Kapitel 9:
Vorsichtig manövrierte sich Marie mit ihrer Tasche durch das noch stockfinstere Wohnzimmer. Es war etwa halb 6, John war schon auf dem Weg zur Arbeit und Sherlock hatte sich wahrscheinlich immer noch nicht aus seinem Zimmer bewegt. Da stieß sie mit ihrem Knie gegen eine Kante. „Autsch!", schnell biss sie sich auf die Lippe. Verdammt. Marie harrte einige Sekunden im Wohnzimmer, bis sie sich wieder langsam vortastete. Endlich spürte sie den Türrahmen und glitt mit den Fingern tastend nach unten zum Türknauf. „Du willst doch nicht etwa abhauen?" Marie wirbelte herum und stieß einen erschrocken Schrei aus. „Gott, verdammt hast du mich erschrocken", keuchte sie. Ihr Puls raste und der Schock saß ihr immer noch tief in den Knochen. Es war immer noch nichts in der Dunkelheit zu erkennen, noch nicht einmal die schattenhaften Schemen einer Gestalt oder die Konturen ihrer eigenen Hand vor ihren Augen. Plötzlich spürte sie, wie jemand von hinten an sie herantrat. „Du wolltest abhauen". Es war eine Feststellung, die keine Wiederrede erlaubte. Wie auch. Was sonst hätte sie um diese Uhrzeit machen sollen. Marie konnte die Wärme von Sherlocks Körper auf ihrem spüren, er musste wenige Zentimeter von ihr entfernt sein. Die Worte hatte er gehaucht und sein Atem kitzelte an ihrem Ohr. Sie schloss kurz die Augen, doch die Dunkelheit blieb die gleiche. Ihr Puls raste immer noch und erst jetzt bemerkte sie, dass ihre Hände leicht zitterten. Dann war er wieder weg. Die Wärme verschwand und eine Kälte blieb zurück. Sie hörte wie Sherlock sich auf das Sofa setzte, das sie noch versucht hatte, so gut es geht, in der Dunkelheit wieder her zurichten. Es machte ein leises Klick und gleißendes Licht blendete Maries Sicht. Sie blinzelte angestrengt gegen das Licht an und konnte dann Sherlock, schon in seinen Alltagsklamotten angezogen, die Beine überkreuzt und die Hände im Schoß gefaltet, auf dem Sofa sitzen. Er lächelte triumphierend. „Das hätte ich nicht von dir gedacht, einfach abzuhauen. Dabei war das doch alles hier deine Idee". Dabei benutzte er seine Hände, die in einer ausladenden Geste von ihr zu ihm zeigten. Das Lächeln verschwand langsam aber sicher und er starrte sie nun mit dem intensiven Blick an, der darauf schließen ließ, dass er sie deduzierte. Marie fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. „Manche Menschen ändern sich nicht", stellte sie trocken fest. Es war frustrierend, dass ihr gut durchgedachter Plan schief ging, nur weil vor ihr Sherlock Holmes saß. Sherlocks Augenbrauen hoben sich an und sein Mund kräuselte sich verschmitzt. „Menschen ändern sich nur so weit, wie sie und die Umstände es zulassen, Marie." Genau genommen hatte sie keine Ahnung was das meinen sollte, doch sie nickte grübelnd. Machte bestimmt Sinn, wenn er es sagt. Sie holte tief Luft, dass was sie jetzt sagen wird, würde nicht leicht werden. Für beide nicht. „Sherlock, ich –", doch er schnitt sie ab. „Hör zu, bleib hier…wenn du willst", schob er schnell ein, „ Ich wird mein bestes geben, versprochen." Stille. Damit hatte sie nicht gerechnet. Zu verlieren hatte sich eh nichts mehr, also warum nicht das Angebot annehmen. Das war mehr, als sie je von ihm erwartet hatte und genau genommen war das nicht viel. Marie setzte sich neben ihn aufs Sofa uns sah ihn an. „Okay, das klingt gut", sagte sie gemächlich. „Ja, das find ich auch!", äußerte Sherlock erregt und klatschte dabei in die Hände. Er sprang auf und lief zu seinem Mantel. Im Vorbeigehen rief er Marie nur zu, dass er jetzt aber zu Scotland Yard müsse. „Man brauch mich mal wieder. Wie meistens. Wie immer eigentlich." Und damit war er schon aus der Tür. Überrascht murmelte die alleingelassene Frau ein leises „Blödmann", doch lächelte dabei in sich hinein.
