7. Kapitel: Remus

This is how the world ends; not with a bang, but with a whimper. – T. S. Eliot

Die Zugfahrt hatte etwas überaus Deprimierendes an sich, das fand zumindest Sirius.

Harry und seine Freunde waren schweigsam, und während die Jungs Schach spielten, lasen Hermine und Ginny Zeitungen und Magazine und der Junge aus dem Ministerium (Neville, oder so, hieß er) war mit seiner Pflanze beschäftigt.

Zwischendurch war Harry einmal kurz auf der Toilette gegangen und hatte auf dem Rückweg offensichtlich einen Zusammenstoß mit diversen Slytherins, doch bei diesem Zwischenfall war Sirius nicht anwesend (Was hätte er immerhin davon gehabt Harry zur Toilette zu verfolgen? Er war ja schließlich nicht pervers oder so was!) und sein Patenkind hatte den Zwischenfall offensichtlich auch gut überstand.

Toll, einmal Action und ich versäume sie natürlich.

Die einzige amüsante Abwechslung während der Zugfahrt, stellte anscheinend Ginnys Liebesleben dar bzw. Rons Reaktion darauf.

Und damit habe ich offiziell meinen Tiefpunkt erreicht. Wenn James wüsste, dass ich das Liebeslieben einer Vierzehnjährigen als amüsante Abwechslung ansehe, würde er aus dem Lachen nicht mehr herauskommen.

Ihm fiel ein, dass er nun, da er tot war, vielleicht eine Möglichkeit hatte James und Lily zu sehen.

Daran hab ich noch gar nicht gedacht. Ich meine, sie sind offensichtlich keine Schutzengel geworden, sondern irgendwohin weitergegangen. Wohin auch immer. Aber zumindest Lily ist mit Sicherheit an einen guten Ort gekommen, davon kann mich keiner abbringen.

Aber könnte ich da überhaupt auch hin? Ich muss bei der nächsten Gelegenheit Jack oder Regie danach fragen….

Sirius verrannte sich sosehr in diesen Gedanken, dass er das Aussteigen fast versäumt hätte.

Am Bahnsteig wurde Harry gleich von einer ganzen Abordnung des Ordens des Phoenix erwartet: Moody, Tonks, Arthur und Molly sowie die Zwillinge, die früher im Jahr von Hogwarts geflohen waren und nun sehr zum Ärger ihrer Mutter keinen Schulabschluss besaßen, waren alle da und außerdem … Remus.

Sein Anblick alleine reichte aus um Sirius beinahe in Tränen ausbrechen zu lassen (allem Anschein nach konnten auch Schutzengeln weinen).

Remus war bleich, schien ein paar graue Strähnen mehr bekommen zu haben (was natürlich Sirius' Schuld war) und war schäbig wie immer gekleidet. Und er sah Sirius natürlich nicht.

Ich glaube nicht, dass ich das ertrage.

Wie soll ich das ertragen?

Oh, Moony, es tut mir so leid….Sirius hatte auf alles andere vergessen – auf Snape, auf Harry, den Bahnsteig, darauf, dass er ein Schutzengel war, auf den Gedanken an James und Lily. Für ihn gab es in diesen Augenblick , nur noch Remus Lupin, wie er da am Bahnsteig stand, eine sanfte Begrüßung aussprach, die natürlich nicht für Sirius bestimmt war und dann eines seiner traurigen Halblächeln aufsetzte, die Sirius schon wahnsinnig gemacht hatten, als sie beide noch auf Hogwarts gewesen waren.

Remus setzte sich in Bewegung und Sirius folgte ihm wie hypnotisiert und bekam nur am Rande mit, wie sich die ganze Gruppe mit den Dursleys unterhielt.

Er hielt sich zurück und starrte Remus an.

Die Gruppe begann sich aufzulösen – Harry ging mit den Dursleys, Hermine machte sich auf die Suche nach ihren Eltern, die Weasleys sammelten ihr Gepäck ein, Moody und Tonks mussten sich um irgendeine Auroren-Sache kümmern und Sirius blieb mit Remus alleine zurück.

„Oh, Moony, du weißt gar nicht, wie ich mich freue dich zu sehen. Und wie weh es zugleich tut. Ich wollte dich nicht schon wieder verlassen, das musst du mir glauben!"

Er sah Remus flehend an. „Ich hatte nicht vor durch den Schleier zu fallen. Ich hatte nicht vor mich mit Bella zu duellieren."

Er schüttelte den Kopf. „Und seit dem ist alles so verrückt. Du würdest es mir nicht glauben, wenn ich es dir erzählen würde. Aber ich hab dich vermisst. Unglaublich vermisst…."

Er seufzte und ging auf den Werwolf zu. „Und ich vermisse dich selbst jetzt noch", fügte er hinzu und versuchte Remus zu umarmen. Und glitt durch ihn hindurch.

Verzweiflung wallte in ihm auf, als es ihm dadurch schlagartig klar wurde. Er würde Remus nie wieder umarmen. Und auch sonst niemanden. Er war tot.

Er war wirklich tot, nicht mehr am Leben, er war gestorben. Und Remus war noch am Leben.

„Das ist so unfair", murmelte er, „Wieso gewinnen am Ende immer nur die Bösen?"

Er hatte sich in seinen ganzen Leben noch nie so einsam gefühlt, selbst in seinen schlimmsten Tagen in Askaban hatte er sich irgendwie aufrecht halten können, aber jetzt….

Sirius Black war niemand der in aller Öffentlichkeit Tränen vergoss, aber obwohl er sich gerade in aller Öffentlichkeit befand, konnte ihn doch auch niemand sehen. Und der Schmerz war zu groß um ihn noch länger zurückzuhalten.

Er drehte sich wieder zu Remus um. „Oh, Moony", flüsterte er nur. Was er ihm alles hätte sagen sollen als er noch Gelegenheit dazu hatte und was er ihm nun niemals würde sagen können….

Und wie war er aus dem Leben geschieden? Bitter und unausgesöhnt. Kein Wunder, dass man ihn zum Schutzengeldienst eingeteilt hatte, oder? Aber niemals mit Remus, bei ihm war er niemals bitter gewesen. Oder doch?

Und dann plötzlich passierte es. Remus blinzelte und dann sah er ihn. Sein Gesicht spiegelte Überraschung und Schrecken zugleich wieder, und eine Menge Unglauben. „Sirius?"

Er kann mich sehen, er kann mich wirklich sehen!

„Remus!" Sirius zitterte ein wenig. Was sollte er jetzt tun? Er konnte ihn sehen. Er musste es ihm sagen, musste ihm alles sagen. „Remus, ich…"

WUSCH!

Verdammt, Snape ich bring dich eigenhändig um! Hättest du nicht wenigstens noch ein paar Minuten warten können bis du mich brauchst?!

Doch Snape war weit und breit nirgends zu sehen, und er befand sich im jenseitigen Garten. Was ist passiert? Sirius war sich sicher, dass er die vier Tage, die auf der Erde sein konnte, nicht überschritten hatte.

Oder wurden die etwa irgendwie anders berechnet als er gedacht hatte? Waren jenseitige Tage von kürzerer Dauer als Tage auf der Erde?

Während er noch über dieses Rätsel nachdachte, wurde ihm klar, dass ihn jemand an seinem Arm hielt. Er sah sich um und erblickte Regulus, der ihn böse ansah.

„Ja, sag mal, spinnst du denn!?", herrschte ihn der jüngere Bruder an, „Hast du überhaupt kein Feingefühl?!" Irgendwie schienen sie dazu verdammt zu sein denselben Streit bis in alle Ewigkeit zu führen, ob sie nun lebendig oder tot waren. Aber diesmal schien es doch um etwas anderes zu gehen.

„Wie konntest du nur?!", fuhr Regulus wütend vor, „Als ob du nicht wüsstest, dass Lupin so und so schon schwer genug an deinen Verlust zu knabbern hat. Jetzt spielst du auch noch Geist und erscheinst ihn, oder wie?! Wer weiß, was passiert wäre, wenn ich dich nicht sofort von dort weggeholt hätte?!"

Jetzt war es an Sirius wütend zu werden. „Moment mal, das warst du?! Was fällt dir ein! Und nimm deinen Arm da weg!" Er riss sich wütend von seinem kleinen Bruder los.

„Du hattest kein Recht mich da wegzuholen, nicht in dieser Sekunde! Ich wollte ihm soviel sagen, und du kannst nicht einfach kommen und mich herumzerren wie es dir gefällt als wärst du Vater!!", schimpfte er weiter. Er zitterte, doch diesmal vor Wut.

„Das war ein besonderer Moment für uns. Er hat mich gesehen! Verstehst du, er hat mich gesehen!!" Sirius funkelte seinen Bruder wütend an. Es war doch wirklich nicht zu glauben!

„Natürlich hat er dich gesehen! Was glaubst du denn, warum ich wie ein Besessener zur Erde bin?! Lupin hat Qualen gelitten, die du dir nicht einmal ansatzweise vorstellen kannst! Und alles nur, weil du dich nicht zusammenreißen konntest! Was hast du dort überhaupt gemacht?! Wieso warst du nicht bei deinem eigenen Schützling?!", schleuderte Regulus hitzig zurück.

„Ich hatte besseres zu tun! Und er hat geschlafen! Was kann ihm da schon zustoßen?!", schrie Sirius zurück, „Und was heißt hier, ich kann mir seine Qualen nicht vorstellen?! Ich wollte Remus sehen um seine Qualen zu lindern!"

„Unsinn! Du wolltest ihn sehen um deine Qualen zu lindern! Denn für Sirius Black gibt es immer nur Sirius Black und sonst niemanden! Das war schon immer so! Was denkst du denn, wieso du hier bist?!"

„Ich bin hier, weil ich tot bin, verdammt!"

Sirius verstummte und verspürte wieder die Verzweiflung, diese grässliche Verzweiflung, die sich seiner bemächtigt hatte bevor Remus ihn gesehen hatte.

„Sag mal, weinst du?", fiel Regulus plötzlich ein, „Oh, ich bin bösartig, nicht wahr? Vergiss es, Siri, es tut mir leid." Auf einmal wirkte er sehr jung und zugleich auch sehr fürsorglich.

„Ich wusste nicht, dass er da sein würde. Ich wollte ihn doch nur sehen", murmelte Sirius, „Aber das ist alles, was ich von jetzt an tun kann. Ihn sehen. Die Welt sehen."

Schweigen trat ein.

„Du glaubst mir das jetzt wahrscheinlich nicht, aber irgendwann wird es besser. Mit der Zeit wirst du dich daran gewöhnen", meinte Regulus dann, „Und dann wird es nicht mehr so weh tun. Denkst du etwa, ich hätte keine geliebten Menschen zurückgelassen? Denkst du etwa, ich hätte mich nicht danach verzehrt sie wieder zu sehen? Den Klang ihrer Stimme noch einmal hören zu können? Sie noch einmal umarmen zu können?"

Sirius sah ihn an und fühlte sich elend. „Wer war sie denn?", wollte er wissen, weil er wusste, dass sein Bruder von jemand bestimmten sprach.

„Das ist unwichtig. Wichtig ist, dass ich sie nicht sehen konnte. Dass ich nicht mit ihr sprechen konnte. Dass es falsch gewesen wäre zu ihr zu gehen", erwiderte Regulus.

„Aber warum?", wollte der Ältere verzweifelt wissen.

„Weil es mir nur wehgetan hätte, und ihr noch mehr als mir. Geh nicht mehr zu ihm, Sirius, bitte. Ihr könnt das beide nicht ertragen. Gib ihm ein wenig Zeit, und gib auch dir ein wenig Zeit. Denn Sirius, du bist tot und nichts kann dich in seine Welt zurückbringen."

A/N: Nach langer langer Zeit mal wieder ein neues Kapitel.

Dieses Kapitel war mir wichtig und ich hoffe, dass es auch die Slash-Hasser unter euch ertragen können (und ich meine: es ist einfach nur Liebe, oder? Ist ja nicht so dass ich etwas graphisches beschrieben hätte).

Nun ja, bis jetzt hat Sirius sich der Tatsache, was es wirklich bedeutet tot zu sein, noch nicht wirklich stellen müssen, aber nun ist es ihm klar geworden. Das war schmerzhaft, aber ist vielleicht auch der Beginn der Heilung (oder auch nicht).

Im nächsten Kapitel beginnt der gute Sirius endlich seinen Job als Snapes Schutzengel oder versucht es zumindest….

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