8. Kapitel

Valjean streckte sich wohlig, als er langsam erwachte. Die allererste Nacht seit Ewigkeiten ohne einen einzigen Albtraum oder nächtliches Hochschrecken. Er fühlte sich entspannt und wenig geneigt, vor sich hinzugrübeln.

Fast fünfundsechzig Jahre der Keuschheit in einem einzigen Augenblick vergessen – und er hätte nie geglaubt, daß er etwas verpaßte. Jetzt wußte er, daß er sich geirrt hatte. Er hatte nie das Bedürfnis gespürt, einem anderen Menschen körperlich so nahe zu kommen. Jetzt konnte er kaum erwarten, es zu wiederholen.

Er schlug die Augen auf und stellte fest, daß er allein im Bett lag. Das Gefühl der Entspannung schlug sofort ins Gegenteil um. Da war sie wieder, Valjeans alte Bekannte, die Angst, verlassen zu werden. Javert war gegangen, und der Grund dafür war offenkundig. Er wollte nicht mit Valjean zusammensein, wenn dieser erwachte, er wollte ihn nicht sehen.

Valjean sprang aus dem Bett, suchte seine Kleidung, die im Verlaufe der Nacht in, unter und neben dem Bett verteilt worden war, zusammen und zog sich an. Er stieß die Tür auf und blickte nach draußen. Obwohl auch der Rest des Lagers gerade erst erwachte, war von Javert keine Spur zu entdecken.

Valjean machte sich auf die Suche, zuerst im Lager, wobei er sogar einen Blick in den Wagen von La Javert warf, wo deren Leiche aufgebahrt lag, dann in der Umgebung. Er suchte die Stelle auf, an der er gestern mittag mit Javert gesprochen hatte, und begann mit der Suche rund um das Lager.

Seine Sorge wuchs mit jedem Winkel, in dem er vergeblich nach Javert suchte. Er wollte schon aufgeben, da roch er aus einem kleinen Wäldchen den Geruch eines Feuers. Er machte sich auf den Weg dorthin, folgte einem schmalen Pfad bis zu einer Lichtung. Dort brannte ein kleines Lagerfeuer, neben dem Javert auf dem Boden saß.

„Es scheint unmöglich zu sein, Ihnen zu entkommen", sagte er.

Valjean zuckte zusammen. Früher hatte Javert zum Zeichen seiner Verachtung ihn mit „tu" angesprochen, auf der Barrikade war er mit widerwilligem Respekt zum „vous" gewechselt, und jetzt benutzte er das „vous", um eine Distanz herzustellen, die nicht vorhanden sein sollte. „Wenn das hier ein Versteck sein sollte, hätten Sie das Feuer nicht anzünden dürfen", sagte er, indem er die gleiche Anredeform benutzte, und deutete auf den Boden. „Darf ich?"

Javert machte eine Geste, die weder einladend, noch abwehrend, sondern am ehesten gleichgültig war.

Valjean setzte sich. „Ich denke, wir sollten miteinander reden."

„Was sollten wir zu bereden haben?" Javert klang so abweisend wie schon seit der Brücke nicht mehr.

„Es wäre sicherlich sinnvoll, wenn wir uns klar würden, was letzte Nacht bedeutet." Was ging nur in Javert vor? War es Scham? Oder konnte es sein, daß die letzte Nacht überhaupt keine Bedeutung hatte?

„Ich will nicht darüber sprechen, was in diesem Wagen passiert ist. Lassen Sie es uns in diesem Wagen lassen." Javert sah Valjean nicht direkt an, sondern blickte in die Flammen.

„Ich glaube nicht, daß ich das kann." Valjean hatte kein Problem damit, Javert direkt anzusehen.

„Was erwarten Sie, was ich tun oder sagen soll?" Javert wirkte fast hilflos, und Valjean konnte sich nicht erinnern, dies jemals zuvor gesehen zu haben.

„Ich erwarte nichts", erklärte Valjean sanft. „Aber ich würde es begrüßen, wenn Sie mir sagen würden, was Sie wollen."

„Das weiß ich nicht. Es ist alles ein bißchen viel für mich auf einmal. Ich habe mir solange einzureden versucht, ein Herz aus Stein zu haben. Und jetzt stürzt alles auf einmal auf mich ein, meine Herkunft, meine Mutter, Sie." Endlich blickte Javert auf. „Vor allem Sie. Ich brauche Zeit, um zu verstehen, was hier gerade passiert mit mir, und was ich davon zu halten habe."

„Ich habe nicht vor, Sie zu drängen." Alles in Valjean drängte in Wahrheit danach, Javert in die Arme zu nehmen und einfach nur festzuhalten, doch das hätte seinen Worten wenig Glaubwürdigkeit verliehen. Javert brauchte jetzt vor allem Abstand, um mit sich selbst ins Reine zu kommen. „Daher besteht kein Grund, sich hier zu verstecken, auch nicht vor mir. Kommen Sie zurück ins Lager, bevor Sie sich hier noch erkälten. Ich werden warten, bis Sie wissen, was Sie wollen." Valjean stand auf. Trotz des Feuers war es am Boden empfindlich kühl.

„Danke." Javerts Stimme war so leise, daß sie fast unhörbar war.

Valjean hörte sie trotzdem und lächelte. „Bevor ich Ihren Wunsch akzeptiere, das, was in diesem Wagen passiert ist, oder vielleicht noch passieren wird, dort zu lassen, möchte ich Ihnen noch eines sagen. Ich war heute nacht etwas, das ich seit sehr langer Zeit nicht mehr war. Glücklich." Er wandte sich um und ging.

Javert blieb bewegungslos sitzen, während Valjeans letzte Worte in ihm nachklangen. Konnte es wirklich sein, daß Valjean seine Berührungen nicht nur erwidert hatte, um ihm zu helfen, sondern weil es dessen eigenen Wünschen sehr nahe kam? Javert fühlte sich nicht bereit, diesen Gedanken weiterzuverfolgen, denn die Konsequenzen daraus bereiteten ihm Qualen der Angst.

Er wußte nicht, ob er es ertragen konnte, seine Welt erneut von Jean Valjean erschüttern zu lassen.

XXX

Am Nachmittag fand das Begräbnis von La Javert statt. Ihr Leichnam wurde im Lager aufgebahrt, und sämtliche Bewohner nahmen Abschied von ihr. Javert war rechtzeitig zum Schließen des Sarges zurückgekehrt. Bevor der Deckel geschlossen wurde, warf er einen letzten Blick auf seine Mutter, die so viele Jahre eine Fremde für ihn gewesen war. Er griff in seine Manteltasche, zog das Päckchen Karten heraus, von dem seine Mutter ihm gesagt hatte, daß sie dieses jeden Tag seines Lebens für ihn gelegt hatte, und plazierte es zwischen ihre gefalteten Hände.

Während Carles und ein anderer Mann den Deckel schlossen, suchte Javert mit den Augen nach Valjean. Dieser stand ein wenig abseits und betete offenbar. Merkwürdigerweise beruhigte dieser Anblick Javert, trotz seiner Worte vor einigen Stunden, daß Valjean ihn durcheinanderbrächte.

Sie begruben La Javert auf dem Friedhof von Toulouse, in der Ecke, in der auch Selbstmörder begraben wurden. Eine andere Grabstelle war nicht gestattet worden für eine Roma.

Als der Sarg in die Grube hinabgelassen wurde, lief Valjean ein Schauer über den Rücken, denn er erinnerte sich daran, daß man Javert auf ähnlich unwürdige Weise verscharrt hätte, wäre er tatsächlich von der Brücke gesprungen.

Der Gedanke war so übermächtig, daß Valjean sich nach der Rückkehr ins Lager bald in den Wagen zurückzog. Er fühlte sich fremd und ausgeschlossen, denn die Roma hatten sich um die Feuer versammelt und erzählten sich gegenseitig in ihrer Sprache von La Javert. Nachdem die Dunkelheit vollends hereingebrochen war, holten einige Bewohner ihre Instrumente hervor und begannen zu spielen und zu singen.

Valjean lag auf dem schmalen Bett und lauschte den todtraurigen Melodien, die vom Verlust erzählten, was sogar ohne das Verständnis des Textes zu spüren war. Er fühlte sich einsam, denn so gastfreundlich er auch aufgenommen worden war, er gehörte nicht dazu.

Die Sorge nagte an ihm nach dem Gespräch mit Javert. War er zu offen gewesen? Wäre mehr Zurückhaltung nicht angebracht gewesen gegenüber einem Zeit seines Lebens so reservierten Mann wie Javert?

Es war kurz nach Mitternacht, als die Musik verstummte. Wenig später öffnete sich die Tür, und Javert trat in den lediglich vom Licht des Mondes erhellten Wagen. „Schlafen Sie schon, Valjean?" flüsterte er.

Valjean drehte sich von der Seite auf den Rücken und antwortete schlicht: „Nein."

„Gut."

Plötzlich waren da Hände auf Valjeans Körper und Lippen auf seinem Mund, die jeden Zweifel für die nächsten Stunden verstummen ließen.

XXX

Valjean erwachte am nächsten Morgen wieder allein. Auch wenn er den Wunsch verspürte, Javert neben sich fühlen zu können, war er in der Lage, es mit mehr Gelassenheit hinzunehmen als am Morgen zuvor. Wenn es für Javert ein Problem darstellte, die Intimität eines gemeinsamen Erwachens zuzulassen, auch wenn zuvor Geschehenes mindestens so intim gewesen war, dann würde Valjean dies akzeptieren.

Nachdem er sich angekleidet hatte, begab er sich ins Freie. Die Nachwirkungen des vergangenen Abends zeigten sich daran, daß im Lager wesentlich weniger Betrieb war als am Morgen zuvor, obgleich es später war.

Valjean hatte sich fest vorgenommen, nicht nach Javert zu suchen. Er war in der vergangenen Nacht zurückgekommen, er würde es auch erneut tun.

Valjeans Vorsätze gerieten jedoch ins Schwanken, als er sah, daß die Tür zum Wagen von La Javert offenstand. Alle paar Augenblicke flog etwas durch die Tür ins Freie. Seine Neugier war geweckt, und so schlenderte Valjean hinüber zu dem Wagen. Als er sich in Höhe der Tür befand, flog ein zusammengeknülltes blaues Tuch nach draußen, entfaltete sich im Flug, schwebte einen kurzen Moment im Wind und landete auf Valjeans Kopf. Während dieser darüber nachdachte, ob er wohl so lächerlich aussah, wie er sich fühlte, versuchte er, sich von dem Tuch zu befreien.

Vorsichtig, um nicht von dem nächsten Geschoß getroffen zu werden, näherte er sich der Tür. Im Inneren des Wagens stand Javert zwischen Unmengen von Kleidung und anderen Gegenständen und schien diese Dinge zu sortieren.

„Sie sollten aufpassen, wo Sie hinwerfen, Sie könnten unbescholtene Bürger treffen", bemerkte Valjean trocken.

Javert warf einen Blick nach draußen. „Jemand unbescholtenen kann ich nicht entdecken", gab er ironisch zurück.

„Was tun Sie hier?"

„Ich versuche zu entscheiden, ob es sich lohnt, etwas von diesem Zeug zu behalten." Javert deutete um sich herum.

„Wenn ich helfen kann…", bot Valjean an und bereitete sich auf eine harsche Zurückweisung vor.

„Das wäre nett", erwiderte Javert statt dessen.

Valjean stieg in den Wagen, und gemeinsam arbeiteten sie mehrere Stunden Seite an Seite. Sie teilten die Sachen in drei Stapel ein: Dinge, die man nur noch wegwerfen konnte, Dinge, die vielleicht anderen Frauen des Lagers Freude machen würden, und Dinge, die Javert für sich behalten wollte. Der dritte Stapel war der kleinste.

Irgendwann zog Javert ein Kleidungsbündel aus einer Truhe, aus dem etwas herausfiel und sich an seinem Hemdknopf verhakte. Er hob ein Gewirr von unterschiedlichen Schnüren in die Höhe und betrachtete es mit Mißfallen. „Was ist das?"

„Ein Hüfthalter", stellte Valjean mit einem fachkundigen Blick fest.

„Wozu soll das sein?"

„Frauen befestigen so ihre Strümpfe, damit sie nicht rutschen."

„Woher wissen Sie denn so etwas?"

Valjean ließ sich einen kurzen Augenblick Zeit mit der Antwort, zu sehr klopfte sein Herz, denn er glaubte, in Javerts Worten einen leicht eifersüchtigen Unterton vernommen zu haben. „Ich habe Unmengen von Schneiderrechnungen bezahlt. Cosette hat einen ziemlich erlesenen Geschmack bei Kleidern."

„Hhm", machte Javert nur und warf den Hüfthalter auf den zweiten Stapel.

„Was haben wir denn hier?" fragte Valjean nach einer Weile und zog ein Stück Holz hervor. Auf diesem hatte jemand mit ungelenken Kohlestrichen ein Bild gemalt, was einen Wagen, ein Pferd, eine Frau und ein Kind zeigte. Im Hintergrund war ein Gebäude mit Gittern vor den Fenstern zu sehen.

„Ich glaube nicht, daß sie das aufgehoben hat", murmelte Javert.

„Haben Sie das gemalt?" wollte Valjean neugierig wissen.

„Ja, an dem Tag, als man uns in Toulon erklärte, daß wir meinen Vater nicht mehr besuchen könnten und uns seine persönlichen Sachen gab." Javert starrte auf das Holz in Valjeans Händen. „Legen Sie es auf meinen Stapel, bitte."

Am frühen Nachmittag war der Wagen bis auf die Möbel und die Sachen, die Javert für sich behalten wollte, leer. Zum wahrscheinlich ersten Mal herrschte Ordnung im Inneren. „Von Rechts wegen gehört dieser Wagen mir", sagte Javert schließlich. „Unter diesen Umständen fände ich es angemessen, wenn der Wagen, den man uns überlassen hat, wieder von seinen Eigentümern bezogen werden könnte. Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn wir hierher umzögen?"

Auf Valjeans Gesicht breitete sich ein Strahlen aus. Irgendwie hatte er befürchtet, Javert würde in den Wagen seiner Mutter ziehen, und ihn in ihrer bisherigen Unterkunft zurücklassen. „Nein, das macht mir überhaupt nichts aus."

Der Umzug war aufgrund ihres geringen Gepäcks schnell bewerkstelligt. Nachdem die anderen Bewohner des Lagers sich Sachen von La Javert ausgesucht hatten, griff Valjean sich die restlichen Dinge, die noch in akzeptablem Zustand waren, trug sie eigenhändig nach Toulouse und verteilte sie unter die dortigen Bettler, was Javert mit einem nachsichtigen Kopfschütteln quittierte.

Als sie sich an diesem Abend gemeinsam in den Wagen zurückzogen, umfing sie beide ein Gefühl der Befangenheit. Valjean versuchte, dies dadurch zu überspielen, daß er sich schnell auskleidete und unter die Laken kroch.

Javert stand ein wenig unschlüssig mitten im Wagen. Es war anders als in den vorherigen Nächten, wo einer von ihnen Trost benötigt, und der andere diesen Trost gespendet hatte. Jetzt war dies nicht der Fall.

Valjean war es, der die Worte fand, die die Befangenheit auflösen konnten. „Kommen Sie ins Bett, Javert", sagte er. „Mir ist kalt."

Statt einer Antwort löschte Javert das Licht und war im nächsten Moment neben Valjean im Bett, wo er sein Bestes tat, dessen eigentlich gar nicht kalten Körper aufzuwärmen.