Ludicrous Smile
Kapitel 9
„Das Schwert ist fort, Harry."
„Ich weiß. Ron und ich konnten mit den Langziehohren ein paar geflohene Kobolde aus Gringotts belauschen, die bei uns in der Nähe ihr Lager aufgeschlagen hatten. Dean Thomas und Tonks' Vater waren auch dabei."
„Was? Das sind ja mal Neuigkeiten!"
„Jaah, wie es aussieht, steht es in Gringotts nicht gut", schrieb Harry weiter. „Die Kobolde sind unzufrieden, einige sind schon fort und verstecken sich irgendwo, weil sie sich weigern, Zauberer als ihre Gebieter anzuerkennen. Aber da gibt es noch etwas, das du wissen solltest. Das Schwert, das im Schulleiterbüro war, ist nicht echt gewesen. Es war eine Fälschung. Einer der Kobolde hat das bestätigt. Anscheinend hat Snape keine Ahnung davon, dass es nicht echt ist. Er hat das Schwert nach Gringotts bringen lassen, in das Verlies von Bellatrix Lestrange, wo es am sichersten ist. "
„Dann war also alles umsonst?"
„Ja. Es tut mir so leid, Hermine."
„Vergiss es wieder, Harry", schrieb sie eilig zurück, bevor er damit anfangen konnte, sich mit Selbstvorwürfen zu bombardieren. „Es war ja nicht deine Idee, dass ich in seinem Büro einbrechen soll."
Eine kurze Pause trat ein, ehe eine Antwort von ihm erschien und Hermine ahnte, dass es ihm immer noch unangenehm war, dass sie in diese Lage geraten war; ein Grund mehr, ihm nichts von der Unterhaltung mit Snape zu erzählen, die sie geführt hatten, bevor er endlich eingewilligt hatte, Hermine gehen zu lassen. Harry hatte auch ohne sie schon genug Sorgen am Hals, da würde es ihn nur noch mehr beunruhigen, zu erfahren, dass Snape sie nicht grundlos im Auge behalten wollte. Stattdessen erzählte Hermine ihm in knappen Sätzen von ihrer gemeinsamen Arbeit mit Snape im Labor. Er brauchte nicht die Details zu wissen, nur das Wichtigste. Doch wie erwartet, hielt sich Harrys Begeisterung auch hier in Grenzen.
„Ja, Harry. Ich habe zugestimmt, ob du es glauben willst oder nicht. Zwar nicht direkt, doch ich konnte ihm nicht widersprechen."
„Das hab ich kapiert, Hermine. Aber wieso hast du das getan?"
„Weil er gewisse Dinge weiß. Über dich und Ron und über meine Eltern. Er kennt uns seit Jahren. Denkst du nicht, dass er es da geschafft hat, einiges über uns herauszufinden?"
„Was meinst du damit, er weiß was über deine Eltern?"
„Ich bin mir nicht sicher, wie er dahintergekommen ist, dass sie das Land verlassen haben. Aber Snape ist kein Dummkopf. Er ist jetzt der Schulleiter von Hogwarts. Vermutlich hat er tausend Möglichkeiten, an Informationen heranzukommen, die wir niemals in Betracht ziehen würden. Ich will damit nur sagen, du und Ron, ihr solltet vorsichtig sein, was ihr in der Gegenwart von Phineas tut."
„Denkst du, Snape hat jemandem von deinen Eltern erzählt?"
„Nein. Trotzdem war es eigenartig, dass er davon angefangen hat, sie zu erwähnen."
„Finde ich auch. Mir gefällt es nicht, wenn du dich auf eine Abmachung mit ihm einlässt. Er wird versuchen, dich weichzukochen. Selbst dann, wenn er dich nicht direkt danach fragt, was ich vorhabe, wird er versuchen, sich hintenrum etwas zu erschleichen, das er wissen will. Du musst extrem vorsichtig sein, Hermine."
„Das weiß ich, Harry. Ich denke, dass er ahnt, dass ich nur eingewilligt habe, um ihm einen Vorwand zu liefern, mich unter Dach und Fach zu halten. Wir haben einen unausgesprochenen Deal vereinbart, einen Waffenstillstand, verstehst du?"
Harry verstand nicht, aber Hermine ging es nicht anders, als sie eingehender darüber nachdachte. Sie wusste nur, dass sie sich auf ein gefährliches Spiel eingelassen hatte. Ein langgezogenes Gähnen lag auf ihrem Gesicht, das sie nur schwer zurückhalten konnte, womit sie beschloss, sich endlich schlafen zu legen.
Die nächtlichen Aktivitäten in den Kerkern hatten an Hermine so deutlich ihre Spuren hinterlassen, dass auch Ginny anfing, sich Sorgen zu machen, als sie sich am nächsten Morgen nach dem Aufstehen begegneten. Unbeholfen wehrte Hermine ihre Fragen ab. Sie hatte keine Lust, ihrer Freundin zu erzählen, was sich vergangene Nacht in Snapes persönlichem Labor, wie sie es finster nannte, abgespielt hatte. Es war schon beunruhigend genug, dass sie im Stillen angefangen hatte, sich mit seinen Motiven auseinanderzusetzen, wo es ihr doch gleichgültig sein konnte. Seine Beharrlichkeit aber faszinierte sie auf eine bemerkenswerte Art und Weise, die sie, wie sie zu ihrem Entsetzen feststellen musste, an sich selbst erinnerte. Es war schlicht und ergreifend bemerkenswert gewesen, ihm bei der Arbeit zuzusehen. Noch dazu hatte sie in diesen Stunden eine Menge von ihm gelernt, das ihr im Unterricht bisher verborgen geblieben war. Keiner der Schüler an Hogwarts konnte sich vorstellen, wie es war, mit Snape alleine zu arbeiten. Im Vergleich zu Professor Slughorn war er sehr still und in sich selbst zurückgezogen gewesen. Er hatte kaum ein Wort mit ihr gewechselt, es sei denn natürlich, wenn er ihr seine Anweisungen hingeworfen hatte.
Auch an diesem Abend kehrte Hermine in die Kerker zurück. Die Tür zu Snapes Büro stand offen und so trat sie ein und warf einen Blick ins Innere des verlassenen Raumes. Instinktiv wusste Hermine, dass Snape schon zu arbeiten angefangen hatte. Sie drückte die Bürotür hinter sich zu und ging zum Labor hinüber.
Snape hob nur flüchtig den Kopf, als sie eintrat. Wie es aussah, war er schon seit Stunden zugange. Die Arbeitsplatte, an der er sich zu schaffen gemacht hatte, war überfüllt mit neuen Substanzen und Glasgeräten. Was er jedoch mit der Testreihe von letzter Nacht gemacht hatte, konnte sie nicht erkennen.
„Sir", grüßte Hermine knapp und Snape nickte brummig.
„Wie Sie unschwer erkennen können, Granger, bedarf das Ergebnis unserer letzten gemeinsamen Zusammenarbeit Ihrer Aufmerksamkeit."
Ein süffisantes Lächeln lag auf seinen schmalen Lippen. Zumindest bildete sie sich das ein, nachdem sie seinem Blick gefolgt war, der auffordernd zur anderen Seite des Raumes hinübergeglitten war.
Hermine war kurz davor, einen spitzen Schrei auszustoßen, als sie das Chaos erblickte, das er rund um die Spüle herum angerichtet hatte. Jeder freie Winkel war bis zu eineinhalb Meter hoch mit verdreckten Kolben, Schalen, Rührstäben und sonstigen Gerätschaften vollgestopft. Nur mühsam gelang es ihr, den aufwallenden Zorn nicht lautstark aus sich herauszubrüllen. Am meisten störte sie, dass er es als selbstverständlich ansah, sie zu seiner Verfügung zu haben.
„Soll das jetzt ewig so weitergehen?", fragte sie mit einem finsteren Schnauben, um ihrem Ärger Luft zu machen. „Sie beordern mich hierher und schikanieren mich, Sir?"
Snape drehte sich entschieden von ihr weg, um mit einem Messer auf irgendeiner schrumpeligen Knolle herumzukratzen.
„Ich kann mich nicht erinnern, Sie gebeten zu haben, mir Ihre Meinung kundzutun. Sie wissen, weshalb Sie hier sind, Granger."
Hermine rollte mit den Augen. Dem konnte sie nur bedingt zustimmen. Zwar war ihr bewusst, dass sie eine Strafe verdiente, da sie in sein Büro eingebrochen war, obwohl sie gehofft hatte, dass er nicht weiter darauf herumreiten würde. Was den Rest seiner Absichten anbelangte, war sie jedoch genauso schlau wie zuvor.
„Mir ist nach wie vor schleierhaft, warum Sie das tun, Sir."
„Oh, dann war es also gerechtfertigt, dass Sie in mein Büro eingedrungen sind, ja?"
Das leise Schaben des Messers drang an ihr Ohr und Hermine hatte Mühe, es ihm nicht wegzunehmen. Sie biss sich auf die Lippe und tat ihr bestes, den abgehalfterten Unterton in seiner Stimme zu ignorieren.
„Nein, Sir. Ich möchte nicht unhöflich sein, aber ich will damit nur sagen, Sie brauchen mich hier unten nicht wirklich. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Sie mich um sich haben wollen, um Sie zu unterhalten, wo Sie ohnehin kaum mit mir reden, denn offengestanden scheinen Sie mir nicht besonders gesellig zu sein. Sie sind ein Zauberer und könnten alles mit dem Zauberstab erledigen, anstatt sich mit meiner Gesellschaft abzugeben."
Snape schüttelte den Kopf. „Reden Sie nicht von Dingen, von denen Sie keine Ahnung haben", murmelte er abfällig.
„Aber es ist wahr. In wenigen Augenblicken wäre der ganze Haufen hier gereinigt und Sie hätten mich los. Ich weiß, dass Sie es bevorzugen, alleine zu sein, so wie ich es bevorzuge, in meinem Turm zu sein."
„Auf irgendeinem Turm, Miss Granger", ergänzte er warnend. „Oder haben Sie das vergessen?"
„Das war eine Ausnahme, Professor, ähm, Sir."
Er drehte sich zu ihr um und sah ihr ins Gesicht. Etwas in seinen Augen verriet ihr, dass er langsam genug davon hatte, ihr zuzuhören.
„Wollen Sie tatsächlich versuchen, sich um Ihre Strafe zu drücken? Wie kläglich von Ihnen."
„Nein, das ist es nicht", sagte Hermine schnell, als sie spürte, dass sie rot wurde, während er sie so herausfordernd ansah. „Ich will nur verstehen, weshalb Sie darauf bestehen, dass ich mit Ihnen hier arbeite. Es muss doch einen Grund dafür geben, dass Sie mich zu Ihrer Assistentin gemacht haben."
„Sie sind nicht meine Assistentin. Sie gehen mir zur Hand. Nicht mehr, nicht weniger. Und jetzt kommen Sie endlich in die Gänge."
Hermine runzelte die Stirn. Seine Haltung machte ihr unmissverständlich klar, wie angespannt er aufgrund ihrer Einwände war. Sie spürte, dass es gefährlich werden konnte, jetzt weiter zu drängen, Snape war mit seiner Geduld am Ende. Trotzdem konnte sie die Tatsache, dass sie herausgefunden hatte, was der eigentliche Grund für ihre Anwesenheit in den Kerkern war, nicht länger zurückhalten.
„Warum sagen Sie nicht einfach, dass Sie Schwierigkeiten mit Ihren Händen haben? Das Zittern macht Ihnen Probleme, gewisse feinmotorische Arbeiten auszuführen, nicht wahr?"
Snape starrte sie an. Seine Nasenflügel bebten und Hermine wusste, dass sie voll ins Schwarze getroffen hatte.
„Ich habe Recht, nicht wahr? Sie brauchen Hilfe. Doch anstatt es zuzugeben, nutzen Sie meine Lage aus. Das ist nicht gerade sehr ehrenwert. Aber das überrascht mich kaum. Ich habe nichts anderes von Ihnen erwartet."
Er zuckte wie von Schmerz durchzogen zusammen und presste fest seine Arme an die Seiten.
„Hören Sie auf, über meine Ehre zu reden. Sie haben keine Ahnung von meiner Ehre!"
„Ach nein? Ich weiß genug. Sie haben Dumbledore ermordet. Das genügt mir voll und ganz."
Snape lachte bitter auf. Seine Brust hob und senkte sich schneller denn je und brachte die Knöpfe seines Gewands in Bewegung.
„Was wollen Sie hören, Granger?", fragte er und klang dabei ziemlich verärgert. „Dass ich das Gegenteil behaupte? Sie wissen, was ich bin. Doch das hat mit meiner Ehre gar nichts zu tun, verstehen Sie? Gar nichts."
Hermine fiel glatt die Kinnlade hinunter. Wie konnte er nur so etwas Ungeheuerliches von sich geben?
„Sehen Sie? Sie lügen schon wieder. Wenn Sie an die Ehre glauben, warum haben Sie ihn dann ermordet? Und warum machen Sie mir etwas vor, anstatt mir die Wahrheit über Ihr Problem zu verraten?"
„Das geht Sie nichts an", presste er zwischen den Zähnen hindurch hervor. „Erzählen Sie mir bloß nicht, dass es Sie kümmert, was mit einem verdammten Todesser los ist."
Schaudernd sah Hermine ihn an. Sie konnte den Blick von seinem zerfurchten Gesicht nicht abwenden, das in diesem Moment so gequält vor ihr aufragte, dass es sie zutiefst bereuen ließ, überhaupt damit angefangen zu haben. Warum war er nur so überzeugt von sich und seinen Absichten, dass er versuchte, sich vor ihr zu rechtfertigen? Und wieso fiel es ihr plötzlich so schwer, sich von ihm abzuwenden, obwohl sie wusste, was er getan hatte?
„Warum haben Sie mich nicht den Carrows überlassen?", fragte sie plötzlich, noch ehe sie sich darüber im Klaren war, was sie eigentlich tat. „Warum haben Sie darauf bestanden, mich in Ihre Obhut zu nehmen, als Sie dachten, ich würde mich von diesem Turm stürzen wollen?"
Wie erwartet, antwortete er nicht. In der daraufhin aufkommenden Stille machte sie einen Schritt auf ihn zu. Snape wich zurück, die Brauen abschätzig zusammengekniffen, als würde er sich vor ihrer neugewonnenen Kuriosität in Bezug auf ihn schützen wollen. Seine Lippen vibrierten leicht und Hermine nutzte die Gelegenheit, um sanft weiter zu dringen.
„Warum, Professor? Warum haben Sie all diese Dinge getan?"
Ihr Bemühen, ihre Stimme beständig zu halten, scheiterte kläglich. Sie war zu sehr darauf fixiert, eine befriedigende Antwort von ihm zu erhalten. Dennoch musste sie einsehen, dass es absurd war, was sie tat. Warum konnte sie ihn nicht einfach weiterhin mit derselben Missachtung strafen, wie sie es zuvor auch getan hatte? Warum hatte sie immer wieder das Gefühl, dass irgendetwas an der Sache nicht stimmte?
Er schluckte hart. „Gehen Sie an Ihre Arbeit, Miss Granger. Augenblicklich."
Hermine wollte darüber lachen. Sie spürte, dass er verunsichert war und es ihn große Überwindung kostete, so zu tun, als ob nichts geschehen oder gesagt worden wäre.
„Nein", sagte sie beharrlich. Sie ertrug es nicht länger, von ihm zum Narren gehalten zu werden. Sie wollte wissen, was er vor ihr verbarg und ihn aus der Reserve locken. „Das werde ich erst, wenn Sie mir gesagt haben, was hier los ist."
Mit klopfendem Herzen wagte sie einen weiteren Schritt auf ihn zu und stand nun unmittelbar vor ihm.
„Warum lügen Sie mich an, Professor? Warum wollen Sie, dass ich glaube, alles wäre Ihnen gleichgültig?"
Snape stutzte. „Gleichgültig? Sie überschätzen sich gewaltig, Granger."
„Tue ich das? Ich glaube vielmehr, Sie haben Angst davor, jemand könnte herausfinden, dass Sie etwas zu verbergen haben."
Diesmal war es Snape, der ihr zuvor kam. Er schien sich wieder unter Kontrolle zu haben und legte mit einem eigentümlichen Funkeln in den Augen den Kopf schief.
„Haben wir das nicht alle?", entgegnete er gefasst. „Jeder hier hat seine Geheimnisse, Sie und mich eingeschlossen. Wagen Sie es also nicht, etwas anderes zu behaupten. Ich weiß, dass Sie mit Potter in Kontakt stehen. Es braucht nicht viel, um sich das zusammenzureimen. Lassen Sie uns nur hoffen, dass niemand sonst dahinterkommt. Seit Anfang an versuchen Sie und Ihre Freunde, mich zu sabotieren. Darum sind Sie schließlich hiergeblieben, nicht wahr?"
Eine seiner Brauen rutschte erwartungsvoll in die Höhe, woraufhin Hermine stumm kehrtmachte, um mit ihrer Arbeit zu beginnen. Das Letzte, was sie gewollt hätte, wäre gewesen, Harry da mit hineinzuziehen.
Auch in den darauffolgenden Nächten beanspruchte Snape Hermines Anwesenheit. Während ihrer Aufenthalte im Labor redeten sie nicht viel miteinander und jeder machte stets da weiter, wo er zuvor aufgehört hatte, es sei denn, sie versuchten es mit einer neuen Testreihe. Allmählich war Hermine dabei, sich mit seiner Gesellschaft abzufinden. Es war weitaus angenehmer geworden, ihn und seine Launen zu ertragen, seit sie aufgehört hatte, ihm Fragen zu stellen. Natürlich hieß das nicht, dass sie auch damit aufgehört hatte, sich im Stillen ihre Gedanken über alles zu machen, aber wenigstens in seinem Beisein gelang es ihr, sich nicht weiter darüber zu äußern. Was Hermine ganz besonders auffiel, war, wie sehr sie angefangen hatten, ihre Arbeitsabläufe schweigend zu koordinieren. Immer häufiger kam es vor, dass sie ihm mit den Apparaturen direkt zur Hand ging, ohne dass er sie dazu auffordern musste. Mit Sicherheit war dieses eingespielte Verhalten darauf zurückzuführen, dass sie Fortschritte machte, was den Lernprozess des ganzen Vorhabens anbelangte, aber auch, weil sie aufgehört hatte, jedes Mal panisch vor ihm zurückzuschrecken, wenn er sie anfuhr, weil irgendetwas nicht so verlaufen war wie von ihm gewünscht.
Bisher hatten sie eine ganze Reihe an Versuchen und Testläufen absolviert und wie immer erfuhr Hermine nicht, was mit dem Ergebnis ihrer Arbeit geschah. Snape hatte die Angewohnheit, sie jedes Mal, wenn sie fertig waren, wegzuschicken. So kam sie manchmal erst weit nach Mitternacht aus den Kerkern, ein andermal etwas früher, zum Beispiel dann, wenn er zu Voldemort gerufen wurde und sie vorzeitig entließ. Auch darüber verloren sie kaum ein Wort. Es war besser so. Für beide, wie sie finster feststellte. Alles in allem verliefen die gemeinsamen Stunden im Labor weitaus friedlicher als man es aufgrund ihrer Anfangsschwierigkeiten vermutet hätte. Hermine wusste ziemlich bald, wie weit sie sich aus dem Fenster lehnen konnte, was sie zu ihm sagen durfte und was nicht. Wenn es gefährlich wurde, nahm sie sich um des lieben Friedens Willen zurück. Manchmal wagte sie es trotzdem, die Grenzen zu überschreiten, doch das Ergebnis war dann zumeist alles andere als zufriedenstellend.
Es war erstaunlich, aber nach all dieser Zeit mit Snape in den Kerkern galten Hermines größere Bedenken nicht mehr dem Zaubertränke-Meister an ihrer Seite, sondern vielmehr Harry und Ron. Die beiden hatten einen ziemlichen Tiefpunkt auf ihrer Flucht vor den Todessern und Greifern erreicht, die in Scharen das Land durchkämmten, um herauszufinden, wo Harry Potter sich versteckt hielt. Wann immer Hermine sich mit ihren Freunden austauschte, bekam sie nur noch sehr sporadische Antworten, ein deutliches Zeichen für den Unmut, der zwischen ihnen herrschen musste. Weder Harry noch Ron schienen sonderlich viel miteinander zu reden und Hermine fürchtete schon, Ron könnte irgendwann die Hoffnung verlieren und einfach aufgeben. Mehrmals hatte sie bereits versucht, zwischen den beiden zu vermitteln, doch es war immer dasselbe mit Ron, er wollte einfach nicht mehr so weitermachen.
„Ich habe keine Lust mehr, mir in diesem Zelt den Hintern abzufrieren ... Ich will wissen, wie es Mum und Dad geht ... Wenn das so weitergeht, werden wir hier noch verhungern ..."
„Das wissen wir, Ron", versuchte Hermine ihn zu beschwichtigen. „Bitte, ihr dürft euch jetzt nicht zermürben lassen. Ihr seid Freunde und bald ist Weihnachten."
„Pah, Weihnachten. Wen interessiert schon Weihnachten, wenn es niemanden gibt, mit dem man es feiern kann?"
Hermine rollte mit den Augen, als sie zurückschrieb. Aber auch die Nachrichten von Harry waren nichts als trostlos.
„Er geht mir tierisch auf den Senkel, Hermine. Ständig meckert er rum, dass wir nichts zu essen haben. Soll er sich doch was besorgen! Ich muss den Gürtel schließlich auch enger schnallen."
„Er meint es nicht so, Harry. Er ist in Sorge um seine Familie. Er vermisst sie ..."
Hermine wusste selbst nicht, ob sie das glauben sollte, was sie an die beiden schrieb. Einerseits war sie immer wieder dafür zuständig gewesen, die Stimmung aufzuheitern. Andererseits hatte auch sie es langsam satt, dass sich keine Erfolge einstellten. Zudem befürchtete sie, dass der Horkrux, den die Jungs bei sich hatten, seinen schlechten Einfluss auf sie geltend machte und das Negative, das sie begleitete, nur noch verstärkte.
Eines Abends in den Kerkern, Hermine und Snape waren gerade damit beschäftigt, eine neue Reihe verschiedener Substanzen miteinander zu kombinieren, die dabei helfen sollten, offene Wunden zu heilen, kam Hermine ein Gedanke.
„Sie stellen das alles gar nicht für sich selbst her, nicht wahr?"
Auf Snapes dünnen Lippen tauchte das übliche seichte Grinsen auf, das ihr zu Anfangs immer so zuwider gewesen war. Jetzt, da sie wusste, dass es seine Art war, so zu reagieren, war das anders.
„Wieder einmal auf der kuriosen Seite unterwegs, Granger? Ich hatte mich schon gefragt, wann es soweit sein würde."
„Können Sie mir nicht einfach nur einmal eine Frage beantworten, Professor, ohne mich dabei dumm aussehen zu lassen? Es ist nicht besonders nett von Ihnen, mich hier schuften zu lassen, ohne mir etwas entgegenzukommen."
In Wahrheit hatte sie nicht darauf eingehen wollen. Sie war es inzwischen gewohnt, von ihm aufgezogen zu werden, sobald sie etwas sagte, das ihm nicht behagte. Umso erstaunter war sie von seiner Reaktion.
Snape seufzte und eine Handvoll seiner langen Strähnen fiel ihm vor die Augen, sodass sie den Ausdruck auf seinem Gesicht nur schwer entziffern konnte.
„Nein", sagte er unerwartet sanft. „Früher oder später wird es einen Kampf geben, Miss Granger. Das Schloss ist zweifelsohne eines der Ziele, die einem unmittelbaren Angriff ausgesetzt sein werden."
Hermine war wie vor den Kopf geschlagen. Das war es also? Er verbrachte doch tatsächlich jede freie Minute hier unten, um den Vorrat der Schule an Medikamenten aufzustocken?
Vorsichtig wagte sie sich näher an ihn heran und blieb vor ihm stehen.
„Sie meinen das wirklich so?", fragte sie leise und legte ihre Hand auf seinen Arm, um seine ungeteilte Aufmerksamkeit zu erhalten.
Snape zuckte zusammen und sah sie mit seinen wilden schwarzen Augen an. Wie so oft wirkte er beunruhigt, wenn sie ihm so nahe war.
„Hier unten in den Kerkern wird man am wenigsten danach suchen, sollte die Schule in Bedrängnis geraten."
So plötzlich, wie er zu sprechen begonnen hatte, verstummte er wieder und zerrte an seinem Arm, bis Hermine von ihm abließ.
„Es ist nur logisch, Miss Granger. Wenn er vorhat, etwas auszulöschen, wird es nichts sein, was mit Slytherin zu tun hat. Die Kerker wären der Ort, den er um jeden Preis erhalten möchte. Auf den Rest legt er keinen besonderen Wert."
Hermine fröstelte. Sie wusste nicht, ob er es beabsichtigt hatte, ihr damit Angst einzujagen, jedenfalls hatte es funktioniert.
„Aber das ist … was Sie sagen, klingt grauenvoll. Voldemort -"
„Sagen Sie diesen Namen nicht!", zischte er sie an. „Niemand darf ihn sagen. Er ist verflucht, begreifen Sie das denn nicht? Jeder der ihn sagt, rennt ins Verderben."
„Es ist doch nur ein Name", gab sie abwertend zurück. Sein kleiner Ausbruch war ein weiterer Beweis dafür, wie sehr er sich von einer Sekunde auf die andere in etwas hineinsteigern konnte.
„Nein, ist es nicht", behauptete er hart. „Sie glauben mir vielleicht nicht, aber besonders in letzter Zeit ist es immer wieder zu überraschenden Angriffen gekommen, sobald dieser Name irgendwo gefallen ist. Er zieht zu viel Aufmerksamkeit auf sich."
„Sie meinen, jemand hat mit Absicht einen Zauber darauf gelegt? Aber wieso sollte jemand so etwas tun?"
Snape verzog das Gesicht zu einer unschönen Grimasse, ehe er den Blick von ihr nahm. Er wirkte durcheinander. Es entsprach ganz und gar nicht seiner Art, sich so ungezwungen mit jemandem zu unterhalten, denn normalerweise hatte er niemanden, mit dem sich die Gelegenheit für einen derartigen Austausch ergab.
„Ist das nicht offensichtlich? Hier an der Schule sind Sie in Sicherheit. Aber außerhalb gelten nun einmal andere Gesetze. Jeder, der diesen Namen sagt, muss damit rechnen, in eine Falle zu geraten."
Da war es wieder, dieses Gefühl, das ihr sagte, dass alles, was mit Snape zu tun hatte, ganz anders war, als es den Anschein hatte. Bereits zum wiederholten Male hatte er ihr nun einen Anlass gegeben, seine Absichten und Handlungen infrage zu stellen.
In ihren Vermutungen bestätigt streckte sie die Hand nach ihm aus, um ihn dazu zu bringen, sie anzusehen. Erst im allerletzten Moment zögerte sie. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, das zu tun? Schnell zog sie ihre Hand wieder zurück und ließ sie sinken.
„Wenden Sie sich nicht von mir ab, Professor", sagte sie dann in einem leisen Flüstern. „Reden Sie mit mir. Sagen Sie mir, was Sie sagen wollen."
Er schluckte sichtbar und reckte den Kopf in die Höhe, sodass Hermine einen eigenartigen Stich verspürte. Sie wusste, dass es vorbei war. Ebenso unerwartet, wie er angefangen hatte, auf sie zuzugehen, trat er wieder zurück.
„Es gibt nichts mehr zu sagen, Granger", murmelte er mit rauer Stimme, die schwarzen Augen abwesend in den Raum hinein gerichtet.
Natürlich tut es das, dachte sie insgeheim. Er konnte sich nur nicht dazu überwinden, es auszusprechen.
