäßige Strömung an. Man konnte das eigentlich nicht schwimmen nennen – wir sind einfach in den Kanal gesprungen und haben gehofft, dass wir die Leiter erwischen, ehe die Strömung uns daran vorbeizerrt. Wenn man sie verpasst hat, landete man fünf Blocks weiter.
DONATELLO
Splinter hatte genug und verstopfte auch den Rest des Eingangs mit Sandsäcken. Wir mussten auch die Dusche und die Toilette absperren, da beide über dem Kanal lagen.
RAPHAEL
Wenn es kein anderer getan hat, ich geb's zu: Ich hatte Angst. Nicht um mich – wir kommen im Wasser ziemlich gut klar. Aber Splinter kann es nicht. Wenn es hart auf hart gekommen wäre, hätten wir dort herausschwimmen müssen, und wir wussten nicht, ob Splinter das schaffen würde. Wir hätten ihn dabei tragen müssen, und auch da bin ich mir nicht sicher, ob ich es gekonnt hätte.
LEONARDO
Es war ein bisschen so, als hätten wir uns unter Wasser in einer Kiste eingesperrt. Es kam zwar noch Luft hinein, aber nicht viel. Es wurde ziemlich stickig. Und überall waren Lecks. Viele unserer Lichterketten hatten Kurzschlüsse.
MICHELANGELO
Ich bin an einem Morgen schreiend aufgewacht, weil sich über meinem Bett ein Leck gebildet hatte, als ich schlief.
DONATELLO
Wir beschlossen, enger zusammenzurücken. Wir brachten unsere Schlafsäcke und Splinters Futon in den Hauptraum. Es gab nur noch den und die Küche. Und um in die Küche zu kommen, mussten wir erst über Sandsäcke klettern, durch das Klassenzimmer waten und dann über noch mehr Sandsäcke klettern. Wir haben hauptsächlich im Hauptraum gesessen, haben Radio gehört und uns unterhalten.
LEONARDO
Wir machten nach wie vor jeden Morgen Tai Chi, und wir fügten noch einige Meditationsübungen hinzu, aber das war auch alles. Kein Sparring, kein Waffentraining.
DONATELLO
Wir mussten etwas tun, um die Zeit totzuschlagen, außer nur das Radio anzustarren. Also schalteten wir auf den Klassiksender um und Splinter erzählte uns Geschichten, wie er es getan hatte, als wir gerade erst mutiert waren.
MEISTER SPLINTER
Ich hatte vergessen, wie sehr meine Söhne es genossen, Geschichten zu hören. Ich erzählte so viele Geschichten, wie mir einfielen – japanische Legenden, Historisches, Geschichten, die mein Lehrer mir erzählt hatte.
LEONARDO
Splinter machte nach einer dieser Marathonerzählungen eine Pause. Da sagte Michelangelo: „Ich nehme nicht an, dass einer von euch eine Geschichte hören will, die ich mir ausgedacht habe."
MICHELANGELO
Ich hatte mir seit Jahren Geschichten ausgedacht, aber ich hatte nie eine aufgeschrieben oder jemandem davon erzählt. Aber ich hab richtig am Rad gedreht. Ich liebe meine Familie, echt, aber ich hatte genug davon die ganze Zeit mit ihnen in einem Raum eingesperrt zu sein. Senseis Geschichten lenkten mich ab, aber er konnte nicht die ganze Zeit reden. Also hab ich mir ein Herz gefasst. Ich habe ein paar Tage darüber nachgedacht, und die Geschichte dann einfach erzählt.
DONATELLO
Mikey war kein Splinter, beim besten Willen, aber seine Geschichte war gut. Es ging um einen klassischen japanischen Samurai, der irgendwie in New York gelandet ist. Ich erinnere mich daran, dass ich mich ziemlich gut auf die Geschichte einlassen konnte. Nachdem er fertig war, lagen wir herum und unterhielten und darüber – im Sinne von: Wie wäre die Geschichte ausgegangen, wenn der Typ dieses getan hätte statt das...
RAPHAEL
Es war irgendwie cool Mikey so kreativ zu sehen.
MEISTER SPLINTER
Ich war angenehm überrascht davon, Michelangelos Geschichte zu hören. Sie hörte sich vielversprechend an. Von da an versuchte ich, die Kreativität meines Sohnes zu fördern, wann auch immer sich die Gelegenheit dazu bot.
MICHELANGELO
Wir hörten irgendwann im Radio, dass der Regen aufgehört hat. Nicht, dass man es da, wo wir waren, gemerkt hätte. Es dauerte einen ganzen Tag, ehe es aufhörte, zu tropfen, und über eine Woche, ehe der Wasserstand wieder normal war. Aber wir konnten es wenigstens wieder wagen, raus zu gehen.
MEISTER SPLINTER
Der Schaden, den die Flut angerichtet hatte, war glücklicherweise geringer, als ich befürchtet hatte. Ich verlor jedoch das Gemälde, an dem ich gearbeitet hatte, und viele unserer Lichterketten waren ruiniert.
DONATELLO
Wir mussten Mikey ein neues Bett bauen und die meisten Lichter waren hinüber, doch die meisten Sachen mussten einfach nur trocknen. In einigen Räumen hatten wir noch wochenlang Pfützen.
RAPHAEL
Wir mussten das Klassenzimmer ausschöpfen. Leo schöpfte einen Eimer voll Wasser, gab ihn mir, ich gab ihn Splinter, der ihn Donny gab, der ihn Mike gab, der ihn in den Kanal vor dem Eingang auskippte. Dann ging der Eimer wieder zurück an Leo. Wieder und wieder. Es dauerte Stunden – stinklangweilig.
MICHELANGELO
Wir fingen an, jedes Lied mitzusingen, das sie im Radio spielten, nur um die Eintönigkeit ein bisschen aufzubrechen. Als dieser „Bye bye Miss America"-Song lief, haben wir's richtig vergeigt – zuviel Text. Wir fingen einfach an, uns selbst einen Text auszudenken, und haben uns dabei so kaputtgelacht, dass wir fast das Wasser verschüttet hätten, während wir den Eimer weiterreichten.
RAPHAEL
Wir hatten den Raum leer und fast trocken. Das nächste, was wir danach machen mussten, war die Lecks in der Decke zu stopfen.
MICHELANGELO
Der Tisch im Klassenzimmer war danach ziemlich verzogen, aber hey, egal. Wir konnten daran immer noch lernen.
LEONARDO
Die Sandsäcke brachten wir in einen anderen Raum weiter hinten in der Kanalisation, nur für den Fall, dass wir sie je wieder brauchen würden. Zum Glück kam es nie dazu.
DONATELLO
Es gibt ein paar menschliche Platitüden, die mir da einfallen. „Man kann sich an alles gewöhnen" und „Nach einer Weile wirst du alles vermissen" Beides ist wahr – wir haben uns an die Kanalisation gewöhnt, und auf gewisse Weise vermisse ich sie.
