Disclaimer:
Ich bin zurück und noch immer gehört mir kein bisschen von Harry Potter. (Das Scheitern einer langwierigen und ausgeklügelten Verhandlungsstrategie bestehend aus den Worten „Biiitte, Joanne...")
Schatten der Wahl
9. Einsicht
Draco kniete vor der Feuerstelle und hoffte inständig, dass sein Vater wirklich tief und fest schlief, wie seine Mutter gesagt hatte. Er warf noch einen nervösen Blick über die Schulter, bevor er den Kopf in die Flammen steckte. Das Glück war mit ihm, sein Pate war anwesend. Er ließ sein Buch sinken und hob fragend eine Augenbraue, als er Draco sah.
„Draco."
„Onkel Sev." Draco hielt nervös inne und lauschte. Hinter ihm war alles ruhig.
„Ich muss mit dir reden."
Sein Pate runzelte besorgt die Stirn. „Worum geht es?"
„Nicht über Floo." Draco zögerte einen Moment. „Kannst du zu uns kommen? Aber Vater darf nicht wissen, dass ich dich gerufen habe. Es ist sehr wichtig."
Das Stirnrunzeln verstärkte sich.
„Es ist ungewöhnlich für mich, uneingeladen zu kommen, Draco. Ich denke nicht, dass es ratsam ist."
Draco warf seinem Paten einen flehentlichen Blick zu. „Bitte, Onkel Sev, ich brauche deine Hilfe! Ich weiß nicht, an wen ich mich sonst wenden soll. Ich erkläre dir alles, wenn du hier bist, nur nicht über Floo."
Der Mann ihm gegenüber seufzte. „Also gut. Ich komme morgen Früh vorbei. Ich hoffe für dich, es ist wirklich wichtig."
Draco lächelte erleichtert. „Glaub mir, Severus, das ist es. Danke." Er zog seinen Kopf aus dem Feuer zurück und verließ hastig das Studierzimmer seines Vaters. Man sollte sein Glück nicht mehr auf die Probe stellen, als notwendig.
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Dracos Bitte beunruhigte Snape. Er wusste, Lucius war kein sehr liebevoller Vater. Er war distanziert und unversöhnlich, aber er war nicht bösartig. Normalerweise. Wenn Draco es für nötig hielt, ihn um Hilfe zu bitten, musste etwas wirklich Ungewöhnliches vorgefallen sein.
Snape strich seine Robe glatt und schulte seine Gesichtszüge in den Ausdruck kühler Indifferenz, in dem er so geübt war. Das Problem war, er war nicht sicher, dass er Draco helfen konnte. Er war immer für Draco da, wenn der Junge Probleme hatte, über die er mit seinen Eltern nicht reden konnte. Aber sein Gefühl sagte ihm, diesmal ging es um mehr als nur reden. Was immer Snape von Lucius' Erziehungsmethoden hielt, der Mann war nun einmal Dracos Vater. Er hatte bisher nie etwas getan, wozu er nicht das Recht hatte. Selbst wenn, er stand in der Gunst des Dunklen Lords höher als Snape, es wäre sehr unklug, ihn herauszufordern. Selbst für das Wohl seines Patensohns. Snape seufzte und warf eine Handvoll Floopulver ins Feuer. Er würde sein Möglichstes versuchen, das war alles was er tun konnte.
„Severus!" Narcissa wirkte müde. Sie hatte Schatten unter den Augen. Es war ein besorgniserregender Anblick bei einer Frau, die normalerweise so kontrolliert war. Selbst jetzt war sie noch eine der schönsten Frauen, die Snape je getroffen hatte, ohne Zweifel. Er nickte ihr zu.
„Wie geht es dir, Narcissa? Ich habe zuviel Zeit, jetzt, wo die Schüler weg sind. Ich hoffe, ich komme nicht ungelegen?"
„Nein, ganz und gar nicht." Ihr nervöser Blick betrog sie. „Du weißt doch, wie sehr ich deine Besuche schätze. Es geht mir gut. Es ist nicht so ruhig hier, jetzt wo Draco daheim ist. Wir wollten gerade frühstücken. Warum leistest du uns nicht Gesellschaft?"
„Es ist mir eine Freude."
Snape begleitete sie in den Speisesaal, wo Lucius bereits auf sie wartete. Er wirkte wie immer. Als er Snape sah, war er überrascht, jedoch nicht so überrascht, wie Snape gedacht hatte.
„Wir haben Besuch, Liebling?"
„Severus ist gerade gekommen, also habe ich ihn eingeladen, mit uns zu essen."
Narcissa hatte ihre gewöhnliche Ruhe wieder gefunden, oder vielleicht war es nur Übung.
„Bist du das Essen leid, was deine Hauselfen in Hogwarts dir servieren, Cousin?", meinte Lucius amüsiert. „Du bist wie immer willkommen. Bitte, setz dich."
Snape verzog leicht das Gesicht. „Eigentlich bin ich nur hier, um Draco zu sehen. Wie du weißt stehe ich früh auf." Zu den wenigen Dingen, die seine Großmutter, eine italienische Hexe, seiner Familie hinterlassen hatte, gehörten ihre Essgewohnheiten. Snape trank normalerweise nur einen starken Kaffee zum Frühstück und aß später eine Kleinigkeit. Das traditionelle englische Frühstück, das die Malfoys aßen, hatte ihn nie begeistern können, wie Lucius sehr wohl wusste.
„Du solltest zumindest die Bohnen probieren, Severus. Es kann nicht gesund sein, den Tag ohne ein gutes Essen zu beginnen. Setz dich und erzähl mir, was der alte Narr und seine Schosshunde im Ministerium treiben. Es gibt nichts Besseres am Morgen als eine anregende Unterhaltung."
Snape setzte sich und füllte widerstrebend seinen Teller. Er umging die Bohnen und blieb bei Tomaten und Ei. Dabei beobachtete er Lucius nachdenklich. Es war merkwürdig, dass Lucius nicht nach dem Grund seines Besuches fragte. Es kam selten vor, dass er etwas so Ungewöhnliches einfach überging. Aber offensichtlich war Lucius so guter Laune, dass er es einfach ignorierte, um seine Gesellschaft zu genießen. Snape unterdrückte ein zynisches Grinsen. Fürwahr.
Draco erschien wenig später und Snape gratulierte dem Jungen im Stillen zu seinen schauspielerischen Fähigkeiten. Er wirkte überzeugend überrascht, ihn zu sehen. Das folgende Essen verlief ungewöhnlich normal. Normal in dem Sinn, dass jeder am Tisch so tat, als wäre alles gewöhnlich. Lucius akzeptierte Snapes fadenscheinige Erklärung für Snapes Besuch ohne weiteres. Allein das wäre genug gewesen, um Snapes Argwohn zu erwecken. Er verwickelte Lucius schnell in ein Gespräch über Politik, ein Thema, das er nur mit Lucius wirklich genoss.
Für Lucius war Politik wie ein Spiel. Ein Kriegsspiel, in dem es keine Tabus gab. Es gab einem langweiligen Gegenstand eine faszinierende Note. Snape hatte im Stillen gehofft, ein politischer Erfolg wäre der Grund für Lucius' gehobene Stimmung, aber das war nicht der Fall. Nichts besonderes, nur die gewöhnlichen Intrigen. Es gab nicht viele Dinge, die Lucius in wirklich gute Laune versetzten, und er war geradezu euphorisch. Angesichts dessen, dass der Dunkle Lord keine neuen Unternehmungen angekündigt hatte, blieben nicht viele Gründe übrig. Snape musterte Draco und Narcissa unauffällig. Narcissa hatte sich gefangen und war höflich und distanziert wie immer. Die wenigen Kommentare, die sie von sich gab, passten perfekt zu der Rolle der unkritischen Ehefrau, die sie spielte. Nach all den Jahren sollte sie wissen, dass das ihm gegenüber nicht nötig war. Aber vielleicht suchte sie nur Zuflucht in einem geübten Verhalten? Draco starrte die meiste Zeit auf seinen Teller und sah nicht einmal zu Lucius.
„So... Wo ist dieser studiose Neffe von dir?", fragte Snape, als sich das Essen dem Ende näherte. Die Frage bewegte ihn seit seiner Ankunft. Aus ihrem Gespräch bei seinem letzten Besuch hatte er geschlossen, dass der Junge die Ferien bei den Malfoys verbrachte.
Narcissa zuckte kaum merklich zusammen und Draco erstarrte für einen Moment. Nur Lucius zeigte keine Reaktion.
„Er besucht ein paar alte Freunde in Sussex.", antwortete er lächelnd. „Sie haben ihn gebeten, einige Tage vorbeizukommen."
„Ich verstehe. Ich hatte gedacht, er verbringt die Ferien hier."
„Das ist richtig. Tatsächlich haben wir ihn aufgenommen, da seine letzten Verwandten diesen Sommer bei einem Unglück ums Leben gekommen sind."
„Verwandte von Agrippinillas Ehemann?", fragte Snape, mäßig interessiert.
Lucius nickte mit offenkundigem Widerwillen. „Leider."
„Du sagtest, er ist nicht der Sohn dieses Muggels?"
„Nein, sein Vater ist reinblütig, das lässt sich aus den Tests erschließen. Offensichtlich hatte meine Schwester eine Affäre, auch wenn wir nicht wissen, mit wem. Die Muggel wussten natürlich nichts davon."
„Es ist großzügig von dir, ihn aufzunehmen."
Lucius zuckte mit den Schultern.
„Es besteht kein Grund, den Sohn für die Fehler seiner Mutter zu bestrafen. Er ist intelligent und noch jung. Er braucht nur eine gute Umgebung."
Snape bemerkte, dass Narcissa und Draco beide auf den Tisch starrten, den die Hauselfen schon abgeräumt hatten. Etwas stimmte nicht, und sein Verdacht verstärkte sich, dass es etwas mit diesem Neffen zu tun hatte. Lucius stand auf.
„Ich bin in meinem Studierzimmer, wenn du noch mit mir reden willst, Severus. Ansonsten wünsche ich dir noch einen angenehmen Tag. Schön, dass du vorbeigekommen bist."
„Danke, Lucius."
Snape sah Lucius nach, als er den Raum verließ.
„Ich würde mich gern ein wenig mit meinem Patensohn unterhalten.", sagte er dann.
Narcissa lächelte ihm zu und nickte. „Dann gehe ich nach oben. Auf bald, Severus."
Snape nickte ihr nur zu.
Als sie gegangen war, warf Draco ihm einen nervösen Blick zu. „Vielleicht sollten wir in die Bibliothek gehen. Ich erinnere mich, das Buch gesehen zu haben, das du letztens erwähnt hast.", sagte er mit einem nervösen Blick zu den Porträts.
Snape nickte und folgte ihm. In der Bibliothek schloss er sorgfältig die Tür hinter sich. Draco suchte in den Regalen und nahm schließlich ein Buch in die Hand. Er war offensichtlich nervös.
„Also, ich bin hier.", sagte Snape ein wenig ungeduldig. „Worüber wolltest du mit mir reden? Sicher nicht über dieses Tränkebuch, das habe ich bereits gelesen."
Draco wich seinem Blick aus. „Nein..."Der Junge atmete tief durch. „Als meine Eltern heirateten machten sie dich zum Paten ihrer Kinder, richtig? Deshalb würdest du mir helfen, wenn ich in Gefahr wäre." Sein Blick war eine Mischung aus Furcht und Verzweiflung.
Snape erstarrte. Er hoffte, dass es nicht hieß, was er dachte. „Natürlich.", antwortete er, auch wenn er alles andere als sicher war. „Bist du es?"
Draco drehte das Buch nervös in den Händen. „Nicht direkt. Es geht nicht um mich, es geht um..." Er hielt inne.
„Es geht um deinen Cousin, Tigris, habe ich recht?", vermutete Snape. „Wo ist er wirklich?"
Draco starrte ihn an und schluckte. „Ja und nein. Du musst etwas wissen, aber du musst mir versprechen, es niemandem zu erzählen, wirklich niemandem."
Snape runzelte die Stirn. „Draco..."
„Bitte?"
Der flehentliche Tonfall bewegte etwas in ihm. „Also gut, ich verspreche es. Aber Draco..."
„Bitte hör mir zu. Tigris ist nicht mein Cousin. Er ist mein Bruder."
Snape starrte ihn schockiert an. „Draco, das ist nicht möglich."
„Ich kann es jetzt nicht erklären, aber es ist wahr.", flüsterte Draco mit einem panischen Blick zur Tür. „Das heißt, du bist auch sein Pate, richtig?"
Snape nickte zögernd.
„Also musst du ihm helfen. Du musst! Vater hat..."
Die Tür flog auf. Draco fuhr einen Schritt zurück und erbleichte.
„Kann ich einen Moment mit dir reden, Severus?"
Lucius
wirkte ruhig, aber allein sein Blick reichte aus, um Draco
zusammenzucken zu lassen.
Er
lächelte Draco zu. „Warte hier auf uns, Junge."
Draco schluckte und senkte seinen Kopf. „Ja, Vater."
„Bitte, Severus."
Snape wusste, es war keine Bitte. Er folgte Lucius hinunter ins Studierzimmer.
„Draco ist in letzter Zeit ein wenig überspannt.", sagte Lucius auf dem Weg nach unten. „Kümmere dich nicht darum, was er gesagt hat, es ist nur das Gerede eines gestressten Teenagers."
Snape fand es lächerlich, dass Lucius überhaupt etwas sagte. Offensichtlich hatte er ihr Gespräch mitgehört, wie auch immer. Dachte er wirklich, dass er ihm eine so offensichtliche Lüge abnahm? Er hatte Dracos Worte zunächst nicht geglaubt, aber Lucius Verhalten überzeugte ihn davon, das etwas Wahres daran war. Der Junge, Tigris, war Dracos Bruder. Ein Halbbruder vielleicht? Das würde Sinn machen. Aber warum glaubte Draco, dass er sich in Gefahr befand? Offenbar hatte es etwas mit Lucius zu tun. Er hatte eine schreckliche Befürchtung.
„Wo ist dein Neffe?", fragte er kühl.
Lucius lächelte ihm zu. „Das sagte ich doch schon, bei Freunden."
„Du erwartest doch wohl nicht, dass ich dir glaube."
„Ah, aber das tue ich.", entgegnete Lucius in einem viel zu freundlichen Tonfall.
Snape reagierte zu spät, als er den Zauberstab in Lucius' Hand sah.
„Nonattinet ingenium.", flüsterte Lucius, bevor Snape auch nur seinen Stab heben konnte.
„Es ist vielleicht das Beste, wenn du jetzt gehst."
„Ja, du hast recht.", hörte Snape sich antworten.
„Dieses Gespräch heute ist vollkommen unwichtig. Es lohnt sich nicht, mit irgendjemandem darüber zu reden. Am besten vergisst du es, sobald du gegangen bist."
„Völlig richtig." Snape versuchte, gegen den Zauber anzukämpfen, aber ohne Erfolg. Es war, als wäre er in einem zähen Nebel gefangen.
Lucius lächelte. „Auf bald, Cousin."
„Auf bald, Lucius." Snape war danach, vor Wut zu schreien, aber stattdessen griff er nur nach etwas Floopulver und trat in das Feuer.
„Hogwarts, Snape Wohnung."
Das letzte, was er sah, war, wie Lucius sich abwandte und sein ruhiges Gesicht sich vor Zorn verzerrte. Aber das war nicht wichtig. Als er das Feuer verließ fragte er sich, warum er überhaupt zum Malfoy Herrenhaus gegangen war. Schließlich hatte er noch Papiere zu erledigen. Etwas sagte ihm, dass das falsch war, dass da etwas Wichtiges war, um das er sich kümmern sollte, aber er tat es als albern ab.
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„So...", zischte sein Vater. „Du verrätst uns."
Die Verzweiflung schlug über Draco zusammen.
„Du bringst ihn um! Du musst aufhören, bitte! Er ist dein Sohn!"
„Soviel Besorgnis, wie nobel.", spie sein Vater. Seine Augen hatten einen kalten Glanz, der Draco in Panik versetzte. Er hatte seinen Vater noch niemals so außer sich erlebt. „Du wirst noch zu einem Gryffindor. Da du so besorgt um deinen Bruder bist, warum kommst du nicht und leistest ihm Gesellschaft?"
„Nein!" Draco wich entsetzt zurück, aber sein Vater war schneller. Er packte Dracos Arm.
„Oh ja!"
Draco war so paralysiert, dass er nicht einmal dagegen ankämpfte, als sein Vater ihn mit sich zog.
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Narcissa kam die Treppe hinunter, aber Draco war nirgendwo zu sehen. Ein lähmendes Gefühl machte sich in ihr breit. Sie schnippte mit den Fingern und eine Hauselfe tauchte auf.
„Wo ist Master Draco?", schnappte sie.
Die Augen der Kreatur weiteten sich ängstlich. „Mino kann nicht sagen, Misses. Master Lucius sehr wütend." Die Augen weiteten sich noch mehr. „Schlechter, schlechter Mino."Die Elfe schlug ihren Kopf gegen den Boden und verschwand.
„Nein.", flüsterte sie. Ihre Ahnung bestätigte sich. „Dummer Junge, was hast du getan!"
Narcissa rannte zu der Tür, die hinunter zu den Kerkern führte. Sie war verschlossen. Etwas in ihr brach und sie zerrte verzweifelt an dem Türknauf.
„Öffne dich! Alohomora! Patefacio! Aperio!"
Als die Tür sich ihr immer noch widersetzte trommelte sie mit den Fäusten dagegen, wieder und wieder. „Lucius! Du musst mich hören! Bitte! Lucius!"
Sie schluchzte und sank schließlich neben der Tür zu Boden. Die Tränen verwischten ihr Make-up, aber das kümmerte sie nicht.
„Nein. Bitte, nein..."
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Harry sah auf, als die Kerkertür sich mit einem Knall öffnete. Seine Muskeln schmerzten noch immer, aber es ging ihm bedeutend besser als am Tag zuvor. Die Zauber und Tränke, die seine Mutter ihm gegeben hatte, hatten wirklich geholfen. Narcissa... seine Mutter... wie wenig es gebraucht hatte, dass er sie in Gedanken so nannte. Harry straffte sich, seltsam dankbar dafür, dass er wieder stehen konnte. Er war müde, aber er war noch nicht bereit aufzugeben. Niemals...
Bereit für eine neue Runde, dachte Harry sarkastisch. Er war überrascht und ein wenig schockiert, als ein furioser Lucius erschien, der Draco hinter sich herschleifte. Lucius öffnete das Gitter und stieß Draco zu Harry in die Zelle. Draco blieb liegen wo er hinfiel. Er wirkte vollkommen verängstigt. Lucius sah ihn an und ballte die Faust.
Harry fragte sich, ob der Mann nun vollkommen den Verstand verloren hatte. Wenn er eines in den letzten Tagen begriffen hatte, dann dass Lucius alles andere als zurechnungsfähig war. Vielleicht hatte ihn der ständige Umgang mit einem irrsinnigen Psychopathen verrückt gemacht... Harry spürte, wie er unwillkürlich bebte, als Lucius näher trat.
„Sieh an!", zischte Lucius. „Womit habe ich es verdient, dass sich mir jeder in diesem verdammten Haushalt widersetzt?" Er deutete auf Harry. „Das ist deine Schuld. Du infizierst deinen Bruder und deine Mutter mit deinem verwünschten Ungehorsam! Sieh was daraus entsteht! Draco!"
Draco zog hastig seine Robe über den Kopf und kniete sich hin. Seine Augen waren geweitet und er atmete zu schnell. Er schien kurz vor einer Panikattacke. Harry verspürte den verzweifelten Drang, dem anderen Jungen zu helfen, egal was jemals zwischen ihnen vorgefallen war. Sein Geist wurde blank, als die Peitsche in Lucius Hand erschien. Harry war nicht bereit dafür. Er fuhr zusammen, als sie auf Dracos Rücken aufklatschte. Plötzlich spürte Harry die Striemen auf seinem Rücken wieder. Draco zählte, bis zwanzig. Die letzten Zahlen waren mehr geschrieen als gesprochen. Lucius schien das nicht zu stören. Im Gegenteil, er wirkte ruhiger, als er fertig war.
„So.", sagte er. „Nun, da dir dein Bruder ein so gutes Beispiel gegeben hat, bin ich sicher, du wirst dich bessern."
Harry schwieg und schloss nur die Augen. Als die Peitsche ihn traf, schrie er.
„Nein! Nicht, bitte nicht! Hör auf!"
Das Schwindelgefühl der vergangenen Tage war zurück. Harry wusste, dass er mehr Blut verlor. Er konnte nicht mehr klar denken, oder verarbeiten was er hörte. Ein zweiter Schlag traf ihn. Er kam halbwegs zu sich, als sich Arme von hinten um ihn schlangen. Ein Körper presste sich gegen seinen schmerzenden Rücken. Harry wimmerte.
„Geh zur Seite, Draco.", sagte Lucius kalte Stimme drohend.
Der Griff der Arme verstärkte sich noch und ein Kinn ruhte auf Harrys Schulter.
„Nein.", antwortete Dracos zitternde Stimme neben seinem Ohr. Harry hörte ihn schluchzen. „Du bringst ihn um! Ich werde das nicht zulassen."
Etwas Feuchtes fiel auf seine Schulter. Weinte er? Harry wünschte sich, er könnte klar denken.
„Wie du willst."
Harry hörte den Schlag der Peitsche, aber sie traf ihn nicht. Draco stieß einen leisen Schmerzensschrei aus, aber ließ nicht los. Langsam wurde Harry klar, was passierte und er versuchte, sich aus Dracos Griff zu winden.
„Hör auf. Lass los. Draco, du Idiot..."
Draco umklammerte ihn nur noch fester. „Nein. Sei still, Tigris."
Es gelang Harry nicht, Draco abzuschütteln und er wurde verzweifelter mit jedem Schlag der den anderen Jungen traf.
„Hör auf!", schrie er irgendwann. „Er ist dein Sohn! Er hat nichts getan! Bitte..."
Nichts hatte eine Wirkung. Es war, als wäre Lucius taub gegenüber Harrys Worten. Schließlich, als letztes Mittel, begann Harry zu zählen. Er spürte die Tränen über sein Gesicht laufen, während er sprach, aber das kümmerte ihn schon lange nicht mehr. Als er bei Zehn angekommen war, hielt Lucius inne. Harry zitterte vor Erleichterung.
Lucius trat vor ihn und bewegte seinen Zauberstab. Die Ketten verschwanden und Harry und Draco fielen zusammen zu Boden. Harry versuchte sofort, sich zu einem Ball zusammen zu rollen. Dracos Griff löste sich und Harry hatte das Gefühl, sein ehemaliger Rivale tat dasselbe.
„Nun, das war doch nicht so schwer.", hörte er Lucius über sich. „Kommen wir zum Rest meiner Anordnungen. Wirst du mir jetzt gehorchen?"
Harry rollte sich so dicht zusammen wie er konnte und schwieg. Er wollte nur, dass er ihn in Ruhe ließ.
Ein Hieb traf seine noch weitgehend unverletzte Seite. Harry spürte, wie der Striemen heilte, wenn auch sehr langsam. Offenbar war er schon zu geschwächt, um die Heilmagie noch richtig wirken zu lassen. Er wimmerte, aber bewegte sich sonst nicht.
„Weitere zehn Schläge, wenn du mir nicht antwortest."
„Bitte, Vater, nicht!" Dracos Stimme zitterte leicht. Harry spürte, wie Draco zu ihm kroch und versuchte, sich über ihn zu ziehen. Er wich zurück. „Vater, bitte."
Nichts passierte. Schließlich sah Harry zögernd auf. Lucius starrte mit einem eigenartigen Gesichtsausdruck auf sie herunter. Die Peitsche war verschwunden. Plötzlich wandte er sich ab und ging, das Gitter hinter sich schließend. Harry sah ihm ungläubig nach. Er erwartete halb, dass er zurückkam, mit einem anderen Mittel sie zu quälen. Aber die Tür blieb verschlossen. Als der Schock nachließ, verlor er das Bewusstsein.
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Narcissa hörte, wie die Tür zu Lucius Studierzimmer zuschlug. Ihr Herz raste und einen Moment lang stand sie erstarrt. Dann riss sie sich zusammen und ging hinunter.
Als sie die Tür öffnete, sah sie Lucius in einem der Sessel sitzen, die Augen geschlossen. Als sie eintrat flogen seine Augen auf und sein eisiger Blick traf sie.
„Raus."
„Lucius, was...?"
„Ich sagte raus!", zischte Lucius und winkte mit seiner Hand in ihre Richtung.
Sie wurde wie durch einen plötzlichen Windstoß aus dem Raum geschleudert und die Tür schlug hinter ihr zu. Sie war verschlossen, als sie versuchte, sie wieder zu öffnen. Narcissa verharrte eine Weile und starrte sie an. Sie hatte ihn noch nie zuvor etwas Vergleichbares tun sehen. Sie klopfte schließlich, aber erhielt keine Antwort. Sie ging zu der Tür zu den Kerkern, aber die war noch immer verschlossen. Sie bat eine Hauselfe, ihr zu helfen, aber die weigerte sich. Schließlich trat sie die unglückliche Elfe, rannte in ihr Zimmer und warf sich auf das Bett. Sie starrte vor sich hin, ohne zu weinen. Sie fühlte sich, als wäre etwas in ihr zerbrochen, von dem sie nicht einmal gewusst hatte, dass es da war.
Ich bin wieder da!
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