Von Erinnerungen

Hermine stand mit Ginny in der Küche und spülte ab.

Erst hatten sie lange geschwiegen, doch dann konnte es Ginny nicht mehr aushalten und platzte mit ihrer Frage heraus.

„Ist das der Seth Grant, von dem du mir erzählt hast, den du da heiraten willst?"

Hermine nickte lachend.

Ginny ging zur Tür und linste kurz ins Wohnzimmer, um einen Blick auf Hermines Verlobten zu werfen.

Er saß zusammen mit Fleur, Jeremy, Lee Ann und Lily auf dem Boden und las den Kindern etwas vor.

Er schien das so gut zu machen, dass sowohl die Kinder als auch Fleur ganz gespannt zuhörten.

„Merlin, Hermine, er sieht fabelhaft aus und scheint ein netter Mensch zu sein. Ist das wirklich derselbe, den du mir als unsensiblen arroganten Volltrottel beschrieben hast? Ich meine, er wirkt nicht unsensibel und auch nicht arrogant. Er sitzt da und spielt mit den Kindern, ich wünschte das Keith, dass auch hin und wieder tun würde."

Hermine lachte wieder und gab dann zu: „Er ist wirklich kein so schrecklicher Mensch, wie ich zunächst dachte. Seit ich rausgefunden habe, dass er Zauberer ist, hat er eine Totalwendung gemacht. Ich meine, er kann schon mal arrogant werden und in manchen Fällen auch unsensibel, ich meine, du hast ihn noch nie als Arzt in Aktion erlebt, aber er kann auch so lieb, witzig und aufmerksam sein. Tja, ich scheine eben zunächst nur unsensible Volltrottel magisch anzuziehen. Na ja, wenigstens hat Seth sich, ganz im Gegenteil zu Ronald, als echter Traummann erwiesen."

Ginny lächelte:" Die Geschichte, wie er in dein Büro apperierte ist wirklich zu liebenswert!"

"Liebenswert, in der Tat, das ist er!", meinte Hermine etwas abwesend.

Sie hielt inne, als Ron die Küche betrat.

Wieder tauschten sie stumme Kampfansagen mit ihren Augen aus.

"Du hast also bereits von diesem ominösen Verlobten gehört?", fragte Ron Ginny.

Ginny verkniff sich ein Lächeln und zuckte mit den Schultern:"Gehört habe ich schon von ihm, aber scheinbar längst nicht alles!"

Ron starrte von Ginny zu Hermine.

"Sie hat es gewusst?"

Hermine zog eine Augenbraue hoch.

"Sie hat was gewusst?"

"Dass du vorhast zu heiraten! Sie hat es gewusst und du hast es nicht für nötig gehalten mich zu informieren?", presste Ron mit mühsam unterdrücktem Ärger hervor.

"So wie du mich über deine Beziehung mit Lavender informiert hast?", fragte Hermine gefährlich leise.

"Du wusstest, dass ich heiraten würde!", explodierte Ron.

"Natürlich wusste ich es, denn im Gegensatz zu dir, interessiere ich mich für das Leben meiner Freunde. Ich habe Ginny nach dir gefragt! Wann hast du das letzte Mal nach mir gefragt?", fauchte Hermine.

Rons Kopf wurde hochrot.

"Natürlich interessiert es mich. Du hast vor in meinem verdammten Garten zu heiraten! Das war unsere Traumhochzeit, verdammt nochmal", rief Ron lautstark, bevor er abrupt verstummte, als er merkte was er gesagt hatte.

Hermine verspürte ein tiefes Verlangen den Mann vor sich zu Ohrfeigen.

Unsere Traumhochzeit?

Wer hat sie denn kaputt gemacht?

"Hermine...", begann Ron zögernd und mit einer plötzlich schmerzlich bekannten Zärtlichkeit.

Sie schaute zu ihm auf und Rons Augen waren dunkel vor Emotion und - Hermine holte tief Luft - war das Verlangen?

Für einen Moment lang dachte sie, er würde auf sie zugehen und sie küssen.

Das hätte sie vermutlich früher getan.

Plötzlich fühlte sie sich lebendig und vergnügt.

Gab es noch immer Momente, in denen sie attraktiv auf ihn wirkte?

Hermine blickte um sich herum und sah, dass aller Augen auf sie und Ron gerichtet waren.

Alle waren verstummt.

Das Ganze kam ihr so aus Schultagen bekannt vor, dass sie beinahe gelacht hätte.

Hermine holte tief Luft, bevor sie ruhig zu Ron sagte:"Wirklich, Ronald, mach keine große Sache daraus. Das mit uns hat nicht geklappt! Wir sind beide in neuen Beziehungen und sogar verlobt. Du kannst deine eigene Traumhochzeit mit Lavender im Garten abhalten. Das hat nun wirklich nichts mehr mit mir zu tun!"

Ron schluckte.

Er wollte auf irgendetwas einschlagen.

"Vielleicht werde ich das", schnappte er schließlich.

Hermine lächelte.

Oh ja, Ron war noch immer derselbe in seiner Wut und seinem Stolz und sie konnte ihn noch immer in den Wahnsinn treiben.

"Dann ist das geklärt!"

Sie hatte beinahe Spaß an Rons Ärger.

Eine Ader an Rons Stirn pochte.

"Vielleicht werde ich noch vor dir dort heiraten", drohte er etwas verunsichert, über Hermines plötzlichen Stimmungswechsel.

"In Ordnung", sagte Hermine ruhig und warf ihm einen amüsierten Blick zu.

"In Ordnung?", fragte Ron jetzt komplett irritiert.

"Ja, ich freue mich für dich", stimmte Hermine liebenswürdig zu.

"Ok", murmelte Ron.

Was war nur mit dieser Frau los?

"Ok", erwiderte Hermine, bevor sie sich wieder dem Abwasch widmete.

Ron starrte sich noch einen Moment lang an.

Wäre es sehr falsch sie jetzt zu küssen?

Dieser ganze Streit erinnerte ihn so sehr an ihre Streiterein aus alten Zeiten.

Damals endete eine solche Szene tatäschlich oft in ihrem gemeinsamen Schlafzimmer.

"Sonst noch was, Ronald?", fragte Hermine fröhlich.

"Was? Nein, ich gehe jetzt", antwortete Ron verwirrt.

"Ok", flötete Hermin.

"Ok", sagte Ron und drehte sich um und verschwand im Wohnzimmer.

Hermine kicherte leise vor sich hin.

Sie könnte schwören, Ron etwas wie "Frauen" murmeln gehört zu haben.

Dieses Gespräch hatte als Streit angefangen, aber tatsächlich war ihr dieser Streit so vertraut und Rons plötzlicher Jähzorn so bekannt, dass sie tatsächlich angefangen hatte, den Austausch zu genießen.

Es war eine Genugtuung, dass sie Ron noch immer so in Rage versetzen konnte und ihn gleichzeitig geschickt auszumanöverieren wusste.

Langsam wurden die Unterhaltungen im Wohnzimmer wieder aufgenommen und Hermine war für einen Moment lang zufrieden mit sich selbst und der Welt.

Ginny lehnte sich neben Hermine ans Spülbecken und studierte Hermines Gesicht eindringlich, bevor sie leise fragte: „Und wie sieht es nun mit deinen Gefühlen für Ron aus? Ich meine, ich hoffe, du tust das nicht nur um Ron wegen seiner Verlobung mit Lavender eins auszuwischen. Versteh mich nicht falsch, ich glaube dir, dass dieser Seth ein netter Mann sein kann. Ich meine, er scheint dir diese Auseinandersetzung nicht übel zu nehmen. Ein Glück, dass Lavender in diesem Moment nicht in der Nähe war. Das hätte vielleicht eine Szene gegeben. Du siehst also, Seth ist toll, aber hast du bei ihm dieselben starken Gefühle wie bei Ron oder ist er nur ein passabler Ersatz? Ich meine, warst du eben auch hier? Merlin war hier ein Knistern in der Luft. Für einen Moment lang dachte ich, Ron würde dich über die Schulter werfen und ins Schlafzimmer tragen, um..."

"Ginny!", unterbrach Hermine sie streng.

Ginny zwinkerte ihr verschwörerisch zu.

Hermine warf Ginny einen ernsten Blick zu, bevor sie erwiderte: „Ich glaube kaum, dass du die richtige Person bist, um eine solche Frage zu stellen. Denk doch nur an dein eigenes Liebesleben, dann..."

Hermine verstummte, als Ginnys Augen sich verdunkelten.

Sie wollte nicht noch einen Streit mit einem Weasly hervorrufen.

Hermine war noch nie so dankbar für einen Unterbrechung als in dem Moment als Lily in der Küchentür stand und freudig rief: „Tante Hermine, ich wollte mich bei dir noch mal für das großartige Geschenk bedanken. Es ist eine tolle Kugel. Sie leuchtet ganz wunderbar. Ich hab sie auf meinem Nachttisch als Nachttischlampe aufgestellt. Ich wusste nicht, wofür sie sonst sein sollte."

Hermine sah verwirrt auf, hatte ihr denn keiner den Zettel vorgelesen oder ihr erklärt, was es mit der Kugel auf sich hatte?

„Lily, Engel, hat denn keiner dein Geschenk gesehen und konnte dir sagen, was es ist?", fragte Hermine verwirrt.

Lily schüttelte den Kopf und gab zu: „Ich hab sie doch niemandem gezeigt, weil Onkel Ron immer so böse wird, wenn er deinen Namen hört. Alles was du mir geschenkt hast, ist unser Geheimnis."

„Lily Harriet, du solltest wirklich nicht solche Dinge über Onkel Ron vor deiner Tante Hermine sagen", mahnte Ginny ihre Tochter.

„Das macht doch nichts. Lily, weißt du was wir jetzt machen werden? Du holst die Kugel und dann setzen wir uns zu Seth ins Wohnzimmer und ich erkläre dir, was das für eine Kugel das ist", meinte Hermine freundlich.

Lily nickte und rannte davon.

Ginny warf Hermine einen fragenden Blick zu, doch Hermine beachtete sie nicht, sondern ging zu Harry und setzte sich neben ihn auf den Boden am Kamin.

Ginny konnte beobachten, wie Seth seinen Arm um Hermines Schulter legte und ihr einen kurzen Kuss auf die Schläfe gab. Irgendetwas an dieser ganzen Sache, kam ihr sehr merkwürdig vor. Sie konnte nicht sagen was, aber dieser Seth machte sie nervös. Schon als er hereingekommen war, hatte ihr Herz merkwürdig schnell angefangen zu schlagen. Sie konnte jedoch nicht ihren Finger auf das legen, was ihr so merkwürdig vorkam. Wie sie die beiden jetzt so am Feuer sitzen sah, kam ihr einfach auf eine seltsame Art vertraut vor.

„Tante Hermine, hier ist die Kugel!", rief Lily fröhlich.

„Was hast du denn da, Lily?", fragte Bill sie neugierig.

Die Erwachsenen im Raum, also Ron, Fleur, Fred, George, Bill, Ginny und Harry sahen nun alle neugierig zu dem kleinen Mädchen, dass sich auf Hermines Schoss fallen gelassen hatte.

„Ist das...?", setzte Fleur an.

„Ein Denkarium", beendete Harry den Satz.

Ginny ließ sich ebenfalls auf dem Boden neben dem Kamin nieder und fragte Hermine erstaunt: „Du schenkst meiner Tochter ein Denkarium? Wozu soll ein Mädchen in dem Alter so etwas brauchen? Sie hat ja noch nicht einmal einen Zauberstab."

Hermine warf Ginny einen Blick zu, der ihr zu verstehen geben sollte, dass sie ja nicht blöd war.

„Natürlich ist das kein gewöhnliches Denkarium. Normalerweise ist ein Denkarium dazu da, dass man seine Gedanken darin ablegen kann und immer wieder abrufen kann. Das ist eine etwas vereinfachte Version, die ich mir in Amerika habe erklären lassen. Es sind Kopien meiner Erinnerungen, die in dieser Kugel abgespeichert sind und man braucht keinen Zauberstab, um sie abzurufen. Lily muss die Kugel nur berühren und sich fest wünschen zu sehen, was die Kugel birgt."

„Cool", flüsterte Lily.

„Was will das Kind denn mit deinen Erinnerungen?", fragte Ron jetzt etwas bissig.

Hermine warf ihm einen vernichtenden Blick zu.

„Zu deiner Information, Ronald, das sind nicht irgendwelche Erinnerungen. Es sind speziell meine Erinnerungen an Harry", erklärte Hermine ruhig.

„Wow, noch mal cool! Danke, Tante Hermine, kann ich sie mir gleich ansehen?", fragte Lily eifrig.

Harry, der neben Hermine leicht zusammengezuckt war, wandte schnell ein: „Sollte man nicht überprüfen, ob diese Erinnerungen überhaupt angemessen sind für ein so kleines Kind?"

Nun starrten ihn alle verwirrt an.

Harry wurde leicht rot und meinte: „Ich meine, nicht das mich das was angehen würde, aber es könnte ja sein, dass solche Erinnerungen über ihren Vater mit unter nicht ganz jugendfrei sein könnten, nach allem was du mir über deine Schulzeit erzählt hast, Liebes."

Hermine grinste ihn an. Sie konnte sich schon vorstellen, was Harry erröten ließ. Es gab einige Dinge, auf die Harry vielleicht nicht stolz war und sicher nicht wollte, dass seine Tochter sie sah. Dann gab es Dinge, von denen er gewiss nicht wollte, dass seine Tochter sie nachahmte, wenn sie da an einige der Regelbrüche dachte. Außerdem gab es noch die schockierenden und gefährlichen Momente in Harrys Leben und natürlich so einiges nicht jugendfreies. Sie dachte da an das eine Mal, bei dem sie Harry und Ginny in einem leeren Klassenzimmer erwischt hatte. Hermine musste bei dem Gedanken kichern.

„Es sind doch nur Erinnerungen aus meiner Schulzeit. Nur Dinge über mich, Ronald, Fred, George, Ginny und Harry. Ich meine hauptsächlich über mich, Ginny, Harry und Ronald, aber hin und wieder tauchen auch Fred und George darin auf", sagte Hermine leichthin.

„Oh ja, gerade das macht es nicht besser. Ich gebe Seth da ganz recht, vielleicht sollte man das Denkarium erst überprüfen", wandte Ginny nun auch ein.

„Ach komm schon Gin, es würde mich doch zu brennend interessieren, was Hermine und Ron und auch du und Harry so in eurer Schulzeit, nun ja, so, also, vielleicht ist getrieben das richtige Wort, ja, was ihr vier so getrieben habt", meinte Bill grinsend.

Sowohl Hermine, als auch Ginny und Harry erröteten, doch allen voran war Ron derjenige mit dem am stärksten geröteten Gesicht.

Harry hoffte, dass das Kaminfeuer seine Röte vertuschte, denn er wollte den anderen beim besten Willen nicht erklären, warum er als Seth und Hermines Verlobter jetzt erröten sollte.

„Himmel, wofür haltet ihr mich. Lily ist ein kleines Kind. Ich hab nur Erinnerungen in das Denkarium gespeichert, die ihrem Alter angemessen sind, zumal es unter den anderen Erinnerungen genügend gibt, an das ich mich heute selbst nicht mehr erinnern möchte", sagte Hermine und warf Ron einen kurzen Blick zu.

„Komm schon Granger, sei kein Spielverderber!", riefen Fred und George gleichzeitig, was die beiden zusammenzucken ließ.

Sie sahen sich kurz an und schauten dann schnell in verschiedene Richtungen.

Hermine schnaubte und sagte: „Es sind meine privaten Erinnerungen und ich habe nur vor sie mit Lily zu teilen, schließlich ist sie diejenige, die Harry nie richtig kennen lernen durfte. Ihr anderen habt ja wohl mehr als genug an eigenen Erinnerungen. Ich habe das Denkarium außerdem so angelegt, dass es nur mir und Lily Zugang gewährt, alle anderen haben leider Pech gehabt."

In der Zwischenzeit waren die Kinder, darunter auch Lily, friedlich eingeschlafen.

Hermine lächelte zu dem schlafenden Kind auf ihrem Schoß hinab.

Lily hatte ein glückliches Lächeln auf ihren Lippen und hielt die Kugel fest in ihrem Arm.

Als sie wieder aufblickte, sah sie sich einigen vorwurfsvollen Blicken gegenüber.

„Was hab ich denn jetzt wieder verbrochen?", fragte sie deshalb verwirrt.