Chapter 08

„Was ist das?"

„Hm, schwer zu sagen... sieht aus wie Seide... oder menschliche Haare oder so etwas... Wenn nur nicht alles so mit Blut verklebt wäre!"

Paul zog mit einer Pinzette behutsam etwas von den dünnen Fasern zwischen den Schuppen hervor und legte sie in eine Schale.

Seit zwei Tagen versuchte er zusammen mit Harry das Halsband auseinander zu nehmen und seinem Zauber auf die Spur zu kommen. Sie wären vermutlich schon längst damit fertig geworden, wenn nicht immer wieder neue Hiobsbotschaften ihre Arbeit erschwerten.

Wenige Stunden nach Harrys Zusammenbruch kam Bob atemlos in den Krankenflügel gestürzt, auf der Suche nach Charlie.

Ashes, der sich seit seinem Angriff auf den roten Drachen nicht mehr hatte blicken lassen, war etwa zu der Zeit als Harry wieder zu sich kam in den Hort eingedrungen. Die völlig überrumpelten Drachenreiter und -heiler hatten es nicht geschafft den großen Grünen loszuwerden.

Nicht bevor er ein Blutbad anrichten konnte.

Er war, rasend vor Wut, auf das fremde Weibchen losgegangen und hatte sie, ehe jemand ihn daran hindern konnte schwer verletzt. Bob tat was er konnte, aber er war sicher, dass er das Tier nicht würde retten können. Ashes war nach seinem Angriff wieder verschwunden und Charlie hatte trotz aller Prostete von Harry geschworen, dass er den Drachen im Frühjahr jagen und töten lassen würde. Sobald die Winterstürme nachließen und es erlaubten, dass die Drachenreiter sich wieder in die Luft wagten.

Harry wusste, dass er das nicht zulassen würde, aber um dieses Problem konnte er sich später kümmern.

Etwa zeitgleich mit dem Angriff im Hort verschlechterte sich Dracos Zustand plötzlich zusehends. Noch Augenblicke zuvor hatte er sich mit Charlie ein hitziges Wortgefecht geliefert, in dessen Verlauf er wie üblich keinen Hehl aus seinem Abscheu dem Kommandanten der Drachenarmee gegenüber machte, dann war er plötzlich kreideweiß geworden und hatte das Bewusstsein verloren. Inzwischen hatte er hohes Fieber und war in einem fast so schlechten Zustand wie sein Drache.

Harry hatte sich nur einmal ins Zimmer gewagt, aber der Anblick hatte ihm fast das Herz zerrissen. Er wusste, dass er Draco nur helfen konnte, wenn er hinter den Zauber kam, der ihn gefangen hielt.

Darum brütete er zusammen mit Paul über dem einzigen Anhaltspunkt, den sie hatten.

Dem Halsband.

Sie hatten die Schuppen eine nach der anderen vom Leder gelöst und dabei festgestellt, dass sie nur teilweise angewachsen waren. Andere Schuppen schienen zwischen die natürliche Schicht geklebt und genäht worden zu sein und zu ihrem Erstaunen entdeckten sie dabei auch Schuppen von der Farbe des Sonnenaufgangs. Rotgolden und leuchtend wie Juwelen. Jetzt beschäftigten sie sich gerade mit den seltsamen Fasern, die um die grünen Schuppen geflochten und mit denen die roten festgenäht waren.

Harry drehte eine der roten Schuppen zwischen den Fingern. Die Farbe weckte Erinnerungen in ihm

„Die ist von Amber. Da bin ich sicher."

„Hm. Die Farbe würde stimmen... Aber es wäre sehr ungewöhnlich, oder?"

„Ich kann es beweisen. Bin gleich wieder da."

Harry sprang auf und lief eilig durch die Gänge zu seinem Zimmer. Mit zitternden Fingern durchstöberte er den Schreibtisch, bis er die Schatulle gefunden hatte, die seine kostbarsten Schätze enthielten. Mit dem Kästchen im Arm rannte er zurück zum Krankenflügel...

...und wäre um ein Haar mit Bob zusammengestoßen, der ihm entgegenkam. Der Drachenheiler wirkte grimmig und Harry sah, dass er etwas im Arm trug, dass wie eine Kette aus Drachenschuppen aussah.

„Was ist das?"

„Komm mit rein. Ich werde diesen Irrsinn nur einmal erklären."

Bob stürmte in das kleine Labor, das Philomena zähneknirschend frei geräumt hatte und in dem sich Paul gerade mit Charlie unterhielt.

„Bob..."

Der Drachenheiler schüttelte den Kopf und warf das Schuppenbündel, das er im Arm hatte auf den Tisch.

„Irgendjemand da draußen quält Drachen! Es ist eine Unerhörtheit sondergleichen. Wenn ich diese Kerle in die Finger kriege..." Er zitterte am ganzen Körper vor mühsam unterdrückter Wut.

Charlie sah ihn mit gerunzelter Stirn an.

„Bob, würdest du uns freundlicherweise erklären, was los ist? Und was das da..." er wies mit angewidertem Gesichtsausdruck auf den Haufen Schuppen aus dem jetzt langsam und zähflüssig Blut auf den Boden tropfte. „..ist. Warum reißt du dem Drachen die Schuppen aus?"

„ICH?!? Du glaubst, das ICH das war???" Bobs Bart sträubte sich vor Wut, während seine Stimme sich vor Empörung fast überschlug. Harry zog unwillkürlich den Kopf ein. Er hatten den Drachenheiler noch nie so wütend erlebt.

„Was ist es dann?"

„Ein Halsband. So eins wie der Junge es getragen hat."

Er wies auf das halb zerlegte Band, das Paul bearbeitet hatte.

„Ein...?" Harry starrte Bob entgeistert an.

„Ja. Der Drache ist kein Hochdrache. Er ist ein ganz gewöhnlicher walisischer Grüner. Ein altes Weibchen, das sein Gnadenbrot auf irgendeiner Drachenfarm genießen sollte. Jemand hat ihr einen breiten Streifen Haut samt Schuppen rund um den Hals abgezogen und ihr dann dieses Halsband aus den Schuppen eines Hochdrachen verpasst. Und durch irgendeinen Illusionszauber, der dem Halsband anhaftet, hat sie die Gestalt des betreffenden Drachen angenommen. Zumindest zum Großteil. Einige Dinge wie Größe und Farbe haben nicht hundertprozentig gestimmt. Aber darauf kam es wohl auch nicht an!"

Er ließ sich auf einen Stuhl fallen und schnaubte, um seiner Empörung Luft zu machen. „Dieses arme alte Weibchen wusste gar nicht wie ihr geschah."

Während Bob weitersprach hatte Harry, einem Instinkt folgend eine der Schuppenstücke aus seiner Schatulle gezogen und sie neben das breite Halsband des Drachen gehalten. Als er seinen Verdacht bestätigt sah, wich jedes bisschen Farbe aus seinem Gesicht.

„Amber..." hauchte er.

„Was?" Charlie sah ihn verständnislos an.

„Die Schuppen des Halsbandes sind von Amber. Ebenso wie die kleinen, die wir in das Halsband genäht gefunden haben, das Draco getragen hat. Die Maserung der einzelnen Schüppchen ist identisch."

„Dann wissen wir ja jetzt, warum Ashes sie angegriffen hat. Er hat den Geruch seiner Mutter an einem fremden Drachen gewittert. Zusammen mit Dracos Witterung musste ihn das ja rasend machen! Und da die Seelenverbindung zu Draco offensichtlich blockiert ist, konnte er nur nach dem Geruch gehen."

Bob wirkte irgendwie zufrieden. Fast als wäre die Tatsache, dass Ashes nicht grundlos angegriffen hatte für ihn Beweis genug, dass der große Grüne nicht bösartig war.

Paul hatte seine Arbeit zur Seite geschoben und drehte jetzt vorsichtig das große, breite Drachenhalsband um. Das Leder unter den Schuppen war mit einem dicht geflochtenen Gewebe unterlegt, das blutgetränkt, kaum zu erkennen war.

„Es wird ne Weile dauern, das zu analysieren."

„Kriegst du das hin?"

„Natürlich."

Charlie nickte. „Gut. Was ist mit dem Drachen, Bob?"

„Er lebt. Aber ich denke, es wird nicht mehr lange dauern."

„Bob, welche Farbe hat das Weibchen genau?"

„Ein ziemlich erdiges Grün. Sie ist alt. Und im Gegensatz zu den Hochdrachen behalten die Gewöhnlichen ihre Farbe im Alter nicht. Sie bleichen aus oder werden schmuddeliger. Warum?"

Harry hielt das Band hoch, das auf seiner Unterseite noch mit einzelnen schlammgrünen Schuppen besetzt war.

„Das ist das Halsband, das Draco trug. Du hast gesagt, dass ein Bann nur dann funktionieren würde, wenn der Drache dessen Schuppen man verwendet lebt. Nun, der Waliser lebte. Und Draco trug diese Schuppen direkt auf der Haut. Nach allem was wir wissen über anderthalb Jahre lang."

Bob nahm ihm den schmalen Streifen Drachenleder ab und drehte ihn nachdenklich zwischen den Fingern.

„Aber es ist auch ein Seelenband notwendig."

„Ja. Ein Rest dieser Verbindung findet sich in Ambers Schuppen." Harry fuhr mit dem Finger durch die dunkelrote Flüssigkeit auf dem Tisch. „Und ihrem Blut. Ich denke, ich fange langsam an zu verstehen was hier vorgeht. Jemand hat ein Seelenband zwischen Draco und diesem walisischen Grünen erzwungen um einen von ihnen oder beide dadurch zu kontrollieren."

„Harry... das ist ziemlich an den Haaren herbeigezogen, findest du nicht?" Charlie sah ihn skeptisch an.

„Weißt du, Charlie, in den letzten Jahren hab ich so viele Dinge erlebt, die unwahrscheinlich waren, dass ich aufgehört habe Dinge als unmöglich abzutun. Alles ist möglich."

„Und gar nicht mal so dumm..." Paul hatte das Ende des Gewebes gefunden und angefangen die Flechten aufzulösen. „Ich will keine voreiligen Schlüsse ziehen, aber das hier sieht mir so aus, als ob das Band aus mindestens drei verschiedenen Substanzen geflochten wäre: dünne Lederschnüre, Seide und Haare. Menschliche Haare." Er zog eine der besagten Fasern aus dem Gewirr. „Und ich wette, ich kann dir sagen, welche Farbe sie haben, wenn man das Blut abwäscht."

Bob maß das Band mit den Augen. „Etwa zwei Meter, etwas mehr vielleicht... Doppelt genommen kommt die Länge hin."

Charlie sah von einem zum anderen. Im Gegensatz zu Bob begriff er noch immer nicht, was hier vorging.

„Wovon redet ihr, zum Teufel?"

„Dracos Zopf." Harrys Stimme war tonlos. „Das ist der Grund, warum sein Haar abgeschnitten ist. Sie brauchten es."

„Haare sind mächtig. Ebenso wie Blut."

„Oh bitte. Ihr fangt mir doch jetzt nicht mit Voodoo an, oder?"

„Das hat nicht das geringste mit Voodoo zu tun, Charlie. Viele, vor allem dunkle Zauber benötigen Teile eines menschlichen Körpers als Ingredienz: Blut, Speichel, Tränen - oder eben Haar. Auch verschiedene Zauber der druidischen Magie beruhen auf diesem Grundsatz."

Während er sprach hatte Paul die Flechten weiter aufgelöst und tatsächlich schimmerten die Stellen, die besonders fest geflochten gewesen und vom Blut nicht erreicht worden waren in hellem, silbrigem Blond.

„Was ist das da?" Bob deutete auf eine dickere Stelle etwa in der Mitte des Geflechtes wo eine Art Knoten angebracht schien.

„Warte. Ich bin gleich da, dann sehen wir es."

Harry achtete nicht auf Paul. Er nahm das Schuppenmesser vom Tisch und zerschnitt den Knoten. Etwas schwarzes, rundes kam zwischen den zerschnittenen Fasern zum Vorschein, fiel klappernd zu Boden und rollte unter den Tisch

Harry ging auf die Knie und tastete unter dem Tisch, bis er etwas Hartes spürte. Als er seine Finger öffnete, setzte sein Herz einen Schlag aus.

„Was ist los? Was ist es?"

Einen Moment zögerte Harry, dann streckte er die Hand aus, so dass das kleine Ding im Licht lag.

Es war schmutzig, mit altem, getrocknetem Blut verklebt und doch hätte er es überall erkannt.

Er hörte, wie die anderen scharf nach Luft schnappten.

Auf seiner Hand, noch von einzelnen, feinen Haaren und Seidenfäden umschlungen lag Dracos Seelenring.

„Glaubst du jetzt, was Harry sagt, Charlie? Mit dem Ring war es ein Leichtes den Drachen an Dracos Seele zu fesseln. Und umgekehrt konnte wer immer den Drachen kontrolliert auch Draco beherrschen."

„Aber warum hat Harry dann nichts von alldem gespürt?"

Harry unterdrückte ein Schaudern. Das war die Frage, die ihm selbst auf der Seele brannte. Warum hatte er nicht gemerkt, was mit Draco geschah?

Paul nahm Harry den Ring ab und drehte ihn langsam zwischen seinen Fingern. Sein Blick war ins Leere gerichtet, während er nachdachte und seine Gedanken dabei aussprach. Erinnerungen waren in ihm aufgetaucht. Erinnerungen an eine Kindheit im Hain der Druiden, an eine längst vergangene Ausbildung in den Mysterien. Er war einst zum Druiden bestimmt gewesen. Bevor der Ruf der Drachen ihn erreicht hatte...

„Nein. Der Teil von Dracos Seele, der mit Harry verbunden ist wurde... ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll... unterdrückt, weggesperrt... Darum hast du keine Verbindung zu seiner Seele finden können, Harry. Wenn ich raten soll würde ich sagen, dass die Verbindung zu Amber und damit auch die zu Ashes, die weit mächtiger und stärker ist, auf den Waliser übertragen wurde. Und die Verbindung zu dir wurde blockiert. Ich gehe davon aus, dass wer immer hierfür verantwortlich ist, Draco irgendwie in der Gewalt hat und durch ihn den Drachen kontrolliert. Das ist die logischste Erklärung."

„Aber müsste der Zauber dann nicht jetzt gebrochen sein? Die Halsbänder sind zerstört. Wir haben den Ring wieder."

Harry sah zur Tür. Er wagte nicht zu hoffen.

„Wenn ihr meine Meinung hören wollt..." Bobs Stimme war leise. „Das Leben des Jungen ist noch immer an den Drachen gebunden. Wenn das Weibchen stirbt..."

„Aber was können wir tun? Wie können wir das Band zerstören, ohne Draco zu töten?"

Paul gab Harry den Ring zurück.

„Gar nicht. Er muss von selbst zurückfinden. Nur er selbst kann seine Seele befreien."

Bob schüttelte den Kopf. „Dann hat er nicht mehr viel Zeit. Ich schätze, der Drache wird die Nacht nicht überstehen."

xxx

Harry stand auf, ohne weiter auf die anderen zu achten. Alles was er wahrnahm waren die letzten Worte seiner Freunde:

Dracos Leben ist an den Drachen gebunden und der wird die Nacht nicht überstehen...'

Musste es denn immer so sein? Musste jeder Funken Hoffnung gleich wieder zunichte gemacht werden? Er hatte gelernt mit Dracos Tod zu leben, nur um ihn dann lebendig wieder zu finden. Und um festzustellen, dass es Schlimmeres gab als den Tod seines Geliebten. Und jetzt, wo sie endlich auf dem richtigen Weg waren, wo der Bann sich langsam lockerte, war auf einmal nicht mehr genügend Zeit da. Ehe die Nacht zu Ende war, würde ihm Draco ein weiteres Mal entrissen werden. Diesmal für immer.

Harry fühlte sich vollkommen erschöpft und wie betäubt. Er handelte rein mechanisch, ohne darüber nachzudenken.

In einem Wasserbassin, dass auf einem der Tische stand reinigte er den Ring von Blut und Schmutz, zupfte die Haare und Seidenfäden ab, bis er wieder in seinem matten, silbernen Glanz schimmerte. Dem selben Glanz, den Harrys eigener Ring ausstrahlte.

Dann ging er langsam in Dracos Zimmer.

Er lag noch immer auf dem Bett, noch immer gefesselt, totenbleich und reglos. Nur die kurzen, abgehackten Atemzüge zeigten, dass er lebte.

Harry zog seinen eigenen Dolch aus dem Stiefel und durchtrennte behutsam die Fesseln. Wenn er schon sterben musste, dann nicht angebunden wie ein wildes Tier. Er legte die schlanken, kalten Hände auf die Bettdecke, zog einen Stuhl ans Bett und setzte sich hin. Lange saß er einfach nur da und starrte auf das blasse Gesicht, dass er so sehr liebte.

Dann, noch immer ohne bewusst darüber nachzudenken, nahm er Dracos linke Hand in seine und schob den Drachenring auf den Ringfinger. Eine Weile hielt er die kalten Finger zwischen seinen eigenen, warmen, dann legte er die Hand knapp über dem Herzen auf Dracos Brust.

„Wie soll ich nur leben ohne dich? Ich dachte, ich hab mich an den Gedanken gewöhnt, aber ich werde das niemals können. Ich erinnere mich noch an den Tag vor fünf Jahren, als ich dir die selbe Frage stellen musste... Damals bist du zu mir zurückgekehrt... Ich wage nicht zu hoffen, dass das diesmal auch geschieht. Ich habe keine Hoffnung mehr übrig. Hoffnung ist nichts anderes als Selbstbetrug, das weiß ich...Warum nur muss das wieder und wieder passieren? Warum nur nimmt man mir immer wieder die Menschen, die mir am wichtigsten sind?"

Er strich behutsam die weichen Haare aus dem bleichen Gesicht.

„Ich weiß, dass du mich nicht hasst. Das warst nicht du, der da gesprochen hat. Ich wusste es die ganze Zeit über. Ich hab nie aufgegeben an dich zu glauben. Ich weiß, dass du nicht mehr viel Zeit hast, dass du mich diesmal endgültig verlassen wirst... Aber ich werde dich nicht allein gehen lassen. Diesmal nicht. Egal wie viel Jahre ich noch hätte. Sie sind leer und hohl ohne dich. Ich bin nicht so stark wie Paul... Ich kann nicht mehr. Nicht ohne dich."

Er umfasste wieder Dracos schlanke Hand, so dass sich die Ringe leicht berührten, dann ließ er seinen Kopf nach vorn sinken, bis seine Stirn die Matratze berührte und wartete auf das Ende.

In dieser Pose fand ihn Stella zwei Stunden später. Sie blieb einen Moment in der Tür stehen und kämpfte mit den Tränen. Sie hätte in diesem Moment alles gegeben um Harry zu helfen. Schließlich trat sie neben ihn und berührte ihn leicht an der Schulter.

„Liebes?"

Er schrak auf, sah sie einen Moment lang an, ohne sie zu erkennen. Dann klärte sich sein Blick.

„Stella."

„Wie fühlst du dich?"

Er zuckte mit den Schultern, vermied es Draco anzusehen.

„Ich fühle gar nichts. Ich bin bereits tot und warte nur noch auf den letzten Atemzug."

Es auszusprechen war leicht. Es fühlte sich gut an. Es war die Wahrheit.

„Sag nicht so etwas. Harry..." Sie wusste nicht, was sie sagen, wie sie ihm helfen sollte.

„Es ist wahr, Stella. Tut mir leid. Bob sagt, dass der Drache die Nacht nicht überlebt. Und wenn der Drache stirbt, wird Draco mit ihm sterben. Und ich auch. Nochmal werde ich das nicht durchmachen."

Sie wusste, dass nichts was sie sagte, ihn von seinem Entschluss würde abbringen können. Mit einem leisen Seufzer setzte sie sich auf die Bettkante.

„Paul hat mir von dem Drachen und den Halsbändern erzählt."

Er antwortete nicht. Es gab keine Antwort.

Paul hatte die Halsbänder inzwischen vollkommen auseinander genommen und seine Theorien bestätigt gefunden. Das Band des Drachen war aus Leder, Seide, Dracos Haaren und, wie er später feststellte, Drachenherzfasern geflochten. Alles zusammen war in Drachenblut getränkt und anschließend mit Ambers Schuppen beklebt und benäht worden. Welche dunklen Zauber in die Herstellung des Halsbandes eingeflossen waren, ließ sich nicht feststellen. Aber es mussten mächtige Zauber sein.

Das alte Drachenweibchen hatte mit dem Verlust des Halsbandes jeden Lebenswillen und Kampfgeist verloren. Wie Bob sagte, freute sie sich wahrscheinlich darauf endlich Ruhe zu finden.

Das alles erzählte Stella Harry nicht. Er hätte es ohnehin nicht hören wollen. Stattdessen betrachtete sie Dracos regloses Gesicht. Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, was er in den letzten anderthalb Jahren hatte durchleiden müssen. Wer immer es geschafft hatte, seinen stolzen, unabhängigen Geist zu brechen, er musste es schwer gehabt haben damit. Sie hätte nicht erwartet, dass es überhaupt jemals jemandem gelingen würde.

Behutsam strich sie eine der hellblonden Strähnen aus der blassen Stirn.

„Du wirst mir fehlen, mein Freund." wisperte sie.

Erinnerungen stiegen in ihr auf.

Der Tag, an dem sie ihn das erste Mal gesehen hatte, mehr tot als lebendig, vollkommen gebrochen und ohne den geringsten Willen zu leben. Sie erinnerte sich an ihre Unterhaltung mit Charlie damals:

Wird er durchkommen?"

Er ist in furchtbarer Verfassung, aber ich denke ja."

Was ist mit Amber?"

Sie ist draußen vor dem Fenster. Lässt uns keinen Augenblick aus den Augen."

Also hat er eine Drachenseele?"

Ja. Stärker als bei den meisten anderen die ich kenne. Wenn er durchkommt werden er und Amber ein wundervolles Paar abgeben."

Hoffen wir, dass er es schafft."

Und er hatte es geschafft. Zäh und willensstark hatte er gegen die Dämonen gekämpft und sie letztendlich besiegt.

Sie erinnerte sich an seine ersten Flugversuche mit Amber. Sie hatte ihn nicht einmal fallen gesehen. Er hatte dem Drachen, den er liebte, vom ersten Moment an klar gemacht, was sie sich erlauben konnte und was nicht. Er war ein geborener Drachenreiter gewesen.

Auch später, auf Ashes Rücken hatte er sich niemals etwas gefallen lassen. Das große, wilde Männchen, das niemanden auf seinem Rücken duldete war bei Draco so sanft geworden wie ein Kätzchen. Und seine Drachen hatten ihn beide geliebt.

In allem was er tat hatte er sich als Naturtalent erwiesen. Egal ob der Schwertkampf, in dem er in wenigen Monaten zu einem der besten geworden war oder die Magie der Quellen, die ihm zuzufliegen schien. Ihr Vater hatte damals einmal bemerkt, dass Draco ein mächtiger Druide sein könnte, wenn er wollte. Draco hatte darauf nur gelacht. Sein übermütiges, immer leicht spöttisches Lachen. Im Hain der Druiden eingesperrt den Weg der Sterne und der Elemente zu erforschen war so weit von allem entfernt, was seiner wilden, freiheitsliebenden Seele entsprach.

Ein Kind der Stürme hatte ihr Vater ihn genannt. Wild und ungebändigt.

Das war nur Harry gelungen. Er hatte das wilde Herz eingefangen und gezähmt. Und jetzt saß er hier, bereit die Welt mit seinem Gefährten zu verlassen, weil ein Leben ohne ihn undenkbar war.

Sie legte ihre Hand auf Harrys Arm und versuchte ihm stumm Trost zu schenken.

Harry war ihr dankbar, dass sie nicht sprach, dass sie ihn nicht zwang zu sprechen.

Er sah, wie sie erneut ihre Hand auf Dracos Stirn legte und dann ihre eigene in Falten legte.

„Was ist los?"

„Das Fieber ist gesunken. Seine Stirn ist ganz kühl."

Harry spürte Panik. War es etwa schon vorbei? Hatte er die letzten Minuten seines Geliebten verpasst?

Stella schüttelte den Kopf.

„Seltsam. Er atmet auch wieder ganz ruhig. Und er hat wieder etwas Farbe im Gesicht."

Harry starrte sie an. Dann sah er Draco an. Stella hatte Recht! Dracos Atemzüge waren wieder ruhig und gleichmäßig. Die tödliche Blässe war einem zarten Rosa auf Wangen und Lippen gewichen.

Er tastete mit zitternden Fingern nach Dracos Hand, die er irgendwann losgelassen hatte. Sie war kühl, aber nicht mehr so eisig kalt wie zuvor.

In diesem Moment flog die Tür auf und Charlie stürmte atemlos ins Zimmer.

„Ist er...?"

Stella sah ihren Mann stirnrunzelnd an.

„Würdest du etwas leiser sein! Was ist passiert?"

Charlie lehnte sich gegen den Türrahmen und keuchte hingebungsvoll.

„Der Drache. Er ist eben gestorben. Ich komme gerade aus dem Hort..."

Stella starrte ihn fassungslos an. „Wann?"

„Vor etwa einer Viertelstunde. Ich bin sofort hierher zurück."

Sie sah Harry an, der verwirrt den Kopf schüttelte.

„Charlie... wir haben gerade festgestellt, dass es Draco besser geht. Das Fieber ist fast weg und er atmet wieder normal."

Er sah an ihr vorbei zum Bett.

„Aber Bob hat doch gesagt... Wie ist das möglich?"

Harry streckte die Hand aus und strich leicht über die sanft gerötete Wange. Die Haut war warm, aber nicht mehr fiebrig heiß.

„Draco?"

Die Lider flatterten kurz, blieben aber geschlossen.

Dann, so leise, dass es kaum hörbar war:

„Harry..."

Er stieß Stella unsanft zur Seite und lehnte sich weit über das Bett, hielt Dracos Hand fest umklammert.

„Ich bin hier, Baby... Ich bin da. Es wird alles wieder gut, hörst du..." Er strich mit der freien Hand über die blasse Stirn, hauchte einen zarten Kuss auf die leicht geöffneten Lippen.

„Ich bin hier..."

Langsam hoben sich die Lider, bis ein schmaler Streifen Silber zwischen den langen Wimpern sichtbar wurde.

Harry spürte, wie ihm neue Tränen über die Wangen liefen. Er achtete nicht auf Stella und Charlie, die hinter ihm standen. Alles was zählte war vor ihm.

Draco schlug unendlich langsam die Augen auf. Einen Moment lang sahen sie blicklos geradeaus, dann blieben sie an Harry hängen, der jetzt so sehr weinte, dass er keinen Ton mehr hervorbrachte. Seine Tränen tropften auf das Kissen, auf Dracos Gesicht, auf ihre verschlungenen Hände.

Er hatte das Gefühl, dass sein Herz jede Sekunde aus seiner Brust springen würde, weil in seinem Körper einfach kein Platz mehr war.

Draco hob langsam die rechte Hand und berührte mit den Fingerspitzen Harrys nasse Wange.

„Harry..." wisperte er wieder.

Harry lachte zwischen den Tränen, dann warf er sich nach vorn und zog Draco in seine Arme.

Stella hatte ihre Arme um Charlie geschlungen und weinte ebenfalls. Als sie sah, wie Draco Harrys Umarmung erwiderte, zog sie ihren Mann wortlos aus dem Zimmer.

Harry bekam davon nichts mit. Alles was er fühlte, alles was zählte war der warme, lebendige Körper seinen Armen, den er so festhielt, als wollte er ihn nie wieder loslassen.

Draco wusste nicht was vorging, was passiert war. Er hatte das Gefühl aus einem Traum zu erwachen, an den er sich nicht erinnern konnte. Seine Gedanken war langsam und vollkommen durcheinander und er würde Zeit brauchen sie zu entwirren.

Irgendwie war wieder zu Hause gelandet. Wie und warum... das konnte warte.

TBC...

A/N: Glaubt bloß nicht, dass jetzt alles eitler Sonnenschein wird. -grins- Ihr kennt mich ja.

Das nächste Chap werd ich erst übernächste Woche posten können, da ich am Wochenende für ne Woche wegfahre und vorher wohl nicht mehr dazu kommen werde. (Heute morgen poste ich nur, weil ich den Bus verpasst habe und anderthalb Stunden auf den nächsten warten muss, eigentlich sollte ich längst bei der Arbeit sein. ;o))Aber danach die Woche hab ich auch noch Urlaub und dann werd ich mich hoffentlich wieder etwas intensiver um meine Geschichte kümmern können.

Bis dahin.

Hugs & Kisses

Eure Yulah