...If You Can Tell Me Something Worth Fighting For
Der Zufall war so groß, dass es unglaubwürdig erschien. Auf seinem Weg zurück durch den Central Park entdeckte House ihn auf einer der Parkbänke, die Beine ausgestreckt und die Hände zusammengefaltet. Langsam ging er auf ihn zu und setzte sich schließlich neben ihn. Es erinnerte ihn lebhaft an die Situation mit Cuddy vor ein paar Tagen. Sogar der See war da, nur die Wildgänse fehlten.
"Wenn du mir eine Ohrfeige geben willst, dann nur zu", sagte er mit Blick auf das Wasser und konnte den stechenden Schmerz in seiner Wange bei der Erinnerung an das Treffen mit Cuddy immer noch spüren. "Gegen mein Bein zu treten bringt nichts. Jedenfalls nicht auf der Schmerzskala. Es würde höchstens wegfliegen."
Wilson stöhnte irgendwo zwischen Wut und kompletter Entmutigung.
"Aber wer weiß, vielleicht wäre das ja sogar ganz witzig."
Wilson schwieg weiter.
House wartete einen Moment, in dem er hoffte, dass Wilson etwas sagen würde. "Oh, das Spiel wieder", monierte er schließlich. "Wenigstens bedeutet das, du gibst keine Widerworte und ich kann mit einer kleinen Richtigstellung beginnen."
House tat es Wilson gleich und streckte die Beine lang aus. Die Luft war in New York um diese Uhrzeit ein bisschen wärmer als in Seattle, aber im Moment ging jede Kälte ohnehin spurlos an ihm vorbei. Vielleicht weil er mit der kämpfen musste, die ihm von Wilson die ganze Zeit über entgegenkam.
"Das vorhin war zugegebenermaßen ein bisschen blöd. Und missverständlich." Er sah kurz zu Wilson. "Es geht um den Krebs, der die Eingeweide in glibberigen Schleim verwandelt", fügte er erklärend hinzu, als Wilson immer noch völlig teilnahmslos erschien. "Aber—Überraschung, Überraschung—es geht ausnahmsweise mal nicht um mich. Auch wenn sich sonst alles in dieser Welt um meine Wenigkeit dreht."
Er wartete ab, bis Wilson etwas erwiderte, doch es kam immer noch nichts. "Du musst jetzt fragen, um wen es dann geht", flüsterte House ihm zu.
"Du wirst es mir auch sagen, wenn ich nicht frage", sprach Wilson monoton.
"Upps", rief House und machte ein erstauntes Gesicht, während er mit dem Finger zwischen sich und Wilson hin und her fuchtelte. "Waren wir mal befreundet oder so? Du kennst mich viel zu gut."
"Also, um wen geht's?", fragte Wilson immer noch hörbar desinteressiert.
"Männlich, 22, Inder."
"Indien", stellte Wilson nüchtern fest.
"Indien", bestätigte House. "Das Krebsleiden ist so selten, dass es ewig gedauert hat, bis ein Arzt überhaupt die richtige Diagnose gestellt hat. Und jetzt will keiner operieren."
"Wie weit fortgeschritten?"
"Das Bauchfell ist stark befallen, aber Magen, Darm, Galle, Leber und Blase sind alle noch funktionsfähig."
"Wenn das Bauchfell so stark befallen ist, ist die Fünf-Jahres-Überlebensrate trotzdem sehr gering. Zwanzig Prozent vielleicht."
House nickte. "Macht genau zwanzig Prozent mehr als Null."
"Das erfordert Fachwissen und ein hohes Können des operierenden Arztes."
House nickte weiter. "Du hast so einen Fall gesehen, richtig?"
"Aber nicht selbst operiert."
"Aber du könntest es."
Wilson sah ihn zum ersten Mal seit dem Vorfall im Restaurant direkt an. "Ich verstehe nicht, warum du mich dafür willst. Ich bin fast nur noch in der Forschung tätig. Sicher findet sich auch ein anderer guter Onkologe dafür irgendwo in den USA. Oder in Europa."
"Vielleicht springt was für dich dabei heraus?"
"Was? Ein Millionensümmchen?"
"Ich vermute, das ist nicht der erste Fall von Pseudomyxoma peritonei in seiner Familie. Drei relativ nahe Verwandte sind an bis zu ihrem Tode ungeklärten Krankheiten gestorben. Die recht primitiven Provinz-Autopsieberichte weisen darauf hin, dass sie auch alle eine gallertartige Masse im Bauchraum hatten, die ihre Organe verklebt hat. Nur wusste niemand damit etwas anzufangen. Es gibt noch mehr ungeklärte Todesfälle in den letzten Jahrzehnten in der Region. Bei vielen ähneln sich die Symptome: Hämatochezie, Meteorismus und Schwellungen im Unterbauch. Die Leute dachten an eine Epidemie."
House betrachtete Wilson kurz genauer und sah, dass er zumindest sein Interesse geweckt hatte. "Wir wissen, dass einige kolorektale Krebsarten durch Genmutationen begünstigt werden. Vielleicht also auch dieser Krebs. Es gibt bislang zu wenig anerkannte Fälle, um Zusammenhänge erkennen zu können." Er machte eine kurze Pause und kam dann zu seinem eigentlichen Punkt: "Vielleicht ist das ja was für deine Regulatoren-Forschung. Könnte auch für andere Krebsarten interessant sein."
"Ich verstehe immer noch nicht", gab Wilson verwirrt zu.
House ahmte mit zwei Fingern die Gehbewegung eines kleinen Männchens nach. "Ganz einfach: Du steigst in ein Flugzeug, verlässt es in Indien wieder, siehst dir den Jungen an, operierst ihn, ziehst ein kleines Forschungsprojekt in der Gegend auf, sammelst alle Daten, die du brauchst, fliegst zurück nach New York, wertest die Ergebnisse aus, präsentierst sie auf einer prestigeträchtigen Konferenz und bist bekannter denn je. Nebenbei rettest du mindestens ein Leben. Für zwanzig Prozent auf die nächsten fünf Jahre gesehen zumindest. Und wer weiß wie viele noch."
Wilson schüttelte immer noch mit dem Kopf. Die grundlegende Logik des ganzen war ihm schon klar, aber was er immer noch nicht ganz begriffen hatte, waren House's Motive, seine Motivationen. "Um wen oder was geht es hier eigentlich?", fragte er deshalb.
"Um was immer du willst", erwiderte House kryptisch.
Um was immer er wollte. Seit gestern Abend wusste er überhaupt nicht mehr, was er wollte. Wollte er, dass House verschwindet? Wollte er, dass er hier bleibt? Wollte er ihn hassen oder wollte er es nicht? Eine leise Stimme in ihm sagte, dass er alles von dem wollte. "Ich muss mir das erst überlegen", bekannte er schließlich.
"Mach das." House nickte zufrieden. Ein weiterer Schritt genommen und langsam kamen sie gemeinsam ins Laufen. "Du hast Anthony nicht von mir erzählt. Warum?"
"Weil er nicht alles wissen muss."
"Ich denke, er ist dein Freund."
"Er ist ein Freund."
"Er ist dein einziger Freund, richtig?"
Wilson zögerte zu lange, um es danach noch bestreiten zu können. "Wer will nach dir schon noch Freunde haben."
"Ihr geht zusammen essen, habt am Wochenende Spaß auf der Pferderennbahn oder sonstwo, ihr lacht über die gleichen Witze. Und trotzdem hast du ihm nicht erzählt, wer dein Herz gebrochen hat?", fragte er ironisch.
"Weißt du, wenn die Leute nicht alles über einen wissen, haben sie auch weniger mit dem sie einen verletzen können."
"Klingt nach einer Taktik, die ich schon seit Jahrzehnten anwende. Und die ist dir jetzt erst eingekommen?"
"Nicht jeder versucht sein Leben dauernd von der negativen Seite zu betrachten."
"Eben. Solltest du auch nicht immer tun."
Wilson stöhnte ein weiteres Mal. "Halt die Klappe. Du weißt überhaupt nichts über mein Leben."
"Aber wie du weißt, liegt meine Stärke im Interpretieren des Nicht-Wissens. Und das sagt mir gerade, dass Anthony deshalb kein Arzt, sondern Börsenmakler ist, weil es unwahrscheinlich ist, dass über meine Eskapaden und die Auswirkungen auf meinen treuen Jünger eine Gewinnwarnung herausgegeben wurde."
"Was ist so schlimm daran, dass ich nicht will, dass alle davon wissen? Was ist so schlimm daran nach Normalität zu suchen?"
"Nichts. Aber interessant ist es trotzdem."
"Bei dir ist alles interessant."
"Auch interessant: Er ist jünger als du. Haben wir da etwa das 'Alter sarkastischer Mann und jüngerer Protegé'-Ding?"
"Nein", wehrte sich Wilson. "Das ist Zufall und hat nichts zu sagen."
"Alle großen weltgeschichtlichen Vorgänge ereignen sich zweimal."
"Das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce", beendete Wilson das Zitat und ordnete es zu: "Hegel."
"Ich glaube nur die Hälfte davon ist tatsächlich von Hegel."
"Was auch immer."
"Hatte er Recht?"
"Mit der Tragödie schon. Farce? Ich weiß nicht. Außerdem reden wir hier ja wohl kaum von Weltgeschichte."
"Von deiner schon."
"In der du mein persönlicher Hitler bist."
"Wie liebreizend", sagte House grinsend. "Aber der Vergleich hinkt ziemlich."
"Dann passt er jetzt nicht mehr." Wilson deutete auf die Beinprothese, die sich unter House's Hose verbarg. "Du hinkst kaum noch."
Das Grinsen, das sich schon seit einigen Minuten dezent auf seinem Gesicht ausgebreitet hatte, wurde noch deutlicher. "Überleg dir das mit Indien", sagte House und stand von der Bank auf. "Aber falls du ja dazu sagst, hast du nicht zufällig 800 Dollar für mein Flugticket übrig? Vielleicht kannst du es ja gleich mit als Dienstreise absetzen."
"Ganz bestimmt nicht." Der Kommentar hatte Wilson ein bisschen amüsiert. Vor allem, weil er so House war. Im Sitzen betrachtete er House, der zu überlegen schien, wo er hin musste oder wollte. Von hier unten wirkte er immer noch imposant, kein bisschen gedrückt. Aber Wilson hatte inzwischen gemerkt, dass es in ihm anders aussah, dass die Vergangenheit ihn immer noch verfolgte. "Wo musst du hin?"
"Hostel Ecke Lexington Avenue, 115. Straße."
"Du schläfst in einem Hostel?", fragte Wilson überrascht, aber gleichzeitig auch leicht belustigt.
"Was anderes kann man sich in dieser Stadt ja nicht leisten. Aber keine Angst, ich konnte mir zumindest dort ein Einzelzimmer leisten. Keine geschlechtsverkehrenden Teenager im Bett über mir."
"Glück gehabt."
"Und wieder: Das hat nichts mit Glück zu tun. Elementar, mein lieber Wilson."
Das war seine Art der Verabschiedung und ohne ein weiteres Wort lief House davon in Richtung des nächstgelegenen Parkausgangs. Wilson sah der schemenhaften Gestalt, die immer noch geprägt war von ihrem Markenzeichen dem Stock, durch die Dunkelheit hinterher. Unter jeder kleinen Laterne am Wegesrand, leuchtete er kurz wieder erneut auf und verschwand dann irgendwann ganz.
Es gab noch viele ungeklärte Fragen und Wilson hoffte, dass irgendwann Antworten kommen würden. Auch Antworten, die er nur in sich selbst finden konnte.
