Kapitel 8

Einer der wenigen Lichtblicke für Neroon in der Kriegerakademie von Sikar waren die ausgedehnten Mittagspausen, die den endlosen Unterricht in den Hörsälen in erträgliche Einheiten zerteilten. Arestenn und Kindell drückten ihre Erleichterung über diese Unterbrechung jeden Tag aufs Neue durch unerbittliche Wettläufe zur Mensa aus – und rannten jeden um, der sich ihnen in den Weg zu stellen wagte. Oder schlicht und ergreifend nicht schnell genug zur Seite sprang.

Anfangs war Neroon den beiden noch hinterher gelaufen, hatte sich stellvertretend für seine Freunde bei den Angerempelten entschuldigt, aber mittlerweile schüttelte er nur noch den Kopf, wenn er seine Freunde davon stürmen sah. So sehr er die beiden auch mochte: sie waren in vielerlei Hinsicht extrem albern. Aber wenigstens hielten sie ihm immer einen Platz frei…

„Rate, was es heute gibt!", rief Arestenn ihm quer durch den Raum zu, kaum dass er den Speisesaal betreten hatte.

Er schüttelte nur erneut den Kopf und brach beinahe in Verzweiflung aus, als er schließlich sein Essenstablett in Händen hielt: Flarn. Seufzend verließ er die Schlange bei der Essensausgabe und ging zu dem Tisch hinüber, wo Kindell und Arestenn einen Platz für ihn freigehalten hatten. Mit mehr Schwung als beabsichtigt ließ er das Tablett auf die Tischplatte fallen und setzte sich. „Womit bewiesen wäre: es gibt keine Götter." Er nahm den Nachtisch und schob den Rest angewidert von sich.

„Was habt ihr gegen Flarn?", fragte Kindell mit vollem Mund.

„Eine ganze Menge…" antwortete Arestenn und vollendete ihre Stufenpyramide aus den grünen Flarnstücken.

„Ihr seid echt die Einzigen, die ich kenne, die das nicht mögen!"

„Ist eine lange Geschichte…" begann Neroon und kratzte den Rest Merhan-Pudding aus der Schüssel.

„… und eine eklige dazu…", fuhr Arestenn fort.

„Zweiter oder dritter Hort?" fragte Neroon seine Sitznachbarin und begutachtete die Pyramide.

„Zweiter." Dann schaute sie Kindell tief in die Augen: „Stell dir vor: kleine, unschuldige Kinder in einem Hort, nichts ahnend, hungrig."

„Und der Koch wurde krank." Neroon grinste grimmig und schnippte den obersten „Baustein" der Pyramide mit dem Finger ans andere Tischende, wo Lakira saß.

„Auf jeden Fall übernahm eine Erzieherin die Küche und bereitete das Mittagessen." Arestenn kicherte über Lakira, die sich über das fliegende Flarnstück wunderte.

„…zur Verteidigung der armen Frau musst du wissen, dass der Koch unseres Horts nie auch nur eine Vorratsdose beschriftete und nach einem nicht nachvollziehbaren Prinzip ordnete."

„… wie dem auch sei: Backstärke und Zucker ergeben KEIN Flarn, wie es der Rest der Bevölkerung kennt."

„Es war immerhin grün. Und es war eklig. Wer es nicht sofort wieder ausspuckte, war tagelang krank mit Magenschmerzen."

„Nun waren aber unsere anderen Erzieher der Ansicht, dass wir uns nur anstellen würden und zwangen uns, das Zeug zu essen." Arestenn zuckte in Lakiras Richtung entschuldigend mit den Schultern und deutete verstohlen auf Neroon.

„… und jetzt weißt du, warum wir nie wieder freiwillig Flarn essen werden. Isst du deinen Pudding noch?" fragte Neroon Kindell und lächelte Lakira freundlich zu, die mit einem Löffel nach ihm warf, jedoch nur Mallon traf.

Bevor es zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung kommen konnte, betrat ein älterer Student den Esssaal und verkündete lautstark: „POST! Ich rufe auf: Delar, Zennier, Arestenn, Marven, Neroon…"

Die Aufgerufenen stürmten nach vorn und setzten sich mit ihren Briefen wieder auf ihre Plätze. Neroon drehte den Briefumschlag einige Male hin und her, bevor er ihn schließlich öffnete. Eigentlich hatte er mit keiner Antwort gerechnet, wenn auch gehofft…

Sei mir gegrüßt, sturer Krieger,

bis heute dachte ich ja, es gäbe keine schwierigeren Patienten als die Mitglieder Deiner Kaste, aber ich wurde eines Besseren belehrt. Die Aleia-Grippe ist hier in Yedor wieder aufgetaucht – in Form von einigen erkrankten Diplomaten. Und wohin wurden sie geschickt? Genau: zu unserem Tempelhospital.

Besonders der Centauri-Botschafter strengt uns alle an. Husten, Schnupfen, Fieber, nichts hält ihn davon ab, uns ständig durch die Gegend zu scheuchen. Das Essen ist zu fad, das Bett zu schräg (dabei haben wir die Betten schon für die Außerirdischen in die Horizontale gedreht, auch wenn sich alles in mir dagegen sträubte), der Tee zu kalt, die Decken zu warm… Ein Quell ewiger Nörgelei. Ach ja, natürlich wollte er auch nicht im gleichen Krankensaal mit dem Narn-Botschafter liegen, aber mein Mentor Dalak schaffte es, ihm das auszureden. Ich habe ihn noch nie so laut werden hören, wirklich!

Die anderen Botschafter sind auch recht … schwierig. Aber es ist spannend, diese Außerirdischen untersuchen zu dürfen! Ich glaube, wenn ich mit dem Studium fertig bin, werde ich versuchen, auf einem Raumschiff unterzukommen. Dort werde ich noch am ehesten Fremde untersuchen können.

Und bevor Du wieder stichelst: ich HABE die Prüfung bestanden! Und zwei weitere wichtige seitdem auch. Allerdings ist es mir noch nicht gelungen, dem Weihrauch fern zu bleiben, ich gebe Dir also die zwei weiteren Zyklen für den Reitausflug.

Ich erinnere mich an Arestenn. Sie brachte ja genug Unruhe in Euren Saal. Dass sie andere in Angst und Schrecken versetzt wundert mich ehrlich gesagt nicht. Wahrscheinlich kann sie genauso schlecht still sitzen wie Du, kein Zufall, dass ihr Freunde seid.

Wenn ich das richtig sehe, müsstet Ihr mittlerweile in Sikar sein, wie läuft es mit der Theorie?

Ich muss mich jetzt weiter um meine Theorie kümmern,

Zareen"

„Warte die Zeit ab!", fluchte Neroon und hielt sich Arestenn nur mit Mühe vom Leib.

„Niemand liest so langsam wie du, ehrlich! Gib schon her, die interessanten Passagen werde ich dir vorlesen!" Wieder schnappte Arestenn nach dem Brief und griff ins Leere.

„Ich könnte schneller lesen, wenn ich nicht ständig von dir gestört werden würde! Außerdem; was willst du mit MEINEM Brief? Du hast doch selbst Post bekommen!"

„Tauschen. Ab Seite vier wird MEIN Brief für dich interessant."

„Ab Seite… was schreibt ihr euch eigentlich? Ich dachte, du und Lendier…"

„Unerheblich. Die Testergebnisse sind da."

Wortlos händigte Neroon seinen Brief aus und blätterte sich durch die eng beschriebenen Seiten des Briefes von Arestenns Exfreund. Je weiter er las, desto blasser wurde er. Letztendlich war es Neroon in Yedor doch noch gelungen, ein kleines Bruchstück des Tempels zu finden und Lendier zur Untersuchung einzureichen. Die Ergebnisse bestätigten seine schlimmsten Befürchtungen.

„Was heißt hier ‚in Angst und Schrecken versetzen'? Was… alles in Ordnung?" Arestenn hatte ihren Freund seit Kinderzeiten selten so derart ernst gesehen.

Neroon schüttelte den Kopf. „Nein. Nichts ist in Ordnung." Dann nahm er die Seite mit den Testresultaten aus dem Brief heraus und reichte ihr den Rest zurück. „Wenn dich jemand fragt, du hast nie etwas von dieser Sache gehört. Weder du noch Lendier." Eilig stand er vom Tisch auf und verschwand ins Freie. Er brauchte frische Luft und Ruhe um alles zu verarbeiten. Ziellos wanderte er auf dem Campus von Sikar umher, bis es dunkel wurde. Wenn das, was er nun schwarz auf weiß unter seinem Mantel verborgen hielt, der Wahrheit entspräche, waren alle, die davon etwas mitbekamen in Schwierigkeiten. Großen Schwierigkeiten. An wen sollte er sich jetzt wenden? Konnte er sich überhaupt an jemanden wenden? Oder würde er damit alles nur noch schlimmer machen?

Am Ende des weitläufigen Parks, der zum Campusgelände gehörte, setzte er sich auf eine Mauer und starrte in den Nachthimmel. Man hatte ihn von klein auf gelehrt, sich an den Sternen zu orientieren, auch wenn das kaum noch nötig war in der hochtechnisierten Welt der Minbari. Oder war es doch mehr eine Form von Philosophie? Aber wie konnten die Sterne ihm einen Weg aufzeigen, mit seinem Wissen umzugehen? Sein Leben zu ordnen?

Zur gleichen Zeit hatte Zareen völlig andere Schwierigkeiten.

„Was soll das heißen? Unterstellst du mir etwa, dir deinen Stift gestohlen zu haben?" empörte sich Valur und stemmte ihre Fäuste in die Hüften.

„Nicht gestohlen! Nur… weißt du, wie unordentlich es hier ist? Vielleicht hast du ihn gefunden und benutzt, ohne Absicht…" Eine schwache Verteidigung, wenn auch halbwegs der Wahrheit entsprechend. Tatsächlich vermisste Zareen den Füller, den Dalak ihr zu ihrem zwanzigsten Geburtstag geschenkt hatte, schon einige Monate. Aber wer erwischt wird, während er in den Sachen von anderen rumwühlt, nutzt jede nur halbwegs glaubwürdige Ausrede. Und sie konnte wohl kaum zugeben, dass sie immer noch nach dem Saboteur suchte, der vor fast einem Zyklus die Genesung der Krieger verzögerte, in dem er Medikamente falsch dosierte oder gar nicht gegeben hatte.

„Was ist denn an diesem Füller so wichtig, dass du nicht warten kannst, bis ich hier bin und selbst meinen Schrank durchsuche?"

„Melenns Vorlesung in fünfzehn Minuten…" DAS war nun wirklich eine Lüge. Aber was sollte sie tun?

Valur verdrehte die Augen und kniete sich vor ihren Schrank, zog alle Kleidung, Bücher und ihre sonstigen Besitztümer heraus und wühlte darin herum. „Du hast ja Recht, wir sind nicht gerade ordentlich. Trotzdem solltest du wissen, dass ich es nicht schätze, was du getan hast."

Zareen lief dunkelrot an. Valur hatte ihr nie etwas getan. Im Gegensatz zu den anderen Studenten war sie es, die sie immer fragte, ob sie an irgendwelchen Freizeitangeboten teilnehmen wollte, auch wenn die Antwort von vornherein feststand. „Es tut mir Leid. Wenn du mir vielleicht sonst einen Stift leihen könntest…"

„Bitte?" Valur stutzte, dann lachte sie laut auf. „Jetzt sag nicht, du hast alle deine Stifte verschlampt?"

Hatte sie nicht. Statt zu antworten, schaute Zareen nur beschämt zu Boden.

„Als nicht gewählte Oberste dieses Schlafsaals ordne ich an, dass heute Abend alle aufräumen! Und deine Stifte suchen!" Damit reichte Valur Zareen einen etwas angeknabberten Stift aus ihrer Robe und schob sie zur Tür hinaus: „Lauf, sonst kommst du zu spät zu deiner Vorlesung!"

Zareen wäre vor Scham am Liebsten im Boden versunken. So konnte das nicht weiter gehen. Statt zur Vorlesung ging sie direkt in Dalaks Büro.

TBC

A/N: Ja, ja, ich weiß: Essensschlachten und Minbari verbindet man nicht unbedingt miteinander. Aber mal ehrlich: sollte man einem Volk, dessen Mitglieder ein Jahr in ihrem Leben dem Studium des Lachens widmen, nicht doch etwas mehr Humor zutrauen? Fliegender Flarn war mir einfach ein Befürfnis! Punkt! *gnigger*