Kapitel 9
Brüder
Die restlichen Entscheidungen waren schnell getroffen und die Rumtreiber packten ihre Sachen. James und Sirius konnten auch von Hogwarts aus zur Arbeit gehen, Tonks durfte auf Grund ihrer Schwangerschaft sowieso nur Büroarbeit leisten und Remus war der mal wieder freie Posten des Lehrers für Verteidigung gegen die dunklen Künste angeboten worden.
Die Erwachsenen hatten kurzerhand beschlossen, Harry für sein letztes Jahr zur Schule zu schicken und hofften sehr seine Vergangenheit möglichst lange vor der Öffentlichkeit geheim halten zu können. Falls sie nicht umhin kamen zu erklären, warum Harry die letzten sechs Jahre nicht zur Schule gegangen war, konnten sie einfach sagen, dass sie ihn vor Voldemort beschützen mussten und ihn deshalb im geheimen zu Hause unterrichteten. Die Tatsache, dass Voldemort sehr an den Potters interessiert ist, war kein Geheimnis gewesen und viele Menschen würden wahrscheinlich glauben, dass die Potters den Tod ihres Sohnes zu seinem Schutz vorgetäuscht hatten und dass er jetzt, da er volljährig war auch endlich zur Schule gehen wollte um seine UTZs abzulegen.
Die Frage, wie der Umzug von statten gehen sollte, war allerdings nicht ganz so einfach, denn dafür mussten sie wohl oder übel das magische Armband von Harrys Arm entfernen und erst in Hogwarts wieder anlegen. Und da noch niemand wusste, was genau von Harry zu erwarten war, würde Dumbledore selbst ihn nach Hogwarts bringen.
„Harry?", fragte Lily freundlich, als sie die Tür zu Harrys Zimmer öffnete und ihm einige Sachen aufs Bett legte.
„Die Umhänge gehören James, ihr seid etwa eine Größe also dachte ich sie würden dir vielleicht passen. Oh, morgen werden wir wahrscheinlich umziehen, Dumbledore holt dich ab und bringt dich dann nach Hogwarts. Dort ziehst du erst mal mit zu uns ins Quartier, bis du dann am ersten September in eins der Häuser kommst. Ich habe mit Dumbledore gesprochen, er meinst du könnest einfach mit den Erstklässlern zusammen sortiert werden kannst.", sagte Lily leichthin. Sie hatte sich in den vergangenen drei Tagen daran gewöhnt, dass Harry niemals antwortete, also redete sie einfach ohne eine Antwort zu erwarten. Wann immer jemand das Zimmer betrat, saß Harry auf seinem Platz vor dem Fenster und las. Er sah nie auf und er reagierte nicht. Die einzigen mit denen er je gesprochen hatte waren Jack und Aurora gewesen, doch den beiden hatten sie erst einmal verboten Harry weiter zu nerven, auch wenn alle wussten, dass man die Beiden nicht lange von Harry fern halten konnte.
„Ich muss noch deine genauen Maße nehmen, damit ich die Schuluniformen machen lassen kann und heute Morgen ist auch deine Bücherliste angekommen, also…", entsetzt fuhr Lily zusammen, als plötzlich ein wütendes Zischen ihren Monolog unterbrach.
„Was denkt ihr Leute eigentlich wer ihr seid?! Und was denkt ihr wer ich bin, hä?!", fragte Harry in einem Ton, der es Lily kalt den Rücken hinab laufen ließ. Harry hatte sein Buch sinken lassen und starrte Lily wütend an.
„Wir… Ich…", stotterte Lily, unfähig etwas zu sagen.
„Ihr sperrt mich hier ein und behandelt mich, als wäre ich irgendein rohes Ei um das man herumschleichen muss. Die meisten Menschen laufen schon schreien weg wenn sie mich nur sehen und ihr wollt mich in irgendeine dämliche Schuluniform stecken und mich mit einem Haufen 11jähriger von einem HUT bewerten lassen?! Wieso begreifen Sie es nicht endlich? Ich bin nicht ihr Sohn! Mein Name ist nicht Harry! Und ich habe auch keinerlei Interesse daran mich irgendwie an Ihrem Familienleben zu beteiligen! Harry Potter ist tot, er starb am 31.10.81 und mehr gibt es dazu nicht zu sagen!"
Lily starrte Harry sprachlos an, Tränen liefen ihr übers Gesicht und sie zitterte leicht, plötzlich drehte sie sich um, rannte aus dem Zimmer und die Treppe hinab, vorbei an Jack, der sich soeben nach oben hatte schleichen wollen.
Jack starrte seiner Mutter hinterher, wie sie weinend in den Garten rannte und plötzlich fühlte er, wie seine Neugierde und Freunde darüber, dass sein Bruder noch am Leben war in puren Zorn verwandelte. Er stürmte die Treppe hinauf und schlug Harrys Zimmertür auf. Noch bevor er den Raum überhaupt ganz betreten hatte schrie er schon: „Was fällt dir eigentlich ein, du mieser Mistkerl?! Ist mir doch scheißegal wen du für deine Eltern hältst oder was du über Mum und Dad denkst. Es ist mir auch scheißegal, ob andere Leute Angst vor dir haben, aber so redest du nicht mit MEINER Mum! Du brauchst nicht einmal sehr freundlich zu ihr sein, aber du wirst dich gefälligst höfflich benehmen! Du hast kein Recht der Welt so mit ihr zu reden!"
Als Jack Luft holte fragte Harry ruhig: „Fertig?"
„Ja.", antwortete Jack knapp.
„Gut. Darf ich dann auch mal was sagen?", fragte Harry lässig. „Ich habe es so satt hier in diesem Zimmer zu sitzen und meinen Füßen beim Wachsen zuzusehen! Hat irgendeiner von euch tollen Leuten mal darüber nachgedacht, dass ich vielleicht auch wieder nach Hause möchte? Nein, habt ihr nicht. Das einzige, was euch interessiert, ist was ihr wollt. Es tut mir wirklich leid, aber ich bin nicht ihr Sohn. Ich bin es vielleicht einmal gewesen, aber das ist Ewigkeiten her. Deine Eltern wollen ihre Familie wieder haben? Das ist ja schön und gut, aber ich möchte lieber zurück zu meiner."
Jack starrte Harry mit offenem Mund an, dann fragte er nur: „Wie nennt deine Familie dich?"
„Was?", fragte Harry überrascht.
„Na, die werden doch nicht Salazar zu dir sagen, oder? Ich meine, mich nennt ja auch niemand Jonathan."
„Zari. Meine Familie nennt mich Zari.", antwortete er ruhig. Jack reichte ihm die Hand und sagte: „Freut mich sehr dich kennenzulernen, Zari. Ich bin Jack."
Die beiden schüttelten höfflich Hände und Zari sagte: „Freut mich ebenfalls sehr, Jack."
„Das Ordenstreffen ist gerade zu Ende gegangen. Ich war zufällig in der Nähe und habe gehört wie…"
„Du warst zufällig in der Nähe?", unterbrach Zari Jack und grinste dabei süffisant.
„Naja, klar. Ist doch egal. Die haben ein Notfallmeeting einberufen, weil Voldemort herausgefunden hat, dass du… äh… gefasst wurdest.", fuhr Jack unbeirrt fort.
Ruckartig kippte Zari in seinem Stuhl nach vorne.
„Mein Vater weiß Bescheid? Das ging schneller, als ich dachte."
„Schneller?", fragte Jack ungläubig, „Du bist seit drei Tagen nicht zu Hause gewesen und es fällt ihm erst jetzt auf, wie kann das denn schnell sein?"
„Ich bin 17. Ich kann tun und lassen, was ich will. Es kommt öfter vor, dass ich mal für ein paar Tage verschwinde.", antwortete Zari nachdenklich.
„Ja aber, musst du nicht irgendwie… Ich mein, hast du nicht irgendwelche Aufgaben oder sowas?", fragte Jack neugierig nach.
„Aufgaben? Es gibt nur einen Menschen, der mir irgendwas sagen kann und das ist mein Vater. Wenn er mich ruft, dann komme ich auch, aber ansonsten bin ich niemandem Rechenschaft schuldig."
„Oh", flüsterte Jack ehrfürchtig, „Ist das nicht seltsam?"
„Nein, wieso? So ist es immer gewesen."
„Wie meinst du das? Soll das heißen, dass du schon als Kind alle anderen herumkommandieren durftest?", lachte Jack.
„Natürlich. Mein Leben ist etwas anders als deins, Jack. Ich habe schon als kleines Kind gelernt zu kämpfen und das viele Stunden am Tag, aber wenn ich Freizeit hatte, dann konnte ich immer machen, was ich wollte. Wer sollte mir auch was befehlen? Von so ein Paar Lakaien meines Vaters lass ich mir doch nichts befehlen.", antwortete Zari selbstbewusst.
„Lakaien?", fragte Jack neugierig.
„Todesser.", antwortete Zari abfällig, „Widerwärtige kleine Speichellecker."
„Ok…", sagte Jack gedehnt, „Aber wenn Todesser widerwärtige Speichellecker sind, mit wem hast du denn als Kind gespielt?"
„Gespielt? Ich hatte wichtigere Dinge zu tun, als meine Zeit mit kindischen Spielereien zu verschwenden."
„Na dann wirst du in der Schule wohl eindeutig der Beste sein.", meinte Jack enthusiastisch.
„Mh, glaub ich nicht. Ich habe mir deine alten Schulbücher angesehen. Viele von diesen Dingen habe ich nie gelernt."
Jacks Kinnlade klappte nach unten: „Heißt das, dass du keine Ahnung von Geschichte der Zauberei und Zauberkunst hast und so?"
„Genau das sagte ich doch gerade.", erwiderte Zari unwillig.
„Aber das geht doch nicht! Du kannst doch nicht nach Hogwarts gehen ohne eine Ahnung von all diesen Dingen zu haben!"
„Augenscheinlich kann ich das sehr wohl.", antwortete Zari tonlos.
„Quatsch, du kannst mich doch nicht so blamieren.", grinste Jack diebisch, „Ich bring es dir bei."
„Was?", fragte Zari überrascht.
„Ich bring es dir bei. Egal ob du willst oder nicht, aber die Leute werden sagen du wärst mein Bruder, also kann ich nicht zulassen, dass du mich blamierst. Sobald wir in Hogwarts sind, kann ich wieder Zaubern, dann haben wir noch zwei Wochen Zeit. Das kriegen wir hin."
„Was willst du dafür?", fragte Zari misstrauisch.
„Nichts… Obwohl, wenn ich so darüber nachdenke… Ich helfe dir, dafür wirst du nett zu Mum und Dad sein."
Einen Moment lang sahen Zari und Jack sich abschätzend an, dann grinste Zari plötzlich und Jack war überrascht ihn das erste Mal lächeln zu sehen.
„Ok Jack Potter, wir haben einen Deal."
„Jack?! Jack, es gibt Essen!", rief Lily die Treppe hinauf.
„Wir kommen!", kam die dumpfe Antwort zurück, „Einen Moment noch!"
„Wir?", fragte Remus leise, „Wer ist denn wir? Aurora ist doch mit Sirius zum Essen bei Phoenix."
Lily schüttelte hilflos den Kopf: „Keine Ahnung was er meint. Vielleicht hat er sich einfach nur an das „Wir" gewöhnt."
„Ja, vielleicht.", scherzte Remus zurück. In eben diesem Moment kam Jack die Treppe hinunter, dicht gefolgt von seinem großen Bruder, der endlich seinen üblichen schwarzen Umhang abgelegt hatte und einfach Jeans und T-Shirt trug. Mit offenem Mund sahen Lily und Remus dabei zu, wie Harry an ihnen vorbei ins Esszimmer ging und sich neben Jack an den Tisch setzte. Er sagte zwar kein einziges Wort, aber Lily konnte die ganze Mahlzeit über nicht aufhören zu lächeln.
