8.

Während ich mir ein Brötchen nach Bruchtal-Art schmierte (hieß ein unglaublich fluffiges Weizendreieck mit Sahne drauf und etwas, das wie Erdbeermarmelade schmeckte, aber wie Salamischeiben aussah), musterte ich Nimriel. Sie schien sich in meiner Gesellschaft überraschenderweise wohl zu fühlen und neidisch beobachtete ich, wie sie eine Köstlichkeit nach der anderen vernichtete. Ich selbst konnte recht viel in mich hineinstopfen ohne nennenswert zuzunehmen, aber was Nimriel als Frühstück verputzte, war nahezu ein Fall fürs Guiness-Buch. Vor allem, wenn ich mir ihre Figur ansah.

„Also, was ist dieser Erestor für einer?" hakte ich schließlich nach, als Nim von selbst keine Anstalten machte auf das Thema zurückzukommen. Anscheinend unterbrach mein/e Kindermädchen/Zofe/Gesellschafterin ihre Mahlzeit nur äußerst ungern. Sie stopfte sich tatsächlich noch ein ganzes Brötchen in den Mund, bevor sie anfing zu reden. „Nun, Herr Erestor ist der oberste Berater von Herrn Elrond. Ich weiß gar nicht, was das genau heißt, aber er kümmert sich um Nachrichten, die übermittelt werden müssen, begrüßt Gäste, führt Listen... Er lebt schon hier in Bruchtal seit... nun, eigentlich solange es Bruchtal gibt. Er ist damals mit Herrn Elrond gekommen. Oder zumindest in den Anfangszeiten."

Ein besserer Laufbursche und Grüßaugust also. Ehrlich gesagt, ich hätte bei seinem unverschämten Auftreten mit etwas mehr Befugnissen gerechnet, als Listen zu schreiben, aber eigentlich sollte mich das nicht wundern. Die Leute, die den meisten Wind machten, waren fast immer die, die am wenigsten zu sagen hatten. Und das versuchten sie dadurch zu kompensieren, dass sie auf andere herabschauten und ihnen das Leben zur Hölle machten.

„Und jetzt bitte die inoffiziellen Informationen." verlangte ich mit einem frechen Grinsen. Nim schien nicht ganz wohl zu sein, bei dem Gedanken Bruchtal-Interna weiterzutratschen, aber anscheinend konnte sie der Versuchung nicht widerstehen ein wenig zu lästern. Und wer konnte ihr das verübeln bei einem Objekt wie Erestor.

„Da gibt es eigentlich nichts. Man weiß nicht viel und Herr Erestor redet auch selten mit jemanden. Meistens nur um einen beißenden Kommentar loszuwerden, der ihm seinen Gesprächspartner für das nächste Zeitalter vom Hals schafft. Die meisten halten sich also von ihm fern und ein paar fürchten ihn sogar." Jetzt beugte sich Nim etwas zu mir herüber und ich war gespannt, was für ein dunkles Geheimnis sie mir jetzt noch anvertrauen würde. „Manche nennen ihn sogar 'Erestor, den Schrecklichen'!" Nim schien das unerhört wagemutig zu finden und fast fand ich es schade, dass sie bei unseren letzten Wortgefechten nicht dabei gewesen war. Anscheinend war dieser Schreibtischattentäter im Totengräber-Look hier so etwas wie eine Institution, der man sich besser nicht widersetzte.

„Aha, aber ich hatte den Eindruck, dass zumindest Elrond und Glorfindel ihn halbwegs erträglich finden." Wieso war mir völlig schleierhaft. Allerdings fiel mir auf, dass Nim bei der Nennung von Goldlöckchens Namen karmesinrot anlief. Bis hinauf zu den spitzen Ohren. Das war hochinteressant! Im ersten Moment war ich versucht gleich darauf anzuspringen und mich über sie lustig zu machen, ließ es dann aber doch sein. Die schüchterne Nim würde vor Scham zerschmelzen wie Eiskonfekt in der Sonne. Außerdem kannte ich sie noch nicht gut genug, um mir solche vertraulichen Frechheiten herauszunehmen.

„Nun ja... Herr Elrond hält große Stücke auf ihn, auch wenn er nicht immer ganz einverstanden mit seinem Benehmen ist. Zumindest glaube ich das. Und," Nim musste sich tatsächlich räuspern, bevor sie weitersprechen konnte. „Herr Glorfindel und Erestor sind enge Vertraute. Es heißt, sie kennen sich schon seit dem Ersten Zeitalter."

Ich muss zugeben, hier fiel mir die Kinnlade runter, während sich Nimriel in aller Seelenruhe den Erdbeer-Sahne-Waffeln widmete. Nach einigen Minuten schaffte ich es endlich, meinem Erstaunen Ausdruck zu verleihen. „Das ist unmöglich. Ich meine, habt Ihr gerade gesagt 'seit dem ERSTEN Zeitalter'? Das würde heißen..." Ich versuchte mit meinem beschränkten Mittelerde-Geschichtswissen nachzurechnen, was das in Etwa hieß. „...würde heißen, dass Erestor um die 7.000 Jahre alt ist. Das geht doch nicht!" Vor allem konnte man nicht 7.000 Jahre alt werden und dabei noch so unverschämt gut aussehen!

Nim war von dieser Tatsache genauso unberührt wie ich davon, dass man dieses Scheusal Erestor, den Schrecklichen nannte. „Wieso soll das nicht gehen?"

„Na eben weil, hach keine Ahnung! Niemand kann 7.000 Jahre alt sein. Er müsste doch mal irgendwann sterben oder im Kampf fallen oder einfach die Schnauze voll vom Leben haben und sich in das nächstbeste Schwert stürzen."

7.000 Jahre. So lange hatten meine Vorfahren gebraucht um eine Zivilisation aufzubauen und er allein lebte so lange. Gott, vor 7.000 Jahren hatten die Menschen in Mitteleuropa gerade mal gerafft, dass man Viehzeug auch beim Haus halten konnte, um sich die nervige Jagd zu ersparen!

„Nun, zumindest wundert es mich, dass er 7.000 Jahre überleben konnte ohne das ihn jemand umgebracht hat." setzte ich schließlich mit einem Grinsen nach. Auch Nim konnte sich ein leises Lachen nicht verkneifen. Sie schien langsam aufzutauen. „Ich jedenfalls kann nichts Schlechtes über ihn sagen. Zu mir ist er immer ausnehmend höflich. Aber ich hab ihm auch noch nie die Zehen gebrochen." fügte sie mit einem Zwinkern hinzu.

„Woher wisst Ihr..." Ich konnte mir kaum vorstellen, dass Erestor ihr das erzählt hatte.

„Oh, Herr Glorfindel hat so etwas fallen lassen. Abends in der großen Halle." Diesmal nahmen ihre Wangen nur einen leichten Rosaton an, als sie Blondie erwähnte. Aber es war nicht zu übersehen, dass sie ihm ganz offensichtlich nicht abgeneigt war.

„Aha und vertraut Euch Herr Glorfindel oft solche Privatsachen an?" fragte ich spitzfindig. Allerdings nicht mit dem gewünschten Erfolg. Nim wurde wieder karmesinrot und fing an zu stottern. „Oh nein, nein. NEIN! Ich wollte nicht...nicht sagen...nicht damit sagen... Ich...Er würde nie in Erwägung ziehen...Ich meine..." Die Arme musste erst einmal so tief Luft holen, dass man meinen könnte, in Bruchtal würde es demnächst keinen Sauerstoff mehr geben. „Das war kein Privatgespräch zwischen Glor...Herrn Glorfindel und mir. Er hat es, nun ja, eher allgemein kundgetan."

Das überraschte mich jetzt doch. Allerdings nicht zu sehr, wenn ich über die Szene vor ein paar Wochen nachdachte. Es schien diese blonde Frohnatur unheimlich amüsiert zu haben, dass überhaupt irgendjemand in der Lage war, Erestor zu verletzen. Und dann noch ich, die ihm gerade mal bis zur Schulter reichte. Aber einstweilen war es mir egal. Viel wichtiger erschien mir plötzlich die Frage, ob ganz Bruchtal dermaßen gut über mich Bescheid wusste. Und Nim.

„Nimriel, was wisst Ihr über mich und was ich hier in Bruchtal tue?" Sie war inzwischen beim Tee angelangt und verschluckte sich jetzt dermaßen heftig, dass ich noch eine ganze Weile auf die Antwort warten musste. Und schuldbewusst sah sie obendrein aus. Als hätte sie Angst, dass gleich ein riesiges Donnerwetter über sie hereinbräche.

„Nun, Ihr seid hier zu Gast..." begann sie zögernd. „Herr Erestor hat Euch hierher gebracht, weil... Ich will ehrlich sein, Firiel. Herr Elrond hat mich in alles eingeweiht und mich gebeten, mich um Euch zu kümmern. Ich konnte es nicht fassen, mir nicht vorstellen, dass es eine andere Welt als Mittelerde gibt. Außer natürlich die, wo die Valar walten. Aber nicht so... Es tut mir leid, Ihr seid mir hoffentlich nicht böse? Ich werde ganz sicher niemandem verraten, von wem Ihr abstammt und dass Ihr für IHN von großer Bedeutung sein könntet. Ich würde nie jemanden willentlich in Gefahr bringen." Nimriel schien wirklich ein schlechtes Gewissen zu haben und ich verstand nicht ganz wieso. Sie hatte mich schließlich nicht mit Gewalt hierher gebracht.

„Ist schon gut, ich hab keinen Grund auf Euch böse zu sein. Ganz im Gegenteil. Ihr seid die einzig angenehme Person, die ich bis jetzt hier getroffen habe." Und zu meiner Überraschung merkte ich, dass das stimmte. Ich konnte Nim gut leiden und während des Frühstücks hatte ich nicht einmal an zu Hause gedacht. „Wie dem auch sei. Erzählt mir noch ein bisschen. Was ist mit Herrn Glorfindel. Stimmt es, dass er bereits tot war und von den Valar wieder zurück gesandt wurde? Dann müsste er ja wohl in etwa Erestors Alter haben..." Jetzt war ich gespannt, ob die Vermutungen der Herr der Ringe-Jünger sich bestätigen würden. Alles was ich aus den Büchern über diesen blonden Wunderkrieger mitgenommen hatte, war die Tatsache, dass er eine, für einen Mann unpassend erscheinende, Obsession für silberne Glöckchen zu haben schien.

„Oh, Herr Glorfindel ist ganz anders als Erestor. Er ist sehr beliebt und immer freundlich. Sehr hilfsbereit und er ist Elrond sehr ergeben. Er würde alles für Bruchtal und die Sicherheit seiner Bewohner geben. Er ist der Oberste der Garde und der größte Schwertkämpfer weit und breit. Und natürlich ist er mit dem Bogen genauso gut. Er ist wirklich freundlich zu jederman und kennt keine Arroganz oder Grausamkeit! Und ja, er ist wieder zurückgekehrt nach Mittelerde aus Mandos Hallen."

Es fiel mir schwer bei dieser Lobhudelei ernst zu bleiben, aber Nimriels flammendes Gesicht, die Euphorie in ihrer Stimme und der Glanz ihrer Augen sagten mir nur zu deutlich, dass es gemein wäre mich über ihre Begeisterung lustig zu machen. Sie schien den grinsenden Rauschgoldengel wirklich sehr zu mögen. Vielleicht noch mehr als das...

„Soso, nur gute Eigenschaften also. Das ganze Gegenteil von Erestor."

Nimriel schaute etwas ertappt und senkte dann den Kopf. Nur um im nächsten Augenblick mit der Schnelligkeit eines ICE weiterzusprechen. „Und Lord Elrond ist der Herr dieses Hauses. Er hat es gegründet und hat zwei Söhne und eine Tochter. Seine Frau ist allerdings schon gen Westen gesegelt. Sie hat ein trauriges Schicksal erlitten. Wisst Ihr, er ist ein Halbelb. Und ein großer Heiler. Und natürlich auch ein guter Krieger. Und sehr weise. Er ist sehr freundlich, aber er kann auch schon mal aus der Haut fahren, wenn nicht alles nach seinem Willen geht. Er ist es halt gewohnt zu herrschen. Also über Bruchtal, meine ich. Aber das sollte man ihm verzeihen. Es bringt so viele Bürden mit sich und seitdem Frau Celebrian von uns gegangen ist..."

Bis hierher hatte Nimriel es geschafft, zu reden ohne Luft zu holen. Doch an dieser Stelle musste sie vorerst aufgeben, den Rekord im Schnellreden brechen zu wollen.

„Danke, Nimriel. Jetzt hab ich zumindest eine Idee von den drei wichtigsten Elben in diesem Haus."

Nim war anscheinend allerdings klar, dass sie sich verraten hatte und das schien ihr überaus peinlich zu sein. Etwas fahrig räumte sie das Tablett wieder zusammen und mit einer gemurmelten Entschuldigung, dass sie zu tun hätte, verschwand sie aus meinem Gemach.