Hallo, Leute!

Erst mal lieben Dank, dass einige von Euch trotz der sehr ruhigen Zeiten im deutschen Teil dieses Forums der Story und mir treu bleiben - und das auch noch mit einem lieben Review kundtun!

Speziell für Euch geht es heute weiter! Vielleicht werden einige Fragezeichen gelöst - vielleicht kommen neue hinzu?

Viel Spaß beim Lesen - und auch heute schon im Voraus meinen allerherzlichsten Dank für ein Review :-)

GLG
Ann

Vertraust du mir? -Part 9-

Deans Herz setzte zwei Schläge lang aus, um dann umso heftiger wieder loszurasen.

Schnell griff er sich einen Stuhl und ließ sich neben seinem Bruder nieder.

Weit vorgebeugt, um dem Jüngeren ins Gesicht sehen zu können, mit auf den Oberschenkeln abgestützten Armen fragte er leise: „Sammy – bist du das?"

Er konnte selbst die Furcht und die Hoffnung hören, die in seinen Worten mitschwangen.

Sam nickte.

„Ich habe wenig Zeit." erklärte er hastig und blickte von einem zum anderen, „Sie ist immer nur kurzzeitig weggetreten, wenn ich Hunger habe oder esse. Aber sie wacht jeden Moment wieder auf, und ich bin zu schwach, um sie abzuwehren."

„Wer, Sam - wer ist ‚Sie'?" schaltete sich Bobby ein.

Deans Erleichterung wich konzentrierter Aufmerksamkeit.

„Dasselbe wie Hermine Granger." antwortete Sam und sah seinen Bruder eindringlich an.

Der runzelte die Stirn. „Harry Potter?" Aus der erneuten Anspannung heraus fuhr Dean seinen Bruder an: „Was sollen diese Rätsel!"

„Wer ist diese Granger?" fragte Bobby.

„Eine H…" wollte Dean antworten, doch Sam verschloss ihm mit einer Hand den Mund.

„Sie kommt nicht an meine Gedanken heran – aber sie kann alles hören!" flüsterte der Jüngere eindringlich.

Dean schaltete schnell und nickte.

Sam ließ seine Hand wieder sinken.

„Okay – sie ist dasselbe wie Miss Granger. Und wie kriegen wir sie aus dir heraus?"

Sam wirkte auf einmal, als lausche er in sich hinein, schüttelte kurz verzweifelt den Kopf und seine Gedanken schlugen Purzelbaum, während er mehrfach die Augen zukniff und wieder öffnete.

Dean packte ihn an den Schultern, schüttelte ihn sacht und bat eindringlich: „Bleib wach! Du musst uns helfen!"

Entschlossen riss Sam die Augen wieder auf und flüsterte: „Nicht Alister – Aleister! Aleister Cr…" Noch bevor er das Wort zu Ende sprechen konnte, krümmte er sich urplötzlich und stöhnte schmerzgepeinigt auf.

„Sam!" rief Dean erschrocken und packte die Schultern des Jüngeren fester, um zu verhindern, dass er vom Stuhl kippte. Sams Kopf stieß schwer gegen das Schlüsselbein seines Bruders, als er mit vor Anstrengung zitternder Stimme murmelte: „Sucht Joster McKenzie in Jamestown!"

Seine Bemühungen wurden mit einem erneuten Schub brutaler Schmerzen belohnt, und seine Augen schlossen sich krampfhaft.

Sam!"

Dean wurde schier wahnsinnig vor Sorge, und er spürte mehr, als dass er es sah, wie Bobby an Sams Seite stürzte, als dieser auf einmal erneut sprach: „Lasst mich in Ruhe. Sofort!"

Sein vorher schmerzverzerrter Tonfall war eisiger Kälte gewichen.

„Sammy!" flehte Dean leise.

„Lass mich los – oder ich …werde leiden!" kam es erneut auf eine Weise aus Sams Mund, die Dean und Bobby die Nackenhaare zu Berge stehen ließ.

„Okay - okay!" gab Dean widerwillig nach und zwang sich, die Hände von den Schultern seines Bruders zu nehmen, obwohl sich alles in seinem Inneren dagegen sträubte.

Langsam richtete der Jüngere sich wieder auf und öffnete die Augen – und mit grimmiger Wut erkannten die beiden Älteren den inzwischen vertrauten, glasigen Blick – und ein arrogantes, zufriedenes Lächeln.

Dean ballte die Hände zu Fäusten und spürte Bobbys Hand schwer auf seine Schulter sinken, als wolle er ihn von einer Dummheit abhalten.

„Ist okay, Bobby!" murmelte er deshalb und stand auf, um Abstand zwischen sich und diesem - Miststück zu schaffen, das seinen Bruder offenbar wieder fest im Griff hatte.

Sam wandte sich in aller Ruhe, als sei nichts geschehen, dem Teller mit dem Spinat zu und verkündete: „Und nun will ich den Rest der Nahrung zu mir nehmen. Sie bekommt meinem Körper außerordentlich gut!"

-s-s-s-s-

Etwa eine viertel Stunde später waren Bobby und Dean allein. Sam hatte sich wieder in sein Bett zurückgezogen, jedoch nicht, ohne vorher das Gemüse bis auf den letzten Rest herunter zu schlingen.

Dean war es bei dem Anblick beinahe übel geworden.

Nun saßen die beiden Älteren am Esstisch, jeder ein leeres Glas Whisky vor sich.

In Dean tobte ein emotionales Chaos. Deshalb war er dankbar, als Bobby begann, das eben Erlebte zu kommentieren.

„Ich weiß, Dean, es war furchtbar, Sam so zu sehen." begann dieser ruhig. „Doch es war nicht umsonst - immerhin haben wir endlich neue Ansatzpunkte!"

Dean sah auf und Bobby konnte erkennen, dass er sich mit aller Macht zusammenriss, um sich auf die vor ihm liegende Aufgabe zu konzentrieren.

„Du hast recht." stimmte er dem Freund zu. „Mit dem Moribar lagen wir völlig falsch. Es handelt sich um eine Hexe."

Bobby runzelte die Stirn. „Wie kommst du darauf?"

„Du vergräbst dich zu sehr in alten Büchern, deshalb rauscht die moderne Literatur völlig an dir vorbei." versuchte Dean zu spotten, doch seinem Humor fehlte jeglicher Biss. Der Ältere sah ihn nur verständnislos an.

„Seit wann bist du ein Anhänger der modernen Literatur?"

Dean wurde tatsächlich etwas verlegen und gab zu: „Ich hab' die Filme gesehen. Jedenfalls ist Hermine Granger eine erdachte Figur, die in einer magischen Welt lebt. Sie ist eine Hexe."

Bobby verstand.

„Sam hat bewusst in Rätseln geredet." stellte er fest, und Dean konnte nur zustimmend nicken.

„Sobald er Klartext gesprochen hat, hatte sie ihn wieder im Griff." fügte der Jüngere bissig hinzu.

„Aber was hat ihn überhaupt erst aus der Lethargie gerissen?" sinnierte Bobby. „Hungrig war er in den letzten Tagen schließlich oft genug, ohne dass er mit uns sprechen konnte. War es sein Widerwille gegen Spinat?"

Dean überlegte kurz und schüttelte dann langsam den Kopf. „Die Hühnerbrühe." erklärte er dann.

Bobby sah ihn ungläubig und auch ein bisschen beleidigt an. „Du meinst, die Erwähnung meiner Hühnerbrühe hat ihn so geschockt, dass er sich wenigstens für ein paar Minuten befreien konnte?" fragte er spitz.

Gegen seinen Willen huschte ein leises Lächeln über Deans Lippen, bevor er erklärte: „Nein, Bobby. Deine Hühnerbrühe war eines der letzten Dinge, die er vor seinem Zusammenbruch erwähnt hatte. Das Wort scheint einen Schalter in seinem Gehirn umgelegt zu haben." Und kurz schilderte er, was Sam in der Hütte zu ihm gesagt hatte, als Dean noch einmal die Augen geöffnet hatte.

Bobby blickte sinnend auf das leere Glas, das er zwischen seinen Fingern drehte und meinte: „Das ist ein wertvoller Hinweis! Offenbar kann Sam alles hören und sehen, was um ihn her geschieht. Und da diese Hexe seine Ohren mitbenutzt…"

„…erfährt sie alles, was wir in Sams Hörweite planen." ergänzte Dean grimmig. „So ein verdammtes Miststück! Sam ist bei vollem Bewusstsein in seinem eigenen Körper gefangen!" Dieser Gedanke war es, der ihm am meisten zusetzte. „Da hätten wir auch genauso gut in dieser verfluchten Hütte bleiben können!" ergänzte er leise.

„Reiß' dich zusammen, Junge!" beschwor Bobby ihn. „Sam hat das für dich getan – und darauf vertraut, dass wir beide ihn da wieder raus pauken! Also überleg lieber, was wir als Nächstes tun!"

Dean stand auf und holte einmal tief Luft, um sich wieder unter Kontrolle zu bekommen. Bobby hatte Recht.

Sam zählte auf sie.

Er umrundete seinen Stuhl, stützte sich mit den Händen an der Rückenlehne ab und sah seinen Freund an.

„Zwei neue Spuren haben wir: Diesen ‚Aleister Cr. ' und ‚Joster McKenzie'. Sagt dir einer der beiden Namen etwas?"

Bobby nickte langsam.

„Aleister Cr. … ‚Cr' steht für Crawford … oder Crowley…Ich habe den Namen irgendwo schon einmal gelesen. Im Zusammenhang mit Magie oder Okkultismus."

„In einem deiner Bücher?" hakte Dean nach.

„Ich denke schon. Was hat Sam noch einmal in der Hütte zu dir gesagt?"

„Aleisters Grimwar - oder doch Grimoire? Ist dieser Kerl vielleicht ein Hexenmeister?" überlegte Dean laut.

„Ich weiß es nicht, aber ich habe so eine Idee, wo ich etwas finden kann." Bobby stand entschlossen auf und schlug vor: „Du solltest dich auf die Suche nach diesem Joster McKenzie machen."

Dean nickte.

Bobby grinste ihn aufmunternd an. Endlich gab es konkrete Hinweise, denen sie nachgehen konnten.

Dean antwortete mit einem ermutigten Lächeln und griff sich den Laptop.

-s-s-s-s-

Derweil lag Sam wie schon viel zu oft in den letzten Tagen auf seinem Bett, dicht zusammengerollt, als könne er sich so vor der Hexe schützen.

Das war natürlich ein Trugschluss.

Sie saß schließlich in seinem Kopf fest.

Und auch wenn sie nicht in seine Gedanken und Erinnerungen eindringen konnte, so hörte er doch ihre Stimme.

Sam, Sam – das war eben überaus unklug von dir! ' raunte sie ihm zu.

Er schwieg.

Ich spreche zu dir! ' schnurrte sie und versetzte ihm gleichzeitig einen winzigen Stich, der ihn kurz zusammenzucken ließ.

Ich bin sehr zufrieden mit unserer Situation – deine beiden Gefährten kümmern sich gut! Aber ich will nicht, dass du sie auf falsche Gedanken bringst! Verstehst du mich?'

Immer noch klang ihre Stimme freundlich und einschmeichelnd.

Sam hatte in den letzten Tagen gelernt, sie zu hassen.

Er schwieg weiter.

Der folgende Stich war wesentlich heftiger. Eine deutliche Warnung.

Ich vertraute dir', erklärte sie, und dieses Mal hatte die Stimme in Sams Kopf einen betrübten Beiklang.

Ich habe dir von Joster erzählt, damit du mich besser verstehst. Ich habe dir gewisse Freiheiten über deinen Körper gewährt – und du missbrauchtest mein Vertrauen und meine vorübergehende Schwäche auf schändliche Weise.'

Sam lauschte wider Willen dieser lautlosen Stimme.

‚Du warst es schließlich, der mich gerufen hat – hast du das vergessen? 'fuhr sie in tieftraurigem Ton fort. ‚Ich habe getan, worum du batest! Er ist frei. Du aber bist mir Loyalität schuldig! ''

Innerlich seufzte Sam auf. In gewisser Weise hatte sie Recht…

Dieser Gedanke war es, der ihn in den letzten Tagen daran gehindert hatte, ihr ernsthaften Widerstand entgegenzusetzen. Das Gefühl, ihr etwas für Deans Rettung schuldig zu sein.

Trotzdem ertrug er es von Stunde zu Stunde weniger, von ihr beherrscht zu werden.

Und als er vorhin in der Küche Deans unendliche Enttäuschung und Sorge wahrgenommen hatte, war es einfach zu viel für ihn gewesen. Urplötzlich hatten ihm seine letzten eigenständigen Momente in der Hütte vor Augen gestanden – und Deans blindes Vertrauen in sein Versprechen, sie beide zu retten.

Er musste einfach den kurzen Moment der Unachtsamkeit nutzen, den sie immer hatte, wenn sein Körper nach Nahrung verlangte.

Er musste Bobby und vor allem Dean ein Lebenszeichen geben.

War das die richtige Entscheidung gewesen?

Was schuldete er ihr?

Auch wenn sie seine Gedanken nicht lesen konnte, spürte sie seinen inneren Widerstreit und versuchte, diesen für sich zu nutzen: ‚Stell dich nicht gegen mich, und es kann dir viele, viele Menschenjahre lang gut dabei gehen…Andere vor dir haben sich hervorragend damit arrangiert – es sollte auch dir möglich sein…'

Wieder nahm ihre Stimme diesen süßen, verlockenden Tonfall an: ‚Vergiss einfach dein altes Leben – mir zu entkommen ist unmöglich…

Es ist noch keinem gelungen…

Es bereitet dir nur unnötige Schmerzen und Qual…

Doch ergib dich mir völlig – und du musst nie wieder unter irgendwelchen Mühen oder Sorgen leiden…'

Sei still, Gillian! ' fuhr Sam sie in Gedanken an.

Er spürte ihr selbstzufriedenes Lächeln, das über sein Gesicht huschte – und rollte sich verzweifelt noch fester zusammen.

tbc