„Ich will aber nicht zur Schule!"

Sherlock schlug die Tür seines Zimmers zu und ließ seine Mutter im Flur stehen.

„Dann bleibst du heute den ganzen Tag in deinem Zimmer! Verstanden, Sherlock!"

Erschöpft ging Mrs. Holmes zur Tür des Gästezimmers. Sie öffnete vorsichtig und leise die Tür und spähte hinein. John schien noch zu schlafen und durch Sherlocks Geschrei nicht aufgewacht zu sein. Sie schloss die Tür wieder und seufzte. Erst langsam wurde ihr bewusst, worauf sie sich da eingelassen hatten. John war ein in sich gekehrter, verschlossener Junge und bei dem Gedanken, was das Kind mitgemacht hatte, wurde es Mrs. Holmes schwer ums Herz. Es würde noch schwer werden mit John. Auf der anderen Seite war da Sherlock, der mit der ganzen Situation emotional überfordert war. Er verstand einfach nicht, warum John verängstigt war. Für den Augenblick war erst einmal Frieden eingekehrt und sie entschloss sich, endlich ein paar Minuten an diesem Morgen für sich zu sein. Sie war froh, dass Mycroft heute zu Hause geblieben ist und ein paar Türen weiter lernte.

Es klopfte an der Tür, doch noch ehe Mrs. Holmes die Eingangshalle erreicht hatte, öffnete Mycroft die Eingangstüre.

„Kann ich ihnen helfen?"

„Ähm, ja!"

Mrs. Holmes hörte eine verunsicherte Frauenstimme antworten.

„Ich..Ich bin Mary Watson, Johns Mutter."

„Was wollen sie?"

Mrs. Holmes merkte, wie die Stimme ihres Sohnes plötzlich hart und kalt wurde, als er realisierte, wer da vor ihm stand. Sie beeilte sich zur Tür zu gehen.

„Mycroft, schon gut."

Sie legte die Hand auf den Rücken ihres Sohnes und sie spürte, dass sich Mycroft nur ungern zurückzog.

„Ich bin Mrs. Holmes, das ist mein älter Sohn Mycroft."

„Ich, ich bin alleine."

Die Frau, Mrs. Watson starrte auf den Boden vor sich.

„Wollen sie nicht reinkommen?"

Mrs. Holmes machte eine einladende Bewegung, der Mrs. Watson zögerlich folgte. Verloren stand sie in der Halle, nachdem die Tür geschlossen worden war. Mycroft hatte sich einige Schritte zurück gezogen, beobachtete aber aufmerksam und misstrauisch die Szene; jederzeit bereit, einzugreifen.

„Wollen sie etwas trinken?"

„Nein, nein, danke, ich wollte nur..."

Sie blickte unschlüssig auf den Koffer in ihrer Hand.

„Da sind Johns Sachen drin. Schulsachen und sein Lieblingsteddy…"

Mrs. Holmes nahm ihr den Koffer ab.

„Ich denke, es ist besser für John, wenn sie ihn vorerst nicht sehen."

Mrs. Holmes versuchte einfühlsam zu klingen, wollte aber, dass John erst einmal zur Ruhe kommen konnte.

„Ja, das ist besser."

Mrs. Watson drehte sich zu Tür und wollte gehen.

„Wollen sie noch nicht einmal wissen, wie es ihrem Sohn geht?"

Mycroft konnte sich nicht länger beherrschen.

„MYCROFT!"

Mrs. Holmes sah ihren Sohn entsetzt an, der mit wutverzerrtem Gesicht auf Mrs. Watson starrte.

„Ich, ich…"

Mrs. Watson brach ab und verließ fluchtartig das Haus.

Mrs. Holmes sah ihr nach und blickte dann auf ihren Sohn.

„My, Liebling, beruhige dich! Damit hilfst du weder John noch dir selbst!"

Sie strich Mycroft über die Wange.

„Du hättest den Kleinen im Krankenhaus sehen sollen. Sie sollte auf ihn aufpassen, ihn beschützen."

„Ach My, du hast ja Recht. Leider ist es nicht immer so einfach."

„Ich weiß."

„Bringst du den Koffer in Johns Zimmer, aber sei leise, falls er noch schläft. Ich möchte mich um Sherlock kümmern."

John schloss enttäuscht die Tür, lief zum Fenster und sah seiner Mutter nach. Er hatte gehofft, dass sie ihn mitnehmen würde. Aber sie hatte es noch nicht einmal probiert, sie wollte ihn ja nicht einmal sehen. Er wusste nicht mehr, wo er hin gehörte und was er fühlen sollte.

Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als Sherlocks großer Bruder in das Zimmer kam. Erschrocken drehte John sich um, beruhigte sich aber schnell, als er Mycroft erkannte.

„Guten Morgen. Hier sind ein paar Sachen für dich."

Mycroft legte den Koffer, den Johns Mutter gebracht hatte, auf das Bett.

„Soll ich dir auspacken helfen?"

John nickte nur und war froh, wenigstens etwas Eigenes zu haben. Seine Mutter hatte ihm ein paar Sachen zum Anziehen, seine Schulbücher und seinen alten Teddy eingepackt. Als er sein Jackett der Schuluniform aus dem Koffer nahm, merkte John, dass es an einigen Stellen zerrissen war. Traurig und auch etwas wütend schmiss er es zurück in den Koffer. Seine Mutter hatte noch nicht einmal probiert, es zu nähen.

„Deine einzige Uniform?"

John nickte nur wieder.

„Mach´ dir mal keine Sorgen. Ich sage Mum Bescheid, sie besorgt dir ein paar Neue."

„Die geht schon noch."

John flüsterte fast und schämte sich, er wollte nicht, dass jemand für ihn neue Sachen kaufen würde, er wollte keine Almosen. Mycroft spürte, was in John vor ging.

„Wenn du wüsstest, wie viele Uniformen Sherlock schon mit seinen Experimenten ruiniert hat! Mum ist froh, wenn sie mal ein paar kaufen kann, auf die jemand aufpasst."

„Danke."

„Jetzt zieh´ dir etwas an und dann gibt es Frühstück. Sherlock ist heute auch zu Hause geblieben. Ihr könnt dann etwas spielen oder was auch immer ihr treibt."

Mycroft lächelte ihm aufmunternd zu und verließ das Zimmer. Kurze Zeit später kam John die Küche, Mycroft war schon da und steckte mit dem Kopf im Kühlschrank.

„Was möchtest du?"

Als keine Antwort kam, sah er John fragend an. Der zuckte nur mit den Schultern.

„Also, wie wäre es mit Marmeladentoast und Milch? Außerdem musst du deine Medikamente noch nehmen, dein Arm tut bestimmt weh."

„Ein bisschen."

Sie frühstückten zusammen ohne dass jemand anderes von der Holmesfamilie auftauchte. John war froh mit Mycroft alleine zu sein, er mochte Sherlocks Bruder. Die Stille zwischen ihnen war entspannt und zum ersten Mal seit Tagen wurde John etwas ruhiger.

„So, ich muss ein bisschen lernen. Willst du zu Sherlock? Er ist auf seinem Zimmer und schmollt wahrscheinlich noch."

John schüttelte nur den Kopf. Er wollte nicht zu Sherlock, lieber blieb er alleine den ganzen Tag auf seinem Zimmer sitzen. Mycroft war erstaunt, versuchte aber, sich das nicht anmerken zu lassen.

„Du kannst auch mit zu mir kommen. Wird aber langweilig."

Sie gingen zusammen wieder noch oben und in Mycrofts Zimmer. John blieb in der Tür stehen und blickte sich erstaunt um. Irgendwie hatte er sich Mycrofts Zimmer anders vorgestellt. Sein Gegenüber schien seine Verwunderung zu spüren.

„Ja, normal sieht es hier anders aus. Ich kam noch nicht zum aufräumen. Kleine Brüder eben."

Mycroft sah sich das Chaos an, das noch von Sherlocks Ausbruch stammte und seufzte. Wenigstens hatte ihm sein Vater das Buch ersetzt, das Sherlock zerfetzt hatte und das er dringend brauchte, um seine Hausarbeit fertig zu stellen.

„Was studierst du?"

„Politik, allerdings erst im ersten Semester."

„Ich will mal Medizin studieren."

Mycroft setzte sich an seinen Schreibtisch und bootete seinen Labtop. Er war erleichtert, dass John anscheinend langsam ein wenig entspannte.

„Ziemlich schwieriges Studium. Aber du bist ziemlich gut in der Schule, habe ich gehört."

„Lernen macht Spaß."

John ging im Zimmer umher und blieb vor dem Bücherregal stehen. Die meisten Bücher handelten um Wirtschaft, Politik, internationale Beziehungen; er suchte weiter und fand etwas, dass ihn interessierte. Mycroft blickte nicht von seinem Computer auf und schien in seine Arbeit vertieft.

„Kannst du dir ruhig nehmen. Ist ein gutes Einsteigerbuch für Biologie, wirst du auch brauchen."

John nahm sich das Buch aus dem Regal, setzte sich auf den Boden und begann darin zu blättern und zu lesen.

Sherlock saß noch immer schlecht gelaunt an seinem Schreibtisch, er konnte sich einfach nicht auf sein Experiment konzentrieren. Dass er auf seinem Zimmer bleiben musste, fand er unfair. Wieso sollte er heute in die Schule gehen, wenn John doch den ersten richtigen Tag da war. Und wie lange würde John noch schlafen. Er stöhnte und warf die Objektträger wütend in die Ecke. Das Glas klirrte und er hörte schon die nächste Standpauke seiner Mutter. John hatte genug geschlafen, schlafen war langweilig.

Sherlock stand auf und lauschte an der Tür, ob jemand im Flur war. Alles ruhig. Mycroft war heute nicht in die Uni gegangen, da er und ihr Vater befürchteten, Johns Vater würde auftauschen. Mycroft würde bestimmt in seinem Zimmer sein und lernen, seine Mutter war irgendwo unten. Sherlock öffnete leise die Tür und schlich nebenan ins Gästezimmer. Zu seinem Erstaunen war es leer. Er stöhnte und ging ins Erdgeschoss. Er versuchte leise alles abzusuchen, fand aber keinen John. Dafür wurde er gefunden.

„Sherlock! Sollst du nicht in deinem Zimmer bleiben?"

Seine Mutter sah ihn streng an und Sherlock fragte sich, wie sie es immer schaffte, ihn zu erwischen.

„Ich suche John."

„John ist bei Mycroft. Und du, junger Mann, gehst wieder auf dein Zimmer!"

Sherlock starrte seine Mutter verständnislos an. Wieso bei Mycroft? Er stürmte die Treppe hoch, aber nicht, um in sein Zimmer zu gehen. Er platzte in Mycrofts Zimmer.

„Sherlock, du sollst Anklopfen."

„John, kommst du?"

Sherlock beachtete seinen Bruder nicht, sein Blick war auf John gerichtet, der auf dem Boden saß und von einem Buch aufblickte. John schüttelte nur den Kopf.

„Mycroft ist langweilig. Wir wollten doch unser Experiment weiter machen!"

John versuchte, sich krampfhaft auf sein Buch zu konzentrieren. Er merkte, wie langsam wieder die Wut in ihm hoch kroch. Er war hier nur zu Gast, dachte er sich, er muss sich benehmen.

„Komm schon!"

Sherlock stapfte auf ihn zu und versuchte John hochzuziehen. Er achtete nicht darauf, wo er hin griff und erwischte Johns eingegipsten Arm.

„Auu! Lass los!"

Sherlock ließ erschrocken los. John sprang auf und hielt sich seinen Arm, ihm stiegen Tränen in die Augen, weniger vor Schmerz, als vor Wut. Sherlock sah ihm in die Augen.

„Komm, wir gehen."

„Lass mich in Ruhe! Du hast alles kaputt gemacht! Du hast dein Versprechen gebrochen. Wegen dir bin ich jetzt hier. Wegen dir habe ich kein Zuhause mehr! Nur weil du immer Recht haben musst und sich alles um dich dreht. Ich hasse dich! Ich bin nicht mehr dein Freund. Deshalb hattest du noch nie Freunde und wirst nie welche haben!"

John war plötzlich ruhig, er zitterte am ganzen Körper und merkte erst jetzt, dass er geschrien hatte. Sherlock sah ihn mit steinernem Gesichtsausdruck an, bevor er da Zimmer verließ.