Ich ging hinein ins Haus. Theklas Großvater saß am Küchentisch. Ich ging zu ihm, um ihn zu fragen wo seine Enkelin sei.
„Thekla wirkte ein bisschen besorgt. Also habe ich ihr gesagt, dass sie sich etwas ausruhen soll. Was ist bloß los mit ihr? Ob Ihr vielleicht zu ihr gehen und mit ihr sprechen könntet, Nessa? Mir will sie nichts sagen. Aber vielleicht erzählt sie ja Euch, was los ist."
Ich nickte und ging nach oben zu Thekla in ihr Zimmer.
„Was gibt's denn, Nessa?"
„Warte einen Moment", sagte ich und holte den Herbi raus.
„Was für eine Trophäe habt Ihr denn da?"
Ich überreichte ihn ihr. Mit vorsichtigen Fingern nahm sie die Trophäe entgegen. Ich deutet ihr an, dass sie lesen sollte, was drauf stand.
„Für herausragende Herbergsleut'? Vom König von Stinsbruck? An meinen Vater?", sagte Thekla erschrocken. „Das ist kaum zu fassen! Dann stimmt Hildas Geschichte ja! Aber ich kapier das nicht. Wieso hat Vater all das aufgegeben, um sich in diesem Kaff Engelsfälle niederzulassen? Was hat er sich nur dabei gedacht?"
„Vielleicht könnte ich ja etwas zur Erklärung beitragen ...", kam es von hinten. Ich drehte mich um.
„Opa?"
„Ich musste Herbert versprechen, dass es ein Geheimnis bleibt. Aber nach all den Jahren ist das jetzt wohl auch egal", meinte Theklas Großvater. „Liebe Thekla … Kannst du dich noch daran erinnern, wie krank du als Kind immer warst? Bei deiner armen Mutter war es auch so. Normalerweise wärest du immer kränklicher geworden, je älter du geworden wärest. Und irgendwann wärest du gestorben. Dieses Schicksal hat auch deine Mutter schon in jungen Jahren ereilt."
„Aber ich bin kerngesund", entgegnete Thekla. „Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, krank gewesen zu sein."
„Und das kommt davon, dass du mit dem besonderen Wasser der Wasserfälle dieses Dorfes aufgewachsen bist. Das Wasser von Engelsfälle ist berühmt für seine gesunde und heilende Wirkung."
„Du meinst also, dass Papa meinetwegen seine Herberge in Stinsbruck aufgegeben hat und hierher gezogen ist?"
„Ganz genau. Seine Tochter zu retten war ihm wichtiger als seine Ambitionen."
„Aber das ist ja furchtbar!", schluchzte Thekla. „Ich stand also den Träumen meines Vaters im Weg."
Der Großvater seufzte und meinte: „Er wusste, dass du so denken würdest. Und darum sollte es ein Geheimnis bleiben. Aber jetzt bist du alt genug, um die Wahrheit zu erfahren."
„Ja, jetzt weiß ich zumindest, warum er manchmal diesen wehmütigen Blick hatte. Jetzt wird mir alles klar … Er hat es nur für mich getan", murmelte Thekla und fügte lächelnd hinzu: „Tja Nessa. Sieht so aus, als würde ich nach Stinsbruck gehen. Ich weiß zwar nicht, ob ich Hilda eine große Hilfe sein kann, aber ich muss es zumindest mal versuchen!"
Damit ging Thekla aus dem Zimmer und zu Hilda, um ihr die Neuigkeit mitzuteilen. Ich blieb mit dem Großvater allein zurück.
„Also, das sind ja mal wirklich spektakuläre Neuigkeiten! Ich wusste, dass dies früher oder später passieren würde. Aber ich werde sie trotzdem vermissen."
Da fiel mir ein, dass ich ja noch Herberts Geist das Geschehene mitteilen musste. Also ging auch ich aus dem Zimmer. Doch ich musste gar nicht aus dem Haus, denn schon im Flur erschien Herbert. Auch Stella kam raus.
„Bist du da, Opilein?", fragte Stella.
„Ja, bin ich. Und ich habe alles gehört. Ich kann gar nicht glauben, dass Thekla sozusagen mein Erbe antritt. Sie ist wirklich erwachsen geworden. Jetzt bereue ich nichts mehr. Ich weiß, dass sie es schaffen wird. Ich muss nicht mehr auf sie aufpassen. Und jetzt kann ich wohl endlich von hier fortgehen. Ich danke Euch vielmals, ehrenwerte Hüterin."
Und mit diesen Worten fing an hellblau zu leuchten und löste sich, mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen, allmählich auf. Zurück blieb nichts, außer die Erinnerung.
„Und weg ist er!", sagte Stella. „Du hast es wirklich geschafft! Jetzt habe ich keinen Zweifel mehr daran, dass du eine Himmlische bist. Na ja, versprochen ist versprochen. Ich werde dich mit zurück zum Observatorium nehmen. Heute ist dein Glückstag."
„Äh … danke", sagte ich etwas verwirrt. Wieso war kein Benefizit-Kristall erschienen? Er war mir doch dankbar gewesen? Auch Stella schien zu merken, dass etwas nicht in Ordnung war. Sie schaute mehrmals von mir zu der Stelle, an der zuvor noch der Geist vom Herrn der Herbergen gestanden hatte, und wieder zurück.
„Immer sachte mit den jungen Eseln! Solltest du nicht dieses Benefizit in Beschlag nehmen?", fragte Stella und erschrak, als ihr etwas klar wurde. „Du kannst es doch verflippt noch mal sehen, oder? Sag bloß, du kannst keine Benefizit-Kristalle mehr sehen?"
„Ist da denn eins?", fragte ich zurück. „Wenn da ein Benefizit ist, dann sehe ich es nämlich tatsächlich nicht."
„Jetzt bin ich verwirrt … Bist du eine echte Himmlische, oder bindest du mir 'nen Biber auf?"
Ein paar Tage später sind die Felsen
fortgeräumt und der Bergpass ist wieder
passierbar.
Für Thekla kommt nun die Zeit, nach
Stinsbruck aufzubrechen.
Wir, das waren Hilda, Thekla, der Großvater und ich, standen alle vor dem Theklas Haus und wollten uns von Hilda und Thekla, die endlich nach Stinsbruck aufbrechen wollten, verabschieden. Sogar Oskar war da, allerdings stand der ein wenig abseits.
„Ich werde dich vermissen, Opa", sagte Thekla. „Du passt bitte gut auf dich auf, ja?"
„Und du auf dich. Es ist nicht einfach, in einer neuen Stadt von vorne anzufangen. Also arbeite nicht zu viel."
„Ich weiß, dass Ihr Euch um Euer kleines Mädchen sorgt, aber Ihr könnt beruhigt sein, denn ich werde auf sie aufpassen", meinte Hilda.
„Sehr freundlich von Euch, Hilda, dass Ihr mich alten Mann beruhigen möchtet."
„Oskar!", rief Thekla. „Kann ich dich mal sprechen?"
„Was willst du denn besprechen? Du gehst fort, also kann ich dir doch egal sein", rief Oskar etwas eingeschnappt zurück.
„Ich wollte nur fragen, ob du vielleicht die Herberge für mich übernehmen willst. Ich bringe es nicht fertig, sie zu schließen. Aber du wirst sie doch weiterführen, oder? Kann ich mich auf dich verlassen?"
„Geht in Ordnung", antwortete Oskar gespielt gleichgültig. „Aber nur, damit ich eine Arbeit habe und mich mein Vater endlich in Ruhe lässt. Also nicht deinetwegen! Aber trotzdem bin ich mir sicher, dass ich so viel Erfolg haben werde, dass ich dich in Stinsbruck übertreffe!"
War ja wieder klar. Typisch Oskar eben...
„Dann also viel Glück. Aber ich werde sicher nicht zulassen, dass du mich übertrumpfst!"
„Nicht? Dann liegen wir jetzt also im Wettstreit!"
Ich musste lächeln über die Rivalität. Nun wendete sich Thekla mir zu.
„Nessa, ich kann Euch gar nicht genug danken. Das war wirklich unglaublich, wie Ihr die Trophäe meines Vaters gefunden habt. Ihr seid geradezu ein Rätsel", meinte sie. „Würde mich nicht wundern, wenn Ihr tatsächlich die Hüterin unseres Dorfes wärt."
„Äh … also …", begann ich, doch wurde ich von Thekla unterbrochen.
„Ha ha! Ich und meine wilde Fantasie! Aber ich denke, Ihr werdet jetzt in Eure Heimatstadt zurückkehren, oder?"
„Das hatte ich vor", meinte ich wahrheitsgemäß. Ich musste ja nicht erwähnen, dass meine Heimatstadt im Himmel über uns lag.
„Wenn Ihr dabei durch Stinsbruck kommen solltet, müsst Ihr mich unbedingt besuchen kommen, ja?"
„Mach ich gerne!"
„Aber ich muss jetzt wirklich los. Auf Wiedersehen, liebe Leute. Und danke für alles!"
Also drehten sich Thekla und Hilda um und gingen ihrer Wege. Irgendwann stand ich wieder allein vor dem Haus, denn Oskar musste nach Hause und Theklas Großvater war ins Haus gegangen. Nun kam auch Stella raus.
„Und wir müssen jetzt auch langsam die Hufe schwenken. Du weißt doch wohl noch, wo der Sternenexpress ist?"
„Klar weiß ich das!"
„Schau nicht so verflippt selbstzufrieden drein! Kann man ja wohl schlecht vergessen, oder? Also auf zum Pass."
Nun war es nicht mehr weit und ich würde endlich wieder im Observatorium sein, bei den anderen Himmlischen. Vielleicht konnte Apus Major mir ja auch bei meinem kleinen Flügel-und-Glorienschein-Problem helfen …
