„Guten Morgen zu Ihrer ersten Stunde Zaubertränke, meine Damen und Herren. Wie ich heiße, dürfte sicher bereits bis zu den Gehörlosen vorgedrungen sein." Geräuschlos wie eh und je glitt Snape durch die Reihen der Studenten, ließ hier ein Comic zuschnappen und dort ein Handy seinen Geist aufgeben, ohne, dass jemand mitbekommen hätte, dass er seinen Zauberstab überhaupt gezückt hätte. „Es freut mich, dass die Gerüchte über mich nicht alle in die Flucht geschlagen haben, doch seien Sie versichert: Sie werden es bereuen!" Leises Gekicher und Gemurmel ging durch die Bänke, vereinzelt hörte man auch nervöses Husten und Räuspern. *Sehr gut!* dachte der Tränkemeister. *Jetzt hab ich ihre ungeteilte Aufmerksamkeit!*
„Ich werde versuchen, Ihnen die hohe Kunst der anspruchsvollen Zaubertränke zu vermitteln – wobei die Betonung auf VERSUCHEN liegt, denn die Erfahrung hat mich gelehrt, dass nur die wenigsten die Natur der Braukunst verstehen, und nur ein Bruchteil sie auch fehlerfrei anzuwenden weiß." Snapes Augen glitten über die einzelnen Schüler, um abschätzen zu können, ob sich dort jemand mit Potenzial darunter befand. Viel Hoffnung hatte er nicht, und der erste Eindruck war ziemlich ernüchternd. „An der Schule, an der ich bisher gelehrt habe, gab es ein Punktesystem. Mit Punktabzug wurden die Schüler dort abgestraft, was tragisch war für das gesamte Haus, dem er oder sie zugehörte. Da es ein solches Punktesystem hier leider nicht gibt, wird jeder Verstoß gegen meine Regeln unweigerlich dazu führen, dass ihre Note schlechter-" Snapes Blick blieb in der hintersten Reihe hängen; seine Augen verengten sich und er geriet ins Stocken. Doch es blieb dabei: ganz hinten, in der letzten Bank, saß ein bekannter brauner Wuschelkopf, aus dem ihn zwei große Augen amüsiert beobachteten. „-wird. Ich dulde keinerlei Widerworte, keine Unpünktlichkeit, kein Gerede während meines Unterrichts. Materialien haben pfleglich behandelt zu werden und meine Anweisungen GENAUSTENS befolgt."
Tausend Gedanken rasten durch seinen Kopf. Was zur Hölle tat Hermine Granger, HIER, in SEINEM Unterricht? Was hatte er getan, dass er SO gestraft wurde?
Das und vieles mehr beschäftigte ihn, während er mit seiner Litanei fortfuhr. „Sollte jemand damit liebäugeln, die Note-" hier musste er kurz innehalten, weil er es nicht mehr zusammen bekam, wie sich die hiesigen Noten zusammensetzten. Betont unberührt ging er zu seinem Pult, um einen Blick auf seine Notizen zu werfen und erzählte dann unbeirrt weiter. „A zu erhalten: vergessen Sie es, ganz schnell! Während meiner gesamten Lehramtszeit habe ich erst zweimal die Höchstnote an Schüler vergeben. Sie gebührt jenen, die mir in Kenntnissen und Fähigkeiten gleichstehen oder mich überragen."
Wie sollte er sich verhalten? Sie ignorieren? Oder direkt auf Konfrontationskurs gehen? Warum in Merlins Namen machte er sich überhaupt Gedanken darüber?
Der Puls des Tränkemeisters raste vor Zorn; nun war er schon so weit von England weggegangen, fort von allem, was ihm auf die Nerven ging. Hatte sich von Minerva breitschlagen lassen, NETT zu sein zu den Leuten hier.
*Weiter machen!* befahl er sich selbst, als er merkte, dass er abdriftete.
„Bevor ich Sie jedoch an die Kessel lasse, würde ich gerne den Wissenstand von Ihnen erfahren – schließlich möchte ich mein neues Zuhause ein wenig länger bewohnen." Kleine Kaubewegungen lenkten seine Aufmerksamkeit auf einen jungen Mann nahe der Tür, der vergeblich versuchte, unauffällig seinen Kaugummi zu bearbeiten. Plötzlich wurde der Student ganz blass und er begann, immer heftiger zu kauen, doch je mehr er seinen Kiefer einsetzte, umso dicker wurden seine Backen – bis er am Ende nicht anders konnte, als zum Mülleimer zu sprinten, um dort einen riesigen Kaugummi herauszuwürgen. „Eine weitere Regel lautet: Essen und trinken strengstens untersagt!" Das Gekicher der Klasse unterstrich den ätzenden Tonfall, mit dem Severus seinen Schüler abmahnte, doch als er sich auf dem Absatz umdrehte und finster die Reihen musterte, wurde es wieder mucksmäuschenstill. „Sollten Sie Fragen zu meiner Person oder meinem Unterricht haben, wenden Sie sich vertrauensvoll an Miss Granger. Sie wird Ihnen sicherlich mit wachsender Begeisterung von ihrer Schulzeit berichten."
Dreiundzwanzig Augenpaare folgten dem Blick des Lehrers und musterten das Mädchen, dass seinen flammendroten Kopf zu verstecken versuchte, in dem es immer tiefer rutschte auf seinem Stuhl.
„Nun, wer dann, nach der ausführlichen Schilderung Ihrer misslichen Lage durch Miss Granger, noch den Mut hat, den Unterricht bei mir fortsetzen zu wollen, gibt mir in der nächsten Stunde eine Auflistung sämtlicher Tränke ab, die er oder sie in seiner Schulzeit gelernt hat, mitsamt der Tränke, die hier durchgenommen wurden. Zudem die Zutaten, die jeder Trank benötigt und wie er hergestellt wird. Sollten besondere Dinge beim Brauen zu beachten sein, ist auch dies aufzuführen. Sie dürfen jetzt damit anfangen."
Das leise Rascheln von Blättern und die ersten Kratzgeräusche von Federn über Pergament verrieten Snape, dass die Ersten bereits damit begonnen hatten, die ihnen gestellte Hausaufgabe zu erledigen. Das verschaffte ihm jetzt Zeit, sein neuestes Problem zu wälzen. Nachdenklich stützte er einen Ellbogen auf den anderen Arm und rieb sich über die Lippen, während er langsam durch den Raum schlich, ohne jedoch wirklich auf einen der Studenten zu achten.
Warum musste es ausgerechnet Madame-Oberschlau sein? Hatte sie ihm das Leben nicht schon schwer genug gemacht? Indem sie es gerettet hatte? *Gerettet – PAH! Mein jämmerliches Dasein verlängert, das ist alles, was sie bewerkstelligt hat!*
Severus konnte es dem junge Mädchen, dass - mit Harry Potter und Ron Weasley gemeinsam -erheblich Anteil daran gehabt hatte, dass der dunkle Lord vernichtet wurde, nicht verzeihen, dass sie ihn nicht einfach liegen gelassen hatte. Es war ihm bis heute ein Rätsel, warum sie das tat; sie hätte mit Sicherheit genug Grund gehabt, ihn elendig verrecken zu lassen, so, wie er sie immer behandelt hatte – hatte behandeln MÜSSEN, um keinen Verdacht zu erregen.
Sie hätte eigentlich für jeden Trank, jede Arbeit ein `Ohnegleichen´ bekommen müssen, doch als angeblicher Anhänger Voldemorts und damit jemand, der alle Muggel und Muggelstämmige verabscheut, konnte er ihr schlecht den Respekt zollen, den sie verdient hatte. Und bei Merlin, sie HATTE Respekt verdient für ihre Leistungen, so nervtötend sie auch war.
Unbewusst hatte Snape sich ans Fenster gestellt, nicht weit von Hermine weg; als er nun aufsah, bemerkte er, dass sie ihn immer noch – oder schon wieder – beobachtete. „Miss Granger, brauchen Sie eine Extra-Einladung?" donnerte er und wies auf ihr leeres Pult. Hermine zuckte weder zurück, noch schlug sie die Augen nieder, was an sich schon ungewöhnlich war. Mit einer Gelassenheit, die Severus neu war an ihr, schüttelte sie den Kopf. „Nein, Mr. Snape!" antwortete sie knapp und hielt seinem Blick stand. „Aber wer weiß besser, was ich in den letzten Jahren gelernt habe, als Sie?"
„Professor Snape, Miss Granger, immer noch!" korrigierte er sie. „Also haben Sie im letzten Jahr dieses Fach nicht belegt gehabt?" Snape war fast schon enttäuscht bei dem Gedanken; Hermine war viel versprechend im Brauen, und er hätte sein gesamtes Jahresgehalt darauf verwettet, dass sie dieses Fach weiter studieren würde.
„Doch, das habe ich!" Wieder nur das nötigste als Antwort; muss man der Göre neuerdings alles aus der Nase ziehen? „Und? Miss Granger, hätten Sie bitte die Güte, meine Geduld nicht übermäßig zu strapazieren? Wie Sie wissen, besitze ich davon nur ein Minimum!" Im Hörsaal war es mittlerweile totenstill, alles verfolgte aufmerksam die Unterhaltung der Beiden.
„Nichts und, Mr. Snape." „Professor Snape!" unterbrach Severus sie wieder und fragte sich, was mit Hermine los war. Sicher, sie hatte ihm schon immer die Stirn geboten, wenn sie es für nötig gehalten hatte; respektlos war sie aber nie geworden. Unwillkürlich beugte er sich hinunter zu ihrer Bank, stützte sich mit beiden Händen darauf ab und starrte sie an.
„Mr. Snape!" beharrte Hermine und hielt seinem Blick stoisch stand.. „Hier werden alle Lehrer mit Mr., Miss oder Mrs. angesprochen." Bevor der Professor sie wieder unterbrechen konnte, sprach sie schnell weiter. „Ich habe letztes Jahr nichts gelernt, was Sie nicht bereits mit uns durchgenommen hatten." Unverständnis spiegelte sich auf dem Gesicht des Lehrers wieder. „Bitte?" hakte er nach und vergaß glatt den Titel-Disput. „Sie belieben zu scherzen, Miss Granger!"
Hermine verzog das Gesicht zu einem kleinen, spöttischen Lächeln. „Habe mir mit Ihnen jemals einen Scherz erlaubt, Mr. Snape?"
Der Professor zwang sich zur Ruhe. Was sollte das heißen, sie hätte hier nichts Neues gelernt? Hinkten sie hier so hinter dem britischen Standart hinterher? Als wollte sie ihn bestätigen, hörte er Hermines Stimme, die ihn noch mehr zu verspotten schien. „Sie werden sehen, was ich meine, wenn Sie die Listen meiner Kommilitonen gesehen haben."
Der Professor stieß sich mit einem verächtlichen Schnauben ab und richtete sich wieder auf. „Seit wann sind Sie so geizig, wenn es darum geht, mit Ihrem Wissen glänzen zu können?" höhnte er, drehte sich um und ging betont gelassen zurück zu seinem Pult, ohne Hermine Gelegenheit zum antworten zu geben. Daher sah er auch nicht, dass sich das Mädchen zufrieden lächelnd zurücklehnte und ihm nachsah.
Wie gebannt hatten ihre Mitschüler den kleinen Disput zwischen Hermine und dem neuen Lehrer verfolgt; mittlerweile war auch dem letzten klar, dass die beiden wohl eine besondere `Beziehung´ zueinander hatten. Hermine war es ziemlich egal, was alle anderen dachten; was für die Studenten in diesem Raum aussah wie eine kleine Plänkelei, war im Grunde genommen nicht weniger gewesen als ein Machtkampf. Mit Genugtuung hatte sie registriert, dass in Snape´s Augen – wenn auch nur kurz – Unsicherheit aufgeflackert war. In diesem kurzen Moment hatte sie in ihm lesen können wie in einem Buch: Was tat sie hier, was wusste sie, was er nicht wusste, und WAS zum Henker bildete sie sich ein, nicht vor ihm zu kuschen? Es war ihr schwer gefallen, ihn nicht anzugrinsen und zu sagen: die Welt hat sich weitergedreht!
Sie wunderte sich über sich selber; bis vor dieser Stunde hätte sie nicht mal ansatzweise sagen können, wie ihr Zusammentreffen mit Snape verlaufen würde. Nein, falsch: sie konnte sich durchaus an einer Hand ausrechnen, dass der Professor nicht gerade vor Freude an die Decke springen würde, wenn er sie sah. Das letzte Mal, als sie sich begegnet waren, hatte Hermine sich einen Blick von ihm eingefangen, der selbst über seine Verhältnisse hinausging. Tödlicher ging nicht, sie konnte sich nicht erinnern, jemals einen solchen Ausdruck in Snape´s Augen gesehen zu haben – und sie hatte gedacht, sie hätte bereits dessen gesamtes Repertoire erlebt in ihrer Schulzeit!
Seltsamerweise hatte der Professor keine Anwesenheitskontrolle gemacht am Anfang der Stunde, und so konnte Hermine sich in Ruhe an dessen Anwesenheit gewöhnen. Dabei wurde ihr bewusst, dass sie zwar nervös und aufgeregt war, aber es war eine andere Art von Nervosität und hatte nichts mehr gemeinsam mit dem Gefühl, dass sie all die Jahre in Gegenwart dieses Mannes beschlichen hatte.
Es war seltsam… irgendwie wie immer, und doch anders. Vielleicht lag das an den anderen Studenten; so etwas wie Snape hatten sie allem Anschein nach noch nie erlebt. Sicher, auch in den Staaten gab es strenge Lehrer, doch in dem ganzen Jahr, das sie nun bereits hier an der Uni war, hatte sie nicht erlebt, dass irgendein Lehrer eine solche Wirkung auf die Studenten gehabt hätte. Der Umgangston war eher locker, auch der gefürchteteste Lehrer hatte seine humorvollen Momente.
Doch in dem Augenblick, da Professor Severus Snape den Raum betreten hatte, wurden alle im Raum auf einmal muckmäuschenstill und machten sich klein. Es war schlicht beeindruckend für Hermine, dabei war Snape sogar vergleichsweise recht umgänglich- jedenfalls bis zu dem Moment, als er Hermine entdeckte, denn ab da sank seine Laune zusehends in den Keller.
Jetzt setzte er sich an seinen Pult und blätterte, scheinbar unbeeindruckt von dem vorangegangenen Gespräch mit ihr, in irgendwelchen Stapeln umher. Doch je mehr Papiere er durchsah, umso blasser wurde er. Hermine konnte nur vermuten, dass er in den anderen Klassen, die vor ihnen bereits hier ihren Kurs gehabt hatten, dieselbe Aufgabe gestellt hatte, und bereits einige der fertig gestellten Blätter vor sich liegen hatte. Sie konnte sich zwar nicht vorstellen, wie diese Studenten das so schnell bewerkstelligt haben sollten, aber das musste sie nicht interessieren.
Fakt war, dass Snape so langsam zu ahnen schien, was hier noch auf ihn zukommen würde – er tat ihr fast leid, als er mit einem fast verzweifelten Blick zu ihr aufsah. Sie zuckte mit den Schultern und schaute entschuldigend zurück. Da musste er jetzt durch.
