Titel: French Kisses – Teil 9
Autor: lorelei_lee1968
Rating: ab 16
Pairing: DM/OMC
Challenge: „der verlorene Sohn 2008" lj-community Heulende_Huette (Ja – 2008! Ich weiß, ich bin total früh dran…)
Disclaimer: Alles JKR – mir nix
Anmerkungen: diese Story wird nicht Epilog-kompatibel sein… obwohl… vielleicht ja doch…
French Kisses
Seit jenem denkwürdigen ersten Mal war eine Woche vergangen.
Eine Woche, in der sie unter dem Vorwand, alle Schulbücher ausfindig zu machen, alle horizontalen Oberflächen einer eingehenden Stabilitätsprüfung unterzogen hatten.
Tatsächlich hatten sie die Schulbücher alle gleich am nächsten Tag gefunden und per Eulenpost zu Andromeda Tonks Haus geschickt.
Ab und zu fragte sich Draco wie diese ganze Sache mit Pascal und ihm wohl weitergehen würde, oder wie lange Pascal seiner Familie und seiner Arbeit in Frankreich wohl noch fernbleiben würde, doch genaugenommen wollte er es gar nicht wissen.
Er wollte es genießen, solange es dauerte und sich zum ersten Mal in seinem Leben nicht den Kopf über etwas zerbrechen.
Sobald Pascals Lippen hungrig auf seinen lagen, verließ ihn sowieso jeder vernünftige Gedanke, den er je in seinem Gehirn gehabt hatte auf Nimmerwiedersehen.
Allmählich begriff Draco, woher die Redewendung „das Gehirn rausvögeln" kam.
OoooOoooOoooOoooO
Eine perfekte Woche lang, waren sie in dem Häuschen von Remus Lupin völlig ungestört gewesen. So ungestört, dass Sie es nach den ersten zwei Tagen nicht mehr für notwendig hielten, die Haustüre abzuschließen oder mit irgendeinem Zauber zu versehen.
Und so kam es, dass eines schönen Nachmittages Harry Potter mit hochroten Wangen vor ihnen stand.
Pascal lag halb mit offener Hose auf dem Esszimmertisch, während Draco mit offenem Hemd gerade im Begriff gewesen war, vor ihm auf die Knie zu gehen.
Draco wusste im ersten Moment nicht, wie er nun reagieren sollte… Wütend? Ertappt? Beschämt? Entsetzt?
Dann fiel ihm ein, dass er hier ja nur zu Gast war und diese Verantwortung ruhig dem Hausherrn in die Schuhe schieben konnte.
„Pascal", sagte er daher, „Pascal, ich glaube, du hast Besuch." Mit gehässiger Genugtuung registrierte er, dass sich bei diesen Worten Harrys Verlegenheit noch beträchtlich steigerte.
„Das sehe ich", meinte Pascal trocken, stützte sich mit einem Ellbogen auf der Tischplatte ab und wandte sich dann an Harry. „Monsieur Potter, n'est-ce pas? Wie Sie sehen, kommen Sie im Moment etwas ungelegen. Sie hätten Ihren Besuch ankündigen sollen oder wenigstens anklopfen können."
„Ich habe geklopft", verteidigte sich Harry mit hochrotem Kopf.
„Und?", fragte Pascal. „Habe ich Sie hereingebeten?"
„Nein", erwiderte Harry leise und Draco fragte sich, ob es wohl noch zwei oder eher drei Minuten dauern würde, bevor Harry anfangen würde, wie ein verlegener Erstklässler mit den Füßen zu scharren. „Es ist nur… ich… wir… Mrs Tonks hat in den Schulbüchern etwas gefunden und wir waren der Ansicht, es wäre vielleicht auch für Sie von Interesse."
Endlich richtete sich Pascal ganz auf, rutschte von dem Tisch und schloss seine Hose.
„Na schön", seufzte er und warf Draco einen bedauernden Blick zu. „Die Stimmung ist sowieso ruiniert."
Draco erwiderte den Blick mit einem Grinsen und knöpfte dennoch mit leisem Bedauern sein Hemd wieder zu.
„Wollen wir uns nicht setzen?", fragte Pascal und wies mit einer einladenden Handbewegung auf das Sofa und einen altersschwachen Sessel im Wohnzimmer.
„Ja, gut…", erwiderte Harry einsilbig und bedachte Draco mit einem leicht feindseligen Blick. „Eigentlich handelt es sich hier um eine rein familiäre Angelegenheit…"
Für einen kurzen Moment richteten sich Dracos Nackenhaare auf, doch dann sagte Pascal sehr leise: „Alles, was Sie mir zu sagen haben, können Sie auch vor ihm sagen."
„Aber…", fing Harry an.
„Oder Sie können gehen", bot Pascal gleichgültig eine Alternative dar. „Ich wüsste nicht, warum ich nun überhaupt der zweifelhaften Ehre zuteil wurde, plötzlich zu Ihrer Familie dazuzugehören."
Beim Anblick von Harrys betretenem Gesichtsausdruck machte sich in Dracos Brust ein sehr warmes und wohliges Gefühl breit.
Bislang war es einfach nur verdammt guter Sex gewesen. Jetzt war es mehr.
Zum ersten Mal seit langem fühlte er sich bedingungslos akzeptiert.
Instinktiv berührte er mit seinen Fingern ganz leicht Pascals Handrücken und sofort schloss sich die Hand des Franzosen um die seine. Draco schluckte krampfhaft, um den Kloß in seinem Hals loszuwerden, doch es wollte ihm nicht gelingen. Wenn das das Gefühl war, wenn man beschützt und verteidigt wurde, dann könnte er süchtig danach werden.
Nicht, dass er nicht selbst in der Lage gewesen wäre, sich zu verteidigen – nicht, dass er Schutz gebraucht hätte. Aber es war doch eine wundervolle Sache, wenn man plötzlich ungefragt einen tapferen Ritter in schimmernder Rüstung an seiner Seite wusste.
OoooOoooOoooOoooO
Als alle drei jungen Männer Platz genommen hatten – Pascal und Draco auf dem Sofa, Harry auf dem Sessel – fingerte Harry endlich einen Briefumschlag aus seiner Jackentasche.
Er machte Anstalten, ihn Pascal zu überreichen, konnte sich aber offensichtlich nicht dazu durchringen, sondern drehte und wendete ihn zwischen seinen Fingern hin und her.
„Wir haben - das heißt, Mrs Tonks hat diesen Brief zwischen den alten Schulbüchern gefunden, die Remus Teddy hinterlassen hat", erklärte Harry. „Der Umschlag war an Teddy adressiert und Mrs Tonks hat ihn geöffnet." Er nahm den Brief in eine Hand und streckte seinen Arm in Pascals Richtung aus, zog ihn aber wieder etwas zurück.
Draco konnte es nicht mehr mit ansehen.
„Potter, komm zum Punkt", knurrte er. Und aus keinem besonderen Grund – einfach nur, weil er es konnte – schob er noch ein: „Wir haben heute nämlich noch was anderes vor", hinterher.
Wieder schoss Harry das Blut in die Wangen und er senkte verlegen den Blick.
„Auf jeden Fall… sie hat ihn gelesen und ihn dann mir gegeben und ich habe ihn auch gelesen. Und jetzt möchte sie, Mrs Tonks, dass auch Sie wissen, was drin steht. Also… hier… bitte." Endlich reichte er Pascal den Brief, doch dieser nahm ihn nicht entgegen.
Stattdessen verschränkte er die Arme vor dem Oberkörper.
„Der Brief ist an Teddy Lupin adressiert", sagte er kühl. „Dass ihn seine Großmutter liest… von mir aus. Dass Sie ihn als sein Pate gelesen hat… gut. Aber ich habe damit überhaupt nichts zu tun. Sie können nicht einfach entscheiden, ob ich etwas zu lesen bekomme, das…"
„Der Brief ist von Remus. Er war nicht nur Teddys Vater, sondern auch Ihrer", unterbrach ihn Harry und erwiderte den kühlen, verwunderten Blick mit trotzig vorgerecktem Kinn. „Und es geht in diesem Brief hauptsächlich um Sie." Er hielt ihm den Brief noch ein Stück näher hin. „Und jetzt lesen Sie endlich."
Bei Harrys letzten Worten hatten sich Pascals Augen überrascht geweitet.
Widerspruchslos nahm er den Brief entgegen, öffnete den Umschlag, zog ein einzelnes Blatt Pergament hervor, entfaltete es und las.
Obwohl Draco sehr nahe bei Pascal saß und obwohl er vor Neugierde starb, beugte er sich nicht nach vorne, um mitzulesen, sondern lehnte sich etwas zurück in die staubigen Polster des Sofas.
Seine Geduld wurde belohnt. Nachdem Pascal fertig gelesen hatte, reichte er Draco den Brief.
„Lies", sagte er lediglich und blieb dann vorgebeugt sitzen, die Arme auf den Knien abgestützt, den Blick unverwandt auf Harry gerichtet.
„Lies", wiederholte er. „Dann reden wir weiter."
Folgsam senkte Draco seinen Blick auf die gleichmäßige Handschrift, die ihm von den Benotungen seiner Schularbeiten noch vage vertraut war.
OoooOoooOoooOoooO
Mein lieber Teddy
Eigentlich wollte ich schreiben: mein lieber Sohn. Aber das hätte dir wahrscheinlich einen falschen Eindruck vermittelt, denn…
Wenn du diesen Brief liest, dann bin ich entweder tot oder senil, denn dann habe ich vergessen, ihn aus diesem Buch herauszunehmen und ihn zu verbrennen. Haha.
Du hast dich für die Schulbücher interessiert. Meine alten Schulbücher. Das sagt mir, dass du alt genug bist, um gewisse Dinge zu erfahren.
Teddy – ich muss dir sagen, dass du nicht mein einziger Sohn bist. Du hast einen Halbbruder. Vielleicht wirst du ihn mittlerweile schon kennengelernt haben… denn ich will ihm das Haus meiner Eltern hinterlassen. Vielleicht hast du aber erst jetzt zum ersten Mal gehört, dass es ihn gibt.
Es ist eine etwas traurige Geschichte und dein Vater – also ich – gibt darin keine sehr gute Figur ab.
Ich lernte in Frankreich eine junge Frau kennen. Ich will dich mit Details nicht langweilen, es soll genügen, dass ich mich Hals über Kopf in sie verliebte. Doch als diese Liebe Konsequenzen hatte, bin ich vor der Verantwortung einfach davon gelaufen. An dem Tag, an dem sie mir gestanden hatte, dass sie ein Kind von mir erwartete, erhielt ich auch eine Nachricht von James Potter.
Er wusste nichts von dem Mädchen, in das ich mich verliebt hatte… keiner meiner Freunde wusste etwas von ihr. James wollte, dass ich sofort zurückkäme… damals war Voldemort auf dem Vormarsch und der Orden des Phönix benötigte dringend meine Unterstützung.
Ich ergriff diesen Ausweg und ging zurück nach England.
Ich ließ sie in dem Glauben, ich würde zurückkommen.
Aus ihren Briefen erfuhr ich, dass ich Vater eines Sohnes – Pascal – geworden war, doch ich ging nicht zurück.
Voldemort war zwar vernichtet, doch mein ganzes Leben war auf den Kopf gestellt.
Irgendwann schrieb sie nicht mehr.
Ich weiß weder, was aus diesem Kind, noch was aus ihr geworden ist.
Aber ich weiß, dass du es auch nach meinem Tod gut haben wirst. Ich habe dir mit Harry Potter einen guten Paten gegeben. Deine Mutter wird für dich sorgen und du hast eine große Familie, die dich liebt und beschützt.
Für dich ist gesorgt.
Nach meinem Tod will ich daher für meinen ersten Sohn, Pascal, sorgen. Ich hoffe, du kannst das verstehen.
Ich versuche damit, ein wenig die Schuld wieder gut zu machen, welche ich an dem Tag auf mich geladen habe, als ich seine Mutter verließ.
Dein Vater
Remus Lupin
OoooOoooOoooOoooO
Als Draco den Brief mit einem Kopfschütteln wieder an Pascal zurückgab, räusperte sich Harry.
„Ich kann dazu noch etwas erzählen, was die ganze Geschichte… naja, etwas vollständiger macht."
„Ich bin ganz Ohr", erwiderte Pascal tonlos.
„Okay…", fing Harry etwas zögernd an. „Es ist so… damals als Remus und Tonks – also Nymphadora, aber sie konnte diesen Namen nie leiden – also, als die beiden geheiratet haben und Tonks kurz darauf Teddy erwartete, da… da ist sogar mir aufgefallen, dass Remus alles andere als glücklich war. Verstehen Sie? Er wollte dieses Kind eigentlich nicht. Er hatte zu große Furcht, etwas von seiner Werwolf-Natur könnte auf das Kind übergehen." Er holte einmal tief Luft und fuhr dann flüssiger fort: „Als ich mich damals mit Ron und Hermine versteckte, um in Ruhe einen Plan auszuarbeiten, da kam Remus zu mir. Er wollte uns begleiten. Er wollte uns helfen – wie er damals im Orden des Phönix mitgekämpft hatte. Ich fand die Idee zuerst auch ziemlich Klasse… genau so lange, bis mir auffiel, dass er damit seine schwangere Frau und sein Kind verlassen würde. Verstehen Sie, Pascal?" Harry sah nun Pascal direkt in die Augen. „Er wollte es wieder tun. Er wollte wieder die Mutter seines Kindes verlassen, noch bevor es geboren war. Wie damals… bei Ihnen."
„Sie wollen mir damit sagen, dass sich die Geschichte wiederholt hat?", fragte Pascal rau.
Harry nickte.
„Irgendwie schon. Ich bin so wütend auf ihn gewesen. Ich habe ihn verhext und ihn rausgeschmissen. Wenn mein Vater damals von der Sache mit Ihrer Mutter gewusst hätte… vielleicht…hätte er ihn auch überredet zurückzugehen. Nach Frankreich."
Pascal lächelte müde.
„Etwas sagt mir, dass Sie das selbst nicht wirklich glauben."
Schweigen breitete sich über die drei jungen Männer.
Schließlich war es Harry, der als Erster das Wort ergriff.
„Warum ich eigentlich hier bin… Mrs Tonks tut die ganze Sache sehr leid und sie möchte, dass Sie sich auch als zur Familie dazugehörig betrachten."
„Tatsächlich", sagte Pascal trocken. „Und wie ist Ihre Meinung dazu?"
„Ich bin derselben Meinung", sagte Harry mit fester Stimme. „Weder Sie noch Ihre Mutter sind Schuld. Es ist ganz allein Remus Schuld."
Draco merkte, dass Harry diese Worte große Überwindung kosteten, doch er sprach sie dennoch aus.
„Wissen Sie", fuhr Harry fort, „Zuerst haben wir geglaubt, Ihre Mutter hätte Remus sitzen lassen und deshalb waren wir alle bei der Testamentseröffnung etwas gereizt…"
Pascal winkte ab.
„In Ordnung. Lassen Sie es gut sein. Ich akzeptiere Ihr Friedensangebot. Aber eines muss Ihnen klar sein – in dem Moment, in dem Sie mich in Ihren Häusern empfangen, werden Sie auch Mister Malfoy empfangen müssen, denn ich habe nicht vor, auf ihn zu verzichten, während ich mich in England aufhalte."
Wieder breitete sich in Draco dieses wundervolle, warme Gefühl aus – welches dieses Mal noch verstärkt wurde, durch Harrys sauren Gesichtsausdruck.
„Wenn Sie das so möchten…", erwiderte Harry etwas lahm.
„Ja, ich möchte das so", bestätigte Pascal mit dem leicht überlegenen Lächeln des Siegers und in diesem Moment begriff Draco, dass die Malfoys dank Pascal wieder einen Fuß in der Tür hatten.
Dankbar griff er nach Pascals Hand und drückte sie.
Diesen Mann würde er sich warm halten.
OoooOoooOoooOoooO
ENDE
