Nur die Liebe vermag alle Knoten zu lösen." Tolstoi (1828 - 1910)

Es war später am Abend, als Ennis auf seinem Sofa lag, den Rauchkringeln seiner Zigarette hinterher sehend, sporadisch an seinem Bier nuckelnd.

Der Fernseher lief leise im Hintergrund und gab Ennis das wohlige Gefühl von Gesellschaft. Er brauchte die Hintergrundgeräusche, um der Einsamkeit und Melancholie zu trotzen, die ihn immer wieder überfiel, ihn wie eine dicke Decke einfing und drohte zu ersticken.

So auch an dem Abend dieses Tages, der – so musste sich Ennis eingestehen – einer der schönsten seit langem gewesen war. Wenn er die Augen schloss, sah er wieder die bunten Luftballons in den Himmel aufsteigen, erinnerte sich mit einem verlegenen Gefühl an seine eigenen mit seinen Wünschen beschriebenen Postkarten, die sich mit den anderen baumelnd in die Lüfte erhoben hatten und dachte mit aufgeregter Neugier daran, welche Wünsche Jack wohl aufgeschrieben hatte. Und er erinnerte sich mit einem schmerzhaften Ziehen in seinem Herz an Junior, deren Postkarten sich auf eine Reise in die Unendlichkeit gemacht hatten. Eine Reise, deren Route niemand kannte, deren Ziel im Jenseits lag und deren Empfänger den Erhalt nicht mehr selbst quittieren konnte.

Wie sollte man das einem kleinen Mädchen von gerade mal sechs Jahren erklären? Wie tröstende Worte finden? Wie Hoffnung vermitteln?

Es waren die kleinen Ereignisse, die Junior und ihn oftmals um Monate zurück warfen, sie die unendliche Trauer wieder spüren ließen, den Verlust und den Schmerz, der mit nichts auf der Welt vergleichbar war. Es waren diese Momente, die ihre Welt in Dunkelheit tauchten, sie strudeln und taumeln ließen in einer Realität, die surreal wirkte, aufgesetzt, nicht zu ihnen gehörend und doch das einzige Verbindungsglied zum Hier und Heute war.

Es waren Momente wie diese, in denen Ennis sich als Fremder in seiner Haut und seinem Leben fühlte, in denen er nicht mehr weiter wusste, keine Energie aufbrachte, einen weiteren Tag zu überstehen und dann noch einen und noch einen. Die Vergangenheit zog ihn aus dem Leben, seiner Gegenwart, und er ließ es geschehen, hilflos, kraftlos, orientierungslos.

Müde drehte sich Ennis auf dem Sofa und zog die Beine an. Die fötale Stellung beruhigte ihn, schirmte ihn ab, gab ihm Schutz und Sicherheit. Gedankenverloren zog er an seiner Zigarette, den glühenden Punkt der Asche wie ein Irrlicht vor seinem Auge, grell aufleuchtend und wieder verglühend, aufleuchtend, verglühend. Hypnotisierend. Hell, dunkel. Dunkel, hell. „Es sind die Kontraste, die das Leben bestimmen", dachte Ennis. „Die mein Leben bestimmen – schon immer bestimmt haben."

Dunkel, hell. Vergangenheit, Zukunft. Verzweiflung, Hoffnung. Angst, Mut. Trauer, Freude. Mann, Frau. Alma, Jack. ... Ennis, Jack. ... Jack.

Jack, der ihn zum Lachen brachte, der heute seine ungeweinten Tränen getrocknet hatte, der ihm Kraft gab aufzustehen, den nächsten Schritt zu gehen. Jack, der ihn fühlen lässt ohne Schmerzen, der ihn hält, ohne zu fesseln, der ihm Schutz bietet, ohne Mauern aufzubauen. Jack, bei dem er sein kann, ohne sich verstecken zu müssen, dem er sich öffnen kann, ohne Angst haben zu müssen, bei dem er sich fallen lassen kann, ohne sein Gesicht zu verlieren. Jack, der sein Herz berührt.

Jack der Mann ... Jack, ein Mann.

Es sind die Kontraste, die mein Leben bestimmen", dachte Ennis wieder. „Alma, die Frau – meine Frau, tot, verstorben, sie kommt nie wieder. Jack, ein Mann ... der Mann, quicklebendig, belebend, inspirierend. Alma, Jack. Jack, Alma. Alma oder Jack, Jack und Alma ... Feuer und Wasser, Himmel und Erde. Unterschiedlicher können zwei Menschen nicht sein.

Alma, die Geerdete, Alma, die Bewahrende, die Schützende. Jack, der Abenteurer, der Entdecker, der Leidenschaftliche. Mit Alma floss das Leben dahin, mit Jack sprudelt und brodelt es. Alma war ... Alma hat ... mich begleitet, ich fühlte ... Sie war die Mutter meiner Tochter ... meiner Töchter.

Und Jack? Was ist mit Jack? Was passiert da zwischen uns beiden? Was ist es, dass mich nach Luft schnappen lässt, mir den Atem nimmt, wenn ich ihn sehe, dass eine Sehnsucht in mir weckt, von der ich nicht wusste, dass es sie gibt? Was ist das, dass mich in seiner Gegenwart den unbedingten Drang spüren lässt, ihn zu küssen, ihm die Kleider vom Leib zu reißen, ihn zu nehmen, zu spüren, zu fühlen, ihn ausfüllen und ihm ganz gehören zu wollen? Was zur Hölle ist das?"

Seufzend zündete sich Ennis die nächste Zigarette an, erschöpft vom Tag und ausgelaugt von seinen Gedanken mit der Idee spielend, nach dieser Zigarette ins Bett zu gehen, die Decke über den Kopf zuziehen und an nichts mehr zu denken außer an Schlaf, als es an der Tür klingelt.

Leise fluchend schlurfte Ennis zur Tür, die Zigarette achtlos in der linken Hand haltend. „Na, Mr. Chen, zeigt Ihr Fernseher wieder Bilder aus dem All?", dachte Ennis mürrisch, den kleinen Chinesen aus dem Stockwerk unter ihm vor Augen, der in regelmäßigen Abständen bei ihm vor der Tür stand, wenn sein Fernseher streikte. Er sah in Ennis seinen persönlichen Monteur und Fernseh-Seelsorger und suchte ihn mit asiatischer Gelassenheit und ignoranter Selbstverständlichkeit zu jeder Tages- und Nachtzeit auf.

Nicht wissend, womit er diese Ehre verdient hatte und sich vornehmend, Herrn Chen heute unmissverständlich klar zu machen, dass die Abendstunden für jegliche Service-Dienstleistungen an seinem Fernseher ein für alle Mal tabu waren, öffnete Ennis ruckartig die Tür und blickte einen halben Meter tiefer.

„Na, Mr. Chen, das ist jetzt wirklich das letzte Mal ..." polterte Ennis los und hielt irritiert hielt inne, als er auf ein Paar lange Beine in schwarzen Jeans blickte und ihm dort wo er Mr. Chens Kopf erwartete, eine glänzende Rodeo-Schnalle ins Auge stach, die auf einer schlanken, muskulösen Hüfte saß.

Ennis schluckte hart hob langsam den Blick und schaute in lachende blaue Augen, die unzweifelhaft zu Jack Twist gehörten.

„Mr. Chen?", fragte dieser auch sogleich mit hochgezogenen Augenbrauen. „Muss ich eifersüchtig werden?"

Grinsend sah Jack Ennis an, der nur den Kopf schüttelte und murmelnd antwortete: „Mr. Chen ist nicht mein Typ. Zu klein, zu alt – und ich hasse chinesisches Essen."

Jack lachte laut auf. „Kann ich reinkommen, Ennis?"

„Sicher."

Ennis steckte sich seine Zigarette in den Mund, öffnete die Tür und knipste das Licht im Flur an. Geblendet von der Helligkeit blinzelte er Jack an. „Was machst Du hier?" fragte er und ging ohne eine Antwort abzuwarten voraus ins Wohnzimmer.

„Ich hab gedacht, ich schau nach, ob bei Dir alles in Ordnung ist", sagte Jack.

„Hu?"

„Na ja, Junior und Du habt ziemlich ... mitgenommen ausgesehen. Es tut mir leid – ich dachte nicht, dass die Ballons ..."

„Musst Dich nicht entschuldigen, Jack. Wann wieder ein Einbruch kommt und durch was er bei ihr hervorgerufen wird, kann ich nicht voraussagen. Das geht seit drei Jahren so ... Willst Du auch ein Bier?" lenkte Ennis vom Thema ab.

„Gerne. Wusste gar nicht, dass Du rauchst, Ennis."

„Sporadisch."

„Puh, nach sporadisch riecht es hier aber nicht. Himmel, ich geh nachher hier als geräuchertes Würstchen weg."

Jack ging zum Fenster und riss es auf, theatralisch nach Luft schnappend.

Ennis kam kopfschüttelnd ins Wohnzimmer zurück. „Hätt ich gewusst, dass ich heute noch Besuch von einem militanten Nichtraucher bekommen, hätt ich die letzte Schachtel nicht mehr geraucht."

„Die letzte Schachtel?! Mein Gott, Ennis ! Weißt Du eigentlich, wie ungesund rauchen ist?"

„Jack, ich ..."

„Ennis, Du hast eine Verantwortung als Vater. Ich hab aufgehört, als Lureen schwanger war und nie wieder angefangen. Der Arzt hat uns damals gesagt, dass..."

„Jack, ich möchte nicht ..."

„Und abgesehen davon, Rauchen macht die Haut faltig, lässt einen schneller Altern, verlangsamt die Spermien ..."

„JACK !"

„Ja?"

„Ich will verdammt noch mal nicht über meine Rauchgewohnheiten reden, ok?"

„Ok, gut ... aber..."

„KEIN aber !"

Ennis reichte Jack eine Flasche Bier und beide setzten sich aufs Sofa.

„Was guckst Du gerade?"

„Hu?"

„Na da, im Fernseher. Was läuft gerade?"

„Keine Ahnung, warum?"

„Weil der Fernseher läuft, darum. Warum läuft Dein Fernseher, wenn Du nicht schaust?"

„Jack ..."

„Ja?"

„Ich will auch nicht über meine Fernsehgewohnheiten reden."

„Gut."

„Wie geht es Dir, Ennis?"

„Hu?"

„Himmel, fangen wir jedes Thema so an? Ich möchte wissen, wie es Dir geht? Da Du nicht über Deine Rauchgewohnheiten und Deinen Fernsehkonsum sprechen willst, fallen schon mal zwei Themen für Small-Talk weg. Über's Wetter will ich nicht reden – also frag ich Dich, wie es Dir geht? Hat Junior noch etwas gesagt? Hat es sie sehr mitgenommen?"

„Nein, ... ich weiß nicht ... Gesagt hat sie nichts mehr, aber ... was genau in ihr vorgeht, weiß ich auch nicht."

„Hast Du mit ihr nicht noch einmal darüber gesprochen?"

„Jack, sie war müde, ich war müde – nein, hab ich nicht."

„Solltest Du aber, Ennis. Kinder knabbern länger an solchen Sachen."

„Bist Du auf einmal ein verdammter Experte in Sachen Trauerbewältigung?"

„Nein, Ennis, ich mach mir nur ... Sorgen."

„Sorgen?"

„Jupp."

„Brauchst Du nicht. Wir haben das in den letzten drei Jahren so hinbekommen, das werden wir die nächsten drei Jahre auch noch schaffen. Wenn man's nicht ändern kann, muss man's eben aushalten, Jack. So einfach ist das."

Müde seufzend lehnte sich Ennis auf dem Sofa zurück und legte einen Arm über seine Augen.

„Ennis?"

„Hmm?"

„Ich ..."

Jack verstummte und atmete tief ein. Als er nicht weiter sprach, nahm Ennis seinen Arm von den Augen und sah ihn an. „Was ist, Jack?", fragte er mit sanfter Stimme.

Jack schüttelte nur den Kopf und senkte verunsichert die Augen. Alles, was er Ennis sagen wolle, schien ihm im Augenblick nicht passend zu sein. Er hatte das Gefühl, dass er Ennis an diesem Abend gestört hatte, dass dieser seine Gesellschaft nicht wollte, sie ihm sogar unangenehm war.

„Ennis, ich denke ... ich gehe besser. Ich hätte nicht kommen sollen, war ne blöde Idee von mir, ich dachte ... Entschuldige ..."

Jack drehte seinen Kopf, um seinen enttäuschten Gesichtsausdruck vor Ennis zu verbergen und machte Anstalten, aufzustehen.

„Jack?"

„Hmm?"

„Bleib."

„Hu?"

„Bitte ... bleib."

Jack drehte sich zu Ennis, sah in seine Augen – und verstand. Das, was Ennis nicht in Worte fassen konnte, erzählte ihm sein Blick.

Jack, ich will nicht, dass Du gehst, es geht mir nicht gut, gar nicht gut. Ich will nicht drüber reden, aber ich will auch nicht alleine sein. Bitte bleib, es tut mir leid, dass ich nicht netter war. Ich bin es nicht gewohnt, dass sich jemand nach mir erkundigt, sich jemand um mich sorgt. Bitte bleib."

„Oh, Ennis", flüsterte Jack und nahm ihn in die Arme und fand sich wieder in der verzweifelten Umklammerung eines Ertrinkenden. „Jack."

„Shh, ... es ist gut ... es ist alles ok, es ist alles ok..." Behutsam wiegte er Ennis, hielt ihn fest und streichelte mit ruhiger Hand über seinen Rücken, leise Worte murmelnd, die keiner von beiden verstand.

Vorsichtig löste er sich schließlich aus Ennis Griff, nahm seinen Kopf zwischen seine Hände und sah ihm erneut in die Augen, bis ins Mark gerührt von dem Empfindungen und Gefühlen, die daraus zu ihm sprachen. Langsam beugte er seinen Kopf und küsste Ennis auf die Lippen, vorsichtig, zitternd die Lippen unter seinen erforschend, dem Mann in seinem Arm Trost spendend. Er merkte, wie Ennis unter seiner Berührung weich wurde, sich entspannte und mutiger erforschte er das ungewohnte Terrain, auf dem er sich befand.

Seine Hände streichelten Ennis' Gesicht, die rauen Bartstoppeln kratzten unter seinen Berührungen und jagten Schauer der Erregung über seinen Rücken. Sein Kuss wurde intensiver, als er mit seinen Händen Ennis Brustkorb streichelte, die geschmeidigen Muskeln, die er unter dem Hemd ertastete, bewundernd und das Verlangen, die nackte Haut unter seinen Händen zu spüren, wurde übermächtig.

Langsam öffnete er die einzelnen Hemdknöpfe und legte Ennis Oberkörper frei. In einer gleitenden Bewegung setze er sich auf Ennis Schoß und presste seinen Oberkörper an Ennis, Ennis hartes Glied zwischen seinen Beinen spürend, sein eigenes protestierend gegen die Enge in seiner Hose.

Heiße Küsse zierten den Weg über Ennis Oberkörper, bis Jack Ennis Halsbeuge erreichte und seine Nase dort vergrub, Ennis Geruch in sich aufsaugend, glücklich, weil er instinktiv wusste, den schönsten Platz auf der Erde gefunden zu haben.

Zärtlich streichelten seine Hände über Ennis Haut und seine Lippen suchten Ennis Mund, um den Kuss fortzusetzen, den er eben unterbrochen hatte.

Als sich ihre Lippen erneut fanden, seufzte Jack leise auf, als elektrische Stöße durch seinen Körper fuhren, die ihm den Atem nahmen.

„Ennis. Oh mein Gott, Ennis ...", leise wimmernd drängte er sich an den Mann unter ihm, das Bedürfnis ihm Nahe zu sein, ihn zu spüren wurde schier übermächtig und so ging es auch Ennis, der in diesem Moment aufstöhnte und Jack auf den Rücken drehte. Lippen pressten sich auf Lippen, tief drang Ennis Zunge in Jacks Mund, fordernd, drängend. Seine Hände umkrallten Jack's Kopf, hielten sich an ihm fest, das Verlangen, Jack zu besitzen, ihn auszufüllen, wurde schier übermächtig.

Stöhnend bäumte Jack sich unter ihm auf, Ennis Körper entgegen fiebernd, Jacks Hände pressten sich in Ennis Hintern und zogen ihn zu sich, die Wölbungen in ihren Hosen aneinander reibend, dichter, fester. Hastig streifte Jack seine Stiefel ab und seine langen Beine umklammerten Ennis Taille, seine Arme umschlangen Ennis Oberkörper und Ennis zog Jack mit, bis sie beide saßen, Jack wieder auf Ennis Schoß, ihre Münder noch in einem ekstatischen Kuss verbunden. Hektisch streifte Jack das Hemd von Ennis Oberkörper, glühende Haut unter seinen Händen spürend, während Ennis mit zitternden Fingern an Jack's Bekleidung nestelte, ungeduldig aufstöhnend, weil er die Knöpfe nicht schnell genug aufbekam.

Jack kam ihm zu Hilfe, zog sein Hemd über den Kopf und Ennis nutze die Gelegenheit, den Bewegungen des Mannes mit seinen Händen zu folgen. Lange, muskulöse Arme und ein breiter Oberkörper luden ihn ein. Er umschlang Jack, biss und knabberte an seinem Hals, zog brennende Küsse hinauf bis zu seinem Ohr und drang mit seiner Zunge tief hinein. Schauer der Erregung durchströmten seinen Körper, als Jack laut aufstöhnte, seinen Kopf nach hinten lehnte, seinen Hals freigab und seinen Oberkörper bäumte, dabei Ennis erregtes Glied mit seinen Bewegungen massierend, bis Ennis dachte, er verliere den Verstand.

Leidenschaftlich küssten sie sich, beide hielten sich an ihren Köpfen fest, drängten aneinander, Zähne prallten aufeinander, ein metallischer Geschmack nach Blut ließ sie nur noch wilder nach einander greifen, die Gier nach Berührung, die Sehnsucht nach absoluter Nähe wuchs ins Unermessliche und wie auf Kommando griffen beide nach den Gürteln, zogen und zerrten, um ihre gequälten und nach Erlösung schreienden Glieder zu befreien, als ein verzweifelter Schrei ihr Keuchen und Stöhnen durchschnitt.

„Daddyyyy !!!"

Ennis und Jack hielten vor Schreck erstarrt inne und blickten sich an.

„Daddyyyyyyy !!!!"

Ennis wurde kreidebleich, sah über Jacks Schulter – aber Junior war nirgends zu sehen.

„Daddyyyyy !!"

„Oh mein Gott ! Oh mein Gott – das darf nicht wahr sein. Nicht jetzt ... Nicht schon wieder – nicht schon wieder ..."

Ennis Worte kamen gepresst, fast wimmernd, während er sich aus Jacks Umarmung befreite, hastig und stolpernd aufstand, sich seine Hose anzog und sein Hemd überwarf. Wild sah er Jack an.

„Es ... es tut mir leid, Jack. Geh ... geh nach Hause. Ich muss mich um meine Tochter kümmern."

Jack stand ruckartig auf und hielt Ennis am Arm fest und zog ihn zu sich. „Ennis, was ist mit Deiner Tochter? Was ist los?"

Ennis riss sich los als er Alma erneut schreien hörte. „Alpträume, Jack. Verdammte, beschissene Alpträume – und ich weiß nicht, was ich dagegen tun kann. Ich muss zu ihr."

Ohne ein weiteres Wort stürmte er davon, Jack im Wohnzimmer stehen lassend, und ging in Almas Kinderzimmer. Jack hörte seine tiefe Stimme beruhigend murmelnd „Ist ok, Schätzchen, Daddy ist da, es ist alles ok." bevor Ennis die Tür zum Zimmer hinter sich schloss.

Langsam löste sich Jack aus seiner Erstarrung und ging – immer noch halb bekleidet - mit zitternden Beinen zum Sofa zurück. Schwer ließ er sich in die Polster sinken, legte seinen Kopf zurück, schlug die Arme über seinem Gesicht zusammen und stöhnte leise auf.

Der Aufschlag in der Realität war hart und gnadenlos und nichts, was seine sehnenden Lenden gut vertrugen. Mit wieder aufflackernder Erregung rief er sich die intimen Momente mit Ennis in sein Gedächtnis zurück, seinen entrückten und entspannten Gesichtsausdruck, als sie sich küssten, seine Augen, die vor Leidenschaft glühten, der Blick, in dem Jack dachte zu ertrinken und seine Hände, die Jacks Körper liebkosten und ihn hielten wie einen kostbaren Schatz.

Jack hatte noch nie zuvor in seinem Leben einen intensiveren und schöneren Augenblick erlebt und er wünschte sich, sie hätten zu Ende bringen können, was sie begonnen hatten.

Aber ihm war auch klar, dass der Hilfeschrei eines Kindes Vorrang hatte vor allem anderen. Wenn er Ennis nur helfen könnte. Der verzweifelte Gesichtsausdruck, den Ennis Jack zugeworfen hatte, die Panik, die aus seiner Stimme sprach, ließen ihm einen Schauer über den Rücken laufen und er hatte die Ahnung, dass er in diesem Moment einen geheimen und verborgenen Blick in das Leben der Familie del Mar geworfen hatte.

Und was er dort sah, ließ ihn erstarren. Die Trauer, die ihm entgegenflutete, zäh wie Schleim, alles unter sich begrabend, Freude und Hoffnung erstickend, die Verzweiflung, die er sowohl bei Ennis als auch bei Alma spürte, und die ihnen beiden unbarmherzig nachjagte, trieben ihm die Tränen in die Augen.

Jack Twist war ein Optimist und er hatte die besondere Gabe, die Sonnenseite des Lebens zu betrachten - egal, wie schlecht es ihm ging, egal wie teuflisch ihm das Schicksal mitspielte. Aber, so musste er heute feststellen, sein Schicksal hatte ihm noch nie so übel mitgespielt wie es bei Ennis del Mar zugeschlagen hatte. Die eigenen Eltern zu verlieren war eine Sache, seine Ehefrau zu überleben, die andere.

Jack hatte keine Ahnung, wie die Beziehung zwischen Alma und Ennis gewesen war. Sie hatten nie darüber gesprochen und wenn er ehrlich zu sich selbst war, gab es einen egoistischen Jack in ihm, der es gar nicht wissen wollte, der Ennis am liebsten jungfräulich genommen hätte und der sich wünschte, er, Jack fuckin' Twist, wäre die einzige, die wahre Liebe im Leben des Ennis del Mar.

Andererseits – egal wie die Ehe der beiden gewesen ist, sie hatten sich ein Versprechen gegeben, ein Versprechen vor Gott, vor sich selbst und das hatte für Jack eine tiefe Bedeutung. Eine Bedeutung, von der Jack sich sehnlichst wünschte, er hätte sie damals, als er Lureen geheiratet hätte, so empfunden wie heute. Ein uralter Brauch, eine heilige Handlung, die offizielle Besiegelung einer Liebe über den Tot hinaus und das absolute, unumstößliche Bekenntnis zu seinem Lebenspartner. Hätte Jack „Ehe" damals schon so für sich definieren können, er hätte Lureen nie geheiratet.

Wie so oft in seinem Leben lernte Jack diese Lektion schmerzhaft und dennoch wusste er, dass er die Bindung zu einem Menschen, den er liebte, jederzeit wieder eingehen würde. Und die Sehnsucht danach war so groß wie nie zuvor, seit er Ennis getroffen hatte.

Was also hatte Ennis und Alma verbunden? Wie stark war ihr Einfluss auf ihn über den Tod hinaus? Wie sehr liebte er sie noch? Wie bereit war er, für einen Neuanfang? Für einen Neuanfang ... mit Jack? Dass Ennis sich zu ihm hingezogen fühlte, daran zweifelte Jack nicht mehr im geringsten. Aber was genau die Anziehungskraft ausmachte und wodurch sie bei Ennis ausgelöst wurde, das war ihm ein Rätsel.

Und nachdem er heute erlebt hatte, wie sich Ennis vor anderen Menschen und der Außenwelt verschloss, wenn seine kleine eigene Welt erschüttert wurde, bezweifelte er, dass er darauf so schnell eine Antwort bekommen würde.

Aber Jack wäre nicht er selbst, würde er sich davon abhalten lassen. Er hatte ein Ziel, er hatte sich festgebissen und er würde nicht los lassen. Und das bedeutete auch, dass er heute hier bleiben würde, ob Ennis wollte oder nicht.

Jack setzte sich entschlossen auf, knöpfte seine Hose zu, zog sein Hemd an und blickte sich zum ersten Mal im Wohnzimmer um. Der Raum wirkte, genauso wie der Rest der Wohnung, unpersönlich, fast schon steril. Das schwarze Ledersofa auf dem er saß, ein heller Teppichboden, ein dunkler Couchtisch, eine Bücherwand und ein vollgestopfter Schreibtisch waren die einzigen Möbel in dem Zimmer. Die weißen Wände wahren kahl, die Fenster ohne Vorhänge. Die Bücher und die Unterlagen auf dem Schreibtisch waren die einzigen Indizien, dass hier jemand wohnte ... lebte.

Keine Spielsachen, keine Zeitungen oder Zeitschriften, die achtlos rumlagen, keine alten Socken, keine zerwühlten Decken so bei ihm und seiner Ma im Wohnzimmer. Langsam stand er auf, schloss das Fenster, das er vor so langer Zeit geöffnet hatte, nahm den übervollen Aschenbecher, die Zigarettenschachtel und die leeren Bierflaschen und trug sie in die Küche, die direkt vom Wohnzimmer abging. Auch hier war spartanisch die beste Beschreibung für die Inneneinrichtung. Voll funktionstüchtig, bot sie alles, was ein Single-Mann mit seiner Tochter zum überleben brauchte: Waschmaschine, Spülmaschine, Trockner, Mirowelle und Herd – aber alles schien neu und relativ unbenutzt.

Auch hier keine Bilder, keine Gardinen, keine bunten Zeichnungen von Alma am Kühlschrank so wie bei ihm zu Hause, wo Bobby darauf bestand, ALLE seine Kunstwerke gebührend zu würdigen und entsprechend sah der Kühlschrank aus.

Jack hatte manchmal Angst, dass die Tür unter dem Gewicht des Papiers nachgab aber Bobby und seine Ma waren auf diesen Ohren taub und pappten den Kühlschrank weiter zu.

Leise ging Jack zurück ins Wohnzimmer und von dort in Richtung Kinderzimmer. Murmelnde Stimmen drangen durch die geschlossene Tür zu ihm durch und schnell ging er weiter, bis er vor dem letzten Raum stand, Ennis Schlafzimmer.

Vorsichtig öffnete er die Tür einen Spaltbreit und schaute hinein. Ein schmales Bett stand in er Mitte des Raumes und war der letzte Beweis für Jack, dass Ennis ohne Partner lebte. Ein großer Kleiderschrank zierte die eine Wand und eine Kommode gegenüber die andere. Doch in diesem Raum spürte Jack Ennis Atem. Nicht nur, dass der Raum nach ihm roch, Jack blickte hier in Ennis Vergangenheit. Auf der Kommode standen Bilder und mit klopfendem Herzen ging Jack darauf zu.

Mit zitternden Händen nahm er sie nacheinander in die Hand. Junior als Baby, Junior auf Ennis Schultern, ihre ersten Laufversuche an Ennis Händen – und Ennis Hochzeitsbild. Diese Bild zog seine ganze Aufmerksamkeit auf ihn. Ennis mit Anfang zwanzig, ein extrem gut aussehender junger Mann, groß, schlank in einem schwarzen Anzug der neben Alma stand, einer zierlichen, kleinen und sehr blassen Frau. Sie strahlend vor Glück, er ernst und in sich gekehrt.

Nicht das, was Jack sich unter einem glücklichen Neuvermählten vorstellte.

Mit einem leichten Schaudern stellte er das Bild zurück und wollte gerade wieder den Raum verlassen, als er in der hintersten Ecke der Kommode einen weitern Bilderrahmen entdeckte, der ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ und ihn zum ersten Mal in seinem Leben so entsetzte, dass es ihm den Boden unter den Füßen wegriss.

Und Jack fiel und fiel und fiel.

Fassungslos starrte er auf den Bilderrahmen, der in seinen zitternden Händen lag und langsam sank er an der Wand zu Boden, an der er sich abgestützt hatte. Tränen liefen über seine Wangen und nicht nur, dass er verarbeiten musste, was er dort sah, nein, er fühlte sich unendlich schlecht, weil er heimlich in Ennis Privatsphäre eingedrungen war und eine Entdeckung gemacht hatte, die ihm zwar eine weitere Erklärung für Ennis Trauer und Melancholie gab, von der er aber wusste, dass Ennis ihm den Teil seiner Geschichte, die in Bildern nun vor ihm lag, so schnell wohl nicht offenbart hätte. Er fühlte sich, als hätte er Ennis betrogen und hintergangen, seine Gastfreundschaft ausgenutzt, die ihm genau genommen schon seit einiger Zeit gar nicht mehr zustand. Er war ohne Ennis' Wissen hier. Er hatte Ennis Vertrauen missbraucht.

Er war zum ersten Mal in seinem Leben völlig hilflos und wusste nicht, wie er mit dem Wissen umgehen und Ennis gegenüber treten sollte. War das die Strafe für seine freie Entscheidung, hier zu bleiben und Ennis zu unterstützen? Ihm zu helfen? Es kam Jack vor, dass er mit der Entdeckung des im hintersten Winkel der Kommode versteckten Bilderrahmens genau das Gegenteil provoziert hatte. Und zu der Schuld gesellte sich Angst.

Wieder blickte Jack auf die Bilder und er konnte seinen Blick nicht lösen von dem winzigen Baby, das er dort sah. Das offensichtlich Neugeborene war klein, kleiner als Jack Bobby in Erinnerung hatte, der schon von Geburt an ein wirklicher Wonneproppen war. Kräftig, rosig, mit einem Organ, das seinem Vater alle Ehre machte.

Nicht so wie dieser Säugling, der still, bleich und mit blauen Lippen der Welt entgegentrat.

Knochen und Adern schimmerten durch die Haut, die Augenlider waren geschlossen und bläulich-rot verfärbt, erschreckend dünne Ärmchen und Beinchen, an den Finger- und Fußkuppen ebenfalls bläulich schimmernd. Das Baby war augenscheinlich ein Frühchen, denn es lag in einem Glaskasten, Arme und Beine an Monitore angeschlossen und es wurde künstlich ernährt und beatmet. Es war offensichtlich, der Säugling war schwer krank.

Was Jack das Herz brach, war die große, sonnengebräunte, leicht behaarte Hand mit den langen starken Fingern, die Jack unzweifelhaft als die Hand von Ennis erkannte und die Kraft und Leben versprach. Diese Hand steckte in dem Versorgungsloch, der einzigen Verbindung des Kindes mit der Außenwelt.

Zeigefinger und Daumen dieser lebendigen Hand, deren Berührung Jack noch vor wenigen Minuten an seinem eigenen Körper gespürt hatte, umschlossen die bleiche, winzig-zerbrechliche Hand des Babys und hielten sie fest. Geleiteten das Kind, gaben Nähe und Menschlichkeit innerhalb der sterilen Apparatur, in der das Baby sein Leben beginnen musste.

Jack schluckte. Wer war dieses Kind? Mit zitternden Händen drehte er den Bilderrahmen, als er auf der Rückseite Papier rascheln hörte und nur sein keuchendes, erschrecktes Einatmen war ein Zeichen dafür, dass er die Antwort gefunden hatte. Blass starrte er auf die Todesanzeige, die auf der Rückseite aufgeklebt war.

Francine del Mar

4. April 1996 – 5. April 1996

Alma del Mar, geb. Beers

28. Juni 1970 – 4. April 1996

Francine. Das Kind auf dem Bild war Ennis Tochter. Ennis jüngere Tochter, die geboren wurde, um zu sterben.

Jack fühlte, wie jede Kraft aus seinem Körper wich. In Bruchteilen von Sekunden ersetzte er in Gedanken „Francine" durch „Bobby" und der Schmerz, der wie eine riesige schwarze Welle über ihn hereinbrach, war schier übermächtig, ließ ihn erzittern, seinen Atem still stehen. Das Bedürfnis laut aufzuschreien und nie wieder aufzuhören wuchs in seiner Brust und entlud sich in einem trockenen Schluchzen.

Jack spürte den schmalen Grat zwischen Realität und Vorstellungskraft und in Sekundenbruchteilen durchlebte er ein ganzes Leben, durchlitt einen Kanon an Gefühlen, die er nie zuvor erlebt hatte, deren Konfrontation er immer gefürchtet und deren Auseinandersetzung in seinem Leben bisher keinen Platz gefunden hatte.

Allein der Gedanke, sein eigenes Kind zu überleben, war für ihn so grauenvoll und unerträglich, dass er dachte, er müsse den Verstand verlieren. Es erschien ihm in diesem Moment unvorstellbar, mit dem Verlust seines eigenen Kindes weiter leben zu können. Und zu dem Gefühl tiefster Sympathie und Anteilnahme für Ennis gesellte sich Hochachtung und Respekt für den Mann, der stark sein musste für zwei Menschen und doch oft so einsam und verloren wirkte.

In diesem Moment von Schuld und Angst, von Trauer um einen imaginären toten Sohn und Schmerz über den Verlust, den Ennis erlitten hatte, in genau diesem Moment fühlte Jack Ennis.

Er spürte, wie sich seine Seele öffnete, Ennis willkommen hieß und ihn eintreten ließ, ihm ein zu Hause gab. Ihre Seelen verschmolzen in Jacks Brust, sie waren verbunden und verwoben, untrennbar bis in alle Ewigkeit und ein warmes Gefühl durchströmte ihn.

Ruhe kehrte ein und er hatte das Gefühl, angekommen zu sein. Seine Reise, die vor so vielen Jahren in Lightning Flat an der einsamen Straße Richtung Nirgendwo begann, fand ihr Ziel.

Jack Twist erlebte in diesen Sekunden einen Moment der Offenbarung und Selbsterkenntnis. Es war die Wahrheit, die zu ihm sprach. Eine Wahrheit mit dem Namen Liebe. Liebe für den Mann Ennis del Mar.

Wieder sah Jack auf das Bild in seinen Händen, diesmal mit einem Lächeln. „Ich liebe Ennis del Mar", dachte er ungläubig. „Francine, ich liebe Deinen Dad."

Sanft strich er mit den Fingern über das zarte Gesicht und stellte den Bilderrahmen behutsam auf die Kommode zurück, ganz nach vorne, wo jeder das Mädchen sehen konnte, das über seinen Tod hinaus ein kleines Wunder an Jack Twist vollbracht hatte.

Mit zitternden Beinen und in Schweiß gebadet stand Jack auf. Er fühlte sich, als wäre er gerade den New York Marathon gelaufen. Ausgelaugt und erschöpft bis in die Knochen ging er leise zur Tür und wollte gerade hinaus treten, als er sah, dass Ennis aus dem Zimmer von Junior kam.

Erschrocken blieb er hinter der halb geschlossenen Tür im Schlafzimmer stehen, als er Ennis Gesichtsausdruck sah. Innerhalb weniger Minuten war dieser um Jahre gealtert. Tiefe Furchen durchzogen sein Gesicht, seine Augen blickten glanzlos, seine Haut schimmerte grau und seine Schultern waren gebeugt.

Er schloss die Tür hinter sich, ließ sich erschöpf gegen die Wand fallen, stöhnte leise auf und beugte sich nach vorne, als müsse er sich übergeben. So verharrte er einige Sekunden, bevor er sich mühsam von der Wand abstieß und langsam in die Küche ging. Jack spähte aus sicherer Entfernung um die Ecke und sah, wie Ennis sich mit beiden Armen an der Spüle abstützte und den Wasserhahn aufdrehte. Großzügig verteilte er kaltes Wasser auf seinem Gesicht, wieder und immer wieder, trocknete sich schließlich ab und blieb reglos stehen, das Gesicht im Handtuch vergraben.

Plötzlich holte er aus und trat mit seinem Fuß verzweifelt gegen den Unterschrank.

„Scheiße, Scheiße, Scheiße" rief er erstickt ins Handtuch, ein unterdrücktes Wimmern, das Jack die Haare zu Berge stehen ließ, bahnte sich einen Weg nach draußen und Ennis sank erschöpft auf den Küchenfußboden und blieb reglos sitzen.

Mit klopfendem Herzen wurde Jack Zeuge dieses einsamen Kampfes und er war kurz davor, zu ihm zu gehen und Ennis in den Arm zu nehmen, als er aus Juniors Kinderzimmer ein leises Weinen hörte.

Ennis blieb reglos sitzen. Die Geräusche aus dem Zimmer seiner Tochter waren nicht bis zu ihm in die Küche vorgedrungen und Jack hatte das Gefühl, dass, selbst wenn Ennis seine Tochter hören würde, er im Augenblick kaum die Kraft haben würde, zu ihr zu gehen.

Er fasste eine mutige Entscheidung und trat leise in das Zimmer von Junior.

Gedämpftes Licht schien von einem Nachtschalter an der Tür und tauchte den Raum in ein mildes orangefarbenes Licht. Junior lag in ihrem Bett, umgeben von Stofftieren und Puppen.

Sie hatte die Augen geschlossen und schien zu träumen. Jacks Eintreten bemerkte sie erst, als Jack sich vorsichtig auf ihre Bettkante setze und ihre Hand in seine nahm.

„Hey, kleine Lady", flüsterte er lächelnd und strich ihr die schweißnassen Haare aus der Stirn. „Kannst Du nicht schlafen?"

„Jack, was machst Du hier, wo ist mein Daddy?" Schlaftrunken sah Junior ihn an und die Abwesenheit ihres Vaters ließ ihre Augen ängstlich leuchten.

„Shh, es ist alles in Ordnung. Dein Daddy ruht sich gerade aus. Ich habe ihn vorhin besucht, wir haben uns unterhalten und ein Bier getrunken. Und eben habe ich Dich weinen gehört und dachte mir, ich schau mal nach Dir. Wenn Bobby hört, dass Du traurig warst, während ich hier war, wird er denken, es lag an mir", fügte er augenzwinkernd hinzu und sah mit Erleichterung, dass Alma ihn anlächelte.

„Das wird Bobby nicht denken, Jack."

„Nein? Da bin ich beruhigt, Junior. Also, kleine Lady, warum kannst du nicht schlafen, hm?"

„Uh, Jack, ich hab so schlimme Alpträume. Ich träume dauernd von meiner Ma und dauernd verschwindet im Traum ihr Gesicht, das macht mir solche Angst."

„Das glaube ich, Junior." Krampfhaft überlegte Jack, was er Tröstliches sagen könnte. Was erzählt man einem kleinen Mädchen, das im Traum verarbeitet, dass es anfängt, das Aussehen seiner eigenen Mutter zu vergessen?

Vorsichtig tastete Jack sich vor. „Komm mal her, Junior", sagte er und hob sie auf seinen Schoß.

„Weißt Du, ich ... ich glaube ... wenn Menschen sehr lange nicht mehr bei einem sind, dann verwischt die Erinnerung. Es ist, als würdest eine farbige Zeichnung verblassen, weiß Du, was ich meine?" Alma nickte und sah ihn mit großen erwartungsvollen Augen an.

Ermutigt fuhr Jack fort. „Das ist normal, das passiert selbst bei den größten Kunstwerken unserer Geschichte. Deswegen müssen sie hin und wieder restauriert werden, damit die Schönheit und die Erinnerung daran erhalten bleibt. Und wenn im Traum das Gesicht Deiner Ma verschwindet, heißt das für Dich vielleicht, dass Du einen Restaurator rufen musst, der ihr Gesicht wieder herstellt, der Dir hilft, die Erinnerung an sie lebendig zu halten", sagte er lächelnd und fügte hinzu: „Aber Du musst keine Angst haben oder Dich schlecht fühlen, dass das Gesicht Deiner Ma verwischt. Es ist normal. Wichtig ist, dass Du Dich an sie erinnerst und sie in Deinem Herzen weiter lebt." Sanft legt er Almas Hand auf ihren linken Oberkörper und bedeckte sie mit seiner.

„Solange Dein Herz schlägt, Junior, solange ist Deine Ma nicht vergessen. Und wenn Du das Gefühl hast, Du musst mit ihr reden oder ihr etwas mitteilen, kannst du mir zukünftig Bescheid sagen und wir gehen gemeinsam mit Deinem Daddy und Bobby los und lassen wieder Ballons steigen, was meinst Du? Ich bin ganz sicher, dass Deine Ma sich darüber freuen wird."

Alma lächelte ihn an und nickte. „Das machen wir, Jack. Meinst Du ... meinst Du, Francine wird sich darüber auch freuen?"

Jack schluckte und merkte, wie ihm Tränen in die Augen schossen. Mit rauer Stimme sagte er: „Ja, Süße, ich bin ganz sicher, Francine wird sich darüber auch freuen."

Erleichtert schlang Alma die Arme um Jack. „Da bin ich erleichtert", flüsterte sie ihm ins Ohr. „Bleibst du noch ein bisschen bei mir und erzählst mir Geschichten vom Rodeo?"

Jack lachte leise auf. „Das mach ich. Komm, leg Dich ins Bett, ich deck Dich zu und dann geht's los ..."

Und Jack erzählte und erzählte und hielt Juniors Hand, bis sie eingeschlafen war. Vorsichtig strich er ihr über die Stirn, wisperte ein „Schlaf gut", verließ auf Zehenspitzen das Zimmer, schloss die Tür hinter sich – und blickte direkt in Ennis' ausdruckslose Augen, die ihn aus dunklen Löchern anstarrten.

Erschrocken zuckte Jack zusammen, zischend zog er die Luft zwischen seinen Zähnen ein und seine Schuldgefühle schwappten über ihn.

„Ahh, Shit, Ennis, es tut mir leid. Ich weiß, ich sollte nicht mehr hier sein ... aber ich konnte Euch nicht alleine lassen ... ich schätze, ich gehe jetzt ... uuuhhhhmmmmm ..."

Alles, was Jack plante zu sagen, wurde erstickt in einem leidenschaftlich verzweifelten Kuss von Ennis, der sich an ihn klammerte, als würde er ihn nie wieder los lassen wollen, der ihn mit einer Gier küsste, die Jack bis an den Rand der Besinnungslosigkeit brachte.

Wild drängte Ennis seine Zunge in Jacks Mund, hart schob er ihn in Richtung Schlafzimmer, beide stolpernd und über ihre eigenen Füße taumelnd. Heftig riss Ennis an Jacks Kleidung, entledigte sich seiner in verzweifelter Eile. Er schubste Jack aufs Bett, legte sich auf ihn, presste seinen Körper an Jack, küsste und biss ihm die Lippe blutig, griff in seinen Schritt, massierte sein Glied mit fast schon roher Gewalt und stöhnte laut auf, als er Jack unter sich wimmern hörte. „Ennis ... mein Gott, Ennis, fick mich ... nimm mich ... jetzt ..."

Mit einer schnellen Bewegung drehte Ennis Jack auf den Rücken und Jack erhob sich auf alle Viere. Rasend vor Verlangen spuckte Ennis in seine Hand, befeuchtete sein Glied und stieß zu.

Ein schmerzhafter Aufschrei von Jack „Scheiße ! ... Ahhhh ... verdammt ... Ennis, beweg Dich ... beweg Dich ..." und Ennis drang in ein neues Territorium ein, das ihn Raum und Zeit vergessen ließ. Mit heftigen Stößen brachte er beide zu einem nie gekannten Höhepunkt und ließ sie aufschreiend auf dem Bett zusammen brechend.

Schwer atmend löste sich Ennis nach einiger Zeit von Jack, drehte sich von ihm herunter, legte sich auf die Seite, zog Jack zu sich heran und deckte sie beide zu. Er schlang seinen Arm fest um Jacks Oberkörper, vergrub seine Nase in Jacks weichem Haar und schlief erschöpft ein.

Jack lag noch lange wach, lauschte Ennis regelmäßigen Atemzügen, genoss ein neues Gefühl der Schwerelosigkeit in den Armen des Mannes, den er liebte und schlief irgendwann ein mit der Gewissheit, morgen früh in ein paar brauner Augen zu schauen, die die Welt für ihn bedeuteten.