9. Das tollste Weibchen der Welt

Ein Laut weckt ihn. Sein zweites Ohr stellt sich auf. Ein Rascheln. Er öffnet die Augen. Eine Menschengestalt. Ziemlich weit entfernt, sie sieht ihn nicht. Im selben Moment erreicht eine Witterung seine Nase und nimmt ihn vollständig ein. Was für ein Duft, der ihm direkt in die Beine fährt. Und in den Unterleib. Weibchen. Unglaublich scharfes Exemplar! Er läuft los. Auf sie zu. Er muss sie haben. Nach all den Misserfolgen muss er nun dieses Weibchen in Besitz nehmen, sie beschnüffeln und bespringen und endlich ... seinen schmerzhaft drängenden Samen loswerden!

„Hier bin ich!", schreit die Frau begeistert.

Sie ruft ihn. Sie will mich!

Oh, ich will dich auch, warte auf mich, ich komme! „WAAAAUUUUUUUUU!"

Da geht sie in die Hocke, breitet die Arme aus, lacht. „Hundchen, komm!"

Wild vor Seligkeit stürzt Tatze sich in ihre Arme. „Wuuuuuuuuuiiiuuuuuu!"

„Huch, du Stürmischer! Du bist ja ein Wunderschöner! Und hui!" Sie kichert, drückt seine Schnauze von ihrem Schoß weg. „Du bist ja ein kleiner Draufgänger, mein Süßer!" Sie gibt ihm einen liebevollen Stups auf die Nase.

Er stößt ein wildes Knurren aus und seinen Kopf mitten hinein in den erregenden Duft, den sie verströmt. Schnüffelt und reibt seine Schnauze an ihr.

Sie kichert hinreißend. „Groß. Du bist so groß und stark und ..." Sie lacht gurrend. „Und du weißt, wo es schön ist. Mein großer Draufgänger!"

Sie ist so heiß! So aufregend, so ...

„Was tun Sie hier? Sie haben kein Recht, sich in unserem Wald aufzuhalten."

Sie ist unter ihm zusammengezuckt, und nun springt auch er von ihr herunter und fährt herum.

Ein Pferd, das weiß sein Geruchssinn bereits. Erst jetzt erkennt er den Mann. Der jedoch nicht der Reiter des Pferdes ist, da steht nur ein Wesen vor ihnen. Ein Zentaur.

Na, die sind noch schlimmer als menschliche Konkurrenten. Die riechen wie Pferde und sind auch ansonsten wie welche bestückt – und strahlen aus, wie schön sie sind.

Aber nein, oh nein! Diesem Männchen wird er sein Weibchen nicht überlassen, auf keinen Fall! Er bellt wie wild und knurrt und springt vor diesen albernen Hufen umher und fasst und schnappt, um sich dann gerade noch rechtzeitig wegzuducken. Um dann von Neuem anzugreifen, noch schneller, noch lauter, noch gefährlicher.

„Hey, mein tapferer Kämpfer!" Sein Weibchen hat ihre Arme um ihn geschlungen und hält ihn fest. „Beruhige dich, mein mutiger Retter", raunt sie ihm ins Ohr und drückt ihn an sich. „Es ist alles in Ordnung, lass gut sein, ja, wir gehen."

Er kann gar nicht anders als ruhig zu werden, denn es ist alles in Ordnung. Sein Weibchen hält ihn fest umschlungen, und sie gehen zusammen. Das will er. Er will mit ihr zusammen an einen besseren Ort, an dem sie allein sind und Muße haben, damit er sie endlich ...

„Du weißt schon, wen du da vor dir hast?", ruft der Zentaur ihnen nach.

Tatze wendet sich um, kläfft ihn böse an.

„Er ist ein Mensch, ein Schüler!"

Er lässt sein Kläffen anschwellen. Er allein entscheidet, wer mit seinem Weibchen reden darf, und dieser Kerl darf es nicht!

„Ich hole meinen Umhang und gehe", antwortet sie über ihre Schulter und lässt Tatze nicht los. „Komm, mein Süßer, wir kümmern uns nicht um ihn, du bleibst bei mir!"

Er gibt noch ein abschließend drohendes Gebell von sich und will seiner schönen Frau bei Fuß folgen – als die unvermittelt ihren Zauberstab auf ihn richtet.

Monile et funis!"

Ein Halsband schließt sich um seinen Hals, eine Leine ruckt. Irritiert schüttelt er sich, windet sich, winselt vorwurfsvoll.

Ihre Hand streichelt ihn, klopft sein Fell, fährt sogar zu seinem Bauch, bis dahin, wo das Fell sich lichtet und die empfindsame Haut beginnt, und wenn sie nur noch ein wenig weiter ...

„Keine Sorge, mein Süßer, es ist alles in Ordnung, du kommst mit mir. Und dann werden wir es nett miteinander haben, du wirst sehen, ich will dir nichts Böses, ich will nur kein Risiko eingehen, verstehst du?"

Ihre Hand ist leider nicht weitergewandert, aber dass sie ihn nun hinter den Ohren krault, ist auch schön, und ihre Stimme vibriert vor Koketterie. Tatze bellt und wedelt mit dem Schwanz und würde ihr überallhin folgen, würde alles für sie tun!

„Na, dann komm, mein Junge, komm mit!"

Und Tatze kommt.

„Du liebe Güte, wenn ich gewusst hätte, dass der alte Dummie mich mitten in den Verbotenen Wald gehext hat!", murmelt sie kichernd und fuchtelt mit ihrem Zauberstab, den sie in der freien Hand hält. Die andere liegt beruhigend besitzergreifend auf Tatzes Rücken. „Aber in dir habe ich ja einen wundervollen Beschützer gefunden. Zusammen schlagen wir sie alle in die Flucht, nicht wahr?"

„Wuff!" Dabei ist da niemand. Außer einem Irrlicht dort drüben. Ein paar Gnomen. Einer Herde Testrale in der Ferne.

Sie sieht ihn aufmerksam an, hält ab und zu inne, um ihn zu fragen, welchen Weg sie nehmen sollen. Als sie den Pfad einschlagen will, der sie zu nah an die Riesenspinnen führen würde, zieht er sie nach rechts und wedelt mit dem Schwanz, als sie ihm folgt.

So gelangen sie ziemlich rasch und unbescholten an den Fluss und daran entlang in Richtung Hogsmeade. Zielstrebig steuert sie schließlich die Heulende Hütte an.

Ja, das ist ein wirklich guter Ort. Sie weiß, was gut ist. In freudiger Erwartung zieht er an der Leine und wedelt und wartet, bis sie die Tür aufgehext und ihm geöffnet hat. Die wunderbare Erregung ergreift wieder von ihm Besitz. Er macht einen Freudensprung und will sie willkommen heißen, an ihr hochspringen, damit sie ...

„Nicht so hastig, mein Kleiner!" Sie zerrt an der Leine, hält ihn ganz kurz. „Jetzt suchen wir uns hier ein nettes Plätzchen. Und dann sehen wir weiter!"

Sie zieht ihn mit, die Treppe hinauf, in ein Zimmer. Ein Schlafzimmer. Das ist ...

„Na komm!" Ihre Stimme klingt plötzlich strenger. Sie lässt die Tür hinter ihnen ins Schloss fallen, führt Tatze, der nicht mehr wedeln mag, zum Bett.

Ein Bett ist gut! Wenn sie jetzt ... Sein Schwanz bewegt sich zaghaft.

Aber sie bindet ihn fest. Und –

Das ist nicht gut! Sie soll nicht weggehen! Sie soll wenigstens bei ihm sitzen und ihre Hand auf sein Fell legen und ihn streicheln und ...

Stattdessen steht sie so weit weg! Blickt nachdenklich auf ihn herab. Nicht böse. Aber auch nicht mehr so zugewandt wie zuvor.

Er stößt ein leise fragendes Bellen aus.

„Ich frage mich, warum du dich die ganze Zeit nicht zurückverwandelt hast", sagt sie mit tiefer und herrlich vertrauter Stimme – in einem sinnierenden Tonfall, der einen Schauer durch seinen Körper jagt. „Du scheinst doch scharf zu sein, sehr sogar. Willst du das etwa in deiner Hundegestalt ...? Oder hast du vor, mitten drin ...? Ist es am Ende als Hund noch toller?" Sie schiebt ihren Zauberstab unter den Saum ihres Kleides und hebt ihn ein Stückchen an. Lacht ein perlend-prickelndes Lachen.

Doch dann lässt sie ihren Rock wieder fallen, benutzt den Zauberstab, um den Stoff zu glätten, schüttelt den Kopf. „Das ist mir dann doch zu suspekt, tut mir leid. Ich will wissen, woran ich bin, mit wem ich es zu tun habe, verstehst du? Und Hunde ...", sie wirft einen abschätzigen Blick auf die Stelle oberhalb seiner Hinterbeine, schüttelt wieder den Kopf, „nein, das ist mir doch zu eklig, glaube ich. Komm, verwandle dich, dann gucken wir, was da bei mir geht, okay?"

Tatze starrt sie an. Sprache zu entschlüsseln strengt ihn an. Will sie sich ihm verweigern? Und warum legt sie dann den Kopf schief und lächelt? Beugt sich auch noch vor, und streckt aufreizend ihr Hinterteil in die Luft? Sie ist heiß, und er will sie, verdammt, noch mal, und sie will ihn doch auch!

„Nun mach schon, verwandele dich!"

Er steht. Wedelt. Hechelt. „Wauuuuu?"

„Willst du mich nicht verstehen? – Ich verstehe dich aber auch nicht!" Sie richtet die Spitze ihres Zauberstabs auf ihn: „Finite incantatem!"