Die Stimmen

Auch wenn sie sich vorgenommen hatte mit ihm zu reden, oder ihm zumindest zuzuhören, entschied sie sich noch während der Nacht anders. Helena konnte kaum schlafen, also lag sie fast die ganze Nacht wach und dachte nach. Vielleicht sollte sie einfach früher wach werden als ihr Dad und einfach gehen. Es war ihr sowieso peinlich, dass sie schuld daran war, dass er so ausgetickt war.

Es war kein Leichtes früher als Severus Snape aufzuwachen, daher war es ungefähr fünf Uhr morgens, als das Mädchen aus dem Bett sprang und sich heimlich aus dem Zimmer schlich. Als sie ihren Dad im Wohnzimmer schlafend auf der Couch antraf, hielt sie inne. Anscheinend war er wieder einmal beim Lesen eingeschlafen.

Seufzend betrachtete sie ihn und dachte noch mal nach. Ein klein wenig Abstand würde nicht schaden. Aber er würde es bestimmt nicht gut heißen, wenn sie auf einmal weg wäre. Also schlich sie zurück und holte ein Stück Pergament auf dem sie eine kleine Nachricht für ihren Vater hinterließ, ehe sie sich in den Gemeinschaftsraum begab.

„Hey, wolltest du nicht bei Snape übernachten? Was machst du dann hier", stellte Hermine verwirrt fest, als sie ihre Freundin in dem Bett neben sich sah. Helena hatte sich wieder ins Bett gelegt, da es unnötig war an einem Sonntag so früh wach zu sein.

Das Mädchen hatte gerade so schön geschlafen, als ihre Freundin sie weckte. Vielleicht hätte sie doch den Vorhang zuziehen sollen. Aber sie war noch zu müde dazu gewesen. „Hab ich doch! Aber ich … ähm hatte eben Lust etwas früher von dort zu verschwinden!", murmelte sie unverständlich in ihr Kissen.

Doch Hermine verstand genau, was sie sagte, oder vielleicht noch mehr. „Gab wohl wieder Streit, mhmm?", fragte sie besorgt und setzte sich auf Helenas Bettkante. War ja nicht das erste Mal, dass im Hause Snape/Halliwell der Haussegen schief hing. Sie sollten nur schnell genug alles klären, bevor Hermine wieder als Vermittlerin benutz wurde.

Schulterzuckend antwortete die junge Hexe und sah ihre Freundin nicht an. Sollte sie Hermine davon erzählen was geschehen ist? Immerhin war sie ja ihre beste Freundin. Also begann Helena seufzend zu berichten.

Als Severus erwachte, fühlte er wie steif sein Genick war. Er wurde schon zu alt dafür. Immer auf dem Sofa beim Lesen einzuschlafen konnte auf Dauer ja nicht gesund sein. Gähnend streckte er sich und hörte das unangenehme Knacken seiner steifen Gliedmaßen. Jaja, das Alter, dachte er schmerzlich. Wie spät es wohl schon war? Auf jeden Fall spät genug um aufzustehen. Helena schlief bestimmt auch noch.

Ihm waren noch immer nicht die richtigen Worte eingefallen. Vermutlich würde er ihr irgendetwas sagen, oder sie erst einmal zu Wort kommen lassen. Severus hasste es, wenn er nicht wusste, was er tun sollte. Daher hatte er bisher auch niemals etwas mit einer andere Frau gehabt. Er wüsste nie, was er zu tun hätte, oder zu sagen.

Doch er merkte erst, als er die Türe aufstieß, dass er sich keine weiteren Gedanken über irgendwas machen musste. Seine Tochter war nicht da. Ob sie schon wach war und zum Frühstück gegangen? Dieser Gedanken ließ ihn schmunzeln. Helena war keine Frühaufsteherin. Aber wo war sie nun schon wieder?

Severus fuhr sich durchs Haar und sah sich um, als würde er etwas suchen. Da entdeckte er auf dem Couchtisch eine kleine Nachricht. ‚Bin im Gemeinschaftsraum. Hab dich lieb, Helena.' Snape verzog kurz seine Miene. Also war sie geflüchtet. Wenigstens hatte sie diesmal eine Nachricht hinterlassen. Vielleicht würde er sie ja doch beim Frühstücken antreffen. Aber zuerst brauchte er eine Dusche.

Hermine hatte ihre Freundin dazu gebracht, zum Frühstück mitzukommen. Vor allem weil die Jungs sicher wieder rumjammern würden. Sie hatten ja Nachsitzen müssen. Helena wollte außerdem wissen wie es Ron ging. Vielleicht kotzte er ja noch Schnecken.

Am Gryffindortisch erzählte Ron bereits seine Geschichte und alle lachten. Er hatte noch einen Schwall direkt vor Filch Füße gekotzt. Dieser war darüber nicht gerade glücklich gewesen. Ron hatte dafür alle Pokale im Pokalzimmer, die er zuvor schon poliert hatte, noch einmal putzen müssen. Das war gemein gewesen, aber was sollte man von Filch schon anderes erwarten.

Harry jedoch beteiligte sich nicht an dem Gespräch sondern saß nur daneben und stocherte in seinem Müsli. Helena ließ sich neben ihm nieder. „Und wie war dein Nachsitzen?", wollte sie freundlich wissen und lächelte ihn aufmunternd an. Er schien so nieder geschlagen.

Der Junge sah auf, murmelte etwas und zuckte mit den Schultern. Er hatte bisher noch nicht einmal Ron erzählt, was passiert war. Diese Stimmen waren unheimlich gewesen, die er gehört hatte letzte Nacht. Erst nachdem Helena ihn drängte, flüsterte Harry ihr es zu. Er wollte Ron ja nicht stören. Der genoss es nämlich, einmal im Mittelpunkt zu stehen. „Ich hab gestern eine seltsame Stimme gehört … und Lockhart nicht. Als ich dann gegangen bin war die Stimme immer noch da. Sie klang unfreundlich und mordlustig."

Das klang alles andere als gut, dachte das Mädchen und seufzte. Ob das etwas mit ihrer Vision zu tun hatte? Ach quatsch. Das war bestimmt nur Zufall, sonst hätte sie doch auch etwas gehört. „Und was hat die Stimme gesagt?", wollte sie neugierig wissen und sah den Jungen erwartungsvoll an.

Plötzlich lachte jemand hinter ihnen hämisch. „Vielleicht hat sie ja gesagt, dass die eigene Tochter eine verachtenswerte Gryffindor ist!" Draco grinste und seine Gorillas lachten brüllend auf. Sofort war alles um sie herum still geworden und alle beobachteten den feixenden Syltherin und das Gryffindor Mädchen, das sich sie langsam umwandte.

„Was hast du gesagt Malfoy?", fragte sie langsam und gefasst. Vielleicht hatte sie sich ja verhört. Außerdem hatte ihr Dad ja mal gesagt, dass sie sich nicht hinreißen lassen sollte von Malfoy.

„Bist du schon so taub? Hat Daddy dir den Hintern so sehr versohlt, dass du nichts mehr hörst? Aber was will man schon sonst erwarten, wenn der eigene Vater einen hasst. Vermutlich wartet er nur darauf, dass er dich verstoßen kann, Bastard!", feixte Draco.

Auch der letzte Hogwartsschüler hatte nun mitbekommen, dass Malfoy gerade wieder einmal versuchte jemanden fertig zu machen. Langsam scharrten sich die Schaulustigen um sie.

„Was zum Teufel …?", wollte Ron wissen, der keine Ahnung hatte, was los war. Doch Hermine brachte ihn mit einem „Shht" zum Schweigen. Sie würden es den Jungen später erklären.

In Helena kochte es, doch sie durfte den Jungen das nicht zeigen, sonst würde er nur wieder triumphierend herumstolzieren. Doch sie wusste auch nicht, was sie sagen sollte. Das war alles so peinlich. Hatten die Slytherin etwa alles durch den Kerker hallen hören?

Sogar die Lehrer hatten die Unruhe mitbekommen und beobachteten Aufmerksam den Auflauf. Severus war noch nicht erschienen, also wussten sie selbst nicht, worum es da gehen könnte.

„Ach, bist du sprachlos, Bastard? Wie süß. Vermutlich hat Daddy dich grün und blau geschlagen. So wie das gestern geklungen hat, muss es ja die ganze Schule gehört haben", gluckste er, „peinlicher als Wiesels Heuler!"

„Halt die Klappe Malfoy!", zischte Helena und versuchte nicht, den Blonden in die Luft zu jagen. Harry stellte sich vor sich und blickte Draco abwertend an. „Was soll das? Ist dir langweilig, oder hat dein Daddy dich nicht lieb genug? Vermutlich wirst du immer geschlagen und versuchst es nur abzulenken, indem du Helena fertig machst."

„Halt dich da raus Potter!", knurrte Draco, während Crabbe und Goyle ihre Finger knacken ließen. Doch Harry ließ sich nicht beirren. Auch Ron gesellte sich zu seinem Freund und zückte seinen kaputten Zauberstab. Sofort fingen die Slytherins zu lachen an.

„Willst du uns nun mit Schnecken voll kotzen, Wiesel?", lachte Malfoy und krümmte sich vor Lachen. Helena kam das total gekünstelt und falsch vor.

Nun konnte Ron sich nicht mehr halten. Er stürzte auf Draco zu und wollte ihm ins Gesicht schlagen, doch Hermine schaffte es, den Rotschopf noch rechtzeitig zurück zu halten. „Er ist es nicht wert!", erklärte sie und warf Malfoy einen vernichtenden Blick zu.

„Aber ich bin mehr wert als ein Schlammblut!", spuckte er ihr förmlich vor die Füße. Das Tuscheln um sie alle herum erstarb und alle starten Draco wie einen Aussätzigen an. Hatte er es eben gewagt so ein Wort zu benutzen? Die Slytherins lachten natürlich, aber die anderen Hausschüler hatten kein Verständnis dafür.

„Mr. Malfoy, was ist in Sie gefahren?", ertönte McGonagalls Stimme entsetzt. Die Menge teilte sich, denn die Lehrer hatten beschlossen einzuschreiten. „Ich denke, dass es nicht reichen wird ihnen nur Punkte abzuziehen! Sie werden Nachsitzen und das für eine gewisse Zeit!"

„Minerva, ich denke, dass es immer noch meine Aufgabe ist, einen Schüler meines Hauses zu bestrafen!" Nun war auch Snape endlich da. Er hatte nicht viel mitbekommen, aber das Malfoy mal wieder Streit suchte und unter anderem schon wieder dieses Wort benutzt hatte war klar. „Mr. Malfoy, folgen Sie mir in mein Büro! Sofort!" Severus wandte sich um, sah aber vorher noch kurz nach Helena. Sie hatte sich wenigstens gut benommen.

Draco folgte mit verzogener Miene. Doch bevor er an den Schülern allen vorbei war, zückte er unbemerkt seinen Zauberstab und ließ eine Müslischüssel auf Helenas Kopf landen. Da Severus schon aus dem Raum war, merkte er es nicht mehr und Helena schwor sich natürlich Rache.

Der Tag hätte so schön werden können. Doch leider musste Helena nun nicht nur Harry und Ron erklären, was Malfoy gemeint hatte, sondern auch den anderen ausweichen, die deswegen rumnervten. Die Slytherins wusste natürlich was los war. Auch die Hufflepuffs, deren Gemeinschaftsraum ja ebenso irgendwo im Kerker war. Anscheinend hatte ihr Vater gestern so laut gebrüllt, dass man es durch die Wände hatte hören können. Das war so peinlich, dass sie sich einfach in ihrem Bett verkroch. So ein Mist. Wieso konnte man nicht einmal eine Lektion auf einfache Weise lernen?

Plötzlich erschien ein Glitzerregen und Alice stand mit unergründlicher Miene vor Helenas Bett. „Bereit für die nächste Stunde?", fragte sie vorsichtig. Als sie sah, dass Helena sich nicht rührte, setzte sie sich aufs Bett und fuhr dem Mädchen übers Haar. „So schlimm?"

Als Antwort kam nur ein gegrummeltes „Mhmm". Helena hatte keine Lust jetzt zu üben, geschweige denn mit jemanden zu reden. Wieso konnte man sie nicht einfach in Ruhe lassen?

„Hättest du mit Severus darüber geredet, wäre das heute beim Frühstück nicht passiert, das weißt du oder? Und nun komm. Was einen nicht tötet, macht einen nur stärker! Und Malfoy hat dich weder angegriffen noch versucht dich zu töten!", erklärte Alice.

Seufzend stützte Helena sich auf ihre Arme und sah Alice an. „Er hat mir ein Müsli über den Kopf gekippt!"

„Oh … aber … Ach komm. Wenn ich dir verspreche, dass ich dir einen lustigen Weg zeige, dich zu rächen, kommst du dann mit mir mit?" Das musste Alice nicht zweimal fragen. Sofort war Helena lernbereit.