Lyssa verschwand spät in der Nacht, so laut, wie sie gekommen war. Sie schulterte ihren Ghettoblaster und stapfte mit ihren hochhackigen Schuhen so laut über das Parkett, das man meinen konnte, ein mittelgroßer Elefant trampelte durch das Wohnzimmer. Und der Ghettoblaster spielte dazu Ave verum corpus. Natürlich Mozart. Auch wenn er an diesem Abend gelernt hatte, dass sie nicht nur Mozart hörte.
Ächzend sank er auf sein Sofa und hielt sich den Kopf. Ihm klingelten immer noch die Ohren. Die schlechte Tonqualität und Beethoven in der Endlosschleife hatten dafür gesorgt. Aber nun: Stille. Eigentlich ein angenehmer Zustand. Doch jetzt war die Stille bedrückend. Solange Lyssa dagewesen war, hatte er das Leben gespürt. Jetzt spürte er nichts mehr. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag. So ging das nicht mehr. Er musste fort von ihr. Im Kopf ging er die Tage durch, die er noch in Spinners End ausharren müsste: Viel zu lange. Vielleicht sollte er frühzeitig nach Hogwarts zurückkehren, seinen Unterricht vorbereiten und sämtliche Gedanken einfach ausknipsen. Ja, das klang nach einer guten Idee. Und so falsch. Zumindest würde er sie morgen nicht hereinlassen, das war zumindest schon mal ein Anfang. Mit diesem vagen Vorsatz schlief er schließlich ein, immer noch in seinen Klamotten, die nach ihrem aufdringlichen Parfum rochen.
Severus kam es vor, als habe er nur fünf Minuten die Augen geschlossen, als er das Klopfen an seiner Scheibe hörte.
Erschrocken richtete er sich auf. Stand diese Frau da gerade ungefragt in seinem Garten? Missmutig griff er nach seinem Zauberstab und mit einem Wink zogen sich die Vorhänge zu.
Es klopfte immer noch, jetzt vehementer. Der Wink war unmissverständlich gewesen. Hatte sie ihn nicht verstanden? Das war ein Wink mit dem gesamten Baum, aus dem der Zaunpfahl gemacht worden war! Warum war sie überhaupt schon wieder wach? Es konnten doch gerademal ein paar Stunden vergangen sein. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass es nicht so war, es war bereits kurz nach zehn. So spät stand er sonst nie auf.
Draußen klopfte es noch immer. Energisch, laut und Lyssas Stimme war zu hören. Ein Glück, dass er nicht verstehen konnte, was sie da in den jungfräulichen Schnee schrie.
Ihr trampelnder Schritt verriet ihm, dass sie es sich anders überlegt haben musste, denn immer noch vor sich hin brabbelnd verließ sie die Terrasse. Verrückterweise nahm er an, dass sie nach Hause gegangen wäre. Ein Irrtum. Und zwar ein fataler. Es klingelte.
Stöhnend fuhr er sich übers Gesicht und dann waren alle guten Vorsätze passé, denn er öffnete die Türe. Was er sich davon erhoffte? Das wusste er selber nicht.
„Sie sind aber heute Morgen unfreundlich", schallt sie ihn, als wäre sie seine Mutter und nicht die nervige Nachbarin, die ständig ungefragt in sein Haus hereinspazierte.
„Sie sind heute Morgen nervtötender als sonst", konterte er und machte keine Anstalten, sie hereinzubitten.
Das war bei Lyssa sowieso nicht nötig, denn Anstandsformen hatte man ihr wohl nie beigebracht.
„Wieso haben Sie mich denn nicht von der Terrasse aus herein gebeten?"
„Weil normale Menschen durch die Türe kommen. Und sich vorher fragen, ob sie erwünscht sind."
„Unfug", erklärte Lyssa und stiefelte munter an ihm vorbei.
Heute trug sie einen Pullover aus Wolle in einem scheußlichen pink. Ihre Hose war gelb und dazu trug sie abgenutzte Springerstiefel.
„Sind Sie farbenblind?"
Die Frage konnte er sich einfach nicht verkneifen.
„Nein, wieso?"
„Nur so", nuschelte er und schloss endlich die Tür. „Was verschafft mir die Ehre, dass Sie mich heute schon wieder heimsuchen?"
„Es ist Weihnachtsmorgen."
„Und gestern war es Weihnachtsabend. Sie haben mich bereits besucht. Ein Weihnachtsbesuch reicht."
Hatte er sich gestern nicht vorgenommen, sie nie wieder hereinzulassen? Was war nur mit ihm los?
„Miss Montjeu, ich würde es vorziehen, wenn Sie wieder gehen."
Lyssa, die gerade noch interessiert sein Bücherregal beäugt hatte, wandte sich nun wieder zu ihm um.
„Warum?"
„Weil Sie mich, offen gestanden, fürchterlich nerven."
„Warum machen Sie mir dann die Türe auf?"
Nun, das war wohl ein Punkt für sie.
„Das weiß ich selbst nicht so wirklich."
Zumindest war das eine ehrliche Antwort. Wenn auch eine, für die er sich am liebsten die Zunge abgebissen hätte.
„Aber ich weiß es", sagte sie naseweis und hob ihren Zeigefinger.
„So? Was wissen Sie denn?"
„Ich weiß, dass Sie mich zwar eigentlich nicht mögen wollen, aber das gelingt Ihnen nicht. Nicht, weil ich so besonders atemberaubend oder wunderschön bin, doch ich bin die Einzige, die sich überhaupt darum schert, dass es sie gibt. Habe ich recht?"
„Sie überschätzen sich und Ihre Kompetenzen gnadenlos. Aber ich kann Ihnen beipflichten, dass Sie weder atemberaubend noch wunderschön sind, wenn Ihnen das hilft", knurrte er.
Wenn Severus jedoch ehrlich war, dann stimmte nicht einmal das. Wirklich wunderschön oder atemberaubend war sie nicht. Aber Lyssa war, trotz ihres absolut ekelerregenden Geschmacks, für ihn schön. Aber nicht, weil sie die Einzige war, mit der zu tun hatte. Er hatte eine Menge Gelegenheiten für so etwas gehabt.
„Egal was Sie sagen, ich glaube Ihnen kein Wort."
Sie lächelte nun sogar. Wie lange war es her, dass ihn eine Frau so angelächelt hatte? Eine Ewigkeit. Wenn es nach ihm ging, war es das letzte Mal.
Severus nahm sie bei den Schultern und schob sie zur Tür.
„Miss Montjeu, das war das letzte Mal, dass Sie sich ungefragt eingeladen haben. Es reicht mir vollkommen. Verschwinden Sie einfach nur."
„Aber ich...", versuchte Lyssa sich zu wehren.
„Ist mir egal!", erwiderte er barsch und hatte sie endlich vor die Haustüre getrieben.
„Machen Sie endlich, dass Sie fortkommen, sonst kann ich nicht dafür garantieren, dass ich sie hier und jetzt nicht verfluche."
„Aber Professor!", rief sie entrüstet und schob den Fuß zwischen Tür und Angel.
Oh, warum wollte sie nur unbedingt bleiben? So wichtig konnte er ihr gar nicht sein.
„Ich habe noch mehr zu sagen."
„Ich möchte es aber nicht hören", knurrte er sie an und sah erleichtert, dass sie ihren Fuß aus der Türe nahm.
Schwer atmend schlug er die Türe zu und war wieder allein.
Lyssa machte keine Anstalten, noch einmal zu klingeln und dieses Mal hörte er auch keine Schritte. Sie hatte sich lautlos davon gemacht, denn als er durch den Spion sah, war sie fort. Endlich. Doch warum fühlte er sich dann so furchtbar mies?
..::~::..
Silvesterabend. In der Stadt herrschte Chaos. Dutzende Menschen tummelten sich in den Einkaufsmeilen und irgendwie fand Severus, dass sie alle durchdrehten. Und nun auch noch diese geschmacklosen Partys und das phantasielose 0815 Feuerwerk. Lyssa war ihm seit dem Weihnachtsmorgen aus dem Weg gegangen, seit einer Woche hatte er nichts mehr von ihr gesehen und gehört. Beinahe war er geneigt zu glauben, dass all das nur ein böser Spuk gewesen war und seine verrückten Gefühle ihr gegenüber waren verschwunden, wenn er an sie dachte. Doch warum dachte er dann jeden Tag an sie?
Als es dunkel wurde, setzte er sich mit einem Glas Wein ins Wohnzimmer. Vereinzelte, verirrte Raketen schwirrten ab und an in den schwarzen Himmel und vom Nachbargrundstück drang kein Laut hinüber. Nicht einmal das Licht war an. Ungewohnt. Nein, beunruhigend. Das passte überhaupt nicht zu Lyssa. War sie vielleicht fort? Verärgert drehte er sich weg. Er musste einfach aufhören, sich Gedanken um ihren Verbleib machen. Oder überhaupt an sie zu denken.
Als die Uhr zehn schlug, hielt er es in seinen eigenen vier Wänden nicht mehr aus und begann, umherzustreifen, wie ein Tiger im Käfig.
Als die Uhr halb elf schlug, fand er sich vor Lyssas Haustüre wieder und war selbst darüber erstaunt, dass er tatsächlich auf die Klingel drückte. Er musste mehr getrunken haben, als er eigentlich gewollt hatte. Oder er war über Nacht wahnsinnig geworden. Das war zumindest die einfachste Erklärung. Die Wahrheit jedoch war, dass sie ihm fehlte. Es fehlte ihm furchtbar, wie sie die Nacht zum Tage machte, wie sie die Stille entzauberte und mit Leben füllte und wie sie alles an sich riss, das ihr nicht zustand. Auch wenn er ihr das niemals sagen würde.
Keine Schritte im Haus. Kein Licht ging an. Severus klingelte erneut. War sie wirklich nicht da? Oder hatte sie ihm seinen letzten Auftritt so übel genommen, dass sie ihn nicht mehr sehen wollte. Er wollte sich seit letzter Woche ja selbst kaum noch sehen. Allerdings hatte er, im Gegensatz zu ihr, nicht die Wahl.
Als Severus sich zum Gehen umwandte, hörte er Schritte von drinnen und dann wurde ein Schlüssel herumgedreht.
