Kapitel 9

Ich hatte mich in das kleine Bad, direkt neben unserem Büro geflüchtet. Es wunderte mich schon, mit welchem Luxus das Pentagon ausgestattet war, aber im Augenblick interessierte es mich nicht. Ich wollte nicht zurück, zurück in den Raum, wo mein Team mittlerweile über meine abscheulichen Taten bescheid wissen dürfte. Ich hatte diesen Teil meines Lebens sorgfältig weggesperrt. Ich blickte in den Spiegel. Wie hatte es nur so weit kommen können? Ich senkte den Blick, wusch mir das Gesicht mit eiskaltem Wasser ab, um auf andere Gedanken zu kommen. Als ich wieder in den Spiegel schaute, sah ich Rossi, der gegen die Tür lehnte und mir somit den einzigen Fluchtweg versperrte. In seinen Augen lagen Schock, Mitgefühl und Trauer: „Wieso hast du uns nie davon erzählt, Aaron? Warum mussten wir es auf diesem Weg erfahren? Außerdem verstehe ich nicht, wie du nach diesem Horror die Kraft aufbringen konntest, deinem Sohn und uns diese Freude zu schenken, andererseits haben wir endlich geklärt, wieso du deine Gefühle nur selten offenbarst! Es hat Reid aus der Bahn geworfen, diese Dinge über dich zu erfahren… Du solltest mit ihm reden. Garcia und die anderen haben sich mittlerweile weitestgehend von ihrem Schock erholt und arbeiten daran, einen passenden Verdächtigen für unser Profil zu finden. Spencer ist geflüchtet, ich habe keine Ahnung, wo er jetzt ist." Ich nickte mechanisch und erwiderte: „Wenn ich gewusst hätte, was mich erwartet… Ich wäre nie gegangen! Als Derek mir erklärte, dass sie Doyle aufgespürt hatten, machte ich mich fast augenblicklich auf den Weg nach Hause. Hier konnte meine geschundene Seele sich ausruhen und neue Kraft schöpfen… Ihr alle habt mir geholfen, diese Vorkommnisse zu vergessen und wieder zu leben! Es tut mir leid, dass ich nichts gesagt habe, aber ich durfte nicht, höchste Sicherheitsstufe…" Dave sagte nichts mehr und ging zurück zu den anderen, während ich mich auf die Suche nach Reid machte. Da ich meinen jungen Kollegen kannte, wusste ich genau, wo ich suchen musste. Ich fand Spencer wie vermutet in der Nähe unseres Büros, in einem kleinen Konferenzraum, der aufgrund seines Alters kaum noch benutzt wurde, er war nicht sehr modern und galt heute als Aufenthaltsraum. Reid schreckte zusammen, als ich die Tür hinter mir schloss, offenbar hatte er erst jetzt bemerkt, dass er nicht mehr allein war. Da er sich nicht zu mir umdrehte, war mir klar, dass er von meiner Anwesenheit wusste. Ich trat vorsichtig näher an ihn heran, griff nach seiner Hand, doch er wich einige Schritte zurück. Ich schloss die Augen, um die Tränen zurückzuhalten. Von ihm zurückgewiesen zu werden tat mehr weh als ich je erwartet hatte. Ich versuchte über dem Schmerz zu stehen, dennoch konnte ich nicht verhindern, dass eine einzelne Träne mir über die Wange lief. Meine Stimme klang leise, fast schon zögernd: „Ich wusste nicht, wie ich es euch sagen sollte… Außerdem hatte diese Operation die höchste Sicherheitsfreigabe. Ich musste allein damit klarkommen… Du kannst mich hassen, doch nicht so sehr wie ich mich selbst… Mir blieb keine Wahl. Ich musste es tun…" Spencer drehte sich ruckartig zu mir um: „Du hast der Folter zugestimmt? Du hast zugelassen, dass sie unschuldige Kinder festnehmen und verhören?! Wieso hast du nicht versucht, diesen armen Geschöpfen zu helfen?" Ich holte tief Luft: „Ich habe soweit es mir möglich war, die Verhöre selbst geführt! Ich wusste, dass die anderen Agents viel brutaler vorgehen würden. Indem ich blieb, mit ihnen redete, bewahrte ich sie zum Teil vor den schlimmsten Dingen! Ich behandelte sie wie Menschen und nicht wie Tiere, die nichts wert waren. Eines Tages erhielten wir den Befehl, sie zu beseitigen, wegen was auch immer. Ich weigerte mich Hand an die Kinder zu legen, da viele nicht älter waren als Jack. In der Nacht versuchte ich, entgegen der Befehle, einige der Kleinen zu retten, insgesamt sieben Mädchen und drei Jungen von mehr als 45 Kindern konnte ich vor dem Tode bewahren… Doch das war nur der kleine Teil der Operation… Es wurden viele potenzielle Terroristen festgenommen, bei deren Verhör ich ihr Verhalten analysieren musste. Anstatt meine Fähigkeiten zum Wohle der Menschen einzusetzen, musste ich mich an der Folter beteiligen. Wenn ich nachts nicht schlafen kann, dann sehe ich sie vor mir… Ich werde ihre Gesichter nie vergessen. Diese Operation war ein Gräuel für mich…" Ich hatte während meines ausführlichen Berichts meinen Kollegen nicht angesehen. Nie zuvor hatte ich irgendetwas von meiner Arbeit erzählt, jedoch hatte ich auch dieses Mal die schlimmsten Dinge nicht preisgegeben. Reid schwieg, umarmte mich stattdessen. Mir fiel ein Felsbrocken vom Herzen. Dann küssten wir uns, wieder und wieder. Wir vergaßen Raum und Zeit…

„Hotch, haben wir das gerade wirklich getan?", raunte er mir ins Ohr. Ich sah mich um, überall um uns herum verstreut lagen unsere Klamotten. Ich fragte ihn, ihm über den Arm streichelnd: „Das haben wir! Bereust du es? Also ich fand es…atemberaubend…" Er schüttelte den Kopf, küsste mich zuerst auf die Mundwinkel und dann auf die Lippen. Ich richtete mich etwas auf, dabei fiel mein Blick auf die Uhr an der Wand. Kurz nach 19 Uhr, wir mussten uns so langsam mal zeigen. Spencer musste gerade an das gleiche gedacht haben, denn er seufzte schwer. Wir hatten keine Wahl. Gemeinsam suchten wir unsere Kleidungsstücke zusammen und zogen uns um. Dann verließen wir Seite an Seite den Konferenzraum, der einmal mehr sein Zweck erfüllt hatte. Wir erschienen im Büro und alle starrten uns an. Ich setzte mich auf die Kommode, die in einer Ecke stand, während Reid den Stuhl direkt vor mir wählte. Ich verschränkte die Arme vor der Brust und wartete ab. Garcia erklärte, als wäre ich nicht gerade mehrere Stunden weg gewesen: „Wir konnten den Täterkreis auf drei Verdächtige eingrenzen, mehr war bedauerlicherweise nicht möglich." In diesem Augenblick klingelte mein Handy, es war ein anonymer Anruf. Ich gab meinem Team ein Zeichen, ließ es allerdings noch einige Male klingeln, um Garcia und Kevin die Möglichkeit zu geben, sich vorzubereiten. Als beide mir ermutigend zunickten, hob ich ab, stellte den Lautsprecher an: „Supervisory Special Agent Aaron Hotchner von der Verhaltensanalyse des FBI, was kann ich für Sie tun?" Ich hatte absichtlich den langen Titel gewählt, um mehr Zeit rauszuschlagen, damit Kevin Lynch das Mobiltelefon meines Gesprächspartners orten konnte. Am anderen Ende der Leitung herrschte kurz Stille, dann erklärte die gleiche kühle, raue Stimme wie beim letzten Mal: „Aaron, wo bleiben Sie denn so lange? Haben Sie Angst um Ihr Team, dass Sie so lange in New York verweilen? Wissen Sie, ich bin gerade bei einer ehemaligen Kollegin von Ihnen zu Besuch… Sie heißt Emily Prentiss… Erinnern Sie sich an sie? Ich gebe Ihnen vierundzwanzig Stunden, um herzukommen und zu verhindern, dass ich Ihre gute Freundin töte… Vierundzwanzig Stunden und keine Sekunde mehr." Die Verbindung brach ab. Derek schlug mit der Faust auf den Tisch, fluchte wütend: „Das ist eine gottverdammte Falle! Was werden wir jetzt tun, Hotch? Wir können nicht zulassen, dass Emily stirbt, sie hat schon genug durchgemacht!" Alle Augen richteten sich auf mich, jeder wollte wissen, wie es weitergehen würde. Ich wandte mich an unsere Computertechnikerin: „Garcia, hat die Stimme irgendetwas ergeben?" Sie riss sich zusammen und berichtete: „Ja allerdings, Chef! Der Täter ist ein Mann namens Achmed al Halil er hat seine Tochter und zwei seiner Söhne bei der Operation verloren, seine Frau kam mit dem Verlust nicht klar und brachte sich mit einem Sprengsatz um, der noch ungefähr 30 anderen Menschen das Leben kostete. Des Weiteren wurde er als potenzieller Terrorist verhaftet und verhört. Du warst bei allem dabei, Hotch,… Deshalb hasst er dich so sehr!" Ich nickte gedankenverloren, erinnerte mich an ihn. Er hatte allen Grund mich zu verabscheuen, denn er gehörte zu den Wenigsten, wo ich mir sicher war, dass sie Terroristen waren. Sein Bruder hatte sich der al-Quaida angeschlossen und eine flammende Predigt für den Dschihad, den Heiligen Krieg gehalten. Achmed war beim Waffenschmuggel erwischt worden. Als Kaufmann stellte er die perfekte Verbindung zu den Waffenhändlern dar. Seine Beteuerungen, er habe von den kriminellen Aktivitäten seiner Frau nichts gewusst, waren unglaubwürdig. Er stammte aus einer sehr konservativen Familie und legte keinerlei Wert auf Selbstbestimmun der Frau, er musste also davon gewusst haben. Da er sich fortlaufend weigerte ein Geständnis abzulegen und selbst mich beschimpfte, mich sogar bedrohte, obwohl ich die Verhöre sehr human durchführte, stimmte ich schließlich zu, ihn mit den alternativen Verhörmethoden bekannt zu machen. Er hatte mich sogar bei meinem letzten Gespräch mit ihm trotz seiner Handschellen geschlagen und mit Füßen getreten, in genau dem Augenblick, in dem wir für wenige Minuten alleine gewesen waren. Achmed wurde daraufhin äußerst brutaler Folter unterzogen, während ich mit inneren Blutungen in ein europäisches Krankenhaus eingeliefert wurde. Eine Gänsehaut überkam mich, als ich daran dachte, wie nah ich dem Tode damals bereits gewesen war. Ich schüttelte den Kopf, bemerkte dann: „Das ergibt durchaus Sinn… Ich habe sein Leben zerstört!" Derek widersprach heftig: „Nein Hotch, das ist nicht wahr und das weißt du! Er möchte nur, dass du das glaubst! Er hat sein Leben selbst ruiniert, in dem er Terrorist wurde, in dem er unverzeihliche Dinge tat, aus freien Stücken… Du hast nichts damit zu tun, er benutzt dich nur als Sündenbock für seine Unzulänglichkeit!" Rossi und die anderen nickten zustimmend. Kevin Lynch meldete sich zu Wort: „Unser Täter befindet sich in der Wohnung von Emily Prentiss! Wir müssen handeln!" Wir alle nickten zustimmend. Ich erklärte: „Er will nur mich, deshalb werde ich gehen, ALLEIN! Ich möchte nicht, dass irgendjemand von euch sich einmischt… Ihr dürft euch nicht in Gefahr bringen!" Ich blickte dabei Reid tief in die Augen. Er öffnete den Mund, er kämpfte mit den Tränen, weigerte sich, meine Worte einfach so zu akzeptieren. Es fiel mir schwer sie alle zurückzulassen, denn ich wusste, dass ich Emilys Wohnung vermutlich nie mehr lebend verlassen würde…