„Guten Morgen, Mädels!"
„Guten Morgen, Heidi!"
Heidi Klum, Severus Snape, Gilderoy Lockhart und zwölf mehr oder weniger wache Nachwuchsmodels hatten sich in der Lobby des Hotels versammelt.
„Jede von euch wird jetzt einen Betrag der hiesigen Währung erhalten", erklärte Heidi. „Damit geht ihr auf den Basar, der auf dem Platz hier vor unserem Hotel heute stattfindet. Eure Aufgabe besteht darin, euch ein passendes orientalisches Outfit zu besorgen, das ihr bei unserem heutigen Shooting tragen werdet. Ihr habt eine Stunde."
Gilderoy verteilte Lira und die Mädchen zogen los.
Bald jedoch zeigte es sich, dass die Aufgabe doch viel schwerer war als es zunächst geklungen hatte.
Pluderhosen, weite Röcke, enge Oberteile, Schmuck, Schuhe und eine Farbenpracht ohne Ende … und nur eine Stunde Zeit.
„Passt diese Farbe zu meinen Haaren?" fragte Hermione Luna und Ginny. Die drei teilten sich nicht nur ein Zimmer, sondern waren mittlerweile auch sonst unzertrennlich.
„Eine kräftigere Farbe würde sicher besser zu dir passen", meinte Luna, die sich kritisch in einem Spiegel betrachtete.
„Dafür steht dir das Grün", seufzte Ginny. „Ich finde einfach nichts, was sich nicht mit meinen roten Haaren beißt."
Währenddessen wühlte sich Tonks durch Schnabelschuhe und stöhnte.
„Ich hätte nicht gedacht, dass es Schuhe gibt, die noch unbequemer als High-Heels sind", sagte sie. „Aber diese Schnabelschuhe drücken so auf die Zehen, dass ich die Füße kaum bewegen kann."
Nach einer Stunde trafen sich alle wieder vor dem Hotel und wurden von Gilderoy und Severus zu dem alten Sultanspalast geführt.
Dort erwarteten sie Heidi und ein unbekannter Mann, der eine beeindruckende Anzahl von Kameras um den Hals hängen hatte und ein Stativ unter dem Arm trug.
„Das ist Mustafa, unser Fotograf für das heutige Shooting", verkündete Heidi. „Zieht Euch jetzt um und lasst Euch schminken, dann kommt ihr einzeln in den Harem."
Hexenwoche, Ausgabe 20
Wer wird „The Magic World's next Topmodel?
Wer gewinnt Werbeverträge mit „Gladrays Wizardwear" und „Madam Malkins Roben für alle Gelegenheiten" im Wert von fünfzigtausend Galleonen?
Wer schmückt das Titelbild Ihrer „Hexenwoche"?
Tausende von Mädchen haben sich beworben, neunzehn sind von London nach Hogsmeade gefahren, zwölf hoffnungsvolle Nachwuchsmodels sind hier in Istanbul.
Sie erwartet ein weiteres Shooting.
Eine weitere Chance auf ein gutes Foto.
Eine neue Möglichkeit, unter die Top Ten zu kommen …
Wo auch immer sie waren, umschwirrten sie gute Geister – junge Frauen, die ihre Haare richteten, sie schminkten, ihnen auch schon einmal ein passendes Kleidungsstück in die Hand drückten. Niemand redete über sie oder mit ihnen – schon gar nicht Rita Skeeter, die um die Models herumschwirrte, immer auf der Suche nach den nächsten Tränen der Freude oder Enttäuschung, dem nächsten Zickenkrieg …
Luna nahm sich vor, über die guten Geister im „Quertreiber" zu schreiben während eine junge Türkin, die kein Wort Englisch sprach, ihr Rouge auflegte.
Schließlich waren alle in ihre orientalischen Gewänder gehüllt, ihre Haare zusammengesteckt und ihre Gesichter stark geschminkt worden. Hermiones Haar war komplett entkraust worden, eine Prozedur, die ihr mehr wie einmal die Tränen in die Augen getrieben hatte.
Und schon führte Gilderoy die erste hoffnungsvolle Kandidatin in den Harem …
Hexenwoche, Ausgabe 20 - Fortsetzung
Hier im Harem, dem traditionellen Frauengemach, zu dem nur der Sultan selbst, die Eunuchen und natürlich die vielen Frauen und ihre Kinder Zutritt hatten, findet das heutige Shooting statt.
Durch die kleinen, vergitterten Fenster dringt nur spärliches Licht. Ich frage den Fotografen, ob ihn das nicht bei seiner Arbeit störe.
„Nein, ganz im Gegenteil", antwortet Mustafa. „Das heutige Shooting soll ja gerade in einer düsteren Atmosphäre stattfinden."
Nun, wir sind gespannt …
„Aus dieser Flasche …" sagte Heidi und zeigte auf ein bauchiges Gefäß aus grünem Glas, das in einer Ecke des Raumes stand, „… wird gleich ein Geist entschweben. Deine Aufgabe ist es, mit diesem Geist zu posen. Mustafa wird dich fotografieren und dir Anweisungen geben."
Cho wurde blass. Sie mochte Geister nicht, ihr waren sie zu kalt und zu schleimig.
Gilderoy stieg auf eine kleine Leiter und entkorkte die Flasche.
Der Geist, der aus ihr schwebte, war nicht sehr groß und leicht grünlich. Er hatte einen dicken Bauch und einen kahlen Kopf. Seine Augen blickten kalt.
„Das ist kein guter Geist", dachte Cho.
„Lass Dich fallen … umhüllen … drehe dich … lächele … sexy … über die Schulter … lache …"
Mustafas Anweisungen kamen so abgehackt und rau als würde eine Kanone abgefeuert.
Cho biss die Zähne zusammen, die Berührungen des Geistes waren noch unangenehmer als sie es befürchtet hatte.
Schließlich kam das erlösende „Das war's. Vielen Dank" von Heidi.
Cho floh ins Sonnenlicht.
Ginny hingegen mochte den Geist auf Anhieb.
Er erinnerte sie an ihren Urgroßvater väterlicherseits, den sie nur von alten Fotos her kannte. Ihr eigener Vater hatte jedoch zu seinem Großvater eine herzliche und innige Beziehung gehabt und vermisste ihn immer noch, obwohl er schon so lange tot war.
Daher hatte Ginny keine Probleme mit dem Posen, nur das „Sexy" stellte sie vor einige Schwierigkeiten. Viel zu schnell war die Session vorbei.
Hexenwoche, Ausgabe 20 – Fortsetzung
Zwölf wunderschöne junge Damen haben hier mit einem echten Flaschengeist gepost. Nun möchte ich ihm noch einige Fragen stellen, die sie, meine verehrten Leserinnen und Leser, sicher auch schon beschäftigt haben.
„Darf ich Sie zunächst nach Ihrem Namen fragen?"
„Arkin."
„Arkin, wie fühlt es sich an, mit so wunderschönen Frauen fotografiert zu werden?"
„Ich bin ein Geist. Ich fühle nichts."
„Aber dieses Shooting muss doch eine große Ehre für Sie gewesen sein?"
„Das war eine Anweisung meines Meisters. Der Meister befiehlt, ich gehorche."
„Nun, Arkin. Danke, dass Sie meine Fragen so geduldig beantwortet haben …"
Alle zwölf Mädchen hatten sich in der Hotellobby versammelt und erwarteten, zum Lifewalk und zum abschließenden Urteil der Jury aufgerufen zu werden.
„Wer wohl heute gehen muss?" sinnierte Luna laut.
Alle blickten betreten und schweigend zu Boden, jede fragte sich das und hoffte, dass sie es nicht sein würde, sondern irgendjemand anderes.
„Tonks!" scholl Severus' Stimme.
Die Gerufene stand unsicher auf, stöckelte in Richtung des Nebenraums und versuchte, nicht über die eigenen Füße zu stolpern.
„Tonks, dein Posing mit dem Geist heute war gar nicht schlecht", sagte Heidi. „Aber das Laufen … du bist zu unsicher, und du stolperst zu viel. Deine besonderen Fähigkeiten als Metamor … was auch immer in allen Ehren, aber so wird aus dir nie ein Model."
Tonks sah die Jury betreten an. Was erwartete man jetzt von ihr? Sollte sie etwas sagen, sollte sie … ?
„Wir haben uns trotzdem entschieden, dir noch eine Chance zu geben", fuhr Heidi fort. „Hier ist dein Foto."
„Danke", stammelte Tonks. „Danke, danke, danke!"
Glücklich lief sie in die Lobby zurück – und fiel natürlich über einen der orientalischen Läufer.
„Hermione, das war große Klasse. Du hast wirklich Talent. Hier ist dein Foto."
„Ginny, gar nicht schlecht. Du musst aber unbedingt noch an deinem Ausdruck arbeiten. Auch wenn du die Jüngste bist, so bist du doch erwachsen. Du wirkst aber einfach noch zu kindlich und bist mit bestimmten Ausdrucksformen überfordert. Stelle dich vor den Spiegel und übe, übe, übe … Hier ist dein Foto."
„Cho, was war los heute?"
„Der Geist war so … klitschig."
„Wenn du schon mit Geistern ein Problem hast, wie soll das dann erst bei den kommenden Herausforderungen werden? Außerdem hast du dein Kostüm sehr unglücklich gewählt. Ein Mensch mit einem so blassen Teint sollte sich nun wirklich nicht für Gelb entscheiden."
Cho schien bei jedem von Heidis Worten kleiner zu werden.
„Es ist uns einfach nicht gelungen, ein einziges gutes oder nur halbwegs brauchbares Bild von dir zu schießen. Ich habe leider kein Foto für dich."
Schluchzend rannte Cho in die Eingangshalle zurück und ließ sich auf einen Sessel fallen.
„Ich bin raus", weinte sie. „Ein total schleimiges Gespenst … ein schlechtes Kostüm … kein Bild … ICH HASSE GEISTER!"
Unterdessen war Luna vor der Jury gelaufen und nahm dann ihr Urteil entgegen.
„Luna, du warst eine der besten heute", sagte Heidi. „Bei der Wahl deines Kostüms hast du einen äußerst treffsicheren Geschmack bewiesen, beim Shooting warst du gelöst und entspannt. Du hast hervorragend auf den Fotografen reagiert. Die Kamera liebt dich. Hier ist dein wunderschönes Foto."
„Angelina, das war ja wohl nichts heute."
Bislang hatte Angelina das Gefühl gehabt, dass alles sehr gut lief, aber Posen mit einem Geist und das ganze auch noch mit Pluderhosen, einem Oberteil, das kaum Fragen offen ließ und einem Schleier, der das Gesicht verhüllte … das war doch einfach nur lächerlich. Und dass Gilderoy sie die ganze Zeit angestarrt hatte wie ein Ertrinkender das rettende Glas Wasser, war die oberpeinliche Krönung gewesen.
„Angelina, nimmst du das hier eigentlich ernst?"
„Ja, das tue ich", sagte Angelina trotzig. „Aber Posen mit einem Flaschengeist … wie albern ist das denn?"
„Ich bin zwar keine Hexe, aber soviel haben unsere unterschiedlichen Welten doch gemeinsam: manchmal muss man sich als Model lächerlich machen – sei es, um Geld zu verdienen; sei es, um die richtigen Leute auf sich aufmerksam zu machen."
Heidi sah Angelina lange und durchdringend an.
„Wir haben heiß über dich diskutiert", sagte sie schließlich. „Und wir denken nicht, dass der Beruf des Models das Richtige für dich ist. Ich habe leider kein Foto für dich, Angelina. Ich wünsche dir aber alles Gute."
Angelina hatte Heidis intensiven Blick ungerührt erwidert.
Nach deren letzten Worten sagte sie nur schlicht: „Danke", drehte sich um und ging zurück zu den anderen.
Hexenwoche, Ausgabe 20 – Fortsetzung
Und wieder müssen zwei hoffnungsvolle junge Damen den Wettbewerb verlassen.
RS: „Cho, wie geht es Ihnen?"
Cho: „Ich bin so weit gekommen … es ist einfach nicht fair. Ich habe mir wirklich Mühe gegeben."
RS: „Was werden Sie jetzt tun?"
Cho: „Erst einmal nach Hause fahren. Im September beginnt ja die Schule wieder. Und sicher gibt es noch andere Möglichkeiten, als Model Karriere zu machen außer so einem albernen Wettbewerb."
Angelina: „Albern ist genau das richtige Wort. Heidi hat mir heute die Entscheidung abgenommen, ich wollte ohnehin aussteigen. Mein Berufsziel liegt im Profi-Quidditch, das werde ich jetzt auch weiter verfolgen."
RS: „Der Verlust für die Model-Welt wird der Gewinn eines Profi-Clubs sein. Wir wünschen Ihnen beiden alles Gute und viel Glück."
Cho/Angelina: „Vielen Dank."
Und nun stehen unsere Top-Ten fest. Es sind:
Hermione Granger
Ginny Weasley
Parvati Patil
Nymphadora Tonks
Katie Bell
Luna Lovegood
Floßhilde von Güntershagen
Paola Lamborghini
Susan Bones
Und Natalja Krum
Wir können gewiss sein, dass Heidi und die beiden Juroren noch einige Überraschungen für sie bereithalten …
Schließlich hatten sich Heidi und die beiden Juroren wieder zu den verbliebenen zehn Mädchen gesellt.
„Was ihr nicht wusstet, ja nicht wissen konntet ist, dass das heutige Shooting auch gleichzeitig eine Challenge war. Die besten drei erhalten einen ganz besonderen Preis: sie dürfen morgen Vormittag einen Rundflug über Istanbul auf einem fliegenden Teppich unternehmen", sagte Heidi.
Die Mädchen sahen sie gespannt an.
„Der heutige Tag sollte uns nicht nur zeigen, ob ihr posen und laufen könnt, sondern auch, ob ihr stilsicher seit. Und einige von euch haben sich bei der Auswahl ihres Kostüms wirklich sehr große Mühe gegeben und eine immense Sicherheit darin bewiesen, etwas auszuwählen, das ihnen steht und zu ihrem Typ passt."
Heidi sah die Mädchen nacheinander an.
„Nun, ich will Euch nicht länger auf die Folter spannen. Die beste von Euch – in jeder Hinsicht – heute war … Luna!"
Zögernder Applaus erklang, nur Hermione und Ginny klatschen begeistert.
„Ebenfalls hervorragend gelöst hat die Aufgabe … Natalja!"
Diesmal war der Applaus laut und frenetisch. Natalja hatte in einem blauen Kostüm mit silbernen Applikationen überrascht, statt des hierzulande üblichen üppigen Goldschmucks hatte sie nur einige schlichte silberne Armreifen getragen.
„Und vergessen wir nicht … Floßhilde! Rot ist sicher eine schwierige Farbe, aber sie steht dir."
Nachdem der Applaus verklungen waren und sie wieder die volle Aufmerksamkeit der Mädchen hatte, sagte Heidi: „Euch dreien wünsche ich morgen viel Spaß bei Eurem Flug. Und am Nachmittag geht es für Euch alle nach … ÄGYPTEN!"
Die Mädchen jubelten.
„Ägypten – wie geil ist das denn!" schrie Paola.
„Die Pyramiden sehen … und die Tempel … und die Gräber …" sagte Hermione leise. „So stelle ich mir das Paradies vor."
„Dann lasst uns noch ein paar Karottenstreifen knappern und die Wüste in unseren High-Heels erobern", erwiderte Ginny und lachte so ansteckend, dass die anderen nicht anders konnten als darin einzufallen.
