Heute wird es wieder ein bisschen schwerer. Unsere Schildkröte WatchersGoddess (vielen auch bekannt als Reek) präsentiert uns heute eine sehr außergewöhnliche Weihnachtszeit und sehr ungewöhnliche Weihnachten. Außergewöhnlich ist sie leider jedoch nicht durch etwas positives... Aber lest es euch selbst durch. Ich persönlich fand ihren Beitrag unglaublich gut zu lesen – wie eigentlich alles von ihr. Überzeugt euch selbst unter:

www. fanfiction u/1285129/

(Nehmt bitte die Leerzeichen nach www. und nach fanfiction. raus, ... und ergänzt ein net/ vor dem u)

A/N: Wir vergessen zu oft, dass diese Dinge auch zur Weihnachtszeit keine Pause einlegen.
Vielen Dank an glaedr fürs Betalesen und an Moana Nahesa für die moralische Unterstützung!

Weihnachten mit Mister Shoes von WatchersGoddess

„Frau Schmutzke, ich fürchte …", begann Dr. Feller auf der anderen Seite des Schreibtisches und dann sagte er lange Zeit nichts mehr. Durch das Fenster hinter ihm konnte ich den gewaltigen Weihnachtsbaum auf dem Marktplatz sehen, die riesigen scharlachroten Kugeln und die Lichter, die sich darin spiegelten.

Dr. Feller klickte mit seiner Maus etwas an, ein Doppelklick, dann scrollte er nach unten, dann wieder nach oben, dann klickte er etwas anderes an, nur einmal. Dann tippte er drei Buchstaben in den PC. Nachdem man mich drei Wochen lang auf den Kopf gestellt hatte, waren nun die digitalen Ergebnisse interessanter als ich. Ich muss sagen, ich fühlte mich benutzt.

Schließlich seufzte er und riss sich mühsam von seinem Bildschirm los. „Ich fürchte", wiederholte er, „die Ergebnisse der Untersuchungen lassen nach Ausschluss aller anderen Möglichkeiten nur einen Schluss zu."

„Und der wäre?", fragte ich ungeduldig, während ich meine Hände im Schoß knetete. Insgeheim wusste ich, was er nun sagen würde. Nachdem drei verschiedene Ärzte mir eindringlich davon abgeraten hatten, das Internet zu befragen, tat ich doch, worauf ich von alleine nie gekommen wäre. Aber ich würde ihn nicht so leicht davon kommen lassen. Wenn er mir schon dieses Monster aufs Auge drückte, sollte er es auch aussprechen.

„Nun, die Entzündungen in Ihrem Gehirn und dem Rückenmark, die Ergebnisse der Lumbalpunktion, Ihre Nervenleitgeschwindigkeit … Ich fürchte", sagte er zum dritten Mal und mein Augenlid zuckte unwillkürlich, „es ist MS."

Ich schaute hinab auf mein linkes Bein, das mich kribbelnd und leicht taub in den letzten Wochen hatte humpeln lassen, als hätte ich mir den Knöchel verstaucht. Da saß es, das Monster. Klammerte sich an meinem Knie fest und hockte mit seinem ganzen Gewicht auf meinem Turnschuh. Multiple Sklerose, was für ein blöder Name.

„Wissen Sie, was MS ist, Frau Schmutzke?"

Dr. Fellers Stimme riss mich aus der Betrachtung meines unerwünschten Begleiters. „Grob", entgegnete ich und fühlte mich trotz meiner überflüssigen Pfunde klein und zerbrechlich. „Entzündungen im Nervengewebe, Ausfallerscheinungen, chronisch, Ursache unbekannt", betete ich herunter, was mir von meinen verbotenen Recherchen im Gedächtnis geblieben war.

Das Monster griff nach oben und kitzelte mich grinsend am Oberschenkel.

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Eine Stunde später saß ich mit einem Arm voll Broschüren über meine neue Errungenschaft in meinem Krankenhauszimmer und starrte unglücklich auf die bunten Cover. Wenn man den Bildern der Pharmazie Glauben schenkte, dann war MS eine tolle Sache. So viel Lebensfreude wie die Bilder einem zeigten, hatte ich meinen Lebtag noch nicht empfunden – erst recht nicht in der Vorweihnachtszeit.

„Ach, ach, ach …", stöhnte Frau Meier im Bett nebenan.

Ich sah zu ihr herüber und obwohl es die alte Frau mit ihrem Schlaganfall wirklich schlimm erwischt hatte, konnte ich kein Mitgefühl für sie empfinden. Es saß ein Monster auf meinem Bein, das meine Empathie ebenso zu lähmen schien wie mein Bein. Gerade zupfte es an der Schnalle meines Schuhs. Missmutig taufte ich es Mister Shoes.

Ich ließ die Seiten einer Broschüre durch meine Finger schnalzen. Diese ganze Geschichte schien mit mir genauso viel zu tun zu haben wie die Mondlandung. Die Vorstellung, eine Krankheit zu haben, die nicht mit den richtigen Medikamenten früher oder später überstanden war, war absurd. Wenn ich jetzt an einen Zeitpunkt in dreißig Jahren dachte, war Mister Shoes noch immer ein Teil davon. Das war so … endgültig. Wie eine Tätowierung, für die man sich schämte.

In meine Überlegungen hinein klopfte es an der Tür und zu meiner Enttäuschung war es nicht meine Schwester Lisa, die mich besuchen kam, sondern eine Krankenschwester, die einen Infusionsständer vor sich herschob. Wie ich befürchtet hatte, ließ sie ihn neben meinem Bett stehen. „Cora Schmutzke?", vergewisserte sie sich und ließ mich mein Geburtsdatum aufsagen wie ein Weihnachtsgedicht. Schließlich nickte sie zufrieden. „Unser Assistenzarzt kommt gleich und legt Ihnen den Zugang", erklärte sie mir fröhlich.

„Zugang für was?", fragte ich verwirrt. „Ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk?"

„Nein. Für die Cortison-Infusionen. Hat Dr. Feller Ihnen nichts davon erzählt?"

Hatte er nicht. Und tat er auch in den drei darauf folgenden Tagen nicht, obwohl an jedem einzelnen dieser Tage die klare Flüssigkeit in meinen Arm lief. Er machte sich überhaupt ziemlich rar.

Und die Abwesenheit meines Arztes war nicht das einzige, das mich halb wahnsinnig machte.

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Sie nennen es Cortison – ich nenne es Liquid of doom.

Über drei Tage bekam ich die Infusionen. Meine Arme waren schon nach der ersten blau von vielen Fehlversuchen und ab der zweiten hörte ich auf zu schlafen.

War ich in den letzten Monaten schon nachmittags oft von einer so allumfassenden Müdigkeit überfallen worden, dass mir selbst der Weg vom Schreibtisch zum Bett zu weit war, so hatte sich der Schlaf nun komplett verflüchtigt. Ich lag die ganze Nacht mit weit aufgerissenen Augen in meinem Krankenhausbett und starrte an die Decke. Zumindest in der ersten Nacht.

In der zweiten stand ich leise auf und tigerte durch das Zimmer. Beobachtete Frau Meier wie sie schlief. Stellte mich direkt neben ihr Bett, beugte mich mit kribbelnden Gliedern und rasendem Herzen zu ihr herunter und beobachtete, wie sie regelmäßig die Luft durch ihre Lippen ausstieß. Es klang wie ein „Pfffft!" im Viervierteltakt.

Wenn ich nicht Frau Meier in die Nase starrte, riss ich die Fenster auf, weil mir heiß war. Oder ich lief zur Toilette, weil meine Blase zu platzen drohte. Oder ich saß verspannt auf meinem Bett und starrte meine Armbanduhr an, als könnte ich sie dazu bewegen, schneller zu laufen.

Am dritten Tag wog ich fünf Kilo mehr als vor den Infusionen, hatte eine Haut wie ein 15-jähriger Teenager und Augen, die jedem erzählten, wie meine Nächte aussahen. Und zur Belohnung bekam ich ein pappiges Brötchen und keine Schokolade zum Frühstück.

„Ist denn wenigstens dein Bein besser?", fragte mich Markus, während er sich einen Stuhl an mein Bett zog.

„Nein. Mister Shoes sitzt noch immer da." Aber er war zugegebenermaßen kleinlaut geworden.

„Wer ist Mister Shoes?", fragte er irritiert.

„Na das mistige Monster, das mich ärgert. Ich hab es Mister Shoes getauft."

„Warum?"

Ich sah ihn an und fragte todernst: „Findest du Multiple Sklerose etwa schöner?"

Markus runzelte die Stirn, traute sich aber nicht, das Thema noch weiter zu erörtern. Stattdessen tauschte er einen Blick mit Frau Meier, die mit den Schultern zuckte. Schließlich griff er nach meiner Hand. „Haben die schon gesagt, wann du wieder nach Hause kannst? Schließlich ist bald Weihnachten."

„Morgen oder übermorgen. Mein Herzrasen macht ihnen etwas Angst, glaube ich."

„Dir nicht?"

Ich zuckte mit den Schultern. „Wenn ich Angst habe, schlägt es noch schneller. Erzähl mir lieber von der Ausstellung."

Unwillkürlich begann er zu lächeln und ein Strom von Worten ergoss sich aus seinem Mund. Markus war Landschaftsarchitekt und wenn er von seinem Beruf erzählte, verschwand die restliche Welt nicht nur um ihn sondern auch um mich. Für eine halbe Stunde vergaß ich Mister Shoes.

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Das Krankenhaus zu verlassen, war wie ein Kulturschock. In der einen Woche, die ich in der sterilen Welt von Hippokrates verbracht hatte, war Weihnachten nicht nur näher gerückt, es hatte die ganze Stadt umarmt und erstickte es in seinem Glanz.

Die Straßen waren beleuchtet mit Lichterketten und Kugelungetümen, die quer über die Straßen gespannt waren. Die Geschäfte überschlugen sich mit Angeboten, Menschenmassen schoben sich mit prall gefüllten Einkaufstüten durch die Stadt. Und in der Luft lag der Duft von Schnee.

Ich hingegen ging am Stock. Und das ist keine Metapher.

Mein Bein war nur unwesentlich besser geworden durch die Therapie des Grauens. Ich hatte sogar den Eindruck, dass Mister Shoes noch etwas schwerer geworden war. Mein Fuß schlurfte bei jedem Schritt über den Boden und damit ich nicht gänzlich das Gleichgewicht verlor, hatte man mir einen Stock an die Hand gegeben.

„Machen Sie einen Termin bei einem niedergelassenen Kollegen", hatte Dr. Feller mir zum Abschied empfohlen, „Sie sollten bald mit einer Basistherapie beginnen." Und hinterließ mir noch mehr Broschüren, in denen die Vorteile dieser sogenannten Basistherapien anschaulich dargestellt wurden. Über die Nachteile informierte ich mich online und aus den vier Optionen wurden schlagartig null.

Ich verbrachte überhaupt viel Zeit online, denn arbeiten konnte ich nicht, solange ich Mister Shoes nicht von meinem Bein verscheucht hatte. Ich fand ein Forum und las mich nächtelang durch die Beiträge.

Das kenn ich, schrieb eine Userin auf meine Schilderungen hin. Bei mir hat es ein halbes Jahr gedauert, bis ich wieder ohne Stock gehen konnte. Und kribbeln tut es bis heute noch, vor allem bei Hitze. Aber mach dir keinen Kopf, das Cortison wirkt noch nach.

Und nicht nur das wirkte nach, auch der Anruf meiner Freundin Nina tat es: „Ich bin schwanger!"

Mein Mund wurde trocken. „Herzlichen Glückwunsch."

Nachdem ich aufgelegt hatte, humpelte ich zu meinem Nachtschrank und warf einen prüfenden Blick in die Pillenpackung. Zwei Monate deckte sie noch ab.

Als ich den Pappkarton wieder schloss, kam mir ein gemeiner Gedanke, der mich nicht mehr loslassen wollte: Meine Freunde bekamen Kinder, ich bekam Mister Shoes. Wo war da die Gerechtigkeit?

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Als ich eine Woche vor Weihnachten aufwachte, blieb es trotz eingeschaltetem Licht fast komplett dunkel um mich herum.

„Nicht witzig ...", murmelte ich verschlafen und rieb mir über die Augen. Was nichts brachte außer Schmerzen. Über Nacht hatte Mister Shoes es tatsächlich geschafft, sich so weit zu strecken, dass er die pummeligen Hände auf meine Augen pressen konnte. „Mistkerl!", fluchte ich.

Ich tastete mich zu meinem Handy und hielt es mir so dicht vor das Gesicht, dass ich mit Mühe die Einträge in meinem Adressbuch entziffern konnte. Markus hob nach dem zweiten Klingeln ab.

„Ich bin blind", erklärte ich ohne Begrüßung.

„Was?", kam es entsetzt zurück.

„Blind", wiederholte ich. „Also fast jedenfalls. Kannst du mich in die Klinik bringen?"

Konnte er. Die nächste Serie Liquid of Doom folgte, dieses Mal über fünf Tage. Zwei Tage vor Weihnachten passte ich nicht mehr in meine Klamotten, war froh, mein Gesicht im Spiegel nicht allzu deutlich erkennen zu können und beschloss, dass Weihnachten für mich dieses Jahr ausfiel.

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Ich spielte Ene-mene-mu, um mich für eine Basistherapie zu entscheiden und bekam die Einführung und das erste Rezept gleich in der Klinik. Dreimal pro Woche sollte ich mir nun eine Spritze setzen. Zum Glück war ich halb blind, so musste ich die Nadel nicht sehen.

Die Nacht nach der ersten Spritze ruinierte ich mir durch meine Sturheit. Ich verweigerte ein prophylaktisches Schmerzmittel und wachte vier Stunden später stöhnend auf. Mein Körper zitterte wie Espenlaub, meine Glieder schmerzten, wie ich es noch niemals zuvor erlebt hatte und mein Kopf nahm mir meine Sturheit sehr übel.

Ich klingelte nach der Schwester und die kam direkt mit einer Tablette in der Hand an mein Bett. Auf ihrem Gesicht stand dieser Ich-hab-es-Ihnen-ja-gesagt-Blick, auf den ich allergisch reagiere. Aber als meine Hand so zitterte, dass die Tablette aus dem Plastikbecher sprang, schluckte ich jede spitze Bemerkung zusammen mit dem Medikament hinunter.

„In ein paar Monaten lassen die Nebenwirkungen nach", tröstete die Schwester mich und schenkte mir ein Lächeln.

„In ein paar Monaten ist Frühling", entgegnete ich garstig, „und trotzdem kann ich den Winter jetzt nicht ausstehen." Ich schämte mich sofort für meine Worte und senkte den Blick. „Aber wenn es hilft ..."

Wobei selbst das nicht sicher war. Es blieb abzuwarten, ob ich zu den glücklichen dreißig Prozent gehören würde. Feststellen ließ sich das nach etwa einem Jahr. In 155 Spritzen würde ich erfahren, woran ich war.

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Man verabschiedete mich aus dem Krankenhaus mit einem „Frohe Weihnachten!", das in mir Mordgelüste weckte. Meine Sehkraft war ausreichend wieder hergestellt, um den monströsen Weihnachtsbaum im Foyer sehen zu können, die vor meinen Augen verschwimmenden Lichter und den Glanz der riesigen Kugeln.

„Meine Mutter hat uns zu sich eingeladen. Hast du Lust hinzugehen?", fragte Markus vorsichtig, nachdem er mir die Beifahrertür seines Wagens aufgehalten hatte.

„Nein", entgegnete ich wahrheitsgemäß. Das darauf folgende Schweigen lastete wie ein schlechtes Gewissen auf meinem Gemüt. „Aber wenn du möchtest, komme ich trotzdem mit", fügte ich deswegen hinzu.

„Ich würde mich freuen."

„Na dann." Ich lehnte den Kopf zurück und schloss die Augen, während er mich nach Hause fuhr. Das konnte ich erst, seitdem ich ihn kannte. Also im Auto die Augen schließen. Nicht einmal meinem Vater habe ich so sehr vertraut. „Ich liebe dich, weißt du?"

Er sah mich an und für einen Moment kehrte der Alltag zu uns zurück, unsere kleine heile Welt, in der wir wie zwei naive Kinder gelebt haben, immer in dem festen Glauben, dass nichts sie zerstören könnte. Er griff nach meiner Hand. „Ja, ich weiß. Ich dich auch."

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Weihnachten bei Markus Mutter war ... wie immer. Sie war schon Anfang vierzig gewesen, als sie ihn bekommen hatte und war inzwischen in einem Alter angekommen, bei dem jeder anerkennend nickte angesichts der Tatsache, dass sie noch alleine zu Hause lebte. Die Zeit hatte ihr einen Teil ihres Augenlichts und den Großteil ihres Gehörs geraubt. Sie war schlichtweg nicht dazu in der Lage, mein Humpeln oder meine Fehlgriffe zu sehen.

Trotzdem war es ein befremdliches Gefühl, dass ihr nichts auffiel. Einerseits wollte ich, dass man mich ansprach auf die Dinge, die hinter mir lagen – und die, die ich noch vor mir hatte. Andererseits war ich froh, dass ich offensichtlich immer noch ich war. Dass ich funktionierte, wenn es darauf ankam.

Ein so absurdes Weihnachtsfest hatte ich noch nie erlebt. Nicht einmal als meine verleugnete Halbschwester am 24. Dezember vor der Tür stand und meiner Mutter vom Seitensprung meines Vaters berichtete, als handelte es sich um den neusten Börsenkurs. Ich hatte das Gefühl, es müsste alles anders sein. Und weil es das nicht war, war es absurd.

An den Weihnachtsfeiertagen statteten wir auch die restlichen Pflichtbesuche ab, bei meiner Mutter am ersten, bei meinem Vater am zweiten. Sie fragten mich, warum ich so schlecht aussah, so rund im Gesicht und mit den vielen verheilenden Pickeln. Warum ich so schwerfällig ging. Ich berichtete von einer allergischen Reaktion und einem verknacksten Fuß.

Ich war noch nicht bereit, ihnen von Mister Shoes zu erzählen.

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Abends lagen Markus und ich schweigend im Bett, während Mister Shoes auf meinem Bein einschlief. Wenn ich so ruhig da lag, war es, als würde mein Bein gar nicht existieren.

„Ich wünschte, ich wüsste, wie es jetzt weitergeht", erklärte ich irgendwann.

Er atmete lang gezogen aus. „Jetzt kommt bald Silvester. Und dann das neue Jahr."

„Das meine ich nicht."

„Ich weiß." Er drehte mir den Kopf zu und in der Dunkelheit konnte ich seine Augen blitzen sehen. „Aber es ist ein Anfang. Mach einen Schritt nach dem anderen und sei er noch so wackelig und klein. Wir werden das schon schaffen. Und nächstes Jahr können wir Weihnachten wieder genießen."

Instinktiv bewegte ich meine Zehen und spürte, dass da doch ein Bein war. Nächstes Jahr um diese Zeit würde Mister Shoes noch immer ein Teil meines Lebens sein. Für einen Moment raubte mir dieser Gedanke den Atem wie ein Albtraum, aus dem man nicht aufwachen konnte.

„Ich hoffe es", flüsterte ich.

„Du wirst schon sehen."

Und das tat ich.

Eine kleine Bemerkung anstatt des Endes (denn es ist nie zu Ende): Multiple Sklerose ist eine Erkrankung des Nervensystems. Es kommt zu Entzündungen im Gehirn und im Rückenmark, die wiederum zu Ausfallerscheinungen führen können. Manche Betroffene laufen, als wären sie betrunken. Andere können nur noch schlecht sehen. Einige haben kognitive Einschränkungen wie Wortverwechslungen oder Gedächtnisstörungen. Wieder anderen kribbeln gewisse Körperstellen oder sie sind taub. Alles, was von Nerven gesteuert wird, kann betroffen sein; MS ist die Krankheit mit den 1000 Gesichtern. Meistens bilden sich die Beschwerden nach einigen Wochen oder Monaten ganz oder teilweise wieder zurück. Viele Betroffene kämpfen außerdem dauerhaft mit einer starken Tagesmüdigkeit.
Das Ganze kann schubweise oder langsam fortschreitend auftreten, manchmal auch beides (fortschreitend mit aufgesetzten Schüben). Und trotz aller sich hartnäckig haltender Vorurteile ist diese Krankheit kein Garant für ein baldiges Leben im Rollstuhl. Viele leben damit, ohne dass man es ihnen anmerkt. Und mit 'viele' meine ich über die Hälfte der Betroffenen. Von denen, die sichtbare Einschränkungen haben, brauchen nur wenige einen Rollstuhl. Aber jeder einzelne braucht ein paar gute Freunde.