David saß fast kerzengerade und bewegungslos auf dem Stuhl, den Blick auf die Schwäne gerichtet, die auf dem Teich ihre Bahnen zogen. Nur daran, daß er mit Daumen und Zeigefinger immer wieder an seinem Weinglas herumdrehte, konnte man erkennen, wie nervös er sich fühlte, während er diskret meine Antwort abwartete.
Auch ich hatte mich unwillkürlich in die weißgoldenen Flüssigkeit vertieft, die in meinem Glas schimmerte. Schließlich sah ich doch auf, blickte in seine fragenden grünen Augen.
„Ich wüßte gern … Weshalb ich? Ich meine", fügte ich hastig hinzu, als ein leicht erschrockener Ausdruck auf sein Gesicht trat, „ich bin doch nur ein einfaches Zimmermädchen …"
„Einfach?" Lächelnd schüttelte er den Kopf. „Nur weil du ein bescheidenes Leben führst, heißt das noch lange nicht, daß du nichts besonderes bist."
Ich spürte wie ich errötete, und nun schaute auch ich verlegen zum Teich hinüber.
„Gerade das ist doch das Besondere an dir", fuhr David Avery fort. „Du bist höflich, klug, hübsch … Du weißt genau was du willst, bist aber dennoch gegenüber anderen Menschen sehr aufgeschlossen und feinfühlig. Dir sind auch noch die kleinen Dinge des Lebens wichtig."
Er machte eine Pause, als ich meinen Blick wieder zu ihm wandte.
„Ich kann dir keine Festung wie die des Gouverneurs bieten", sagte er dann. „Aber ich werde gut für dich sorgen - und für deine Mutter auch, wenn ihr das möchtet. Mein Vater hat mir ein kleines Landhaus am Stadtrand vermacht. Dort ist für uns alle genug Platz."
„Das klingt alles sehr schön", sagte ich zögernd, „und ich fühl mich auch wirklich geehrt, aber ich kann meine Entscheidung jetzt noch nicht treffen …"
„Das mußt du auch nicht." Ich spürte, wie er seine Hand sachte auf meine legte. „Mir ist klar, daß du jetzt Zeit zum Nachdenken und den Rat der Menschen brauchst, die dir nahestehen. Ich möchte nur, daß du weißt, wie sehr ich mich glücklich schätzen würde, mein weiteres Leben gemeinsam mit dir zu verbringen, Victoria. Laß dir so viel Zeit wie du brauchst."
Dankbar nickte ich ihm zu, erwiderte leicht seinen Händedruck.
„Und nun laß uns einfach den sonnigen Nachmittag genießen." David hob sein Glas an, und ich prostete ihm ebenfalls zu.
Den Rest des Tages verbrachten wir mit einem Spaziergang durch den Park. Wir bewunderten die zahlreichen Blumen, beobachteten eine Entenfamilie und erforschten spontan das Ufer rund um den Teich nach den Nistplätzen der Wasservögel. Zwischendurch kehrten wir zum Kaffeehaus zurück, um uns ein Stück Kuchen zur Stärkung zu gönnen.
Am frühen Abend, als David mich zurück zum Herrenhaus gebracht hatte, fühlte ich ein merkwürdiges Kribbeln im Bauch, das sicherlich nicht vom Wein kommen konnte. Die liegengebliebene Arbeit schien sich wie von selbst zu erledigen. Die gestickten Blätter und Blüten auf den Tischdecken erinnerten mich an die Grünanlagen im Park, und die zarten Fäden, welche die Ranken bildeten, glichen den verschlungenen Wegen des Lebens, die immer wieder Überraschungen brachten.
Doch als ich anschließend in meiner Kammer stand und mich umkleidete, kam plötzlich das schlechte Gewissen in mir auf. Ich wußte, meine Mutter hatte bestimmt nichts dagegen einzuwenden, wenn ich Davids Antrag annahm - aber was würde Jack dazu sagen?
