Das Schloss lag verlassen. Seit Dumbledores Tod hatte kein Unterricht hinter den alten Schlossmauern stattgefunden und die ehemaligen Schulräume waren still und unbewohnt. Wie lange war es her, dass ein Zauberer das letzte Mal das Gelände betreten hatte?

Die Schutzzauber waren aufgehoben. Niemand mehr hier, den es zu schützen galt. Für Hermine war es ein Leichtes durch das große Schlosstor zu treten. Niemand hielt sie auf, kein Bann hielt sie zurück. Die Gänge waren schmutzig. Bei jedem ihrer Schritte wirbelte Staub auf. Kein Lachen, kein fröhliches Plappern, keine Schüler, die es eilig hatten in den Unterricht zu kommen. Früher hatte Hermine der Lärm gestört, jetzt sehnte sie sich in der kalten Stille nach einem einzigen Laut. Selbst die Gemälde, die einst das Schloss geschmückt hatten, waren leer. Eine trostlose Leere befiel Hermine, als sie durch die vielen Gänge hinunter in die Kerker lief und auf dem Weg dorthin immer schneller wurde.

Die Tür stand offen. Als Snape noch hier lebte wäre das nie passiert. Er hatte immer streng darauf geachtet, dass kein Schüler in das Innere seiner Privaträume spähen konnte. Wie viel Überwindung musste es ihn gekostet haben, Hermine hier hereinzulassen?

Sie stutzte, als sie eintrat und ihr Blick auf den Kamin fiel. Die Glut glühte noch ganz schwach und über dem Sessel hing eine schwarze Robe. Snape musste hier gewesen sein, oder war es vielleicht noch. Hastig sah sie sich in seinen Räumen um, blickte auf den Gang, aber sie hatte ihn verpasst.

Die Schmuckdose. Sie riss die Schreibtischschublade auf und hielt das Kästchen in den Händen. Die fliegende Taube mit dem goldenen Ring am Bein. Auf das Kästchen war Kerzenwachs getropft. Fast hatte es nun den Anschein, als weine die Taube.

Hermine strich sanft über den Deckel. Das Wachs war noch weich. Er hatte das Kästchen also in den Händen gehalten. Die Scharniere des Holzdöschen quietschen ein wenig. Hermine nahm den schlichten Platinring in die Hand, betrachtete ihn lange. Die Gravur auf der Innenseite des Rings fiel ihr erst nach einer Weile auf: columba candida, corvus ater – weiße Taube, schwarzer Rabe. Sie hatten sich geliebt.

Ihr Blick fiel auf ein kleines, zusammengefaltetes Papier auf dem Boden des Kästchens. Auf der Vorderseite stand in zittriger Schrift ihr Name. Die Tinte war noch nicht ganz getrocknet. Den Ring beiseite legend griff sie nach dem Papier und faltete es vorsichtig auseinander.

Liebe Hermine,

Wenn du diesen Brief liest, erinnerst du dich vermutlich an das, was ich dir verschwiegen habe. Ich weiß, es hätte dir nur noch mehr wehgetan, mit mir verlobt zu sein. Wenn es nach mir ginge, hättest du es wohl nie erfahren, aber die Erinnerungen sind ein Teil von dir und das müssen wir beide akzeptieren.

Ich liebe dich, auch wenn du mir das jetzt nicht glaubst. Ich wäre gern dein Mann geworden, aber die Umstände erlauben es nicht. Ich habe dir so viel Unrecht getan, dass es sich nicht mehr in Worte fassen lässt und keine Entschuldigung es je wieder gut zu machen weiß.

Vielleicht ist es dir eine Hilfe, dass ich in Askaban für das büßen werde, was ich getan habe. Glaub mir, ich hasse mich selbst mehr für alles was passiert ist, als du es jemals tun wirst. Ich möchte dich um Vergebung bitten, aber ich weiß, dass ich kein Recht habe, das zu tun. Ich hoffe, dass du die Kraft haben wirst, das alles hinter dich zu bringen.

Severus