Sie hatte nun Zeit, um darüber nachzudenken, was genau es war, das nicht stimmte und auch, wenn sie ein leichtes Schaudern vor der eigenen Kühnheit überkam, fühlte sie sich besser, nachdem sie diese Abmachung getroffen hatte und wandte sich ab, um ins Haus zurückzukehren.
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ACHT
Miss Granger kam zurück, bevor Severus sich auf den Weg machen musste, um sie zu suchen.
Wahrscheinlich hatte sie Recht und konnte erwarten, dass er ihr vertraute, zumindest soweit, dass er sie alleine spazieren gehen ließ. Schließlich war sie kein Dummkopf und schien endlich begriffen zu haben, worum es hier ging. Es würde die Dinge auch für ihn vereinfachen, wenn sie nicht ständig um ihn war.
Direkt nachdem sie in das Haus zurückgekehrt war, ging Hermine in ihr Zimmer und kehrte kurz darauf mit einem Stapel Bücher unter den Armen ins Wohnzimmer zurück.
„Hatten Sie nicht gesagt, Sie hätten nichts zu Lesen dabei?", knurrte Severus sie an, als sie es sich mit den Büchern am Esstisch bequem gemacht hatte.
Mit einem verschmitzten Lachen wandte sie sich zu ihm um.
„Damals machte sich der Vorwurf mit der Entführung so nett- und außerdem wollte ich unbedingt Ihre Bücher durchwühlen. Tatsächlich will ich es immer noch. Darf ich?"
Einen Moment lang starrte Severus sie verdutzt an.
Wenn er gewusst hätte, welch positiven Einfluss ein Spaziergang am Meer auf sie haben würde, hätte er sie vor Tagen schon hinaus gescheucht.
„Machen Sie nur. Hauptsache, Sie lassen mich in Ruhe", brummte er und wandte sich wieder seiner Arbeit zu.
Schließlich schien Miss Granger ein Werk entdeckt zu haben, das sie fesselte und sie setzte sich mit dem Buch auf das Sofa am Kamin, rollte sich darauf ein wie eine Katze und begann zu lesen. Zwischendurch wanderte ihr Blick jedoch immer wieder aus dem Fenster. Sie schien in Gedanken weit weg zu sein. Ob es ihr auffiel, dass heute abnehmender Halbmond war? Der Fluch hatte Hermine an einem Vollmond ereilt, das bedeutete, dass Severus bis zum nächsten Vollmond Zeit blieb, um ihn aufzuhalten. Eine Woche war schon um.
Beinahe hastig begann er, die vorbereiteten Basen mit verschiedenen Mineralproben zu versehen. Bald würde sich zeigen, welche tatsächlich in dem Gift vorhanden waren und dann musste er nur noch die genaue Dosierung herausbekommen.
Die Wartezeit nutzte Severus, um mit leisem Bedauern die Gegenstände beiseite zu räumen, die er für sein ursprüngliches Projekt gebraucht hatte. Es war vollendet. Wenigstens das! Doch sein Einsatz würde noch warten müssen.
Als es Abend geworden war, waren die Kymatographien seiner Versuche noch immer nicht vollständig entwickelt.
Miss Granger saß an seinem Tisch und schien, wie schon in den letzten Stunden, in eines der Bücher vertieft.
Vielleicht sollte er ihr etwas zu essen anbieten. Sie beide hatten außer Kaffee noch nichts zu sich genommen und er formulierte gerade eine entsprechende Frage in seinem Kopf, als ihm etwas auffiel.
„Lassen Sie das!", rief er.
Langsam sah sie auf und blickte ihm mit merkwürdig leerem Blick in die Augen.
Sie sagte kein Wort sondern fuhr fort, sich mit den Rändern der Buchseiten Schnitte an ihren Unterarmen zuzufügen. Es wäre beinahe lächerlich gewesen, wenn es ihm nicht gezeigt hätte, wie entschlossen sie versuchte, sich mit einer derart harmlosen Waffe Verletzungen zuzufügen.
Und offenbar war sie erfolgreich, denn die Ränder des Buches färbten sich bereits rot von ihrem Blut.
Seufzend trat Severus zu ihr und entwand ihr das Buch. Konnte diese Frau sich nicht eine Möglichkeit suchen, bei der keines seiner Besitztümer Schaden nahm?
„Sie verschandeln meine Bücher!", zischte er und ignorierte ihre Versuche, das Buch zurückzuerlangen. Als Miss Granger nach einem anderen Buch greifen wollte, hielt er ihre Handgelenke mit beiden Händen fest.
Sie wehrte sich. Wahrscheinlich tat er ihr weh, weil er sie so fest halten musste, doch das konnte ihn im Moment nicht interessieren. Er bewahrte sie vor weitaus Schlimmerem, nur schien sie in ihrem Zustand völlig unfähig, das zu verstehen.
„Miss Granger! Hermine! Verstehen Sie mich?", rief Severus in dem fruchtlosen Versuch, irgendwie zu ihr durchzudringen, doch sie beachtete ihn gar nicht, sondern versuchte weiterhin seinem Griff zu entkommen.
Dadurch, dass sie saß, war es einfacher für ihn, sie in Schach zu halten, doch er musste wieder viel Kraft aufwenden, um sie daran zu hindern, sich neue Möglichkeiten zur Selbstverletzung zu suchen.
„Bitte! Ich kann das nicht ertragen, ich will nicht mehr...", flüsterte sie und der flehende Ton in ihrer Stimme verursachte ihm eine Gänsehaut. Es war schon soweit! Der Thanatos veränderte sich und Severus erwartete mit leisem Entsetzen, was noch auf ihn zukommen würde. Er hatte eine vage Vorstellung, doch er konnte nicht sicher sein...
Wenige Momente später sank Miss Granger endlich in sich zusammen und er löste langsam seinen Griff um ihre Handgelenke. Deutlich zeichneten sich die Abdrücke seiner Finger auf der hellen Haut ab, ebenso wie die dünnen Schnitte, die sie mit den Buchseiten geschafft hatte.
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Den nächsten Vormittag nutzte Miss Granger wieder für einen Spaziergang und Severus zögerte nicht, ihn ihr zu gewähren. Tatsächlich hatte er die Banne nach ihrem gestrigen Ausgang gar nicht wieder erneuert.
Sie kam zurück, das Gesicht gerötet vom Wind und setzte sich wieder ohne Umschweife an den Tisch, um sich in ihren und seinen Büchern zu vergraben. Severus hatte keine Ahnung was es war, das sie derart beschäftigte und er fragte auch nicht danach. Schulterzuckend wandte er sich wieder seinen Proben zu.
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Am nächsten Tag war Hermine so vertieft in ihre Arbeit, dass sie verwirrt aufsah, als Snape ihr einen Teller Suppe vor die Nase stellte und sich mit einem Weiteren zu ihr setzte.
„Mittag ist schon vorbei und Sie sollten mehr essen", gab er lapidar zur Auskunft. Folgsam räumte Hermine ihre Unterlagen beiseite und widmete sich ihrer Mahlzeit.
Snape schien sich tatsächlich hauptsächlich von Brot, Äpfeln und Dosensuppen zu ernähren- eine fade Zusammenstellung, die ihren ohnehin schwachen Appetit nicht gerade anregte.
Eine Zeitlang löffelten sie schweigend vor sich hin.
Als sie einmal aufsah, bemerkte sie, dass er sie musterte.
„Ich habe nie viel Wert auf Essen gelegt", erklärte er plötzlich und rührte in seiner Suppe herum. „Ich sehe es lediglich als notwendige Nahrungsaufnahme, verstehen Sie?"
Hermine nickte vorsichtig, verblüfft über sein Bedürfnis, ihr das zu erklären.
„Ich sehe, dass Sie zusehends dünner werden und offensichtlich nahrhafteres Essen benötigen, um bei Kräften zu bleiben", fuhr Snape fort. „Ich muss morgen sowieso einkaufen. Wenn Sie besondere Wünsche haben?"
„Kochen Sie denn nie?", fragte sie vorsichtig.
Snape schüttelte mit einem schiefen Grinsen den Kopf.
„In Hogwarts wurde ich versorgt, im St Mungos ebenfalls und seit ich hier lebe... Nun, es ist ja nicht so, dass ich oft Gäste hätte. Es gab nie einen Grund zu kochen. Können Sie es?"
„Nein", gab Hermine zu. „Ich wollte es lernen. In dem Jahr, das ich mit Harry und Ron im Zelt verbracht habe, wurde deutlich, dass das eindeutig nicht zu meinen Fähigkeiten gehört und das hat mich geärgert. Ich habe anschließend Molly ein paar Mal zugesehen, aber sie war zu hektisch, als dass ich wirklich die Chance bekommen hätte, es einmal selbst zu versuchen"
Snape nickte und schwieg eine Weile, bevor er zögernd weitersprach.
„Nun, ich nehme an, es unterscheidet sich nicht zu sehr vom Tränke brauen und das haben Sie doch ganz passabel hinbekommen. Wollen Sie es versuchen? Mir fehlt die Zeit dazu"
Im ersten Moment hielt Hermine das für einen Scherz. Sie sollte kochen? Für Snape und sich? Doch dann kam ihr der Gedanke gar nicht mehr so abwegig vor. Warum eigentlich nicht? Sie beide mussten essen und sie war den Dosenfraß bereits herzlich Leid. Es gab offensichtlich keine Restaurants in dieser Gegend, aus denen sie sich hätten versorgen können.
„Wenn Sie versprechen, dass Sie an meiner Kochkunst nicht so viel auszusetzen haben wie an meinen Tränken"
„Solange Sie nicht versuchen, mich zu vergiften"
„Das wäre nicht besonders clever von mir, nicht wahr?", grinste sie. „Nun gut, ich werde es versuchen. Bringen Sie morgen etwas mit und ich versuche, etwas Essbares daraus zu machen- aber keine Pilze! Ich habe mir nach der Zeit im Zelt geschworen, nie wieder welche zu essen!"
Snape zuckte mit den Schultern.
„Ich habe keine besonderen Abneigungen. Überraschen Sie mich!"
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Am nächsten Morgen ließ Severus Miss Granger allein, um neben den benötigten Lebensmitteln auch ein paar Trankzutaten zu besorgen.
Er hatte zunächst erwogen sie mitzunehmen. Es erschien ihm mittlerweile unwahrscheinlich, dass sie einen Fluchtversuch wagen würde- doch er hatte sich schließlich dagegen entschieden, sich von ihr begleiten zu lassen.
Es war sowohl ein Einkauf als auch eine kleine Flucht seinerseits. Severus hatte noch nie so viel Zeit mit einem Menschen auf so engem Raum verbracht. Wenigstens für ein paar Momente brauchte er das Gefühl, einmal unbeobachtet Luft holen zu können.
Miss Grangers Anwesenheit hinterließ Spuren in seinem Haus. Zunächst hatte Severus sie kaum wahrgenommen, doch sie drängten sich immer deutlicher in sein Bewusstsein, so dass er sie nicht mehr ignorieren konnte.
Es waren kleine Dinge, wie die Decke, die jetzt auf dem Sofa lag. Sie wickelte sich darin ein, wenn sie vor dem Feuer saß. Severus hatte nie eine Decke auf dem Sofa gebraucht. Wozu auch? Es kam ihm absurd vor, sich außerhalb des Schlafzimmers in eine Decke zu wickeln. Aber sie tat es und so lag die Decke dort und wartete darauf, Hermine Granger zu wärmen.
Und dabei brannte auch noch ständig ein Feuer im Kamin, weil ihr kalt war. Er selbst war relativ unempfindlich gegen Kälte und die plötzliche Wärme im Haus hatte ihm beinahe zu schaffen gemacht- bis er auf die glorreiche Idee gekommen war, seinen Gehrock abzulegen und im Hemd zu arbeiten.
Beinahe die Hälfte aller Kisten, die seine Bücher enthielten, hatte Miss Granger mittlerweile ausgeräumt und ihren Inhalt in die leeren Regale eingeräumt, die seine Wohnzimmerwände bedeckten. Und da waren ihre Bücher, die sich mit seinen mischten, auf dem Tisch, auf dem Boden vor dem Sofa...
Schon einige Male hatte Severus es auf der Zunge gehabt, sie mit einer scharfen Zurechtweisung aufzufordern, sich bei ihm nicht derart auszubreiten, doch er hatte jedes Mal geschwiegen. Er scheute die Diskussion, die solchen Worten vielleicht folgen würde. Ihre Tobsuchtsanfälle waren anstrengend genug gewesen, und er war einfach froh, dass nun Ruhe zu herrschen schien.
All diese Veränderungen wurden von ihm lediglich mit einem gewissen Argwohn beobachtet. Sie waren nicht unangenehm, nur ungewohnt...
Für einen gewissen Zeitraum lebte sie bei ihm- und es war an ihm, diesen Zeitraum so kurz wie möglich zu halten.
Er erledigte zunächst all seine Einkäufe in der Winkelgasse, wo er es wie immer schaffte, unerkannt zu bleiben und besuchte dann einen Supermarkt in London. Er hatte es sich angewöhnt, für jeden Einkauf einen neuen Laden aufzusuchen.
Es gab in der Nähe seines Hauses zwar eine kleine Ortschaft, in der man alles Notwenige besorgen konnte, doch Severus vermied es, dorthin zu gehen.
Er wollte nicht als Mitglied der kleinen Dorfgemeinschaft angesehen werden, einfach weil er es tatsächlich nicht war.
Er lebte allein, völlig allein. So hatte er es sich ausgesucht, und so sollte es auch bleiben.
Die Leute aus der Umgebung wussten wahrscheinlich gar nicht, dass das Cottage bewohnt war. Er hatte es vom St. Mungo aus durch einen Makler gekauft. Den Vertrag hatte er mit Tobias Prince unterzeichnet und da ausreichend Galleonen geflossen waren, hatte der Makler sich nicht die Mühe gemacht, diese Angaben zu überprüfen. Wahrscheinlich war er auch froh gewesen, das gottverlassene Gebäude überhaupt loszuwerden.
Das war jetzt seine Behausung geworden. Er hatte sie mit Zaubern geschützt und wenn er jetzt dahin zurückkehrte, würde er sie merkwürdigerweise nicht leer vorfinden.
Als Severus schließlich dort ankam, begrüßte ihn zuerst ein Duft.
Sein Haus hatte, wie jeder Ort, an dem Menschen lebten, einen ganz eigenen Geruch, den man erst wahrnahm, wenn man sich für einige Zeit daraus entfernt hatte.
Sein Haus roch stets etwas staubig, gemischt mit dem leicht stechenden Geruch des Kesselfeuers und diverser Trankzutaten.
Doch jetzt lag eine neue Note darin. Es roch warm, belebt... Er erkannte Shampoo und frischen Kaffee.
Suchend blickte er sich nach Hermine um, als er eingetreten war. Wo war sie? Er hatte erwartet, sie an dem Tisch sitzen zu sehen, mit kritzelnder Feder über ihre Aufzeichnungen gebeugt oder vielleicht auch auf dem Sofa, die nutzlose Decke über sich gebreitet und die Nase tief in einem Buch vergraben. Doch sie war nicht zu sehen.
Es traf ihn völlig unvorbereitet und nahm ihm für einen Moment die Luft.
Verdammt, er hätte sie nicht allein lassen sollen! Was war, wenn der tückische Fluch sich genau diesen Moment ausgesucht hatte, um unberechenbar zu werden? Wie lange war er weggewesen? Eine Stunde?
Unwillkürlich glitt sein Blick über den Boden, halb erwartend, sie irgendwo liegen zu sehen, blass, blutend...
Severus ließ die Tasche, die er auf den Armen trug, fallen.
„Hallo?", rief er und erschrak über den unsicheren heiseren Klang seiner Stimme.
„Oh, Sie sind schon zurück?", erklang es aus der Küche und einen Augenblick später trat Hermine mit einer Tasse Kaffee in den Händen in den Wohnraum. „Ich hab mir gerade einen Kaffee gemacht, möchten Sie...?"
Sie verstummte, als sie die Tüte sah, die auf dem Boden lag und aus der Tomaten und Nudeln herauskullerten. Sie bückte sich und hob eine der roten Früchte auf, die ihr vor die Füße gerollt war.
„Soll ich Ihnen helfen?", fragte sie leise.
„Nicht nötig! Ich bin kein Tattergreis", blaffte Severus ungehalten, griff nach der Tüte und brachte sie, ohne sich um die herausgefallenen Lebensmittel zu kümmern, in die Küche.
Er kam sich idiotisch vor, beinahe in Panik zu verfallen, weil sie sich im Nebenraum einen Kaffee gemacht hatte.
„Diese Tomaten sehen wirklich lecker aus" Miss Granger hatte die verstreuten Lebensmittel aufgehoben und war neben ihn getreten, um sie auf der Arbeitsplatte abzulegen.
„Ich hoffe nur, sie sind es auch noch, nachdem sie meine Kochversuche hinter sich haben"
„Ich bezweifle es", knurrte Severus und verließ die Küche, um sich in den einzigen Raum zurückzuziehen, an dem er von der Gegenwart der jungen Frau verschont blieb- sein Schlafzimmer.
Er zog seinen Mantel aus, während er halblaut über die Affenhitze in diesem Haus vor sich hinschimpfte und ärgerlich seine Schuhe von sich kickte.
An den Geräuschen, die aus der Küche drangen, konnte Severus erkennen, dass sie begonnen hatte, die Einkäufe zu verstauen, und er setzte sich kopfschüttelnd auf sein Bett.
Müde massierte Severus mit Daumen und Zeigefinger seine Nasenwurzel. Sie hatte nichts Falsches getan- und er hasste die Gewissheit, dass er im Unrecht war. Es war so verflixt schwer, mit ihr zusammen zu sein, obwohl sie es ihm so leicht machen wollte, wie er es sich nur wünschen konnte. Natürlich hatte sie ein Interesse daran, ihn bei guter Laune zu halten...
Wenige Minuten, nachdem er in den Wohnraum zurückgekehrt und an seinen Arbeitsplatz getreten war, erschien sie in der Tür und lehnte sich an den Türrahmen.
„Es tut mir leid, wenn ich Ihnen Ungelegenheiten bereite...", sagte sie leise mit gesenktem Blick, während sie einen Kochlöffel zwischen den Händen hin und her drehte.
„Vergessen Sie es", winkte Severus ab und wandte sich seinen Mineral-Proben zu. „Sehen Sie lieber zu, dass Sie etwas Essbares zustande bringen. Ich habe keine Konserve als Notbehelf gekauft"
„Ich hoffe, dass das kein Fehler war, aber ich verspreche, dass ich mich bemühen werde, Ihr Vertrauen zu rechtfertigen"
Severus konnte hören, dass sie grinste, während sie das sagte. Dann verriet das Topfgeklapper, dass sie in die Küche zurückgekehrt war, um ihr Versprechen zu halten.
Eine Stunde später saßen sie sich am Tisch gegenüber, zwei dampfende Schüsseln vor sich.
Er hätte beinahe gelacht über das erwartungsvolle Gesicht, mit dem Miss Granger ihn beobachtete, während er Nudeln mit Tomatensoße aß.
Die Nudeln waren zu weich und die Soße zu flüssig- doch Severus zögerte, das anzumerken.
„Es ist... essbar", murmelte er schließlich, weil sie auf ein Urteil zu warten schien.
Ein amüsiertes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.
„Aus Ihrem Munde ist das ja schon fast ein Lob"
Severus senkte den Kopf wieder über den Teller und zwang sich, ein paar weitere Gabeln des Nudel- Tomaten- Matschs zu essen.
Sein Blick fiel auf ihre Unterlagen, die sie lediglich an den Rand des Tisches geschoben hatte, um nach dem Essen daran weiterarbeiten zu können.
„Was machen Sie da?", fragte er mit einem Nicken auf die Papiere.
Sie schien in Verlegenheit zu geraten, denn sie beschäftigte sich eine Zeitlang damit, Tomatenstückchen auf dem Teller hin und her zu schieben und ihre Gesichtshaut nahm einen hellroten Ton an, der ungewohnt an ihr aussah.
„Sie dürfen nicht lachen, in Ordnung?", murmelte sie schließlich.
Severus reagierte nicht, sondern schaute sie bloß auffordernd an.
Das schien ausreichend ermutigend zu sein und sie atmete tief durch bevor sie antwortete.
„Ich habe in Ihren Büchern über Alchemie eine begonnene Übersetzung gefunden. Sie haben offensichtlich schon seit Jahren nicht mehr daran gearbeitet, denn der letzte Eintrag ist rund 20 Jahre alt. Es ist ein Text von John Helmond..."
Zögernd warf sie ihm einen forschenden Blick zu. Severus runzelte die Stirn, während er sich zu erinnern versuchte, von welchen Unterlagen sie sprach.
„Es stimmt, ich hatte das ganz vergessen", sagte er schließlich langsam. „Es ist schon so lange her..."
Froh über einen Grund, das Essen zu vergessen, legte er die Gabel beiseite und lehnte sich zurück.
„Ich habe mich tatsächlich in jungen Jahren ein wenig mit Alchemie beschäftigt, habe es aber aufgegeben, als..."
Er räusperte sich. „Es war in der Nähe des dunklen Lords nicht angebracht, sich mit dieser Lehre zu beschäftigen. Er betrachtete sie als eine Art Bindeglied zwischen Muggeln und Zauberern, was dem wahrscheinlich auch ziemlich nahe kommt. Natürlich sollte es ein solches Bindeglied nicht geben"
Miss Granger nickte nachdenklich. „Ich muss zugeben, dass mich weniger der Inhalt des Textes, als seine Darstellung reizt. Er ist verschlüsselt aufgeschrieben worden und ich würde gerne versuchen, diesen Schlüssel zu enträtseln"
Mit einer entschuldigenden Geste hob sie die Schultern und sah ihn abwartend an.
Severus war unsicher, was sie von ihm erwartete. Brauchte sie seine Erlaubnis?
„Dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg dabei", gab er probehalber zurück und ihr erleichtertes Lächeln ließ ihn ahnen, dass das die richtige Reaktion gewesen war.
„Mir ist alles recht, was Sie davon abhält, mich bei meiner Arbeit zu belästigen", fügte er hinzu, als er sich vom Tisch erhob und seinen halbleeren Teller rasch in die Küche räumte.
Nach dem Essen richtete die junge Frau sich ihren Arbeitsplatz wieder her und arbeitete weiter an dem Text, von dem sie ihm beim Essen erzählt hatte, während Severus noch immer nach passenden Mineralien suchte.
Die Zeit verflog in stummer Arbeit und die Dunkelheit senkte sich langsam über sie hinab.
Severus hatte gerade die letzte Lampe im Haus entzündet, als ein schwacher Laut durch das Haus zitterte. Miss Granger hatte seinen Namen gerufen und etwas an ihrem Tonfall veranlasste seine Nackenhaare, sich aufzustellen. Es klang flehend, verzweifelt und grauenerfüllt, als sähe sie ein Monster vor sich.
Er eilte zu ihr und sah, dass sie stocksteif auf ihrem Stuhl saß und ihre Schreibfeder umklammert hielt.
Sie schien zum ersten Mal in der Lage oder willens gewesen zu sein, ihm die Warnung zukommen zu lassen, dass der nächste Anfall unmittelbar bevorstand, denn schon im nächsten Augenblick begann sie, mit der Schreibfeder auf ihre Handgelenke einzustechen.
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tbc
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A/N: Die Vorlage für John Helmond ist Johan Baptista van Helmont (1580 - 1644), ein flämischer Wissenschaftler, Arzt, Naturforscher und Chemiker.
