Hallöchen, ihr Lieben! :)

Tut mir leid, dass ihr so lange auf dieses Kapitel warten musstet, aber mein vermaledeites Muggelleben hat mir immer wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht.^^ Probleme zuhause, ein unerwarteter Krankenhausaufenthalt meinerseits - und schon konnte ich wieder mal den von mir gesetzten Update-Termin nicht einhalten...

Aber jetzt kommt es endlich! ;)

Und ich hoffe, dass euch die enormen Ausmaße des Kapitels für die lange Wartezeit entschädigen.

Das in diesem Kapitel vorkommende Örtchen Osmington Mills ist übrigens keine Erfindung meinerseits, es existiert tatsächlich! Gelegen ist es etwa 130 Meilen südwestlich von London, direkt am Meer, zwischen den Städten Bournemouth und Weymouth. Wen es interessiert, der kann ja mal bei Google Maps nachsehen.

Die alte Dame jedoch - Mrs. Sullivan - ist meiner blühenden Phantasie entsprungen.^^ Sie hat auch ein reelles Vorbild: Die Schauspielerin Margaret Rutherford, besser bekannt als Miss Marple! ;D - Wen also interessiert, wie die nette alte Lady aussieht: Google hilft immer! ;)

So, ich glaube, das war alles, was ich an Infos loswerden wollte.^^

Dann wünsche ich euch nun viel, viel Spaß mit diesem langen Kapitel, welches mal wieder randvoll gestopft wurde mit kleinen und großen Überraschungen... ;)


Osmington Mills

London, Grimmauldplatz Nr. 12

heute

Als Evelyn am nächsten Morgen erwachte, wusste sie zunächst gar nicht genau, wo sie sich befand. Warum lag sie nicht in ihrem Bett? Als sie schließlich die Augen aufschlug, fiel ihr alles wieder ein. Die Versammlung, ihre Auseinandersetzung mit Severus und wie sie ihn letztlich dazu hatte überreden können, über Nacht im Hauptquartier zu bleiben.

Während sie sich aufsetzte und ihren Blick zum Bett wandern ließ, entfuhr ihr ein tiefer Seufzer der Enttäuschung. Er war nicht mehr da… ‚Dumme Gans, das muss dir doch klar gewesen sein!', schalt sie ihre innere Stimme. ‚Hast du etwa ernsthaft erwartet, dass ihr euch gleich gemeinsam das Bad teilt und dann einträchtig zum Frühstück in die Küche geht? Falls ja, bist du dümmer als du aussiehst!'

Natürlich hatte sie das nicht erwartet. Nicht wirklich zumindest… Aber träumen wird ja wohl noch erlaubt sein, oder…?

Mit einem kurzen Rundumblick stellte Evy fest, dass im gesamten Zimmer nicht der kleinste Hinweis auf seine nächtliche Anwesenheit zu finden war. Die Nachttischlampe war ausgeschaltet, das Bett fein säuberlich gemacht. Ja, hätte Evy die Nacht nicht auf dem Sofa verbracht, wäre sie geneigt gewesen, an einen Traum zu glauben. In völliger Lautlosigkeit hatte er alle Spuren, die auf sein Hiersein hingedeutet hätten, beseitigt. Selbst seinen Umhang, den sie letzte Nacht als Decke missbraucht hatte, hatte er ihr weggenommen und gegen die Wolldecke ausgetauscht, welche sie selbst über ihm ausgebreitet hatte – ohne sie auch nur im entferntesten dabei zu wecken. ‚Naja, er wäre auch ein ziemlich schlechter Spion, wenn er nicht in der Lage wäre, sich lautlos zu bewegen und seine Spuren zu verwischen!', dachte sie, während sie eben jene Decke akkurat faltete und ordentlich auf dem Sofa platzierte – jedoch nicht, ohne noch ein letztes Mal ihre Nase hineinzustecken und tief seinen Duft einzuatmen, der über Nacht daran haften geblieben war…

Mit einem tiefen Seufzer des Bedauerns begab sie sich ins Badezimmer, wo ihr lediglich Kleinigkeiten verrieten, dass er hier gewesen war: Das offene Fenster, der feuchte Duschvorhang, der ein Indiz dafür war, dass er noch keine Stunde weg sein konnte, und letzten Endes sein Duft, der allgegenwärtig im Raum schwebte. Evy konnte seine Seife riechen, mit der er geduscht, sein Aftershave, das er nach der Rasur verwendet hatte. Kurz kam die Frage in ihr auf, wie sie von den Geräuschen, die er zweifellos gemacht hatte, nicht aufgewacht war. Aber ein kurzes Abtasten der Badezimmertür mit ihrem Zauberstab, offenbarte die Spuren des Imperturbatio, den er auf selbige gelegt hatte, um sie nicht beim Schlafen zu stören.

Ein unendlich warmes Lächeln huschte über ihr Gesicht, während sie sich auszog und in die Dusche stieg, die er erst vor Kurzem selbst noch benutzt hatte. Das waren die Kleinigkeiten, die ihn so unglaublich vielschichtig machten, dass sie glaubte, selbst in zehn Jahren noch Dinge an ihm feststellen zu können, die sie überraschen würden. Seit nun vierzehn Jahren kannte sie ihn – und wusste doch noch lange nicht alles über ihn. Dass er fürsorglich sein konnte, wusste sie durchaus, aber so viel Rücksichtnahme hatte sie bisher noch bei keinem Mann erlebt. Großer Merlin, nicht mal ihre Expartner hatten es für nötig befunden, morgens auf ihren ungestörten Schlaf Rücksicht zu nehmen, und Severus war „nur" ein Freund und Vertrauter und legte so viel Höflichkeit und Respekt an den Tag!

„Das tut er alles nur für dich!", rief ihr Spiegelbild ihr zu, als Evy schließlich aus der Dusche stieg. „Ach, Quatsch! Das tut er, weil er höflich ist und aus keinem anderen Grund!" „Oh, doch!", beharrte der Spiegel weiter. „Willst du mich denn gar nicht fragen?" „Was sollte ich dich denn fragen?", gab Evy gereizt zurück, der dieser vermaledeite magische Spiegel so langsam aber sicher gewaltig auf den Zeiger ging. „Na, wie er aussieht… du weißt schon…" Und mit einem verschwörerischen Flüstern fuhr das Spiegelbild fort: „Ohne Kleider, Schätzchen!" Ein anzügliches Kichern folgte auf Evys heftig errötende Wangen. „Wie wird er schon aussehen? Wie ein nackter Mann eben aussieht!" „Tztztz…", kam es da missbilligend zurück. „Wenn du gesehen hättest, was ich gesehen habe… Ach, da wünscht man sich doch glatt, nicht bloß aus Glas zu sein…"

Evy gab sich alle Mühe, vollkommen desinteressiert zu wirken, was aber gründlich danebenging, als sie beim Anziehen falschrum in die Jeans steigen wollte. Dies nahm der Spiegel sofort zum Anlass, um weiter drauflos zu plappern. „Ich sage dir, Kleines… Diese Muskeln! Und erst dieser stramme Hintern! Und wenn ich dann noch an seine imposante Vorder-" „Ach, halt's Maul!", schnauzte Evy und stürmte aus dem Bad und schlug die Tür heftig zu, während ihr der Spiegel ein beleidigtes „Gut, dann erfährst du es eben nicht!" hinterherrief…

Wieder mal stand Evy unentschlossen vor ihrem Kleiderschrank. Allerdings muss zu ihrer Verteidigung gesagt werden, dass es ihr nach den Worten dieses verfluchten Spiegels auch nicht gerade leicht gemacht wurde, sich auf etwas so Profanes wie die Kleiderauswahl zu konzentrieren, wenn gleichzeitig solche Bilder vor ihrem geistigen Auge dahin huschten:

Severus, wie er nackt unter der Dusche stand und sich einseifte… Wie das warme Wasser seinen Körper hinab rann und dabei die geheimsten und entlegensten Winkel liebkoste… Wie er von Kopf bis Fuß nass und dampfend aus der Dusche stieg, sich ein Handtuch um die Hüften schlingend… Wie das Wasser aus seinen nassen Haaren lief und sich seinen Weg über Hals, Brustbein und Bauchnabel nach unten suchte, um schließlich im Handtuch zu versickern… Wie er, vorm Spiegel stehend, jeden Zentimeter seines Körpers trocken rieb…

„Ach, Scheiße!", fluchte Evy nun laut, griff wahllos nach einem Shirt und knallte den Kleiderschrank mindestens genauso unsanft zu wie die Badezimmertür. „Hey, Vorsicht, ja?", kam es da von dem Bild über ihrem Bett. „Der arme Schrank kann nichts für deine vernachlässigte Libido!" Evy schnaubte. Sie hasste dieses scheußliche Gemälde irgendeiner in jugendlichem Alter verstorbenen Angehörigen der Familie Black. Aber es ließ sich, wie so vieles in diesem verfluchten Haus, nicht von der Wand entfernen. „Ich kann dich auch nicht leiden!", zischelte der rotznasige Teenie und kurz darauf war der Rahmen leer.

Leise vor sich hin schimpfend zog Evy sich fertig an, suchte Handtasche, Geldbeutel und Zauberstab zusammen und band sich die Haare zu einem Pferdeschwanz. Als sie schließlich fertig war und ihr Zimmer verlassen wollte, erregte eine Kleinigkeit ihre Aufmerksamkeit. Auf ihrem Kopfkissen lag ein kleines Stück Pergament. Da es der Farbe der Bettwäsche ähnelte, war es ihr beim Aufstehen nicht aufgefallen. Als sie nun näher kam, um den Zettel in Augenschein zu nehmen, erkannte sie schon von Weitem Severus' kleine, akkurate Handschrift, in der er ein einziges Wort notiert hatte:

Danke.

Mit einem zärtlichen Lächeln auf den Lippen besah sie sich kopfschüttelnd die Notiz, die ihr wertvoller war als tausend Worte. „Konntest du mir das nicht ins Gesicht sagen, du sturer alter Bastard?", fragte sie leise, drückte einen sanften Kuss auf das Pergament und ließ es in ihrer Hosentasche verschwinden…


Während Evy ihre Zimmertür abschloss, sah sie noch einmal kritisch an sich hinab. Sie trug dunkelblaue, figurbetonende Jeans, die, wie es der Muggelmode entsprach, verwaschen aussahen, dazu ein dunkelgrünes T-Shirt mit einem großen blauen Schmetterling auf der Brust, und kniehohe dunkelbraune Stiefel mit knapp sieben Zentimetern Absatz. Niemand hätte in ihr eine Hexe vermutet. Sie sah so sehr nach Muggel aus, wie es möglich war. Zufrieden nickend machte sie sich auf den Weg in die Küche.

Dort saßen Remus, die Weasley-Zwillinge, Harry, Ron, sowie Hermine und Ginny, die ebenfalls wie ganz normale Muggel-Teenies aussahen und ihre Lehrerin schon sehnsüchtig erwarteten. Diese setzte sich mit einem strahlenden Lächeln neben Remus, der ihr mit einem überaus freundlichen, aber fragenden Blick die Kaffeekanne reichte. Ein kurzes Nicken, gepaart mit einem warnenden Blitzen in den Augen war Remus Antwort genug und er widmete sich wieder mit Feuereifer seinem Milchkaffee, allerdings nicht ohne unentwegt belustigt die Mundwinkel hochzuziehen… ‚Er kann's einfach nicht lassen!', dachte Evy amüsiert und nippte genüsslich an ihrer heißen Tasse.

Im selben Augenblick betrat Kingsley die Küche durch die Bibliothek. „Ah, guten Morgen, Evelyn! Arthur hat mich gebeten, Sie über die Verwendung des Portschlüssels aufzuklären!" Und während er sich auf einem Stuhl niederließ und nach dem Kaffee griff, den ihm Remus anbot, fuhr er schon fort. „Wir haben ihn im Park gegenüber deponiert. Eine unscheinbare Flasche Altglas, unter einem Gebüsch nahe der einzigen Birke, die weit und breit zu finden ist. Um Punkt elf Uhr wird er sie und die Mädchen in ein kleines Wäldchen, etwa eine halbe Meile entfernt von Osmington Mills, bringen. Heute Abend, um genau achtzehn Uhr, können Sie mit ihm zurückreisen. Das geht doch in Ordnung, oder?" „Aber sicher, das ist perfekt!", erwiderte Evy strahlend und sah auf ihre Armbanduhr. „Dann müssen wir uns beeilen Mädels, es ist Viertel vor elf!" Als hätten die Mädchen bloß auf dieses Kommando gewartet, sprangen beide gleichzeitig von ihren Stühlen auf, wobei sie sich gegenseitig behinderten im Versuch, als Erste um den Esstisch herumzulaufen…

„Wartet noch einen Moment!", rief Molly Weasley, während sie aufgeregt aus dem Keller gerannt kam. Mit strahlendem Lächeln lief sie zu Ginny hinüber, die sich ihre Tasche umhängen wollte. „Hier, mein Schatz, das ist für dich!", sagte Molly sanft und drückte ihrer Tochter ein kleines Beutelchen in die Hand, in dem es verheißungsvoll klimperte. „Es ist nicht viel, aber wenigstens stehst du nicht ganz ohne Geld da!"

Vor Freude und Verlegenheit errötend, sah Ginny auf das Geld hinab, gab es ihrer Mutter schließlich aber mit einem merkwürdigen Grinsen im Gesicht wieder zurück. „Danke, Mum, aber das ist nicht nötig. Ich hab schon Geld." „Woher?", fragte diese ehrlich verwundert. „Von Fred und George!", gab Ginny zur Antwort, und ihr Grinsen nahm definitiv boshafte Züge an. Höchst erstaunt stand Molly der Mund offen, während sie zwischen ihrer Jüngsten und den Zwillingen hin und her sah. Und bevor sie fragen konnte, setzte Ginny erklärend hinterher: „Sie hatten so großes Mitleid mit ihrer kleinen, mittellosen Schwester, dass sie es einfach nicht ertragen konnten, mich ohne Bares aus dem Haus zu lassen. Stimmts nicht, Jungs?" Die Angesprochenen hoben die Köpfe von ihrem Porridge, rangen sich ein mehr als gequältes Lächeln ab und wandten sich dann wieder mit höchstem Interesse ihrem Frühstück zu. Doch Molly war noch zu geschockt von dieser liebevollen „Geste" ihrer beiden Jungs. „Wie viel haben sie dir denn gegeben, Ginny-Schatz?" „Zwölf Galleonen!" Alle am Tisch starrten verblüfft zu den Zwillingen hinüber, die merkwürdig still und desinteressiert taten. „Jungs! Ist das denn nicht ein bisschen viel?" Fred hob den Kopf von seinem Kaffee und erwiderte breit lächelnd: „Nichts ist uns zu gut, für unsere einzige Schwester!"

Das war nun endgültig zu viel für Molly. Während sie mit verdächtig feuchten Augen über ihre beiden Sprösslinge herfiel und diese fast zu Tode umarmte, zog Evy skeptisch eine Augenbraue in die Höhe, was ihr mal wieder eine fatale Ähnlichkeit mit Professor Snape einbrachte. Dieser Frieden kam ihr nicht ganz koscher vor… Und als Hermine und Ginny auch noch verlegen die Augen senkten, nachdem sie des forschenden Blicks ihrer Lehrerin gewahr wurden, war diese sich sicher, dass an der plötzlich erwachten Großzügigkeit der beiden Jungs irgendetwas gewaltig faul war…

Mit einem letzten Blick auf die Uhr machte Evy der mehr als sonderbaren Szene ein Ende. „Kommt, ihr Zwei, sonst kommen wir zu spät zum Portschlüssel." Während die restlichen Hausbewohner ihnen viel Spaß wünschten, Ginny noch ein letztes Mal umarmt wurde und dann mit Hermine schon mal zur Haustür lief, nahm Molly sich Evy kurz auf die Seite. „Sie passen mir doch gut auf mein Mädchen auf, nicht wahr, Evelyn?!" „Natürlich, Molly! Ich beschütze sie, als wäre sie mein eigenes Kind, versprochen!" Erleichtert lächelte diese und Evy floh auf schnellstem Wege aus der Küche, bevor sie auf einmal auch noch das Opfer einer von Mollys Bärenumarmungen geworden wäre…


Vor der Haustür wurden die drei Ausflügler von angenehmen sechsundzwanzig Grad und einem strahlend blauen Himmel begrüßt, an welchem die Wolken durch Abwesenheit glänzten.

Auf dem Weg zum Park mussten sie die Straße überqueren, die in dieser abgelegenen und heruntergekommenen Gegend allerdings nicht viel befahren wurde. Der Park selbst war sehr klein, nicht größer als ein Fußballfeld, und so fanden sie die von Kingsley benannte Birke innerhalb kürzester Zeit. Sich nach allen Seiten umsehend, bückte sich Evy unter das Gebüsch und zog schließlich den Portschlüssel darunter hervor: Eine schlichte Flasche Coke, absolut unauffällig. So unauffällig, dass die drei lieber nochmal genauer nachsahen, ob sie auch die richtige Flasche gefunden hatten.

„Noch drei Minuten, ihr Lieben!", verkündete Evy nach einem raschen Blick auf die Uhr. „Legt schon mal eure Finger drauf!" Gesagt, getan. Ein bisschen blöd kamen sie sich ja schon vor. Was für ein merkwürdiges Bild mussten sie für einen zufälligen Spaziergänger abgeben: Eine erwachsene Frau und zwei Teenager, die eng zusammen standen und erwartungsvoll auf eine Flasche Coke in ihren Händen starrten! Ginny musste heftig kichern bei der Vorstellung. Evy grinste schief. „Aus diesem Grund bevorzuge ich das Apparieren. Also seht zu, dass ihr eure Prüfung so schnell wie möglich ablegt!" Grinsend nickten die beiden Mädchen und warteten angespannt.

„Warum eigentlich Osmington Mills?", fragte Hermine, die sich doof vorkam, schweigend auf eine Colaflasche zu starren. „Ich dachte, wir wollten nach Bournemouth?" Evy nickte und warf nochmal einen Blick auf die Zeit. „Ihr wart doch gestern so begeistert von meinen Sandalen, und da dachte ich mir, es würde euch sicher Spaß machen, euch auch so welche zu kaufen. Außerdem: Bournemouth ist eine Großstadt, und sowas habt ihr in London jeden Tag. Aber Osmington Mills ist ein herrliches Fleckchen Erde direkt am Meer! Es ist wunderschön dort, die Menschen sind sehr gastfreundlich und der Pub ist über die Landesgrenzen hinaus berühmt für sein gutes Essen und die freundliche Bedienung." Und mit einem schelmischen Grinsen fügte sie hinzu: „Desweiteren dachte ich mir, es könnte euch nicht schaden, mal etwas mehr in Kontakt mit Muggeln zu kommen. Und dafür ist Osmington Mills geradezu prädestiniert! Wir drei werden dort die einzigen Hexen im Umkreis von gut fünfundzwanzig Meilen sein! Oh, Obacht! Es geht jeden Moment los!"

Sofort rückten die drei noch näher zusammen und umklammerten fest die Coke-Flasche, als sie plötzlich ein unangenehmes Reißen hinter dem Bauchnabel verspürten – und schon eine Sekunde später befanden sie sich genau hundertdreißig Meilen südwestlich von London…


Ihre Landung war nicht hart, aber unangenehm. Mit einem lauten Plumps fanden sie sich in dem Wäldchen wieder, von dem Kingsley gesprochen hatte – genauer gesagt, auf dem Waldboden sitzend, inmitten von Ginster-, Holunder- und Brennnesselbüschen…

„Schöne Bescherung!", motzte Hermine vor sich hin, während sie sich Dutzende von Kletten aus den dichten Locken zupfte. „Also ich würde das eher als punktgenaue Landung bezeichnen…", grinste Evy zu ihr hinauf, deren Haare voll hingen mit Holunderblüten. Für eine Sekunde herrschte absolute Stille, dann brachen die drei in schallendes Gelächter aus, unter dem sie sich gegenseitig von den Hinterlassenschaften ihrer Bruchlandung befreiten. „Das riecht ganz stark nach Dad!", spekulierte Ginny, während sie mit Engelsgeduld Evys Locken entwirrte. „Mit Koordinaten hatte er es noch nie! Gib Dad eine Landkarte in die Hand und er kommt überall an, nur nicht da wo er soll." „Naja, es hätte schlimmer sein können – zum Beispiel ein Misthaufen!", erwiderte Evy achselzuckend und klopfte sich den Hosenboden ab. „Kommt, lasst uns einen sicheren Platz für den Portschlüssel suchen."

Etwa fünf Minuten später hatten sie einen hohlen Baumstamm gefunden, der an der Wetterseite mit Moos bewachsen war. Die ehemalige Eingangstür eines Spechts war gerade breit genug, um mit der Hand hineinzulangen und die Flasche auf dem mit Blättern bedeckten Boden zu deponieren. Niemand käme nun auf die Idee, ausgerechnet dort einen Portschlüssel zu vermuten. Und die Stelle war leicht wiederzufinden. Zufrieden mit ihrem Werk, traten die drei Ausflügler nun aus dem Wald auf einen gewundenen Pfad hinaus, der sich wie eine Schlange hügelabwärts durch die Landschaft fraß, direkt nach Osmington Mills.

Kaum traten sie aus dem Schutz der Bäume heraus, blies ihnen eine steife Brise entgegen, die wunderbar nach Meer duftete. Der Wind trug auch das Schreien der Möwen, das Grollen und Tosen der Brandung sowie die Geräusche aus dem nahen Dorf zu ihnen herauf. Scheinbar war Markttag, denn sie konnten von ihrem Hügel aus hören, wie die ansässigen Bauern und Fischer ihre Waren feilboten. Desweiteren vernahmen sie die Geräusche einer Schmiede, das Blöken einer Schafherde, die sich hinter dem nächsten Hügel aufhalten musste, und die Schreie spielender Kinder.

Zu sehen war bisher allerdings nur das Meer, das sich unter ihnen bis zum Horizont ausdehnte. Der Strand war bis auf eine kleine Gruppe Reiter auf Ponys verlassen.

„Ist das schön hier!", seufzte Ginny und reckte den Hals in alle Richtungen, um nur ja nichts zu verpassen. Evy nickte versonnen. „Ja, es ist wirklich traumhaft schön hier…"

Plötzlich blieb Hermines hinter ihnen zurück. „So eine Sch…!" „Mine!", tadelte Evy sie mit finsterem Gesicht, um dann neugierig in das besorgte Gesicht ihrer Schülerin zu blicken. „Was hast du denn?" Etwas betreten betrachtete Hermine ihre Füße. „Mir ist gerade eingefallen, dass wir etwas ganz Wichtiges vergessen haben!" „So? Was denn?" „Wir haben vergessen unser Geld zu tauschen! Das ist doch ein Muggeldorf, und Ginny und ich haben bloß Zauberergeld dabei…" Ginny schlug sich die Hand vor die Stirn. „Stimmt ja! Mist, jetzt ist mein Geld von Fred und George vollkommen nutzlos!" Evy grinste währenddessen bloß versonnen. „Ihr habt noch etwas vergessen, meine Lieben." „Was denn, Evelyn?", fragte beide wie aus einem Munde. „Dass ich gestern gesagt habe, dass ihr heute meine Gäste seid. Das meinte ich vollkommen ernst. Ich hab genug Muggelgeld dabei, dass es für eine ausgewachsene Shoppingtour reicht!" „Aber das geht doch nicht!", protestierten die Mädchen sofort. „Das können wir nicht annehmen!" Resolut stemmte Evy die Hände in die Hüften. „Natürlich könnt ihr das annehmen, und das werdet ihr auch! Hört mir mal zu: Ich verdiene in Hogwarts ziemlich gut. Und da ich in der Schule wohne, habe ich Kost und Logis frei! Und wie ihr sicherlich bemerkt habt, fehlt mir die Zeit für regelmäßige Einkaufsreisen nach London, daher hat sich innerhalb des letzten Jahres eine Menge Geld angesammelt, das nun ausgegeben werden will!" Ginny und Hermine grinsten ob dieser Worte. „Also hört mir mit der falschen Bescheidenheit auf! Nutzt es lieber aus, dass ich heute die Spendierhosen anhabe! … Ach ja… wo wir gerade beim Thema sind…"

Im Gehen legte Evy ihren Schülerinnen je einen Arm um die Schultern. „Jetzt sind wir ja unter uns. Verratet ihr mir nun, woher Ginny die zwölf Galleonen wirklich hat?" Entsetzt sahen Beide zu ihr auf. „Evelyn, ehrlich! Das Geld ist von Fred und George!" Diese schnaubte. „Aber die haben das Geld doch nie und nimmer freiwillig rausgerückt! Die Nummer mit der plötzlich erwachten Großzügigkeit könnt ihr vielleicht eurer Mutter auftischen, aber mir doch nicht! Also nun mal Hand aufs Herz! Wieso geben dir deine beiden Brüder zwölf Galleonen?" Verlegen sahen sich Hermine und Ginny an, bis erstere schließlich antwortete: „Naja, ehrlich gesagt haben sie mir auch zwölf Galleonen gegeben…" Völlig baff blieb Evy stehn. „So, nun will ich's erst recht wissen!" „Es war ein Wetteinsatz…", entgegnete Ginny kleinlaut und ignorierte. „Eine Wette, soso… Das muss ja eine höchst interessante Wette gewesen sein, wenn es dabei um einen so hohen Einsatz ging." „Oh ja!", kam es nun im Chor zurück und die beiden Mädchen kicherten verhalten. Verschwörerisch beugte sich Evy zu ihnen vor. „Darf man erfahren, worum es dabei ging?" „Ähm…", war alles, was ihre Schülerinnen vor Verlegenheit herausbrachten. Sie überlegten sich schon fieberhaft eine gute und vor allem glaubwürdige Notlüge, als sie Evy laut auflachen hörten. „Okay, ich versteh schon. Es geht mich nichts an. Und wenn ich mir eure Gesichter so ansehe, denke ich, dass ich es wohl auch gar nicht wissen will, stimmts?" Ein stummes Nicken, gepaart mit einem neckischen Schmunzeln, war ihr Antwort genug. „Aber nur mal aus Interesse: Wenn ihr die Wette verloren hättet, wärt ihr denn überhaupt in der Lage gewesen, selbst den Einsatz zu zahlen?" „Nie!", rief Ginny prompt und Hermine nickte heftig, worauf Evelyn leise auflachte. „Wow, dann wart ihr euch eurer Sache aber ziemlich sicher!"

In diesem Augenblick machte der Pfad eine scharfe Rechtskurve und ließ sie ihren ersten Blick auf Osmington Mills werfen, das sich am Fuß des gewundenen Pfades zum Meer hin ausbreitete. Es war kein großes Dorf, wahrscheinlich noch keine fünfhundert Einwohner fassend. Aber es bot das idyllische Bild eines typisch englischen Küstendörfchens!

Eine schmale, gepflasterte Straße, auf der gerade so ein Auto Platz fand, führte vorbei an niedlichen kleinen Cottages aus grob behauenem, grauem Stein, die sich wie Schutz suchend eng aneinander duckten. Das war der alte und ursprüngliche Teil des Dorfes. In Strandnähe teilte sich die Straße und führte ins Umland, Richtung Bournemouth und Weymouth. Auf der anderen Seite schlängelte sich die mehrfach ausgebesserte Straße an kleinen Gehöften und den Häusern der ansässigen Fischer vorbei und verlor sich in den steilen Hügeln hinter dem Dorf, welche zu den schroffen Klippen hinaufführten, für die Englands Küste so berühmt ist.

Das Zentrum des Dorfes bildete der große Marktplatz, auf dem reges Treiben herrschte. Aber noch befanden sie sich oberhalb des Dorfes auf einem Hügel und konnten von ihrem Standpunkt aus einen wunderbaren weiten Blick auf Osmington Mills und seine Umgebung werfen.

Langsam den Pfad entlang schlendernd, besah sich Hermine sehr interessiert die schroffen Felsen und steilen Klippen, die den schmalen Strand säumten. „Merkwürdiger Platz für ein Fischerdorf, finden Sie nicht auch, Evelyn? Wer hier mit einem Boot oder Schiff fahren will, muss sein Handwerk wirklich beherrschen, wenn er nicht ständig Schiffbruch erleiden will!" Evy nickte und folgte Hermines Blick. „Es gibt eine interessante Legende zur Entstehung des Dorfes. Möchtet ihr sie hören?" „Sehr gern!", riefen beide Mädchen zurück und stellten sich neben Evy, deren Blick über den Strand bis weithin zum fernen Horizont gewandert war. „Angeblich wurde Osmington Mills von Piraten gegründet, die vor über dreihundert Jahren hierher kamen und sesshaft wurden." „Sesshafte Piraten?!", entfuhr es Ginny und ihre Miene drückte höchstes Erstaunen aus. Evy lachte und strich sich eine vom Wind herumgewirbelte Locke hinters Ohr. „Ja, merkwürdige Vorstellung, nicht wahr? Aber hört erst mal zu. Es war so um… siebzehnhundert-hau-mich-blau, keine Ahnung, ist ja auch egal, schließlich sind wir nicht bei Professor Binns…" Ginny und Mine grinsten breit. „Da segelten irische Piraten an dieser Küste entlang. Genau hier, vor diesen Felsen, gerieten sie plötzlich in einen Sturm, wie ihn diese Küste seither nicht mehr erlebt hat! Das Meer kochte und brodelte, der Wind wirbelte das Schiff herum wie ein loses Blatt – kurz: Die Männer an Bord hatten allen Grund an ihr baldiges Ende zu glauben. Irgendwann nahm der Sturm apokalyptische Ausmaße an, und es geschah, was jeder Seemann fürchtet: Der Hauptmast brach! Das Schiff trieb nun manövrierunfähig dahin, direkt auf die Felsen da draußen zu!" Mit ausgestrecktem Arm wies Evy zu einer Gruppe schroffer Felsen, die spitz und unheilverkündend aus dem Wasser ragten. „Da soll sich der Kapitän auf den Boden geworfen und das Meer und alle ihm bekannten Gottheiten um Gnade angefleht haben. Von Todesangst übermannt, schwor er, nie wieder als Pirat einen Fuß auf ein Schiff zu setzen und genau an der Stelle, an die das Schicksal sein Schiff verschlägt, einen Ort zu errichten, in dem er und seine Männer ein sesshaftes und ehrbares Leben führen würden. Nun, die Natur hatte wohl ein Einsehen mit ihm und erfüllte seine Bitte. Das Schiff war zwar unbrauchbar, aber die Seemänner kamen mit heiler Haut davon, und der Kapitän hielt sein Versprechen: Genau an dem Platz, an dem ihr Schiff gestrandet war, legten sie den Grundstein für dieses Dorf: Osmington Mills. Und nie wieder soll einer der Männer einen Fuß auf ein Schiff gesetzt haben – zumindest nicht als Pirat!"

Eine Weile liefen sie schweigend nebeneinander her, bis Ginny schließlich den Kopf hob. „Was meinen Sie, ist die Geschichte wahr?" „Ich habe keine Ahnung.", gab Evy schulterzuckend zu. „Aber an jeder Legende ist ein Fünkchen Wahrheit. Und selbst wenn alles erfunden sein sollte: Der Gedanke, dass es so gewesen sein könnte, ist irgendwie schön, findet ihr nicht auch?" Und kurz darauf fügte sie leise hinzu: „Ein Fleckchen Erde, dass selbst Piraten sesshaft werden lässt… Ein kleines Paradies auf Erden…"

Inzwischen hatten sie die ersten Ausläufer des Dorfes erreicht, als Ginny und Hermine plötzlich verzückt aufschrien. „Bei Merlin, ist das schön!" Ihre Begeisterung galt einem wirklich zauberhaften kleinen Cottage, dessen schöner, blütenreicher Vorgarten von einem wahrhaft riesenhaften Magnolienbaum beherrscht wurde. Auf dem gepflegten Rasen stand ein großes „Zu verkaufen"- Schild.

„Das gibt's doch nicht…", flüsterte Evy entgeistert und ihre Augen huschten ungläubig zwischen dem Schild und dem Haus hin und her. Die fragenden Blicke ihrer beiden Schülerinnen auf sich fühlend, sah sie auf. „Als ich letztes Jahr hier war, stand das Haus auch schon zum Verkauf. Niemals hätte ich für möglich gehalten, dass es noch nicht verkauft sein könnte!" Hermine und Ginny nickten. „Ja, es ist wirklich wunderschön!"

„Falls Sie sich für das Cottage interessieren – vergessen Sie es lieber gleich wieder!" Überrascht drehten sich die drei um. Schräg neben ihnen, unter dem ausladenden Schatten des Magnolienbaums, saß ein älterer Mann auf einer niedrigen Mauer, der gerade ein Messer aus den Taschen seiner Weste zog, um sich einen schönen, grünen Apfel zu schälen. „Wieso soll ich es wieder vergessen?", fragte Evy neugierig und trat näher zu dem Alten heran. „Ist es so teuer?" Der schüttelte den Kopf, während er sich einen Apfelschnitz in den Mund schob. „Nein, der Preis ist nicht das Problem. Die alte Mrs. Sullivan! Die ist das Problem." „Ist sie die Besitzerin?", hakte Evy nach und sah den alten Mann offenherzig und abwartend an. „Ja, genau. Ihr gehört auch der Andenkenladen, unten am Markt. Schon seit zehn Jahren steht das Haus zum Verkauf. Aber keiner der Interessenten passt ihr. Sie können sich nicht vorstellen, wieviele unterschiedliche Leute schon hier waren, um das Cottage zu kaufen!" Er hob eine Hand und begann an den Fingern abzuzählen. „Da waren alleinstehende Frauen von der Sorte alte Jungfer, Sie verstehen? Dann hatten wir den ein oder anderen Junggesellen, alte und junge Pärchen, mit Kindern, ohne Kinder, einen Arzt, der hier seine Praxis eröffnen wollte… sogar zwei vom andern Ufer! Sie verstehn…?", fügte er in verschwörerischem Tonfall hinzu und Evy musste sich ein boshaftes Grinsen verkneifen, als sie mit todernster Miene antwortete: „Vom Kontinent? Denen würde ich auch nichts verkaufen!"

Der verdutzte Blick des Alten war Gold wert! Dann begriff er Evys Scherz und kicherte wie ein junges Mädchen. „Der war gut, Miss! Den muss ich mir merken!" Mit einer eleganten Handbewegung flog das Kerngehäuse des Apfels über die Mauer. „Jedenfalls waren hier wirklich schon alle Arten von Menschen. Und kein einziger fand ihre Zustimmung. Weiß der Geier, wonach die alte Henne sucht! Wenn wir sie danach fragen, kriegt sie immer so einen komisch verklärten Gesichtsausdruck und murmelt irgendwas von ‚Ichverkaufe nur an Leute, die fähig sind, das Dorf zu beschützen!' Und dann sieht sie immer aus, als sei sie bei irgendwas ertappt worden, dreht sich um und verschwindet!" Kopfschüttelnd sah er an Evy und den Mädchen vorbei. „Ich sag's Ihnen: Die alte Sullivan ist ja echt 'ne Nette und sie gehört zu diesem Dorf wie die Queen zu England – aber sie hat definitiv nicht mehr alle Zeiger an der Uhr, wenn Sie verstehn… Das Dorf beschützen! Ha, wovor denn? Das einzige, das uns hier gefährlich werden kann, ist das Meer, und dagegen kann keine Macht der Welt etwas ausrichten!" Er seufzte tief und langanhaltend, erhob sich dann schwerfällig von der Mauer und nickte in Evys Richtung. „Es würde uns alle freuen, wenn eine so adrette junge Frau wie Sie hierher ziehen würde – aber schlagen Sie sich das Cottage lieber gleich aus dem Kopf. Schönen Tag wünsch ich, Miss!" Auf seinen Stock gestützt, wackelte er in Richtung Ortsmitte davon.

Eine Weile sahen die drei ihm schweigend nach. Schließlich seufzte Evy und meinte mit einem Seitenblick zu ihren beiden Begleiterinnen: „Also ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich würde mich zu gerne mal mit der schrulligen alten Mrs. Sullivan unterhalten. Was meint ihr?" Hermine und Ginny grinsten und nickten zustimmend. Scheinbar waren sie drei doch nicht die einzigen Hexen im Umkreis von fünfundzwanzig Meilen…


Da Evy den Weg kannte und es gerade erst Mittag war, ließen sie sich Zeit und schlenderten gemütlich die alte Dorfstraße entlang, dabei die schönen, zum Teil windschiefen Cottages betrachtend. Einigen sah man deutlich an, dass sie von ihren Bewohnern selbst gefertigt worden waren und dass sich an ihnen keine Meister der Baukunst verewigt hatten… Aber sie standen noch und trotzten Wind und Wetter – und das ist schließlich alles was zählt!

Auf dem Marktplatz angekommen, war der Andenkenladen von Mrs. Sullivan schnell gefunden, war er nämlich neben dem Lebensmittelladen und der Post das einzige Geschäft am Ort. In der Tür hing ein „Über Mittag geschlossen"-Schild, und so nutzten Evy, Hermine und Ginny die Gelegenheit, um über den Markt zu schlendern. Das Obst lachte sie förmlich an und schien zu rufen „Ich bin ganz frisch! Kauf mich!". Lange widerstanden sie diesen flehentlichen Bitten nicht und erstanden schließlich eine große Schale mit Him- und Stachelbeeren, die sie auf dem Weg zur Strandpromenade genüsslich schlemmten.

Am Strand blies zwar ein heftiger Wind, aber es war so schön, dass sie schließlich Schuhe und Strümpfe auszogen und barfuß zum Meer liefen. Lachend und scherzend stellten sie sich in die Brandung, ließen sich das Meerwasser um die Knöchel spülen und spritzten sich gegenseitig nass. Anschließend sanken sie der Länge nach in den warmen Sand und schauten den Wolken zu, die über ihnen am blauen Mittagshimmel dahinzogen…

Ginny war ganz begeistert von den Möwen und deren heiseren Geschrei. Mit offenem Mund und entrücktem Blick sah sie den Vögeln bei ihren recht waghalsigen Flugmanövern zu. So lange, bis die kleine rothaarige Zuschauerin einer Möwe zu lästig wurde und ihr ein kleines „Geschenk" von oben sandte… Unter schallendem Gelächter versuchten sie zu dritt, Ginny von der Hinterlassenschaft des Seevogels zu befreien, bis Evy schließlich die Geduld verlor und nach mehrmaligem Umsehen den Zauberstab zückte. Man war eben doch eine Hexe, ob man wollte oder nicht…


Nachdem sie noch eine halbe Ewigkeit mit Muscheln suchen verbracht hatten, kehrten sie gegen halb drei zum Marktplatz zurück, wo sie nun Mrs. Sullivans Laden geöffnet vorfanden. Beim Betreten bimmelte über ihren Köpfen ein Glöckchen, woraufhin aus einem an den Verkaufsraum angrenzenden Zimmer eine freundliche, aber energisch klingende Stimme „Ich komme sofort!" rief. Nur Momente darauf hörten sie rasche Schritte und eine alte, untersetzt wirkende Frau trat hinter den Tresen.

Sie hatte schneeweiße Haare, die unordentlich unter ein Haarnetz gezwängt waren und aus diesem an mehreren Stellen heraus spitzten. Auf der Nase trug sie eine Brille mit schmalen Gläsern, welche ihr bis auf die Nasenspitze gerutscht war und an einer goldenen Kette um den Hals hing. Scheinbar hatte sie im Nebenraum sauber gemacht, denn sie trug einen blau gemusterten Arbeitskittel und schwang einen Staubwedel in der Hand, als sie nun freundlich in die Gesichter ihrer drei Kundinnen blickte.

„Ach, wie schön, ein paar neue Gesichter! Und dann auch noch so Hübsche!" Ginny und Hermine lächelten verlegen ob des Lobes. Der Blick der alten Frau wanderte zu Evy, und ein Funke des Erkennens huschte über ihr Gesicht. „Sowas! Sie waren doch schon mal hier! An solch außergewöhnliche Augen würde ich mich jederzeit erinnern!" Evy lächelte und nickte. „Ja, ich war letzten Sommer hier und habe ein Paar Ihrer selbstgemachten Sandalen gekauft. Und für die interessieren sich die Mädchen hier auch." Mrs. Sullivan nickte und strahlte Ginny und Hermine an. „Die Sandalen findet ihr in der hinteren Ecke, links neben den ausgestopften Papageien!" Dann wandte sie sich wieder an Evy. „Und Sie, Miss? Kann ich Ihnen auch irgendwie behilflich sein?"

Diese trat nun näher an den Tresen heran, setzte ihr freundlichstes und einnehmendstes Lächeln auf und beugte sich in verschwörerischer Absicht vor. „Ja, das können Sie allerdings. Sie sind doch Mrs. Sullivan, nicht wahr?" „Ja, die bin ich in der Tat, Kindchen!" „Uns wurde gesagt, dass Ihnen das herrliche Cottage am Ortsanfang gehört." Mit einem Schlag wurde das Lächeln der Alten kühler. „Ja, das gehört mir… Weshalb?" Evy strahlte nun noch liebenswerter. „Als ich letztes Jahr hier war, stand es schon zum Verkauf. Und als wir eben daran vorbeigingen, war ich total überrascht, dass es noch immer nicht verkauft ist. Nun wollte ich mich mal nach dem Preis erkundigen…" Ein abschätzender Blick huschte über Evy, so als wolle die alte Dame Evys Liquidität anhand ihrer Aufmachung ausmachen. Dann räusperte sie sich und sagte in freundlichem, aber sehr bestimmten Ton: „Tut mir sehr leid, dass Sie sich deshalb extra hierher bemüht haben. Das Haus steht nicht mehr zum Verkauf. Ich habe lediglich vergessen, das Schild aus dem Vorgarten zu entfernen." Evy setzte ein gekonnt bedauerndes Gesicht auf. „Oh, das ist aber zu schade! Es ist traumhaft! Darf ich fragen… haben Sie schon einen Käufer gefunden?" Die Alte schien kurz zu überlegen, antwortete jedoch. „Nein, ich… ähm… meine Enkelin hat sich spontan dazu entschlossen, wieder in den Ort zu ziehen, und da ist es ja bloß selbstverständlich, dass ich ihr das Haus meiner Familie zur Verfügung stelle." Evy nickte verständnisvoll. „Ja, natürlich… Komisch ist nur: Davon hat der alte Herr gar nichts erzählt." Misstrauisch zog Mrs. Sullivan die Augenbrauen zusammen. „Welcher Herr hat was erzählt?" „Oh, ich kenne seinen Namen nicht. Er erzählte bloß, dass Sie wohl sehr eigentümlich in der Wahl der Käufer seien und dass bisher keiner Ihren Ansprüchen genügen konnte. Und dass Sie nur jemanden annehmen würden, der fähig sei, das Dorf zu beschützen… Wovor denn beschützen?"

Sichtlich verlegen sah Mrs. Sullivan kurz in Evys Augen, nur um rasch den Blick abzuwenden. „Das war sicher der alte Pete! Der und sein albernes Gewäsch! Beschützen, dass ich nicht lache!" Laut auflachend bemühte sie sich sofort wieder um ein offenes, freundliches Gesicht auf. „Dem dürfen Sie nicht glauben, Miss. Der ist mindestens so verrückt wie er alt ist! Tja, manchen Menschen bekommt ein langes Leben an der See nicht. Sie fangen mit zunehmendem Alter an, überall Gespenster und Klabautermänner zu sehen. Nein, nein, es ist so, wie ich gesagt habe: Mein Enkel wird bald wieder zu seiner Großmutter ziehen und da überlasse ich natürlich lieber ihm das Haus als einem Fremden." Mit einem strahlenden, breiten Grinsen erwiderte Evy: „War es nicht eben noch Ihre Enkelin?" „Ähm…"

„Evelyn, können Sie mal kommen?", rief Hermine aus dem hinteren Teil des Ladens. „Das müssen Sie sich ansehen!" „Ich komme sofort!", antwortete Evy und mit einem letzten, überaus freundlichen Lächeln wandte sie sich von Mrs. Sullivan ab, deren Blicke ihr noch eine Weile durch den Laden folgten, bevor sie schließlich wieder an ihre Arbeit zurückging…

„Und, konnten Sie was herausfinden?", fragte Mine leise, als Evy neben Sie trat. „Nein, noch nicht. Wir müssen uns an den Plan halten.", gab diese ebenso leise zurück und besah sich dann interessiert die vor ihr befindlichen Waren.

In dem kleinen Laden fanden sich wirklich die möglichsten und unmöglichsten Dinge: Man konnte alles kaufen, angefangen bei Ansichtskarten, über Bierkrüge, Kaffeebecher, Puppen, ausgestopfte Tiere, Schmuck, Handtaschen (alles selbstgefertigt), bis hin zu alten verstaubten Büchern. Letztere hatten Hermines Aufmerksamkeit erregt und so stand sie nun mit ihrer Lehrerin neben einem alten Schrank, der von oben bis unten vollgestopft war mit allen Arten von Wälzern. Da gab es Reiseführer der Gegend, alte Atlanten, Kochbücher, Naturführer und noch so einiges mehr. Völlig hingerissen blätterte Hermine gerade in einem alten Band über die Flora und Fauna der Küste Südenglands.

Evy mochte solche kleinen, erlesenen Ansammlungen verschiedenster Bücher. Das meiste war immer Ramsch, aber hin und wieder stieß man darunter auf ein kleines Juwel. So wurde ihre Aufmerksamkeit nun von einem dicken, in Leder gebundenen Buch über die Legenden und Sagen der Gegend um Osmington Mills gefesselt. Staunend und voller Entdeckerdrang blätterte sie durch die vergilbten, staubigen Seiten, welche angefüllt waren mit Geschichten über Geisterschiffe, verfluchte Piratenschätze, geheimnisvolle Meeresungeheuer und Geister ermordeter Schmuggler. „Das kauf ich!", riefen Mine und Evy gleichzeitig und lachten laut auf, während sie sich gegenseitig ihre Errungenschaften zeigten.

Ginny, die sich lieber beim Schmuck auf Beutefang begeben hatte, kam nun mit etwas zu ihnen herüber, das entfernt wie eine Handtasche aussah – es hätte aber auch eine misslungene Häkeldecke sein können… „Wie findet ihr die?", fragte sie gespannt und hielt ihre Errungenschaft in die Höhe. Es war tatsächlich eine Umhängetasche – komplett gehäkelt, in den schreiendsten und buntesten Farben, die man sich vorstellen konnte. Und zu allem Überfluss waren auch noch große, künstliche Sonnenblumen über die ganze Tasche verteilt worden. Sie war wirklich… ein Hingucker. Verdattert und um Worte ringend, kratzte sich Evy den Kopf. „Ähm… Ginny, sei mir nicht böse, aber wo willst du denn mit dieser Fehlgeburt menschlichen Geschmacks hin?" Diese grinste breit. „Die ist nicht für mich. Die wollte ich Luna mitbringen! Glaubt ihr, sie würde ihr gefallen?" „Luna Lovegood meinst du?", hakte Evy nach, und als Ginny nickte, schmunzelte sie. „Ohja, ich denke, die würde ihr sicher sehr gut gefallen. Lunas Geschmack war ja schon immer… grenzwertig."

Lachend sahen sie sich weiter in dem niedlichen kleinen Laden um, der bis unter die Decke mit Dingen vollgestopft war, die niemand brauchte, dafür aber umso lustiger waren.

„Hey, seht mal!", rief Hermine, die an ein Regal mit Keramikwaren getreten war. Frech grinsend hielt sie einen Kaffeebecher hoch. Am oberen Rand prangte in knallroter Farbe der Schriftzug „Frauen haben IMMER recht!" Und direkt darunter war im Karikaturenstil eine Gruppe Frauen abgebildet, die sich krümmten vor Lachen, sich mit Lachtränen in den Augen auf die Schenkel klopften oder in schallendem Gelächter am Boden wälzten und auf diesen mit den Fäusten eintrommelten. Drehte man die Tasse um, fand sich auf der anderen Seite des Henkels eine Gruppe Männer, deren Haltungen das genaue Gegenteil ausdrückten: Schmollend und mit finsteren Gesichtern wandten sie den Damen den Rücken zu oder saßen mit angezogenen Knien am Boden und vergruben die schamroten Köpfe in den Händen.

Evy und Ginny lachten laut auf, als sie den Becher sahen. „So einen bringen wir Fred und George mit, was meinst du, Mine?" „Ohja!", antwortete diese und musste bei dem Gedanken an die blöden Gesichter der beiden Jungs noch mehr lachen. Evy schmunzelte, sparte sich aber eine Entgegnung. Es war offensichtlich, dass dieses kleine „Geschenk" mit der gewonnenen Wette der Mädchen zu tun hatte und sie wollte diese nicht durch ein unüberlegtes Wort erneut in Verlegenheit bringen. Denn wenn Evy auch nicht wusste, worin es in der Wette ging, konnte sie sich inzwischen doch denken, dass sie selbst dabei eine Hauptrolle gespielt hatte, ohne es zu merken…

Da fiel ihr Blick auf einen etwas anders gearteten Kaffeebecher… Auf der Pappschachtel stand „Zaubertrog". „Seht euch den mal an, Mädels!" Interessiert kamen die beiden näher. „Zaubertrog? Was soll das denn sein?", fragte Ginny neugierig und Mines Augen strahlten. „So einen hatte ich mal als Kind! Auf dem ist nix zu sehen – bis du ein heißes Getränk rein schüttest! Dann erscheint ein lustiges Bild oder ein Spruch." Evy nickte bestätigend und holte den Becher aus der Schachtel. Rechts neben dem Henkel stand: „Die Evolution…" Drehte man den Becher etwas nach links, war zu lesen: „…ging an diesem Geschöpf vollkommen vorbei!" Und wenn man ihn dann noch weiter drehte war da… nichts. Erwartungsvoll schauten die drei auf die Schachtel, auf welcher das zu erscheinende Bild dargestellt war… und brachen in schallendes Gelächter aus! Das Bild zeigte – wiederum im Karikaturenstil – einen männlichen, o-beinigen Höhlenmenschen im Lendenschurz, mit hüftlangen, ungepflegten Haaren, einer riesigen Keule, die er auf dem Boden neben sich her schleifte und einem so unwahrscheinlich blöden Gesichtsausdruck, wie ihn wahrlich nur ein Mann Zustandebringen konnte.

Ein boshaftes Grinsen huschte über Evys Gesicht, mit welchem sie sogar der Grinsekatze aus „Alice im Wunderland" Konkurrenz gemacht hätte. „Mädels, ich habe gerade das perfekte Geschenk für jemanden gefunden!" „Für wen, Evelyn?" „Eigentlich könnte man diesen Becher ja jedem Mann im Orden überreichen.", erwiderte sie. „Aber mir schwebt da gerade ein ganz besonderer vor…" Hermines Augen weiteten sich und sie wurde blass bis zur Nasenspitze. „Sie meinen doch nicht etwa…!" „Oh doch, genau den, meine Liebe!", antwortete Evy und ihr Blick war nun von wahrhaft diebischer Vorfreude gekennzeichnet. „Ich glaub, mir wird schlecht!", stieß Hermine leise hervor und wich vor ihrer Lehrerin zurück. Ginny fasste Evy am Arm und sah sie flehend an. „Tun Sie das nicht, Evelyn! Sie sind die erste VdK-Lehrerin seit Ewigkeiten, die nach einem Jahr noch da ist! Und wir haben Sie sehr gern! Bitte, setzen Sie Ihr Leben nicht so leichtfertig aufs Spiel!" Evy sah ihre Schülerinnen belustigt an. „Was ist denn mit euch? Glaubt ihr etwa, Mr. Black versteht keinen Spaß?" Entgeistert blickten die Mädchen erst sich und dann ihre Lehrerin an. „Sie… Sie haben von Sirius gesprochen?", stieß Hermine hervor und sofort kam wieder Farbe in ihr Gesicht. „Natürlich, was dachtet ihr denn?" Da dämmerte es Evy… „Professor Snape? Ihr dachtet ernsthaft, ich meinte ihn?" Heftiges Nicken antwortete ihr. Kopfschüttelnd nahm sie ihre Schülerinnen in den Arm. „Ganz ehrlich, ihr zwei: Ich lebe ja ganz gerne gefährlich, aber lebensmüde bin ich deshalb noch lange nicht!"


Nach einer weiteren Viertelstunde hatten sie ihre Einkäufe erledigt und machten sich vollbepackt auf den Weg zur Kasse. Jede hatte etwas Schönes gefunden und nebenbei war es ihnen auch noch gelungen, für (fast) jeden im Hauptquartier ein passendes Geschenk zu finden.

Molly bekam ein dickes Kochbuch mit dem Titel „Kreuz und quer über die britischen Inseln", inklusive einer schönen Schürze mit der Aufschrift: „ Our Mum is the best cook in the whole world". Genommen hatten sie diese allerdings hauptsächlich wegen der darauf abgebildeten Frau: Sie schwang einen Kochlöffel und ein Nudelholz und sah Molly Weasley auf erschreckende Weise ähnlich…

Auf der Suche nach dem passenden Kochbuch für Molly stießen sie auf das perfekte Geschenk für Tonks: Ein schöner großer Bildband mit dem Titel „Die schönsten Frisurenmoden aus aller Welt – garantiert für jeden Anlass und jedes Alter etwas dabei!"

Remus' Mitbringsel wurde von Hermine entdeckt und sorgte bei den dreien neben großer Begeisterung auch für mindestens genauso große Erheiterung: Ein Tausend-Teile-Puzzle im Panorama-Format, das eine Fotografie von Big Ben zeigte – mit phantastischem Blick auf die Themse…

Da nichts über Quidditch zu finden war (wie auch, in einem Muggelladen?), einigten sie sich nach langer Sucherei auf ein Reise-Billard-Spiel, welches sie Harry und Ron mitbringen wollten und Evy versprach den Mädchen mit einem spitzbübischen Grinsen, diesem noch ein paar kleine, aber feine magische „Überraschungen" beizufügen…

Das Geschenk für Arthur jedoch gefiel ihnen allen am besten: Es war ein großer, auf ein Brett genagelter Wels, den man an die Wand hängen konnte. Ging man an ihm vorbei, hob der Plastikfisch plötzlich den Kopf und begann „Row row row your boat gently down the stream" zu singen! Ginny kriegte sich vor Lachen kaum noch ein. „Dad wird Wochen damit zubringen herauszufinden, wie den Muggeln das gelungen ist!"

Leider ließen sich trotz intensivster Suche für Moody und Kingsley keine passenden Geschenke finden. Hermine hatte zwar den Vorschlag gemacht, Moody eine Flasche des hausgebrannten Whiskys mitzubringen, den Mrs. Sullivan feilbot, doch Evy erinnerte sie schaudernd an das Weihnachtsdesaster und Hermine stellte die Flasche schleunigst wieder weg. Moody hatte von Arthur zu Weihnachten eine Flasche sehr teuren Scotch bekommen. Da der gute Mad-Eye jedoch unter starkem Verfolgungswahn litt und seine Angst, ermordet zu werden, noch immer nicht hatte ablegen können, hatte dieser sich geweigert, auch nur einen Schluck aus der Flasche zu trinken, bis diese nicht genauestens auf Gift untersucht worden sei.

Das Endergebnis war, dass Evy und Severus die Weihnachtsfeiertage damit zubrachten, den Scotch auf jedes nur erdenkliche Gift zu testen. Natürlich fanden sie nichts. Allerdings konnten sie den Nachweis dafür erbringen, dass der angeblich aus rein natürlichen Zutaten hergestellte Scotch ganz und gar nicht natürlich war… Und als sie alle Tests durchgeführt hatten, die ihnen einfielen, war von dem Scotch gerade noch genug übrig, um zwei Schnapsgläschen zu füllen - welche sie beide sich dann kurzerhand selbst genehmigten…

Während sie ihre Schätze auf dem Tresen ablegten und nach Mrs. Sullivan riefen, ließ Evy noch ein letztes Mal ihren Blick über das Angebot schweifen – seufzte letztlich aber frustriert auf. Sie hätte so gerne auch für Severus etwas mitgebracht. Aber in diesem Lädchen ließ sich beim besten Willen nichts finden, das als Geschenk für einen Mann wie ihn geeignet gewesen wäre… Kurz hatte sie mit dem Gedanken gespielt, ihm einen der schönen, reich verzierten Bierkrüge mitzubringen, auf die sie gestoßen waren. Seit er nämlich vor vier Jahren auf der damals in München tagenden „Internationalen Konferenz der Zaubertrankmeister" Bekanntschaft mit deutschem Bier hatte machen dürfen, schwärmte er in höchsten Tönen von dem „Wunder deutscher Braukunst" und bedauerte es zutiefst, dass ihm damals keine Zeit geblieben war, sich anzusehen, wie das flüssige Gold hergestellt wurde…

Sich dies in Erinnerung rufend, hatte Evy wirklich lange hin und her überlegt, sich letzten Endes jedoch gegen dieses Mitbringsel entschieden. Denn ein Bierkrug – und sei er noch so schön – war wahrhaftig nicht das passende Geschenk für einen Severus Snape. Darüber hinaus trank er so selten Alkohol, dass sich diese Art von Präsent für ihn nicht mal gelohnt hätte…

In dem Moment betrat Mrs. Sullivan den Verkaufsraum und begann mit einem höchst erfreuten Lächeln die vielen Dinge zusammenzuzählen, welche die drei Ausflügler zu kaufen gedachten. Es war aber auch wirklich so einiges, das sie sich ausgesucht hatten: Neben den vielen Geschenken lagen da noch zwei Paar der schönen, handgemachten Sandalen, die die Mädchen an Evy so bewundert hatten, sowie Mines und Evys Bücher und eine Vielzahl an Halsketten, Armbändern und Ohrringen, an die Ginny ihr Herz verloren hatte.

Beim Umschauen waren ihnen natürlich schon die extrem niedrigen Preise aufgefallen, die an die Waren geheftet waren, trotzdem waren sie nun zutiefst überrascht, als Mrs. Sullivan ihnen die Gesamtsumme nannte. „Das macht dann fünfundvierzig Pfund." Erstaunt sahen sie sich an. So wenig? Wie konnte sich die alte Frau bei so niedrigen Preisen bloß den Unterhalt eines Ladens leisten und dann auch noch davon leben?

Mit unbewegtem Gesicht kramte Evy in ihrer Tasche nach dem Geld. Sie hatten sich noch am Strand einen Schlachtplan zurechtgelegt, mit dem sie herausfinden wollten, ob Mrs. Sullivan tatsächlich eine Hexe oder einfach nur eine schrullige alte Dame war. Und diesen setzten sie nun in die Tat um.

Der Plan war sehr simpel, aber wirkungsvoll: Evy zog eine Hundert-Pfund-Note aus dem Geldbeutel, wobei „aus Versehen" ein paar Münzen herausfielen. Reflexartig huschte der Blick der Alten kurz auf das Münzgeld – und blieb wie hypnotisiert daran haften. Denn es waren keine Pence, die da über den Ladentisch kullerten, sondern Knuts und Sickel…

Mit offenem Mund starrte sie das Zauberergeld an – um dann mit einem breiten Lächeln zu ihren drei gespannt wartenden Kundinnen aufzusehen. „Da soll mich doch Du-weißt-schon-wer holen…! Wer hätte gedacht, dass ihr drei Hexen seid?" Erleichtert atmeten Evy, Ginny und Hermine auf und wurden währenddessen mit verblüfftem Kopfschütteln und liebevollem Großmutterlächeln von Mrs. Sullivan gemustert. „Also wirklich, ihr drei seht so sehr nach Muggeln aus, dass ich nicht mal im Traum auf die Idee gekommen wäre, euch für Hexen zu halten! Da habt ihr mich aber ganz schön an der Nase herum geführt!", fügte sie lachend und mit tadelnd erhobenem Zeigefinger hinzu. „Sie müssen gerade was sagen!", erwiderte Evy grinsend. „Ich war letztes Jahr schon mal hier und hatte nicht den blassesten Dunst! Und wäre der alte Mann nicht gewesen, der uns von ihren Problemen mit den etwaigen Käufern des Cottages berichtet hat, wären wir wohl gleich aus Ihrem Laden spaziert, ohne zu ahnen, dass uns eine Hexe bedient hat!"

„Jaja, gute Tarnung ist alles, Herzchen!", entgegnete Mrs. Sullivan augenzwinkernd. „Man sieht es mir zwar nicht mehr an, aber als ich in Ihrem Alter war, meine Liebe, gehörte ich zu den besten Aurorinnen des Vereinigten Königreiches!" „Sie waren Aurorin?", stießen Ginny und Mine verblüfft hervor. „Ja, allerdings. Da bin ich auch meinem Mann begegnet, Merlin sei seiner Seele gnädig… Als unser Sohn dann eines Tages das Haus verließ um seine eigene Familie zu gründen, zogen wir aus London weg an diesen einsamen Ort. Und seither beschützt meine Familie Osmington Mills." „Aber wovor denn genau?", fragte Evy interessiert. „Vor dem Meer! Meinen ausgefeilten Schutzzaubern verdankt das Dorf, dass es von den schlimmen Stürmen, die jedes Jahr über die Küste Englands hinwegfegen, verschont bleibt. Wisst ihr, die Muggel sehen nur das, was sie sehen wollen. Bis in die Fünfzigerjahre hinein hatte dieses Dorf fast jährlich mit schlimmen Sturmfluten zu kämpfen. Und plötzlich – seit dem Jahre 1956 – ziehen die Stürme weitestgehend an Osmington Mills vorbei. Einfach so! Und die Muggel kommen nicht mal auf die Idee, dass da irgendwas faul sein könnte! Sie glauben an Glück oder eine günstige Fügung des Schicksals, faseln von Klimawandel und solchem Mumpitz! Pah! Ganz ehrlich, ihr Lieben: Sie haben ja schon sehr viel Erstaunliches geleistet, die Muggel, aber was Magie angeht, sind sie kurzsichtiger als ein Maulwurf!"

Die drei grinsten. So langsam fügten sich die Puzzleteile zusammen… Evy nickte nachdenklich. „Ich verstehe. Dann gehe ich wohl richtig in der Annahme, dass Sie Ihr Cottage also nur an Hexen oder Zauberer verkaufen wollen, nicht wahr?" Mrs. Sullivan nickte vehement. „Ganz genau. Sehen Sie, Liebes: Ich bin alt und meine Uhr tickt. Mein Mann und mein Sohn sind schon seit sechzehn Jahren tot und mein einziger Enkel lebt mit seiner Familie in den Vereinigten Staaten. Meine Urenkel sind etwa im Alter Ihrer beiden hübschen Begleiterinnen, aber ich kann nicht darauf hoffen, dass einer von ihnen eines Tages das abwechslungsreiche Leben in den USA gegen ein verschlafendes kleines Fischerdörfchen eintauscht, in welchem sie die einzigen Zauberer weit und breit wären. Nein, ich muss selbst aktiv werden und jemand geeignetes für den Schutz dieses wundervollen Fleckchens Erde suchen! Aber welchen Zauberer würde es schon freiwillig an einen so entlegenen Ort verschlagen? Besonders jetzt, da uns allen wieder so unruhige Zeiten drohen…" Tief seufzend sah sie kurz an den dreien vorbei nach draußen, gab sich dann aber einen sichtlichen Ruck und lächelte sie abwechselnd voller Neugierde an.

„Nun möchte ich aber mehr über euch erfahren! Es kommt schließlich nicht jeden Tag vor, dass sich drei so reizende Hexen in meinen Laden verirren! Seid ihr Schwestern?" Alle drei lachten. „Nein, die beiden Mädchen da sind Schulfreunde!", erklärte Evy schmunzelnd. „Und Sie, Miss?" „Sie ist unsere Lehrerin!", riefen Ginny und Hermine gleichzeitig, und die alte Frau schaute verblüfft zu Evy hinüber. „Lehrerin? In welchem Fach?" „Verteidigung gegen die dunklen Künste." „Sowas!" Ein erfreutes Lächeln huschte über Mrs. Sullivans runzliges Gesicht. „Dann sind wir beide ja praktisch Kolleginnen! An welcher Schule unterrichten Sie denn, meine Liebe?" „Hogwarts!", antwortete Evy und hoffte dabei, dass man ihr den tiefen Stolz in der Stimme nicht allzu sehr angehört hatte…

Nun geschah etwas Merkwürdiges. Mrs. Sullivan nickte zunächst verstehend. Dann jedoch schien etwas in ihrem Kopf „klick" zu machen, denn ein überaus erstaunter sowie hocherfreuter Ausdruck breitete sich auf ihrem alten, vom Wetter gegerbten Gesicht aus. „Aber… dann kennt ihr ja den guten Severus - Professor Snape meine ich, natürlich!"

„Flüchtig.", gab Ginny mit todernster Miene zurück, wofür sie ein paar herzhafte Lacher sowie – von Evys Seite – eine hochgezogene Augenbraue erntete. Mrs. Sullivan warf den Mädchen einen überaus belustigten Blick zu. „Ich seh schon, er nimmt euch ganz schön hart ran, genau wie er es mir immer erzählt." „Wie er es Ihnen immer erzählt?", hakte Evy neugierig nach und die alte Frau nickte. „Ja… ab und zu erzählt er mir ein bisschen von Hogwarts. Er ist ja nicht unbedingt der Gesprächigste, aber ein so netter, lieber und zuvorkommender Junge!"

Ginny konnte gerade im allerletzten Moment einen aufkommenden Kicheranfall mit einem heftigen Niesen tarnen und Hermine drehte sich schnell weg, um ihr breites Grinsen zu verbergen. Allerdings nicht schnell genug… „Keinen Ton!", schnaubte Evy im Versuch, ein ernstes Gesicht zu machen. „Wir haben doch gar nichts gesagt!", empörte sich Ginny, worauf ihre Lehrerin mit hochgezogener Augenbraue entgegnete: „Dann denkt nicht!" „Dafür ist es leider zu spät!" Und mit einem noch breiteren Grinsen drehten sich beide Mädchen wieder zu den plötzlich äußerst interessant erscheinenden Auslagen im Schaufenster um…

Kopfschüttelnd betrachtete Evy ihre beiden Schülerinnen, worauf Mrs. Sullivan leise lachte. „Keinen Funken Respekt mehr im Leib, die heutige Jugend, nicht wahr, Miss?" Und während Evy zustimmend nickte, fügte die Alte etwas lauter hinzu: „Wenn ihr zwei erst mal in mein Alter gekommen seid, wird euch jeder im Alter eures Zaubertrankprofessors wie ein Junge vorkommen!" Wieder an Evelyn gewandt fuhr sie fort: „Außerdem ist der gute Severus nur zwei Jahre jünger als mein Enkelsohn Sean, da ist es dann ja nicht verwunderlich, dass ich ihn einen Jungen nenne." Evy nickte verstehend, dann platzte es aus ihr heraus. „Woher kennen Sie Severus denn? Und seit wann?"

Diese Frage interessierte die beiden Mädchen natürlich mindestens genauso brennend wie ihre Lehrerin, und so gaben sie sich nach außen zwar weiterhin den Anschein, aufmerksam die Waren in der Auslage zu betrachten, hatten aber gleichzeitig die Lauscher aufgestellt und auf Empfang gedreht...

„Seit wann?", wiederholte Mrs. Sullivan langsam und seufzte. „Lassen Sie mich nachdenken, Kindchen… Ja, das dürften jetzt fast dreizehn Jahre sein, die ich ihn persönlich kenne. Theoretisch kenne ich ihn allerdings bereits zwanzig Jahren. Aus den Erzählungen meines Enkels Sean." Plötzlich hielt sie inne und lachte laut auf. „Entschuldigen Sie bitte, Miss! Alte Leute erzählen manchmal einfach so drauflos wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Ich werde versuchen, eine sinnvolle Ordnung in den Wirrwarr meiner Erinnerungen zu bringen. Also, lassen Sie mich überlegen…

Wenn ich mich richtig erinnere, kannten sich die beiden bereits in Hogwarts. Aber nur vom Sehen, wenn Sie verstehen… Mein Enkel war ja wie gesagt zwei Jahre älter als Severus und dazu noch in Ravenclaw. Sie hatten also altersmäßig nichts miteinander zu tun und auch keinen gemeinsamen Unterricht. Sie wissen ja, wie das geht. Wahrscheinlich sind sie sich in Hogwarts mehrmals täglich über den Weg gelaufen, beim Essen, in der Bibliothek… aber ohne aufeinander zu achten… Ach, ich schweife wieder ab… Wo war ich? Ah ja…

Sean machte also seinen Abschluss in Hogwarts und erhielt dann ein Teilstipendium für Cambridge. Er studierte auch Zaubertränke, müssen Sie wissen… Seine Ausbildung und die Mahlzeiten wurden ihm bezahlt, nur für eine Unterkunft musste er selbst aufkommen. Daraufhin teilte er sich zwei Jahre lang ein Zimmer mit einem älteren Kommilitonen. Als dieser jedoch seinen Abschluss machte, befand sich Sean plötzlich in der misslichen Lage, ein Zweierzimmer alleine zu bewohnen und demnach auch für die Miete alleine aufkommen zu müssen. Da er das Zimmer in perfekter Lage – nur fünf Minuten zur Fakultät für Zaubertränke und zur Bibliothek – aber nicht aufgeben wollte, blieb ihm nur eine Möglichkeit: Er musste sich einen neuen Mitbewohner suchen. Also hängte er einen Aushang ans Schwarze Brett, in dem er nach einem jungen Mann, vorzugsweise Erstsemester und ebenfalls Student der Zaubertränke, suchte, der bereit sei, sich mit ihm ein Zimmer zu teilen und für die Hälfte der Miete aufzukommen. Sean erhielt gleich mehrere Anfragen, jedoch erzählte er mir, dass er und Severus sich auf Anhieb sympathisch waren, da im Wesen sehr ähnlich.

Wissen Sie, mein Sean ist auch eher der ernsthafte, stille Typ. Er hätte sich niemals mit einer Quasselstrippe oder einem Partytier zusammengetan. Und da Severus weder das eine, noch das andere war, stand einem friedlichen Zusammenleben nichts mehr im Wege. Und die Zweckgemeinschaft hielt ganze drei Jahre – solange nämlich, bis Sean seinen Abschluss machte. Was nach seinem Fortgang aus Cambridge aus Severus wurde, hat er mir nicht näher erzählt. Ich weiß nur, dass die beiden heute noch regen Briefkontakt pflegen, sich seit Seans Abschluss vor siebzehn Jahren allerdings höchstens dreimal gesehen haben. Ihrer beider Berufe und die weite Distanz lassen regelmäßige Besuche leider nicht zu…"

„Was macht Sean denn jetzt?", fragte Evy interessiert, die sich immer noch versuchte vorzustellen, wie sich ein achtzehnjähriger Severus an der Uni eine Studentenbude mit einem Kommilitonen teilte… Mrs. Sullivan richtete sich auf und lächelte so stolz, wie es nur Großmütter können. „Er ist Professor für Zaubertränke an der Harvard University!" „Wow!", entfuhr es Evy, Hermine und Ginny gleichzeitig, wobei die beiden letzteren sich inzwischen nicht mal mehr die Mühe machten, desinteressiert auszusehen. Die unerwarteten Infos über ihren Zaubertrankprofessor waren einfach zu spannend!

Mrs. Sullivan lächelte liebevoll. „Und trotzdem kommt er mich immer zu Weihnachten besuchen und schickt mir im Sommer für zwei Wochen meine drei Urenkel, damit sie die Heimat ihrer Eltern und Großeltern kennenlernen. Und jedes Mal, wenn er hier ist, erkundigt er sich nach Severus. Ob ich ihn gesehen habe, wie es ihm geht, ob er noch immer in Hogwarts unterrichtet, und so weiter. Und immer wieder schüttelt er den Kopf, wenn er erfährt, dass er tatsächlich noch in Hogwarts als Lehrer tätig ist…" „Wieso das denn?", fragte Mine und kam damit ihren beiden Begleiterinnen zuvor.

Mrs. Sullivans Gesicht nahm einen traurigen Ausdruck an. „Nun ja… eure Lehrerin hier weiß es ja vielleicht, aber ihr könnt davon sicher nichts wissen…" „Wovon denn?", hakte Ginny ungeduldig nach, wofür sie von Evy und Mine einen tadelnden Blick erhielt. Doch die alte Frau lachte nur gutmütig. „Alte Leute sind nicht mehr so schnell wie die Jugend, Kindchen. Also, wo war ich? Ah ja… Als Sean Cambridge verließ, hatte Severus noch zwei Jahre Studium vor sich und war sehr in seine Arbeit eingespannt. Wie mein Sean war er ein sehr ehrgeiziger und gewissenhafter Student, daher hatten sie denkbar wenig Kontakt in den folgenden beiden Jahren. Und nach Severus' eigenem Abschluss hatten sie wegen der Wirren des Krieges über ein Jahr gar keinen Kontakt mehr miteinander, auch nicht per Brief. Nach Ende des Krieges dann… ja genau, vor etwa dreizehn Jahren, erfuhr Sean von einem ehemaligen Kommilitonen, dass Severus nun in Hogwarts Zaubertränke unterrichte und welche einmalige Chance er für diese Stelle aufgegeben hatte!"

„Welche denn?", fragten die Mädchen gespannt, während Evy schweigend nickte. Diesen Teil der Geschichte kannte sie von Severus selbst, der ihn ihr nur widerwillig vor einem knappen Jahr erzählt hatte…

Mrs. Sullivan räusperte sich und fuhr fort. „Nicht einmal ein Jahr nach Severus' Abschluss in Cambridge, bot ihm die Universität einen Lehrstuhl für Zaubertränke an! Stellt euch das vor! Einem gerade mal Vierundzwanzigjährigen wurde ein Lehrstuhl an der ältesten Fakultät für Zaubertränke auf der ganzen Welt angeboten! Und er wäre der jüngste Professor seit Bestehen der Universität gewesen! Und diese einmalige Chance hatte er für eine Stelle als Lehrer in Hogwarts ausgeschlagen!"

Während die Mädchen nur stumm staunten, schüttelte Mrs. Sullivan nachdenklich den Kopf. „Versteht das bitte nicht falsch, Mädchen. Hogwarts ist die wohl beste Schule für Hexerei und Zauberei, die es gibt! Aber ihr müsst euch versuchen, das vorzustellen: Auf der einen Seite Schüler, für die Zaubertränke ein Pflichtfach ist, welches gut achtzig Prozent so schnell wie möglich wieder loswerden wollen. Eine ganze Menge Schüler also, die weder Talent noch Freude an diesem Fach haben, es aber fünf Jahre lang belegen müssen. Und auf der anderen Seite jeden Tag ein voller Hörsaal mit mehr als einhundert Studenten aus aller Welt, die dieses Fach freiwillig belegen und ihrem Professor wissbegierig an den Lippen kleben… Na, da muss ich euch wohl nicht erst erklären, welche Stelle Severus' Talenten und Fähigkeiten eher entsprochen hätte…"

Während die Mädchen nachdenklich vor sich hin sahen, war Mrs. Sullivans Blick unentwegt auf Evy gerichtet, die nun merkte, dass sie beobachtet wurde, und aufsah. „Ich scheine also recht damit zu haben, dass dies für Sie keine Neuigkeiten sind, meine Liebe?" „Nein.", gab Evy zu und seufzte. „Vor einem knappen Jahr hab ich davon erfahren… und noch einiges mehr. Severus hat dieses Angebot damals ausgeschlagen, das stimmt – allerdings nicht zum letzten Mal." „Wie bitte?", entfuhr es der alten Dame und sie wurde blass. „Wollen Sie damit sagen…?" „Ja. Seit vierzehn Jahren bietet ihm Cambridge jedes Jahr aufs Neue den Lehrstuhl für Zaubertränke an – und jedes Jahr lehnt er wieder ab…" „Aber wieso denn, um Merlins Willen?"

Evy überlegte. Die volle Wahrheit konnte sie der alten Frau nicht erzählen. Zum Einen, weil sie nicht wissen konnte, wie viel diese tatsächlich von Severus und seiner Vergangenheit wusste, zum Anderen, weil sie damit seine Tätigkeit für den Orden ins Spiel hätte bringen müssen. Also entschied sie sich für eine Teilwahrheit…

„Wissen Sie, nach Ende des Krieges suchte Hogwarts händeringend einen neuen Lehrer für Zaubertränke. Und da hat sich Dumbledore an seinen ehemaligen Schüler gewandt und…" „Ah, ich versteh schon!", fiel ihr die alte Frau ins Wort und ihr Gesicht nahm einen harten Ausdruck an. „Lassen Sie mich raten: Der gute Albus bat Severus um diesen kleinen Gefallen. Und wie jeder weiß, der jemals näher mit Albus Dumbledore zu tun hatte, schlägt man diesem keine Bitte ab…" Evy nickte, erleichtert, dass sie nicht näher darauf eingehen musste.

„Dass ich darauf nicht selbst gekommen bin!", murmelte Mrs. Sullivan kopfschüttelnd vor sich hin. Etwas lauter fügte sie dann hinzu: „Ich hoffe, dass der liebe Albus das Opfer zu schätzen weiß, welches Severus da für ihn erbracht hat! Es gibt nicht viele Zauberer auf dieser Welt, die von sich behaupten können, dass ihnen eine Universität vierzehn Jahre lang nachläuft!"

Mit einem scharfen Blick wandte sie sich nun an die beiden Mädchen. „Und ihr zwei nehmt das, was euer Professor täglich leistet, nun hoffentlich nicht mehr als allzu selbstverständlich hin! Ich weiß ja nicht genau, was ihn letzten Endes so an Hogwarts bindet, aber Liebe zu seinem Beruf kann es nicht sein. Nicht wenn ich höre, wie er über seine Schüler spricht…"

Als Hermine und Ginny missbilligend die Gesichter verzogen, setzte die alte Frau energisch hinterher: „Oh, er spricht nicht direkt schlecht von euch allen. Er sagt lediglich, dass er es leid ist, tagtäglich von Schülern umgeben zu sein, die keinerlei Freude an seinem Fach, geschweige denn Talent dafür haben. Das Einzige, das ihn scheinbar davon abhält, einfach zu kündigen, ist die Freundschaft zu Albus Dumbledore. Davon gehe ich zumindest mal aus, denn der gute Albus kann nach vierzehn Jahren nicht immer noch einen Gefallen einfordern! Jede Schuld, wie groß auch immer sie sein mag, ist irgendwann beglichen!"

Nicht in Dumbledores Augen.', dachte Evy bitter und starrte versonnen vor sich hin. Da fiel ihr plötzlich wieder etwas ein, woran sie sich die seit Beginn des Gesprächs stieß…

„Mrs. Sullivan, Sie sagen die ganze Zeit, dass Severus Ihnen dieses und jenes erzählt… Das hört sich für mich an, als würden Sie ihn regelmäßig sehen…" Die alte Frau nickte. „Ja, das stimmt. Einmal im Jahr kommt er her." „Aber warum? Doch wohl nicht aus purer Höflichkeit, oder?" Mrs. Sullivan lächelte verschmitzt. „Nein, durchaus nicht. Er ist seit dreizehn Jahren einer meiner Stammkunden!"

Nun waren Evy und ihre beiden Schülerinnen restlos verblüfft und ratlos, und so mussten sie auch ausgesehen haben, denn die alte Frau begann herzhaft zu lachen. „Kinder, wenn ihr eure Gesichter sehen könntet! Zu köstlich!"

Evy hatte sich am schnellsten wieder in der Gewalt. „Verzeihung, aber diese Eröffnung war dann doch etwas… überraschend. Was, in Merlins Namen, verkaufen Sie hier, das für einen Mann wie Severus Snape so interessant sein könnte, dass er dafür seit dreizehn Jahren extra herkommt?"

Ein verschlagener Ausdruck legte sich auf das freundliche, faltige Großmuttergesicht, und mit einem Schwung, den man der betagten Dame nicht mehr zugetraut hätte, machte sie auf dem Absatz kehrt und verschwand durch die Tür in den Nebenraum, aus dem sie eben gekommen war. „Na los, kommt schon, ich werde auch nicht jünger!", rief sie ihren drei Kundinnen zu und diese beeilten sich, ihrer Aufforderung Folge zu leisten...


Als sie durch die Tür traten, fanden sie sich zu ihrer größten Überraschung in einem dunklen Korridor wieder, in dem eine Treppe in den ersten Stock hinaufführte. Neben dieser wartete Mrs. Sullivan und wies einladend auf eine schmale Tür zu ihrer Linken. „Bitte sehr, nach Ihnen!", sagte sie in einem Ton, der die knallharte Geschäftsfrau offenbarte, die offenbar hinter der freundlichen Fassade der schrulligen alten Dame steckte.

Verdutzt betrachtete Evy die Tür, welche scheinbar zu einem Besenschrank unter der Treppe gehörte – genau so ein Schrank, wie ihn Harry jahrelang bewohnen musste…

Doch sie war schon viel zu lange mit der Welt der Zauberer vertraut, um lange verblüfft zu bleiben. Resolut ergriff sie die Türklinke und drückte diese hinunter… und betrat eine völlige andere Welt!

Was sie da erblickte, stand in derart krassem Gegensatz zu dem kleinen Muggelramschladen, dass es schon grotesk wirkte: Statt einer kleinen Besenkammer, tat sich vor Evy ein großer, langgestreckter Raum auf, der an allen vier Wänden mit Holzregalen besetzt war. Und jedes Regal war bis unter die Decke vollgestopft mit Einmachgläsern aller Formen und Größen, in welchen die seltsamsten und unwahrscheinlichsten Dinge schwammen, die man sich vorstellen konnte… wenn man keine Ahnung von Zaubertränken hatte…

„Ich fasse es nicht…!", stieß Evy hervor und trat langsam von Regal zu Regal, dabei die wohl gewaltigste Ansammlung von Zaubertrankzutaten bestaunend, die sie seit Cambridge je gesehen hatte. Aber es war keine wahllose Zusammenstellung irgendwelcher Zutaten. Alles, was das Meer zu bieten hatte – ob nun gängig, selten, exotisch, extravagant oder mysteriös – ob billig oder teuer, wertlos oder unermesslich wertvoll – alles war vertreten. Und nicht nur Zutaten, die der Nordatlantik beherbergte, waren hier zu finden: Ob nun Atlantik oder Pazifik, Mittelmeer oder Totes Meer – jedes nur erdenkliche Gewässer war hier vertreten. Und das war noch längst nicht alles. Denn auch das reichhaltige Angebot einiger großer Flüsse konnte hier gefunden werden. Evy entdeckte die Schwanzflossen von im Amazonas lebenden Piranhas, zitronengelbe Frösche aus dem Ganges-Delta, deren Gift so tödlich wirkte, dass man bereits tot war, bevor man es überhaupt merkte, sowie die überaus wertvollen Eier des als ausgestorben geltenden Nilbarsches, welche in Verjüngungstränken aller Art Verwendung fanden.

Auch Hermine und Ginny wanderten staunend durch den großen Raum, Mine jedoch mit weitaus mehr Interesse. Evy wandte sich währenddessen kopfschüttelnd an Mrs. Sullivan, die schmunzelnd ein paar Einmachgläser zurechtrückte. „Das ist… phänomenal!" „Seltsam, genau dasselbe Wort gebrauchte Severus, als er diesen Raum das erste Mal sah." Sprachlos drehte sich Evy einmal um ihre eigene Achse, um daraufhin mit einem verblüfften Ausruf zu fragen: „Wie kommen Sie an all diese Dinge?" Ein hintergründiges Lächeln umspielte die runzligen Lippen der alten Frau. „Ich habe… Beziehungen, Kindchen. Mir sind schon verdammt viele Leute begegnet in meinem langen Leben. Außerdem sind mein Mann und ich vor der Geburt unseres Sohnes viel gereist und haben dabei den einen oder anderen Kontakt geknüpft… Nun ja, manche Freundschaften halten eben ein Leben lang – oder soll ich lieber „Geschäftsbeziehungen" sagen?"

Evy ging weiter die Regalreihen ab und nahm dabei jedes einzelne Glas genauestens in Augenschein. „Ich vermute mal, dass Severus den Tipp für Ihren Laden von Sean hat, nicht wahr?" „Ganz recht. Durch meinen Laden und meine weitreichenden Kontakte, konnte ich meinem Enkel seine fürs Studium benötigten Vorräte kostenlos auffüllen, während Severus seine Zutaten immer teuer erwerben musste. Das fiel diesem mit der Zeit natürlich auf und er fragte Sean nach seiner „Quelle". Daraufhin schickte Sean mir eine Eule, in der er mich bat, seinem Zimmergenossen auch hin und wieder bei der günstigen Beschaffung seiner Zutaten zu helfen. Da Severus diese aber niemals angenommen hätte, ohne etwas dafür zu zahlen, vereinbarte ich mit ihm einen kleinen Handel: Für die Dauer seines Studiums bekam auch er seine Zutaten von mir kostenlos zur Verfügung gestellt, wenn er mir versprach, alles was er zukünftig brauchen sollte, in meinem Laden zu, statt in der Winkelgasse oder anderswo. Das gilt natürlich nur für Zutaten maritimer Natur. Und er hält sich an diesen kleinen Handel bis zum heutigen Tag. Er hat aber auch was davon. Denn während der Apotheker in der Winkelgasse seine Ware über mehrere Zwischenhändler bezieht und sie dementsprechend teuer verkaufen muss, um noch etwas daran zu verdienen, erhalte ich meine Zutaten über höchstens drei Zwischenstationen – mehr als die Hälfte weniger als die Konkurrenz. Daher sind meine Preise wesentlich geringer. Und der gute Severus zieht noch mehr Vorteile aus unserem kleinen Arrangement…" „Die da wären?", fragte Evy höchst interessiert, was die alte Frau mit einem diebischen Grinsen quittierte. „Ich komme hin und wieder an kleine Kostbarkeiten, welche die Winkelgasse nicht anbieten kann, da sehr teuer, sehr selten und… „Sehr illegal?", hakte Evy mit scharfem Unterton nach und zog eine Augenbraue kraus.

Breit lächelnd schnalzte Mrs. Sullivan mit der Zunge und erhob tadelnd einen Zeigefinger. „Das haben jetzt Sie gesagt, Miss! Meine Schätze sind nicht illegal. Manches davon wurde lediglich unter Ausschluss des lästigen und langwierigen Papierkrieges beschafft, den das Ministerium ja für so viele magische Gegenstände vorsieht. Im Grunde entlaste ich die hart arbeitenden und schwer unterbezahlten Ministeriumsangestellten bloß, wenn Sie verstehen…" Nun musste Evy herzhaft lachen. „Ja, ich verstehe durchaus." Und mit einem verschwörerischen Lächeln fügte sie hinzu: „Was das Ministerium nicht weiß, macht es nicht heiß, richtig?" „Haha, Sie gefallen mir, Kleines!", rief die alte Frau begeistert und schlug Evy mit solcher Wucht auf die Schulter, wie Hagrid es nicht besser gekonnt hätte.

„Und wie oft kommt Severus her?" „Sie wollen es aber ganz genau wissen, Kleines!", witzelte Mrs. Sullivan, fuhr aber sofort in geschäftsmäßigem Ton fort. „Einmal im Jahr kommt er her, immer kurz vor Schuljahresbeginn und bringt mir eine Liste mit Zutaten, die er für das Schullager benötigt, sowie für seine persönlichen Vorräte. Und zwischendurch, wenn ich etwas Außergewöhnliches rein bekomme, das für ihn von Interesse sein könnte, schicke ich ihm eine Eule und wir erledigen alles Weitere per Post." Nachdenklich kratzte sie sich das Kinn. „Hmmm… Ist irgendwie lustig, wenn ich so darüber nachdenke, Miss: Fast sieben Jahre lang hat er von mir Zutaten bezogen, ohne dass ich ihn je zu Gesicht bekommen hätte – alles wurde über Eulenpost abgewickelt. Erst nach seinem Studium – als er die Stelle in Hogwarts annahm – betrat er das erste Mal meinen Laden. Schon ein merkwürdiges Gefühl, mit dem Namen und der Handschrift endlich auch ein Gesicht verbinden zu können, finden Sie nicht auch...?" Plötzlich lachte sie auf. „Ach, Sie müssen entschuldigen, Miss. Alte Leute und ihr schrulliges Geschwätz! Dabei wollte ich Ihnen und den Mädchen doch gerade etwas zeigen! Eine wirkliche Kostbarkeit, erst gestern angekommen! Eigentlich hatte ich vor, Severus heute noch per Eule davon zu berichten, aber das können Sie ja nun für mich erledigen, wenn Sie ihm das nächste Mal begegnen, Miss." Mit diesen Worten wandte sie sich um und verschwand zwischen zwei Regalreihen.

Evy und die Mädchen beeilten sich ihr zu folgen und staunten nicht schlecht, als sie der schmalen Tür gewahr wurden, die zwischen den Regalen in eine Art Lager führte. Drinnen war es ziemlich dunkel. Das einzige Licht schien von einem großen Glaskasten auszugehen, der in der hintersten Ecke des Raumes stand und von einem schwarzen Tuch teilweise abgedeckt wurde.

Beim Nähertreten erkannten sie, dass in diesem Kasten etwas schwappte, das wie schmutziges Wasser aussah. Mrs. Sullivan hatte eine Hand an das schwarze Tuch gelegt und wartete geduldig, bis sich ihre drei gespannten Kundinnen neben sie gestellt hatten, und mit einem heftigen Ruck zog sie es beiseite und gab den Blick frei auf… das wohl abscheulichste Wesen, dass diese Welt jemals hervorgebracht hat…

Der Glaskasten entpuppte sich als ein Aquarium, in welchem ein fast Halbmeter großer Fisch schwamm… oder besser gesagt etwas, das aussah wie ein Fisch…

Dieses Etwas hatte die Form eines zu groß geratenen Barschs, doch statt Schuppen hatte er…

„Sind das etwa Mullbinden?", fragte Ginny entsetzt und angeekelt, die fast mit der Nase ans Glas des Aquariums stieß, um das Wesen darin besser sehen zu können. Und tatsächlich: Vom Kopf bis zur Schwanzflosse war der Fisch in Mull gewickelt. So sah es zumindest aus. An manchen Stellen lösten sich die Binden und schwebten lose neben ihm in den Strömungen des Wassers. Evy und Mine sahen sich derweil nur entgeistert an. Ihnen beiden war klar, was sie da vor Augen hatten… „Das ist ein Mumienfisch!", stieß Letztere ehrfürchtig hervor und begann, sich das Tier von allen Seiten anzusehen, der jedem ihrer Blicke auf beängstigende Weise folgte.

Schmunzelnd trat Mrs. Sullivan derweil neben Evy, die nicht fassen konnte, was ihre Augen da wahrnahmen. „Na, was denken Sie, meine Liebe? Wird er dem guten Severus gefallen?" Evy erwachte aus ihrer Starre und schnaubte. „Gefallen? Töten würde er für diesen Fisch, wie jeder andere Zaubertrankmeister mit Verstand es auch täte!" Nun mit sichtlichem Respekt die alte Frau betrachtend, fragte sie: „Wie, in Circes Namen, sind Sie an den gekommen?" „Zufall.", entgegnete diese leichthin. „Ein paar Meilen außerhalb von Kairo ist er Muggelfischern ins Netz geraten, ohne dass sie es bemerkt haben. Erst beim Verschiffen fiel einem der Magier an Bord auf, was sich da unter dem Fang des Tages befand! Und er bewies zum Glück so viel Verstand, diese kleine Kostbarkeit an den Behörden vorbei einem guten Freund von mir zu schicken, damit dieser überprüfen konnte, ob es auch tatsächlich ein Mumienfisch war. Und dieser Freund hat ihn dann mir zur Verfügung gestellt." Mit einem heftigen Augenzwinkern fügte sie hinzu: „Fragen Sie gar nicht erst! Das sind Berufsgeheimnisse." Evy nickte verstehend. Ehrlich gesagt wollte sie es auch gar nicht näher wissen. Denn dann wären ihr die vielen Gesetze eingefallen, die man bei der Beschaffung dieses Schatzes über Bord geworfen hatte…

„Könnte mir mal jemand erklären, was genau ein Mumienfisch ist und warum ihr alle so ein Geschrei um dieses hässliche Vieh macht?", fragte nun Ginny ungehalten, da scheinbar jeder außer ihr alles über diesen merkwürdigen Fisch zu wissen schien.

Evy nickte freundlich und sofort erwachte die Lehrerin in ihr. „Natürlich, Ginny. Obwohl ich mich etwas wundere. Du warst doch vor ein paar Jahren mit deiner Familie in Ägypten, nicht wahr? Hat man euch da etwa nicht die Legende von der Entstehung des Mumienfisches erzählt?" „Kann schon sein.", gab Ginny zu. „Zu meiner Verteidigung muss ich aber sagen, dass ich damals viel zu sehr damit beschäftigt war darauf zu achten, nicht gemeinsam mit Percy von Fred und George in einer Pyramide eingemauert zu werden! Da kann es sein, dass mir solche Kleinigkeiten entgangen sind…" Während alle lachten, legte Evy mitfühlend einen Arm um Ginnys Schultern und schob sie näher an das Aquarium heran.

„Dann lass mich dir nun vom sagenumwobenen Mumienfisch berichten, dessen Existenz sehr viele Magier nach wie vor bestreiten und als Ammenmärchen abtun. Wie du weißt, waren die Hohepriester der alten Pharaonen mächtige Magier. Nach dem Tod ihrer Könige bereiteten sie diese auf den Eintritt in die Unterwelt und ins Ewige Leben vor." „Sie haben sie mumifiziert.", nickte Ginny und schüttelte sich, als ihr wieder einfiel, wie so eine Mumifizierung vonstattenging. „Ja, genau. Doch zuvor haben die Hohepriester die Leichen mit verschiedenen magischen Salben und Ölen eingerieben, um die Haut haltbar und widerstandsfähig zu machen. Und auch die Mullbinden, in welche die Körper eingewickelt wurden, waren zunächst in magischen Tinkturen gebadet worden. Leider sind praktisch alle Rezepte dieser Substanzen verlorengegangen, und so mancher Zaubertrankmeister würde seine Seele verkaufen, um bloß ein einziges davon in die Finger zu bekommen!"

Wehmütig seufzte Evy leise auf und ließ für einen Moment ihre Gedanken abschweifen… um sich schließlich mit einem Räuspern zu straffen und wieder zu ihrer Erzählung zurückzukehren. „Du fragst dich sicher, warum ich das erwähne. Nun, es ist wichtig, zu wissen, mit wie viel Magie all die Mumien in ihren Gräbern angereichert sind, um die Tragweite des Folgenden zu verstehen. Denn seit Jahrhunderten werden immer wieder Pyramiden und Königsgräber Opfer von Grabräubern. Wenn es diesen mal gelingt, die tückischen mechanischen und auch magischen Fallen zu überwinden, mit denen die Grabkammern versehen sind, nehmen sie alles mit, was nicht niet- und nagelfest ist. Erst auf ihrem Rückweg in die Städte sichten sie ihre Beute und entsorgen alles, was sie nicht zu Geld machen können. Und da die allermeisten Grabräuber dumm wie Brot sind, sehen sie nur in Gold und Geschmeide lukrative Einnahmequellen und kommen gar nicht auf die Idee, dass sie mit den Mumien auch ein kleines Vermögen verdienen könnten. Also entledigen sie sich der toten Körper und werfen sie in den Nil, wo sie von einigen Bewohnern als Nahrungsquelle missbraucht werden. Da die Magie der Hohepriester in keinster Weise an Wirkung verloren hat, nehmen die Tiere mitsamt dem toten Fleisch auch alle magischen Stoffe auf, die sich in den verwendeten Salben und Tinkturen befanden. Die meisten Tiere überstehen das problemlos. Nur auf einige Wenige wirken diese Substanzen toxisch." „Sie sterben?", fragte Ginny entsetzt. „Genau." „Aber… dann ist dieser Fisch tot?" Evy wiegte den Kopf sachte hin und her. „Ja und … nein. Verstehst du, einerseits gelangte eine tödliche Dosis verschiedenster magischer Stoffe in seine Blutbahn… welche allerdings dazu gedacht waren, ewiges Leben zu schenken! Dieser Fisch da…", sagte Evy nun leise und wies auf das Aquarium, „ist infolge der geballten Magie gestorben… und wurde kurz darauf wiederbelebt… und das Ergebnis davon siehst du vor dir…"

Schweigend starrten sie auf den Fisch, der langsam seine Bahnen zog und seine Beobachter keines Blickes mehr würdigte.

„Ist er jetzt unsterblich?", fragte Ginny mit wachsender Faszination. „Nicht wirklich. Er würde außerhalb des Wasser genauso sterben wie jeder andere Fisch auch. Wenn man ihn nicht füttert, verhungert er. Aber er altert nicht mehr. Denkt man also immer daran, ihm zu Essen zu geben, könnte er in dreihundert Jahren noch leben!" „Und was frisst der?" „Alles, solange es tot ist. Tote Tiere genauso wie abgestorbene Pflanzen. Und je verwester es ist – umso besser! Das steigert die Wirksamkeit in den Tränken." Ginny sah auf. „Was genau wird von diesem Vieh denn bitte in Tränken verwendet?" Evy grinste schief. „Seine Exkremente." „Was?", stieß das rothaarige Mädchen hervor und unterdrückte angestrengt ein angewidertes Würgen. Auch Hermine war blass geworden, obwohl sie das alles schon wusste. Mrs. Sullivan jedoch wedelte unwirsch mit einer Hand. „Ach was, man darf bloß nicht so zimperlich sein! Dann ist das alles halb so schlimm."

Während ein letztes angewidertes Schütteln durch Ginnys Körper ging, zog sie nachdenklich die Brauen zusammen. „Was bewirken seine… Exkremente denn in Tränken?" „Sie haben extrem heilende Wirkung. Es wird behauptet, es gäbe keinen Fluch, den man mit Mumienfischexkrementen nicht heilen könne. Da heutzutage allerdings immer weniger Grabräuber noch auf Funde stoßen, und noch weniger davon die gefundenen Mumien entsorgen, sind diese Fische so unwahrscheinlich selten geworden, dass es praktisch keine Beweise für diese Behauptung gibt. Welche Möglichkeiten sich da auftäten, besäße man ein Exemplar! Und dann auch noch eines wie dieses! Er ist perfekt!"

Mrs. Sullivan gluckste leise vor sich hin. „Man könnte meinen, eine weibliche Ausgabe von Severus stünde neben mir! Ich gehe also recht in der Annahme, dass er gewillt sein könnte, mir dieses Prachtexemplar abzukaufen?" Evy nickte heftig. „Auf alle Fälle, darauf könnten sie Gift nehmen! Sie haben ja keine Ahnung, was dieser Fisch für unsere Forschungen bedeutet!" Aufmerksam betrachtete die alte Frau ihr Gegenüber, vermied jedoch nähere Fragen… Neugierig wandte sich Evy nun zu ihr um. „Wie viel verlangen Sie für das Tier?" Ein eigenartiges Funkeln trat in Mrs. Sullivans Augen, als sie mit hintergründigem Lächeln erwiderte: „Was ist er Ihnen denn wert?" „Mir?", fragte Evy verdutzt und schüttelte abwehrend den Kopf. „Oh, das ist ein Missverständnis, Mrs. Sullivan! Ich könnte dieses Tier niemals kaufen, es ist viel zu kostbar!" „Und Sie glauben, Severus könnte es?"

Zutiefst beschämt senkte Evy den Blick. Daran hatte sie überhaupt nicht gedacht… Severus war zwar schon wesentlich länger in Hogwarts beschäftigt als sie, und darüber hinaus war er ein sehr sparsamer Mensch. Doch auch er wäre finanziell niemals in der Lage, dieses unschätzbar wertvolle Tier zu erwerben…

Bevor sie jedoch etwas dazu sagen konnte, fragte Mrs. Sullivan plötzlich im Plauderton: „Habt ihr eigentlich schon etwas gegessen, seit ihr hier seid?" „Nein.", entgegnete Evy und die Mädchen schüttelten den Kopf. „Wir hatten eigentlich vor, nachher im Pub eine Kleinigkeit zu essen." „Im ‚Smuggler's Inn'?" „Genau." Resolut schüttelte die alte Frau den Kopf. „Kommt ja gar nicht in Frage, dass ihr ein Vermögen für einen läppischen Fischeintopf ausgebt! Ich lade euch zu Tee und Sandwiches ein!" „Das können wir doch nicht annehmen!", erwiderte Evy verlegen und ihre Begleiterinnen nickten vehement, wovon die alte Dame jedoch nichts wissen wollte. „Ach, Papperlapapp! Ihr bleibt, und damit basta! Schließlich habe ich nicht jeden Tag die Gelegenheit, mich mit drei so reizenden Hexen zu unterhalten! Tut einer alten Frau den Gefallen!"

Ginny und Mine sahen zu Evy, und als diese schließlich nickte, strahlte Mrs. Sullivan übers ganze Gesicht. „Perfekt!" Und mit einem entschiedenen Nicken wandte sie sich an die beiden Mädchen. „Ihr könnt euch schon mal nützlich machen! Geht einfach draußen im Korridor die Treppe hoch, die führt direkt in meine Wohnung. Dort könnt ihr Teewasser aufsetzen. Eure Lehrerin und ich haben noch etwas zu besprechen, das naseweise Gören wie euch nichts angeht. Na los, Abmarsch!"

Grinsend zuckten die Mädchen die Achseln und liefen hinaus.

Als ihre Schritte verklungen waren, wandte sich Mrs. Sullivan in verschwörerischem Tonfall an Evy. „So, nun zu uns beiden. Ich weiß sehr wohl, was dieser Fisch wert ist, genauso wie Sie. Und ich kenne Severus inzwischen gut genug um zu wissen, dass es ihn beleidigen würde, wenn ich ihm den Fisch zu einem Spottpreis anböte. Daher schlage ich Ihnen einen kleinen Tauschhandel vor, meine Liebe." „Einen Tausch?", fragte Evy verdutzt und die alte Frau nickte. „Sie scheinen ja reges Interesse an meinem Cottage zu haben, Kindchen. Nun mein Vorschlag: Sie bekommen den Mumienfisch von mir für nichts, wenn Sie mir versprechen, dass Sie sich irgendwann in diesem Dörfchen niederlassen – und zwar in meinem Cottage. Über den Preis für selbiges werden wie uns schon einig…"

Wie vor den Kopf geschlagen starrte Evy Mrs. Sullivan an. Das konnte doch unmöglich deren Ernst sein… „Ich… ich danke Ihnen wirklich sehr für dieses mehr als großzügige Angebot! Und ich würde es auch nur zu gerne annehmen… aber…" „Was ‚aber'? Spucken Sie es aus, Kindchen!" Evys Blick wurde traurig. „Dieses Haus ist für einen allein viel zu schade. Das ist etwas für eine Familie, nicht für eine alleinstehende Frau." „Ah, ich verstehe…", antwortete die alte Dame und nickte. „Aber Liebes, Sie sind doch noch jung! Jetzt mögen Sie vielleicht noch alleine sein, aber das wird ja sicher nicht so bleiben! Außerdem verlange ich ja nicht, dass Sie auf der Stelle hier herziehen! Ich sagte ‚irgendwann'! Sie gefallen mir, Kleines, und ich wüsste Sie gerne in diesem Dorf! Aber natürlich verstehe ich auch, dass Sie nichts überstürzen wollen. Lassen Sie sich meinen Vorschlag durch den Kopf gehen und schicken Sie mir dann einfach eine Eule. Bis dahin ist der Fisch hier bei mir in besten Händen."

„Einverstanden." Dankbar lächelte Evy Mrs. Sullivan an. Diese hakte sich nun bei ihr ein und zog sie mit sich nach draußen. „Und nun gehen wir nach oben und sehen nach, wie weit die beiden Mädchen mit dem Tee sind."

Während sie gemächlichen Schrittes neben der alten Dame herging, ließ sich Evy das eben gehörte Angebot durch den Kopf gehen. Sie dachte an die kostbaren Zutaten, die sie letzte Woche für Severus in der Winkelgasse abgeholt hatte und wie erleichtert er gewesen war, als er sich von deren hervorragender Qualität überzeugen konnte. Dieser legendäre Fisch da drüben würde sie in ihrer Forschung einen gewaltigen Schritt voranbringen! Außerdem wusste Evy, dass es Severus' Lebenstraum war, einmal die Chance zu erhalten, mit einem lebenden Mumienfisch zu arbeiten. Also auch wenn dieser ihnen nicht gerade mehr als gelegen kam – sie könnte Severus mit diesem Tier eine unschätzbare Freude machen…

Du wolltest doch unbedingt ein schönes Geschenk für ihn finden!', meldete sich da ihre innere Stimme. ‚Da hast du es! Ein besseres und außergewöhnlicheres Geschenk wirst du nicht mehr finden! Und du musst der alten Lady bloß versprechen, eines Tages hierher zu ziehen! Dir gefällt's hier doch! Du hättest dich doch niemals so intensiv für das Cottage interessiert, wenn du nicht schon mit dem Gedanken gespielt hättest, es zu kaufen! Also los! Gib der Lady, was sie will und du bekommst, was du willst! Und nebenbei machst du Severus sehr glücklich! Und das ist es doch, was du willst, oder etwa nicht?'

„Mrs. Sullivan?" „Ja, Kindchen?" „Ich hab es mir überlegt: Ich nehme ihr Angebot an!" Abrupt blieb die alte Frau stehn und strahlte übers ganze Gesicht. „Wunderbar, meine Liebe! So bekommt jeder von uns, was er möchte: Ich kann endlich in Ruhe meinen Lebensabend genießen und muss mir keine Sorgen mehr um die Zukunft des Dorfes machen - und Sie bekommen ein wunderschönes Zuhause für sich und Ihre künftige Familie, und machen nebenbei noch dem guten Severus eine unschätzbare Freude!" Plötzlich hielt sie inne und begann lauthals zu lachen. „Da fällt mir etwas ein! Wo hab ich nur meine drei Gedanken?! Da rede ich und rede, schließe einen mündlichen Vertrag mit Ihnen – und kenne nicht einmal Ihren Namen!"

Vollkommen perplex starrte Evy ihr gegenüber an, als ihr die Wahrheit in den Worten der alten Dame bewusst wurde. Für einen Augenblick sahen sie einander stumm in die Augen – nur um kurz darauf in schallendes Gelächter auszubrechen! Diese ganze Situation hatte etwas derart Kurioses an sich…! Es war normalerweise gar nicht Evys Art, sich jemandem nicht vorzustellen. Aber diese charmante alte Frau war ihr auf Anhieb so sympathisch gewesen und gleich so vertraut vorgekommen, als würden sie sich schon Ewigkeiten kennen…

Mit einem breiten, schulmädchenhaften Lächeln streckte Evy der alten Frau nun die Hand hin. „Ich bin Miss Callahan!" Diese ergriff die ihr dargebotene Hand und erwiderte mit todernster Miene: „Freut mich sehr, Sie kennenzulernen, Miss Callahan!" Im selben Moment, als sie Evys Namen aussprach, trat ein merkwürdiger Ausdruck auf ihr Gesicht. „Momentchen mal! Callahan, Callahan… irgendwas sagt mir der Name… Callahan… Etwa Evelyn Callahan?" Erstaunt nickte Evy. „Ja, richtig. Mein Name ist Evelyn. Woher…?" Erfreut und mit einer Spur Belustigung in der Stimme antwortete Mrs. Sullivan: „Dann sind Sie also Evelyn! Sowas… Ich dachte, er übertreibt maßlos, wie Männer das nun mal gerne tun. Aber ich muss sagen: Er hatte recht!" Auf Evys fragenden Blick hin fuhr sie energisch fort: „Severus! Er hat mir von Ihnen erzählt, Kindchen! Ach, Sie haben mir doch sogar selbst gesagt, dass Sie die neue Lehrerin für Verteidigung gegen die dunklen Künste sind! Wie dumm von mir! Da sehen Sie, wie alte Leute manchmal ticken… Als Severus letztes Jahr hier war, habe ich ihn wie immer gefragt, ob Albus einen neuen Lehrer für diesen Posten gefunden habe, und er erzählte mir – mit sichtlichem Stolz, wenn ich das mal anmerken darf – dass seine wohl beste ehemalige Schülerin diese Stelle nun antreten wird!"

Mit einem verschwörerischen Augenzwinkern setzte sie hinzu: „Ich hab ihm dann ein bisschen auf den Zahn gefühlt, was Sie angeht, meine Liebe. Und zu meiner größten Verwunderung begann er – für seine Verhältnisse – recht freimütig und bereitwillig von Ihnen zu erzählen. Und wie ich eben schon sagte: Er hat nicht übertrieben. Sie sind tatsächlich eine außergewöhnliche Schönheit!"

Evy hielt sich selbst für eine sehr gefasste und beherrschte Person, die nichts so leicht aus der Fassung bringen konnte. Doch diese Eröffnung haute sie dann doch aus den Socken. Feuerrot bis in die Haarspitzen und so verlegen wie wohl noch nie in ihrem ganzen Leben, starrte sie die diebisch grinsende Mrs. Sullivan an und versuchte verzweifelt, das eben Gehörte in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen. „Das hat er tatsächlich gesagt?" „Ich schwöre bei Merlins Grab! Das waren seine Worte. Und da ich Sie ja nun persönlich kenne, gebe ich ihm in allen Punkten recht. Nicht nur, was Ihre Schönheit angeht, sondern auch Ihr Wesen und Ihre Intelligenz – beides hat er nämlich in mindestens genauso großem Maße gelobt… Also wenn Sie mich fragen, Kindchen: Dieser Mann empfindet viel mehr für Sie, als bloße Freundschaft!" Als sie Evys entsetztes und abwehrendes Gesicht sah, winkte sie ungeduldig ab. „Vertrauen Sie mir! Mir sind schon genug Menschen in meinem Leben begegnet. Und ich erkenne einen verliebten Mann, wenn ich ihn sehe! Allerdings scheint sich der Gute diese Tatsache noch nicht so recht eingestehen zu wollen. Genauso wie Sie, Kindchen…" Evy wurde, wenn möglich, noch verlegener, schwieg aber, und das reichte der Alten vollkommen. „Jaja, keine Antwort ist auch eine Antwort, meine Liebe."

Während sie schweigend die Treppe zu Mrs. Sullivans Wohnung hinaufgingen, sah Evy die alte Dame vorsichtig von der Seite an. Als diese den Blick jedoch erwiderte, schaute Evy schnell wieder weg. ‚Die heutige Jugend!', schoss es Mrs. Sullivan durch den Kopf und sie grinste breit. Allerdings wollte sie der jungen Frau neben sich eine Kleinigkeit zum Nachdenken geben, daher sagte sie plötzlich:

„Der alte Pete hat Ihnen doch erzählt, dass mein Cottage seit zehn Jahren zum Verkauf steht, nicht wahr?" Evy nickte und sah neugierig auf. „Wissen Sie, seit jenem Tag, als ich das Schild zum ersten Mal aufstellte, fragt mich einer meiner Stammkunden jedes Jahr aufs Neue, ob ich schon einen Käufer in Aussicht habe. Und wenn ich ihm dann antworte, dass sich bisher noch keiner gefunden hat, ist er jedes Mal aufs Neue sichtlich erleichtert, lehnt aber mein Angebot, es selbst zu kaufen, genauso vehement ab. Und er führt immer dieselbe schwache Ausrede an, die Sie bis vor wenigen Augenblicken auch noch hatten: Dass das Haus für eine Familie gedacht sei und nicht für einen Junggesellen, und so weiter, und so fort… Ich denke, ich muss Ihnen den Namen dieses Stammkunden nicht nennen, oder, meine Liebe?"

Ein unendlich warmes Gefühl breitete sich in Evys Innerem aus, und mit einem unsagbar glücklichen Lächeln auf den Lippen antwortete sie so leise, dass Mrs. Sullivan sie gerade so noch verstand: „Nein, das müssen Sie nicht…"


Sie verbrachten eine lustige Zeit bei der alten Lady, die sie in ihr gemütliches, mit Chintz-Möbeln, Pflanzen und Fotografien vollgestopftes Wohnzimmer geführt hatte und reichlich mit selbstgemachten Sandwiches und Earl-Grey-Tee bewirtete.

Während des Essens ließ sie sich den neuesten Klatsch und Tratsch aus Hogwarts berichten, um schließlich ihrerseits ein bisschen aus dem Nähkästchen zu plaudern. Sie erzählte ihnen so manche Schandtat, die sie in ihrer eigenen Schulzeit begangen hatte, und so flog die Zeit nur so dahin.

Erst als es langsam anfing ungewöhnlich dunkel für die Tageszeit zu werden, schauten sie mal aus dem Fenster. Vom Meer her zog ein Unwetter auf Osmington Mills zu, nichts Schlimmes, wie Mrs. Sullivan versicherte, aber regnen würde es definitiv. Ein rascher Blick auf die Uhr ließ Evy dann zum Aufbruch blasen, da es schon halb sechs war.

„So leid es mir tut, aber wir müssen langsam aufbrechen, Mrs. Sullivan. Sonst wird unser Portschlüssel nutzlos." Die alte Dame nickte verstehend und sah aus dem Fenster. „Wo habt ihr ihn denn deponiert?" „In dem kleinen Wäldchen, da oben auf dem Hügel." Mit Schwung erhob sich die alte Dame aus ihrem Sessel. „Dann geht ihr am besten durch das Zutatenlager. Den Eingang benutzt immer meine magische Kundschaft!", fügte sie mit einem schelmischen Augenzwinkern hinzu. „Die Tür führt auf den Hinterhof hinaus. Von dort verläuft hinter den Häusern ein schmaler Pfad. Den benutzen die Schäfer immer, um ihre Herden auf die Weiden zu treiben. Er ist etwas steil, aber auf ihm gelangt ihr wesentlich schneller zum Wald hinauf als wenn ihr die Dorfstraße nehmt."

Schnell ließ Evy noch die Einkaufstaschen per Zauberstab in Miniaturgröße schrumpfen, verstaute alles in ihrer Handtasche und verabschiedete sich dann gemeinsam mit Ginny und Hermine von Mrs. Sullivan, die sie noch hinausbegleitete. Vor der Tür wandte sich diese noch einmal leise an Evy. „Schicken Sie mir eine Eule, wenn Sie wissen, wann Sie oder Severus den Mumienfisch abholen können. Und… ich wünsche Ihnen viel Glück und alles erdenklich Gute, meine Liebe. Ihnen beiden…" Daraufhin zog die ältere Hexe ihr gegenüber in eine herzliche Umarmung. „Danke, Mrs. Sullivan. Für alles." Diese nickte nur großmütterlich und sah ihren drei jungen Freundinnen noch nach, während diese sich den Pfad entlang vom Haus entfernten. Bevor sie endgültig aus dem Blickfeld der alten Dame verschwanden, wandten sich die drei noch einmal um und winkten ihr zu. Dann machten sie sich raschen Schrittes auf den Weg den Hügel hinauf.

Dabei kamen sie auch an der Rückseite von Mrs. Sullivans Cottage vorbei. ‚Mein Cottage', schoss es Evy durch den Kopf und sie lächelte selig, als sie an der niedrigen Gartenmauer vorbeikamen. Es war alles so unglaublich schnell gegangen, dass es ihr wie in Traum vorkam. Aber es war tatsächlich passiert. Sie würde dieses wunderschöne Häuschen kaufen – im Tausch für ein wundervolles Geschenk, mit dem sie Severus eine ganz besondere Freude würde machen können…

Mit wachsendem Stolz betrachtete sie den großen verwilderten Garten, der sich auf der Rückseite des Cottages ausbreitete.

Evys Gedanken schweiften ab in eine Zukunft, von der sie nicht glaubte, dass es sie jemals geben würde, die sie sich aber sehnlicher wünschte als alles andere: Eine Zukunft mit Severus… Tief in diese Gedanken vertieft, lief sie unter einem gewaltigen Ahorn entlang, dessen Zweige auf den Pfad hingen und griff mechanisch nach einem der Blätter… als etwas sehr, sehr Merkwürdiges geschah…


Plötzlich schien die Welt um sie herum einzugefrieren. Ginny und Hermine, die nur zwei Schritte vor ihr herliefen und in ein Gespräch über Ginnys Brüder vertieft waren, hielten plötzlich mitten in der Bewegung inne… Nein, schienen mitten in der Bewegung steckenzubleiben, so als habe jemand einen Film abrupt angehalten. Evy sah sich erschrocken um. Die ganze Welt in ihrem Umkreis schien stillzustehen. Ihr Blick fiel auf das Cottage – und sie erschrak fast zu Tode bei dem Bild, das sich ihr bot: Sie konnte zusehen, wie sich das Haus in Zeitlupe veränderte, wie es einen neuen Anstrich erhielt, wie plötzlich Gardinen in den Fenstern hingen, Blumen auf den Fensterbänken blühten! Der Garten, gerade noch verwildert, wurde im Zeitraffer zu einem ordentlichen kleinen Paradies mit verwildertem Touch! Eine geordnete Unordnung war eingekehrt, die Bäume und Büsche zurechtgeschnitten, vor der Terrasse breitete sich ein riesiges Kräuterbeet aus, an der gesamten Mauer entlang wuchsen die unterschiedlichsten Blumen und Grünpflanzen, und alles war als Zutat für Tränke verwendbar, wie ihr der praktisch denkende Teil ihres Gehirns gerade meldete… Aber was sie am meisten schockierte, war die Tatsache, dass außerhalb des Grundstückes die Zeit stillstand, sich nichts und niemand bewegte – aber innerhalb der Grundstücksmauern bewegten sich die Blätter der Bäume im Wind, die Gardinen flatterten in den offenen Fenstern, eine rotbraune Katze trat auf die Terrasse heraus und ließ sich neben einem Kübel mit Rosmarin in die Sonne fallen…

Evy blinzelte, rieb sich die Augen – aber das Bild veränderte sich nicht. Hermine und Ginny hielten noch immer wie festgefroren mitten in der Bewegung inne. Hermine hatte gerade herzhaft gelacht – ihr Gesicht verharrte nun in diesem Zustand. Und als Evy nach ihr griff, glitt ihre Hand durch sie hindurch – wie durch einen Geist! ‚Was ist hier los?', fragte sie sich panisch und sah an sich selbst hinab. Sie sah ganz normal aus, konnte sich sogar bewegen. Probeweise machte sie einen Schritt vorwärts – es ging! Sie konnte laufen! Vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend, ging sie auf das weiß getünchte Türchen in der Gartenmauer zu und betrat langsam das Grundstück des Cottages…

Denk nach, Evy! Was, bei Merlins Bart, ist das? Dafür muss es doch eine logische Erklärung geben!'

Aber Evys Denkvermögen setzte vorübergehend aus, als sie das folgende Geschehen betrachtete. Denn in diesem Moment trat eine Frau auf die Terrasse. Sie trug verwaschene Jeans, weiße Ballerinas und eine weiße Bluse mit recht tiefem Ausschnitt. Sie konnte es sich aber auch leisten! Was Evy sehen konnte, hatte die Frau sehr schöne, große Brüste und neiderfüllt sah Evy an sich selbst hinab, deren Oberweite in etwa bloß die Hälfte ausmachte… Die Frau hatte schöne schwarze Locken, die sie lässig im Nacken mit einer Spange zusammenhielt. Mit einem Körbchen und einer Gartenschere bewaffnet, kam sie nun auf Evy zu… Schien diese aber nicht zu sehen. Doch etwas anderes verwunderte Evy in dem Moment weitaus mehr. Denn je näher die Frau kam, umso bekannter kam sie ihr vor. Bis sie nur noch drei Meter entfernt war…

Das bist du!', schrie da ihre innere Stimme in fassungslosem Erstaunen. Und tatsächlich… es war Evy – oder besser gesagt, eine circa zehn Jahre ältere Ausgabe ihrer selbst… Mit offenem Mund starrte sie ihrem älteren Ich in die Augen – in dieselben Feenaugen, die ihr jeden Tag im Spiegel entgegen blickten. Dann sah sie an ihr hinab – an sich hinab. Die ältere Evy war nach wie vor schlank, aber weiblicher gebaut. Sie hatte Busen, Hüften, und in den Jeans einen verdammt tollen Hintern… Diese ältere Ausgabe stand nun genau neben Evy und fing an, Zweige eines Holunderbaums abzuschneiden und in ihren Korb zu legen…

Fasziniert sah Evy sich selbst bei der Gartenarbeit zu, als schräg hinter ihr ein glockenhelles Lachen ertönte. Neugierig wandte sie sich zu der Stimme um, die eindeutig einem kleinen Kind gehörte – und erstarrte beim Anblick des wohl schönsten Bildes, das sie sich vorstellen konnte!

Schräg hinter ihr, nahe der Mauer, wuchsen zwei Birken, zwischen denen eine Hängematte gespannt war. In dieser lag ein Mann mit halblangen schwarzen Haaren, die seidig glänzten… Er trug dunkelblaue Jeans, einen dunkelgrauen Pullover mit V-Ausschnitt und einem weißen T-Shirt darunter. Ein Bein hatte er angewinkelt, das andere hing lässig über den Rand der Hängematte. Und er war barfuß… Die Arme hatte er im Nacken verschränkt. Mit geschlossenen Augen hielt er das Gesicht in die Sonne und schien zu dösen.

Evy trat näher, da sie ihren Augen nicht traute. Es war Severus! Allerdings auch eine etwa zehn Jahre ältere Ausgabe von ihm. Er sah aus wie immer… und doch so anders. Er war nicht mehr so blass, sein Gesicht hatte Farbe bekommen. Bei näherem Hinsehen entdeckte Evy vereinzelte graue Strähnen, die sich durch seine traumhaft schönen schwarzen Haare zogen. Sein Gesichtsausdruck war unglaublich entspannt. Er musste gut zehn Jahre älter sein, sah aber jünger aus als jetzt… Er machte auf Evy einen befreiten, sehr glücklichen Eindruck…

Auf seinem Schoß saß ein etwa dreijähriges Mädchen mit rabenschwarzen Locken, das seine Brust gerade als Backblech missbrauchte… Belustigt sah Evy zu, wie die Kleine mit einem Miniatur-Nudelholz imaginären Teig auf Severus' Brust ausrollte, und dann mit todernster Miene nach einer besenförmigen Ausstechform griff, um imaginäre Plätzchen auszustechen…

Evy trat heran und sah sich das Mädchen näher an… und erschrak, als sie in ihre eigenen Augen blickte! Die Kleine hatte ihre Feenaugen! Aber sonst war sie Severus' Ebenbild. Die Gesichtsform, das Kinn, der schön geschwungene Mund. Nur die Nase war zum Glück mehr nach Evy geraten, obwohl der Einfluss des Vaters deutlich zu sehen war…

„Daddy, schau mal, mein Keks!" Erwartungsvoll hielt sie ihm ihre Ausstechform entgegen. Severus' Mundwinkel zuckten verdächtig, aber er hielt weiter die Augen geschlossen und stellte sich schlafend. „Daddy, schau mal!", wiederholte die Kleine lauter. Immer noch keine Antwort. Daraufhin stieß sie ein tiefes Schnauben aus, das Evy auf erschreckende Weise an sie selbst erinnerte, und zog eine Augenbraue kraus, wie nur ihr Vater es besser gekonnt hätte! Evy lachte laut auf bei diesem Bild einer weiblichen Miniaturausgabe von Severus Snape! Als auch das keine Reaktion hervorrief, legte das Mädchen den Kopf schief, betrachtete ihren Vater eingehend, grinste plötzlich breit und griff blitzschnell mit beiden Händen nach seiner Nase! Sofort kam Leben in ihn. Er schlug die Augen auf und sah seiner laut lachenden Tochter ins Gesicht, die mit ihren kleinen Händen seine Nase malträtierte. Seine Hände schossen vor, packten die Kleine um die Hüften und hoben sie in die Höhe, sodass sie ihn loslassen musste. „Du vorwitziger, kleiner Troll!", brummte Severus in gespieltem Ernst, was das Mädchen noch mehr zum Lachen brachte. „Was glaubst du, was du da tust?" „Ich klaue deine Nase, Daddy!", erwiderte sie todernst, um in neuerliches, glockenhelles Gelächter auszubrechen, was ihm ein unglaublich warmes Lächeln aufs Gesicht zauberte. „Und ich bin kein Troll!", fügte sie mit leicht beleidigtem Ton hinzu, und verschränkte die Arme vor der Brust – was besonders komisch aussah, da Severus sie immer noch in seinen weit ausgestreckten Händen hielt und sie so über ihm schwebte. „Ah nein? Was bist du dann? Ein Gnom? Oder doch eher ein Ghul? Die stehlen auch Dinge, die ihnen nicht gehören!" Er bedachte sie mit einem der tödlichen Blicke, die seine Schüler nachts schweißgebadet aufwachen ließen – und ihre Reaktion war alles Gold dieser Welt wert: Als sie sein finsteres Gesicht sah, begann sie hemmungslos zu lachen, bis ihr die Tränen liefen! „Daddy, nicht so schauen, davon muss ich lachen!"

Während er seiner Tochter einen entsetzten Blick zuwarf, lachte die ältere Evy laut auf. „Wer hätte das jemals gedacht? Dein Blick wirkt auf Kinder erheiternd! Hätte das vor vierzehn Jahren jemand deinen Schülern gesagt, wäre er eulenwendend im St. Mungo gelandet!" Mit einem liebevollen Lächeln wandte sie sich ihm zu, um kurz darauf mit einem spöttischen Unterton in der Stimme zu fragen: „Wirst du auf deine alten Tage etwa zahm?" Ein finstrer Blick der allerübelsten Sorte traf sie, während er seine Tochter wieder auf seiner Brust absetzte.

„Ich werde nicht alt und schon gar nicht zahm, liebste Evelyn! Dass sie so reagiert liegt einzig und allein an den Genen – sie ist schlicht und ergreifend immun gegen meine Blicke, weil sie mein Blut in sich trägt, das ist alles." Die ältere Evy grinste diebisch. „Ich war gegen deine Blicke auch immer immun, ohne mit dir verwandt zu sein! Gib doch einfach zu, dass du sanfter geworden bist." Er brummelte nur irgendwas vor sich hin, das Evy nicht verstehen konnte, während ihr älteres Ich triumphierend feixte und leise „Sturer Bastard!", murmelte…

„Mum!", erklang da über Evy der Ruf eines Mädchens und überrascht wandte sie – gemeinsam mit ihrem älteren Ich – den Kopf. In dem riesigen Ahorn befand sich ein schönes, großes Baumhaus, das entweder von einem Meisterarchitekten gezimmert worden oder mit Hilfe von Magie entstanden war… Auf allen Seiten hatte es kleine Fenster in Form von Bullaugen, und aus einem dieser Bullaugen ragte ein langes Fernrohr. „Ja, Selena?", fragte die ältere Evy, während sie weiter Holunder abschnitt. „Gibt's nicht bald Essen?" Ihre Mutter grinste. „Ja, allerdings. Und wenn du schon da oben bist: Halt doch bitte mal Ausschau nach deinen Geschwistern." „Ey ey, Käpt'n!", rief die Stimme aus luftiger Höhe und Evy sah, wie das Fernrohr aus dem Bullauge verschwand, um an einem nördlich gelegeneren Fenster wieder zu erscheinen. „Vermelde gehorsamst, dass sie beim Wäldchen sind! Sie lassen den Drachen steigen!" „Danke, Schatz! Komm doch schon mal runter und wasch dir die Hände, ja?" „Alles klar!", rief Selena und nur einen Moment später wurde neben Evy eine Strickleiter heruntergelassen, an der schließlich ein etwa siebenjähriges, schwarzgelocktes Mädchen herunter turnte. Mit einem lauten Plumps landete sie neben ihr im Gras und klopfte sich die Kleider aus. Evy nutzte den Moment, um die Kleine zu betrachten. Sie war ihr wie aus dem Gesicht geschnitten, nur Mund und Augen hatte sie von Severus…

Die ältere Evy drehte sich nun zu diesem um. „Severus, wärst du so lieb…?" „Wie Ihr befiehlt, Mylady!", antwortete er mit einem überaus zärtlichen Blick, setzte sich halb auf und sagte, an seine kleine Tochter gewandt, die noch immer auf seinem Schoß saß: „Halt dir die Ohren zu, Prinzessin!" Diese steckte sich sofort die Zeigefinger in die Ohren und kniff vorsichtshalber auch noch beide Augen ganz fest zu, woraufhin Severus zwei Finger in den Mund steckte und einen langgezogenen, schrillen Pfiff ausstieß.

Als dieser verklungen war, legte Evys älteres Ich den Kopf schief und lauschte angestrengt. Und nur Augenblicke darauf ertönte aus der Ferne die Antwort in Form eines ähnlichen Pfiffs… Zufrieden nickte sie und sah zu ihren beiden Töchtern hinüber. „Selena, bist du so lieb und hilfst Eileen beim Händewaschen? Und lass sie nicht wieder die Seife essen!" „Klar, Mum!", lachte das Mädchen und nahm die Kleine bei der Hand, die von Severus gerade im Gras abgestellt worden war, nachdem er sich aus der Hängematte erhoben hatte. „Komm, Krümel!", rief Selena und lief mit der kleinen Schwester ins Haus, allerdings nicht ohne sich vorher noch einen Kuss von Mum und Dad abzuholen…

Kaum waren die beiden verschwunden, beobachtete Evy, wie sich Severus hinter ihr älteres Ich stellte, liebevoll seine Arme um sie legte und zärtliche Küsse auf ihrem Nacken verteilte… Lächelnd wandte diese den Kopf und fragte in leisem, sanftem Ton: „Was wird das, Liebling?" „Ich möchte dir helfen, ist das nicht offensichtlich?", entgegnete er und vergrub seine Nase tief in ihren dichten Locken. Die ältere Evy lachte auf. „Helfen nennst du das? Du lenkst mich von meiner Arbeit ab, und das mit Absicht!" Ein tiefes Lachen entrang sich seiner Kehle und er wiegte sie sanft in seinen Armen. „Natürlich mit Absicht, du kennst mich doch! Und wenn ich dich erinnern darf: Früher hat es dir sehr gefallen, auf meine spezielle Art und Weise abgelenkt zu werden…"

Mit angehaltenem Atem und einer aufsteigenden Gänsehaut beobachtete Evy, wie er seine Zunge zärtlich an ihrem Ohr entlang gleiten ließ, um dann sanft in selbiges zu Beißen, was ihrem älteren Ich ein zufriedenes Seufzen entlockte. „Und es gefällt mir noch immer…", sagte sie leise, drehte den Kopf zu ihm und zog ihn in einen sanften Kuss, den er hingebungsvoll erwiderte…

So unbeschreiblich aufregend es auch war, sich selbst dabei zuzusehen, wie man den Mann küsst, den man liebt – in diesem Augenblick wurde Evys Aufmerksamkeit von etwas nicht weniger Spannendem abgelenkt. Aus dem Augenwinkel nahm sie eine Bewegung auf dem Hügel über dem Cottage war. Sie sah genauer hin und da kamen sie auch schon den Hügel herunter: Eine riesige Schar Kinder, jeden Alters und jeder Haarfarbe!

Severus' Pfiff schien für alle Kinder des Dorfes das allgemeine Zeichen fürs Abendessen zu sein, denn es waren fast zwei Dutzend, die da den Hang herunterrannten, sprangen und stolperten. Auf Höhe der Dorfstraße teilte sich die Gruppe und der Großteil verschwand in Richtung Dorf. Direkt auf das Cottage hielten nun nur noch drei Kinder zu, allen voran ein großer, grau-weiß gefleckter Hund! Laut bellend kündigte er die Ankunft seiner Schützlinge an, was die ältere Evy bedauernd seufzen und Severus belustigt auflachen ließ. „Als ob sie es wüssten!", schnaubte sie und küsste ihn ein letztes Mal sanft, bevor sie sich widerwillig aus seinen Armen befreite und den Korb mit Holunderblüten vom Boden aufhob. „Sie wissen es, mach dir da mal keine Illusionen. Kinder haben einen Sinn für sowas. Aber keine Sorge…", raunte er ihr so leise ins Ohr, dass Evy – unsere – es gerade noch verstehen konnte. „Wenn sie nachher im Bett sind, mach ich genau da weiter, wo ich aufgehört habe…" Und mit einem mehr als verführerischen Lächeln gab er ihr einen zärtlichen Klaps auf den Hintern, nahm ihr den Korb ab und ging zu einem Beet mit Erdbeeren hinüber, in das er sich bückte und sofort begann, die leuchtend roten Früchte zu pflücken. Mit einem von Liebe erfüllten Ausdruck in den Augen sah ihm Evy – beide – einen Moment dabei zu und wandte sich dann einer Reihe großer, bunter Lupinen zu, welche an der Mauer wuchsen.

Da sprang auch schon mit einem lauten Kläffen der Hund über die Gartenmauer, rannte schwanzwedelnd zwischen Frauchen und Herrchen hin und her, und ließ sich schließlich mit hängender Zunge mitten ins Gras fallen…

Die dazu gehörenden Kinder ließen nicht lange auf sich warten. Evy beobachtete, wie sie den schmalen Pfad entlang gerannt kamen: An der Spitze liefen zwei circa zehn- oder elfjährige Jungen, die einander glichen wie ein Ei dem Anderen! Beide hatten halblange, rabenschwarze Haare, die im Rennen wild wehten und vom Wind zerzaust wurden. Der vorneweg laufende Junge hielt einen großen, selbstgebauten Drachen in Händen, und Evy erkannte mit erfreutem Lächeln, dass seine Flicken die Farben von Hogwarts trugen: Oben links Rot für Gryffindor, daneben Blau für Ravenclaw, unten links Gelb für Hufflepuff und unten rechts Grün für Slytherin. Der lange Schwanz des Drachen war in denselben Farben gehalten und wehte lustig hinter ihm her…

Im Näherkommen stellte Evy fest, dass die Zwillinge die genauen Ebenbilder ihres Vaters waren. So musste Severus in dem Alter ausgesehen haben! Sie hatten sogar seine tiefschwarzen Augen! Hinter ihnen folgte ein Mädchen, das Evy auf neun Jahre schätzte. Sie hatte hüftlange, ebenfalls schwarze Haare, die sie in einem langen Zopf trug, und als sie angerannt kam, erkannte Evy sich selbst, mit dem Unterschied, dass dieses Mädchen auch Severus' Augen bekommen hatte.

Leichtfüßig kletterten die drei über die Gartenmauer, was der älteren Evy ein genervtes Seufzen entlockte. „Wozu haben wir überhaupt ein Gartentor?", fragte sie sich selbst laut, wurde aber sofort wieder versöhnt, als ihre drei Kinder gleichzeitig auf sie einstürmten und sie umarmten. Dann sahen sie ihren Vater und rannten zu ihm hinüber.

„Dad!", rief der Junge mit dem Drachen in den Händen. „Er fliegt phantastisch! Du hattest recht!" Zufrieden nickte Severus und betrachtete das Kunstwerk aus Holz und Stoff. Seltsamerweise warf ihm die ältere Evy einen misstrauischen Blick zu, dem er geschickt auswich, indem er sich seiner Tochter zuwandte, die etwas sauertöpfisch aus der Wäsche guckte. „Samara! Was ist los?" Diese seufzte theatralisch. „Septimus und Remus haben mich nicht mit dem Drachen spielen lassen, Dad!" „Hey, das ist nicht wahr, Dad!", verteidigte sich der Drachenträger sofort, als er der erhobenen Augenbraue seines Vaters gewahr wurde. „Sie durfte die Spule halten und ihn auch lenken!" „Ich wollte aber rennen und ihn steigen lassen!", rief Samara und stampfte trotzig mit dem Fuß auf. „Du durftest nicht rennen, weil du es nicht kannst!", giftete der andere Zwilling sie an, wofür er einen bitterbösen Blick seiner Schwester erntete, der eine gelungene Mischung aus Evys und Severus' Blicken darstellte…

„Ich kann sehr wohl rennen!" „Kannst du nicht! Mädchen können nicht rennen!" „Genau, außer heulen können Mädchen doch eh nichts!" „Septimus!", kam es entsetzt von beiden Eltern und Severus fügte in ernstem Ton hinzu: „Wo hast du solche Reden gelernt? In diesem Haus mit Sicherheit nicht!" Zerknirscht blickte der Junge unter sich. „Jimmy Taylor sagt das immer…" „Jimmy Taylor ist ein Rabauke und ich hab euch gesagt, dass ich euch nicht mit ihm zusammen sehen will!", entgegnete Evy gereizt und sah Unterstützung suchend zu Severus. „Eure Mutter hat recht. Der Junge ist kein guter Umgang. Der setzt euch nur Flausen in den Kopf. Mädchen können alles genauso gut oder schlecht wie Jungs, klar? Und einiges sogar besser… Also: Nächstes Mal lasst ihr eure Schwester auch mal rennen, verstanden?" Beide nickten gehorsam und entschuldigten sich sogar bei ihrer kleinen Schwester, was die Eltern mit erfreuten Blicken registrierten.

Mit Schwung drehte sich die ältere Evy nun um und rief resolut: „So, Abmarsch ins Haus und Hände waschen. Gleich gibt's Abendessen." Gehorsam rannten die drei los, Samara vorne weg. In der Tür wandten sich die Jungs nochmal um. „Dieses Wochenende gehen wir doch in die Winkelgasse, nicht wahr, Dad?" Dieser nickte. „Ja, Samstag besorgen wir euch eure Schulsachen!" Übers ganze Gesicht strahlend rannten die Zwillinge nun ins Haus und riefen dabei unentwegt: „In sechs Wochen kommen wir endlich nach Hogwarts! In sechs Wochen kommen wir endlich nach Hogwarts!"

Severus lächelte liebevoll, legte seiner Frau im Gehen einen Arm um die Hüfte und zog sie sanft an sich. „Danke.", flüsterte er in ihre dichten Locken und küsste sanft ihren Scheitel. „Wofür?", fragte sie leise und schmiegte sich an seine Seite. „Für dieses Leben, Evelyn. Du hast mir ein Leben geschenkt, von dem ich nicht zu träumen gewagt habe. Und dafür liebe ich dich. Und für so vieles mehr…" Sie hob den Kopf, erwiderte seinen zärtlichen Blick und zog ihn wortlos in einen Kuss, der mehr sagte als tausend Worte. Und eng aneinander geschmiegt betraten sie ihr Haus, das schnucklige kleine Cottage in Osmington Mills…


Als sich die Tür hinter den beiden schloss, begann sich wieder alles zu verändern. Das schön gepflegte Haus und der hübsche Garten fingen vor Evys Augen an, wie im Zeitraffer zu verwildern und in ihren ursprünglichen Zustand zurückzukehren.

Evy blinzelte und alles war wieder wie zuvor. Sie stand unter dem riesigen Ahorn, draußen auf dem Pfad. Ginny und Hermine gingen lachend und plaudernd vor ihr her, als hätte es die letzten Momente nie gegeben. Verwirrt schaute Evy sich um. Tatsächlich, alles war wieder wie zuvor. Zur Sicherheit sah sie auf ihre Uhr. Die Zeit war wirklich stehn geblieben – oder eingefroren, denn der Zeiger hatte sich kein Stückchen bewegt.

Kopfschüttelnd und mit einem letzten misstrauischen und verstörten Blick auf das Cottage, folgte sie ihren beiden Schülerinnen, die in ihr Gespräch über die Streiche der Weasley-Zwillinge vertieft waren und die Verunsicherung ihrer Lehrerin ob dieses merkwürdigen Ereignisses überhaupt nicht wahrnahmen.

Was, zum Henker, war das?', fragte sie sich immer wieder, während sie den steilen Pfad den Hügel hinauf marschierte und nahm sich dabei vor, sofort die Bibliothek nach einem solchen Phänomen zu durchforsten, sobald sie wieder in Hogwarts war…

Der Himmel verdüsterte sich immer mehr und es wurde zunehmend windig. Die drei Ausflügler warfen einen Blick über die Schulter aufs Meer und legten beim Anblick der dicken, schwarzen Regenwolken einen Zahn zu.

Sie hatten den Wald fast erreicht, als das Licht um sie herum plötzlich begann, eine merkwürdig grünliche Färbung anzunehmen. Der Wind heulte und zerrte an den Bäumen, aus der Ferne war Donnergrollen zu hören. Sie rannten nun, um möglichst noch trocken im Wald anzukommen.

Evy konnte später nicht sagen, weshalb sie es tat. Irgendetwas veranlasste sie plötzlich, sich noch einmal nach dem Dorf umzudrehen… und was sie da erblickte, ließ sie erstarren.

Weiter südlich, in etwa auf Höhe der Strandpromenade, wirbelten die Wolken wild durcheinander. Es sah aus, als wolle sich ein kleiner Wirbelsturm formen. Und mitten in dessen Wirbeln erkannte Evy die Ursache für den grünlichen Schimmer, der plötzlich über allem lag: Über dem Südrand des Dorfes prangte das Dunkle Mal! Drohend und angsteinflößend hing es über dem friedlichen Ort, über dem kleinen Paradies auf Erden…

„Bei Merlin! Nicht hier…!", flüsterte Evy entsetzt und starrte gebannt auf den riesigen grünen Totenschädel, aus dessen dunkler Mundhöhle eine Schlange kroch… Hermine und Ginny hatten sich nun auch nach ihrer Lehrerin umgedreht und wurden leichenblass, als sie das Zeichen Voldemorts erblickten. Wie festgefroren verharrten sie mitten in der Bewegung.

Ginnys leises, entsetztes Wimmern ließ Evy aus ihrer Versteinerung erwachen. Resolut packte sie ihre beiden Schülerinnen an den Armen und zog sie hinter sich her in den Wald hinein, ohne auf deren Protestrufe zu achten. Bei dem hohlen Baumstamm angekommen, griff Evy gezielt in die Höhlung, zog die Coke-Flasche heraus und drückte sie Hermine in die Hand. „Noch zwei Minuten!", rief sie warnend und sah sich nach allen Seiten um. „Wir müssen Hilfe holen!", sagte Hermine, verzweifelt um einen ruhigen Tonfall bemüht, während sich Ginny leise wimmernd an sie klammerte. Evy nickte und entgegnete: „Genau das werdet ihr auch tun!" Mine nickte. „Alles klar, wir… Moment mal, wieso ihr?"

Evy schnaubte wütend. „Ihr glaubt doch nicht, dass ich seelenruhig mit euch nach London zurückreise und das Dorf schutzlos den Todessern überlasse? Bis die Auroren kommen kann einiges passieren!" „Dann helfen wir Ihnen!", rief Hermine selbstsicher und todesmutig, sah dabei aber sehr blass aus. „Ihr tut genau das, was ich euch sage, verstanden?", schnauzte Evy die beiden nun in einem Ton an, der absolut keinen Widerspruch duldete.

Mit einem Blick auf die Uhr fuhr sie fort. „Nur noch eine Minute, also hört mir genau zu: Ihr reist mit dem Schlüssel zurück und sagt sofort im Orden Bescheid. Wer auch immer gerade da ist, soll auf schnellstem Wege den Auroren davon Bericht erstatten!" Schnell zog sie ihren Zauberstab aus der Tasche und reichte diese Ginny. „Nimm die mit, die behindert mich nur. Außerdem sind all unsere Sachen da drin und ich hab keine Lust, dass die kaputt gehen!"

„Und Sie, Evelyn?", fragte Hermine, mit leichter Panik in der Stimme. „Ich sehe zu, dass ich zu Mrs. Sullivan zurückkomme. Die wird auch schon gemerkt haben, was hier los ist. Gemeinsam halten wir dann die Todesser in Schach bis die Auroren kommen. Macht euch um mich keine Sorgen, ich komme schon zurecht!" Und mit einem letzten Blick auf die Uhr trat sie einen Schritt von den Mädchen zurück, die die Coke-Flasche fest umklammerten und sorgenvoll ihre Lehrerin ansahen. „Passen Sie auf sich auf!", riefen beide noch und im nächsten Moment war Evy alleine…

Fest den Zauberstab umklammernd und mit wild entschlossenem Gesichtsausdruck machte sie auf dem Absatz kehrt und rannte aus dem Wald, direkt auf den Sturm zu…


tbc


*vorsichtig um die Ecke guck'*

Bevor ihr mit brennenden Fackeln und Heugabeln über mich herfallt, lasst mich bitte erklären! *grins*

Ich war "leider" gezwungen, an dieser sehr ungünstigen Stelle aufzuhören, da dieses Kapitel sonst biblische Ausmaße angenommen hätte...!

Und, naja, seht es mal so: Nun habt ihr einen wirklich guten Grund, euch auf das folgende Kapitel zu freuen! Es geht schließlich nichts über einen netten, kleinen Cliffhanger... *diebisch grins*

Aber da ich euch ja nicht über Gebühr quälen will, sag ich gleich, dass es gut 2 Wochen dauern wird, bis die Fortsetzung kommt! Ich habe in nächster Zeit einiges zu klären/erledigen, das es mir unmöglich macht, einen festen Update-Termin zu bestimmen...

Nun hoffe ich, dass euch dieses Kapitel gefallen hat - würde mich diesbezüglich übrigens SEHR über das eine oder andere Review freuen (oder eine PM natürlich auch), besonders in Bezug auf die "Zukunftsvision"... Hätte da nämlich noch ein Kapitel im Angebot, in dem auch eine solche Vision vorkommt, weiß aber ehrlich gesagt nicht, ob ich es veröffentlichen soll. Wenn ihr dieses also gerne lesen würdet: Bitte sagt mir das, ja?!

Ansonsten wünsche ich euch alles Liebe und Gute. :)

Bis demnächst.

Eure Kaddi

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