Charlie Weasley ist fünf Jahre alt.

Charlie Weasley sah sich vorsichtig auf der Treppe im 1. Stock um, dann tapste er Barfuß nach unten.

Es schien als wäre noch niemand wach und das war ihm auch ganz recht so.

Ganz vorsichtig, damit sie auch ja nicht quietschte, öffnete er die Küchentür.

Der sommersprossige Junge atmete tief ein und sog begeistert die kalte Luft durch seine Nasenlöcher.

Ein wenig wirbelte er mit dem alten Umhang herum, den er am vergangenen Abend in der Wäschekammer gefunden hatte, dann rannte er durch das feuchte Gras.

Er kicherte fasziniert als die Grashalme seine baren Füße und Knöchel streiften.

Schließlich ließ er sich in der Mitte der Wiese auf den Rücken fallen und streckte alle Viere von sich.

Die Sonne kitzelte ihn in der Nase und er lachte vergnügt.

Er mochte die ruhigen Minuten, die er früh am Morgen alleine im Garten verbringen durfte, denn viel Ruhe bekam man im Fuchsbau neuerdings nicht mehr.

Nicht das es jemals ruhig bei ihnen gewesen wäre, aber seit dem Mummy die neuen Babys mit nach Hause gebracht hatte ging es nur noch drunter und drüber.

Sie waren jetzt zu fünft.

Fünf Jungs.

Fehlten noch zwei für eine Quidditsch Mannschaft.

Das wäre doch mal ein toller Weihnachts- und Geburtstagswunsch, dachte Charlie fasziniert.

Babys kosteten schließlich nichts – sonst hätten sie ja nicht so viele davon zuhause.

Sein großer Bruder Bill hatte behauptet, dass es die Zwillinge im Sonderangebot gegeben hätte – zwei für einen Preis.

Warum sonst hätte Mummy gleich zwei Schreihälse mitbringen sollen, obwohl sie immer gesagt hatte, dass es nur noch einer werden sollte?

Daddy hatte das super lustig gefunden – Mummy nicht.

Blöd war nur, dass Fred und George (so hießen die beiden Zwerge) noch viel zu klein zum Quidditch spielen waren. Sogar Percy war noch zu jung um auf einem Besen zu fliegen (und er hatte sogar Angst davor), dabei war er schon fast drei.

Es würde noch ewig dauern, bis sie alle zusammen spielen konnten.

Charlie richtete sich halb auf und blinzelte der Sonne entgegen.

Dann würde er wohl auch in nächster Zeit nur Bill haben mit dem er etwas anfangen konnte.

Aber Bill war cool.

Er spielte gerne mit Charlie und das obwohl er zwei Jahre älter war.

Aber das machte eigentlich gar nichts.

Bill war nur ein wenig größer, was es leichter machte, wenn sie an die Kekse oben im Regal wollten.

„Charlie? Charlie!"

Charlie sprang auf und sah zum Haus hinüber.

Dort stand Arthur Weasley und winkte erleichtert, als er seinen zweitältesten Sohn erkannte.

„Komm rein", rief er über die Wiese. „Frühstück!"

Wie der Blitz rannte er zu seinem Dad und an ihm vorbei in die Küche.

„Morgen Mummy", strahlte er.

Molly Weasley lächelte und drückte ihm einen Kuss auf die Haare, bevor er sich auf einen Stuhl schob.

„Warst du wieder draußen, Charlie? Du bist wirklich ein kleiner Frühaufsteher, hm?"

Charlie schüttelte vergnügt den Kopf, so dass alle seine roten Haare ihm um die Ohren flogen.

Fasziniert machte er das noch ein paar Mal, bis sich anfing alles bei ihm zu drehen.

Von hinten griffen zwei Hände an seinen Kopf und hielten ihn fest.

„Stopp, bevor du noch jeden Verstand aus dir raus schüttelst."

„Hey", sagte Charlie empört, grinste aber zu seinem Bruder hoch.

Bill verdrehte die Augen und setzte sich neben Charlie an den Esstisch.

„Guten Morgen Mum", ertönte Percys hohes Stimmchen.

Der kleine Junge, der im Gegensatz zu Bill schon umgezogen war, kletterte ganz von alleine auf seinen Stuhl und zog sich seinen Teller heran.

Die beiden älteren Brüder warfen sich kichernde Blicke zu.

Percy war noch nicht mal drei (sein Geburtstag war im nächsten Monat) und er benahm sich schon so… furchtbar vornehm.

Schon immer seit dem er sprechen konnte, hatte er alles ganz genau betont und ihre Eltern nur mit Mum und Dad angesprochen, niemals mit Mummy und Daddy.

Er war auch um Längen selbstständiger, was ihn für seine Brüder nur noch seltsamer machte.

Manchmal überlegten sie, ob Percy vielleicht ein Außerirdischer war oder einfach bei seiner Geburt vertauscht worden war.

Aber er trug das gleiche rote Weasleyhaar, wie sie alle (selbst die Zwillinge hatten es schon).

Aus dem Wohnzimmer erscholl ein Chor von kleinen Schreihälsen.

„Oh, seht mal wer wach geworden ist", rief Bill begeistert und rannte nach nebenan.

Molly sah ihm lächelnd hinter her, Charlie stirnrunzelnd.

In letzter Zeit war Bill nur noch da, wo auch die Zwillinge waren.

Dabei konnte man mit denen doch noch überhaupt nicht spielen.

Charlie griff sich ein Stück Toast und folgte seinem Bruder ins Wohnzimmer.

„Charlie! Wir essen nur am Tisch", rief Mummy ihm hinter her, doch er ignorierte sie.

Bill beugte sich lächelnd über das Babybettchen und strich den beiden Dreimonate alten Jungs über die roten Haare.

„Sieh mal, Charlie. Sie sind wach!"

Fred und George streckten gleichzeitig ihre Hände aus, als wollten sie sagen: Nimm mich hoch, nimm mich hoch.

Der siebenjährige lachte.

„Ihr seid lustig. Und ihr seht genau gleich aus. Oh, wie wird Mum Probleme haben euch auseinander zu halten."

Charlie kniff die Augen zusammen und pikste dann dem rechten Zwilling in die Wange.

Der Zwilling quiekte empört.

„Für mich sehen alle Babys gleich aus", verkündete der fünfjährige gelangweilt. „Kommst du mit raus spielen, Bill?"

Doch dieser schüttelte den Kopf.

„Ich helfe Mummy. Sie müssen bestimmt gewickelt werden."

Charlie seufzte laut und stopfte sich seinen Toast in den Mund.

Auf dem Weg nach draußen schnappte er sich noch einen Apfel.

„Bin draußen, Mummy."

Gelangweilt schlug er ein paar Purzelbäume hinter einander und blieb irgendwann auf dem Rücken liegen.

Alleine zu spielen machte überhaupt nicht so viel Spaß, zumindest nicht wenn man es Stundenlang hinter einander tun musste.

Über ihm tauchte ein Gesicht auf und grinste ihn an.

„Was für eine nette Begrüßung, Champ."

Der Mann reichte ihm die Hand und riss ihn mit einer fließenden Bewegung nach oben.

„Onkel Gideon", rief Charlie begeistert.

„Heya Drachenkämpfer."

Sein Onkel hob ihn hoch, als wäre er nichts weiter als ein Mehlsack und wirbelte ihn herum.

Charlie kicherte fröhlich.

„Hast du einen Drachen gesehen, Onkel Gid? Einen echten Drachen? Hast du mit einem gekämpft? Bist du mal auf einem geflogen?"

Charlie breitete die Arme aus und tat so als würde er fliegen, während sein Onkel ihn zurück zum Fuchsbau trug.

„Klar hab ich einen Drachen gesehen und weißt du was ich noch gesehen hab? Richtige Dracheneier. Die waren ganz grün mit Punkten drauf."

„Neeeeeiiin", quietschte Charlie. „Es gibt keine Eier mit Punkten drauf. Du erzählst ja Blödsinn!"

„Doch ich schwöre es. Da waren fünf Eier und jedes sah anders aus. Und sie waren riesen groß, mindestens so groß wie deine neuen Brüder."

Sie hatten die Küchentür erreicht und Gideon ließ ihn herunter.

„Wenn du mir nicht glaubst, musst du später Onkel Fabian fragen. Er hat sie auch gesehen."

Charlie stieß die Tür auf.

„Liebstes Schwesterherz, ich bin hier, nur zu deinen Diensten", begrüßte Gideon seine Schwester, die je einen Zwilling im Arm hielt.

Molly schüttelte lachend den Kopf.

„Hier nimm mal deine Neffen, damit ich das Mittag essen kochen kann. Und wo ist dieser Nichtsnutz von deinem Zwillingsbruder abgeblieben", fragte sie neckisch.

„Fabian verspätet sich, wie immer. Aber er hat eine Überraschung für die kleinen Racker", verkündete Gideon und wirbelte die Zwillinge mit einem Schlenker seines Zauberstabs durch die Luft.

Fred und George krähten ungestüm.

Und schon wieder kümmerte sich jeder nur um die Zwillinge, dachte Charlie seufzend.

„Hey, Onkel Gid. Sieh mal ich bin ein Drache", rief er und machte röhrende Geräusche, die er für die eines Drachen hielt.

Und sein Onkel, der sonst für jeden Spaß zu haben war, sagte nur abwesend: „Klasse, Char. Geh doch mal deine anderen Brüder suchen, okay?"

Und seine Augen hingen immer nur den beiden Babys hinterher, die jetzt versuchten fröhlich durch die Luft zu schwimmen.

Was war eigentlich so toll an Babys?

Sie waren nervig und dauernd nur am schreien oder am schlafen…

Er zuckte mit den Schultern und machte sich auf die Suche nach Bill.

„Bill? Bill! Ich bin ein Drache!"

Er ließ seine Arme auf und ab gleiten und spürte die Luft unter seinen Fingern, während er durchs Haus rannte.

Er fand Bill schließlich im 2. Stock in Percys Zimmer, wo die beiden zusammen über einem Buch hockten.

„Ich kann Feuer speien und fliegen", rief er aufgeregt und wirbelte durch das Zimmer, wobei er Percys Nachttischlampe umstieß.

„Hey! Lass das", sagte Percy verärgert. „Das ist meins. Du machst es kaputt."

Charlie streckte ihm die Zunge raus.

Heute wollte aber auch wirklich keiner mit ihm spielen.

Trotzig lief er hinunter in sein eigenes Zimmer und zum Fenster.

Neugierig starrte er nach draußen und auf das Dach vom Schuppen, dass sich direkt unter seinem Fenster befand.

Ihm kam eine Idee.

Er zog einen Stuhl an das Fenster heran und kletterte von da auf das Fensterbrett.

Das Fenster zu öffnen war einfach und er brauchte keine fünf Minuten bis er es (wenn auch etwas umständlich) hinauf aufs Dach geschafft hatte.

Das war ziemlich cool, dachte er während er zum Rand krabbelte und sich dort aufrichtete.

Wow.

Er konnte wirklich weit gucken und wenn er sich anstrengte, sah er sogar Ottery St. Catchpole, das Muggeldorf ganz in ihrer Nähe.

Mit weit ausgebreiteten Armen sah er nach unten.

Die Wiese sah überhaupt nicht so weit entfernt aus.

Ob er wohl…

„Charlie!"

Erschrocken zuckte der kleine Junge zusammen und wäre fast gestolpert.

Aus dem 2. Stock steckte Bill seinen Kopf durch das Fenster und starrte alarmiert zu seinem kleinen Bruder hinunter.

„Was machst du denn da auf dem Dach, Charlie?"

„Ich bin ein Drache! Ich will fliegen lernen", rief Charlie zurück.

Bill schlug sich mit der Hand vors Gesicht.

„Rühr dich nicht vom Fleck", befahl er und in der nächsten Sekunde war er vom Fenster verschwunden.

Charlie hörte ein Poltern die Treppe hinunter und dann erschien Bill auch schon wieder am Fenster, nur ein Stockwerk tiefer.

„Oh mein Gott, mein Baby", schluchzte Molly verzweifelt von unten.

Wann war denn Mummy aufgetaucht?

„Charlie, bitte beweg dich nicht", rief sein Onkel ernst, der neben seiner Mutter stand.

Beide hatten je einen Zwilling auf dem Arm.

Gideon gab Molly auch das andere Baby und breitete seine Arme genau unterhalb von Charlie aus.

„Ich fang dich auf, wenn du fällst, Champ. Aber bitte kletter zurück ins Haus. Sieh mal, dort wo Bill ist."

„Ja bitte geh zurück zu Billie, Schatz", rief Molly zitternd. „Hast du keinen Zauberstab hier", fragte sie an Gideon gewandt.

Er schüttelte den Kopf. „In der Küche."

Die machten einen ganz schönen Aufstand, dachte Charlie.

„Es ist doch gar nicht so tief! Und ein Drache kann fliegen!"

Er machte einen winzigen Schritt nach vorn und die beiden Erwachsenen keuchten erschrocken auf.

„Charlie", sagte da eine leise Stimme, ganz in seiner Nähe.

Der fünfjährige wandte sich um.

Nur ein paar Schritte von ihm entfernt saß Bill auf dem Dach.

„Charlie, du kannst nicht fliegen."

„Kann ich wohl! Alle Drachen können fliegen."

Bill zuckte mit den Schultern, als würde ihn das überhaupt nicht interessieren.

„Vielleicht. Aber du bist noch klein."

Charlie runzelte die Stirn.

„Ja und?"

„Babydrachen können nicht fliegen. Ihre Flügel sind zu klein. Du musst erst noch wachsen", erklärte Bill gelassen.

„Oh", formten sich Charlies Lippen.

Das klang logisch.

„Na gut. Dann versuch ich es vielleicht nächstes Jahr noch mal."

Und mit diesen Worten kletterte er zu Bill hinauf.

Sein großer Bruder schenkte ihm ein erleichtertes Lachen und legte ihm die Hand auf die Schulter.

„Mensch, Charlie", sagte er nur und zusammen kletterten die beiden zurück ins Haus.