Auf Rabenflügeln
.
9. Unter dem Eis
.
Der Winter begann mild und regnerisch. In der ersten Dezemberwoche ging der Meister noch einmal auf eine dreitägige Reise nach Meißen. Danach verkündete er, dass er für den Rest des Jahres auf der Mühle bleiben würde.
Während der Meister abwesend war, versuchte Klaws zum ersten Mal, fortzulaufen. Zunächst dachten die Gesellen, er hätte sich einmal mehr von der Arbeit weggeschlichen, um in der Scheune oder auf dem Schlafboden zu faulenzen. Doch als er sich auch zum Abendessen nicht einfand, begannen sie, sich Sorgen zu machen, und suchten die Mühle und das umliegende Land nach ihm ab.
Spät in der Nacht kehrte Klaws zurück, mit stolpernden Schritten, Verwirrung und Erschöpfung ins Gesicht geschrieben. Hanzo nahm ihn in Empfang, ausnahmsweise ohne Schelten und Vorwürfe. Sie hatten damit gerechnet, dass er bald zurück sein würde. Witko war noch wach und machte ihm eine Suppe heiß, und nachdem der Junge gegessen hatte, schickten sie ihn zu Bett.
Drei Tage später, der Meister war nun wieder auf der Mühle, versuchte Klaws es noch einmal, und wieder stand er spät in der Nacht vor der Tür. Diesmal waren es Lyschko und Krabat, die ihn begrüßten. „Es hat keinen Sinn", warnte Lyschko. „Von der Mühle führt kein Weg herunter. Daran sind schon ganz andere gescheitert." Wieder brachte Witko Suppe, und ein dick mit Butter bestrichenes Brot dazu, und wieder schickten sie den erschöpften Jungen zu Bett.
Klaws schenkte Lyschko offenbar keinen Glauben, denn drei Tage später versuchte er es ein drittes und letztes Mal. Nun war es der Meister, der ihm des Nachts die Tür öffnete, gerade als der Junge, todmüde und zerschlagen, die Hand heben wollte, um sie von außen aufzustoßen. Krabat und Lyschko standen hinter dem Müller im Flur.
„Klaws", sagte der Meister in ernstem Ton, „nun hast du wohl gesehen, dass es nicht geht. Mir kommt keiner aus, auch du nicht. Versuch es nicht noch einmal. Geh jetzt zu Bett."
Diesmal gab es keine Suppe. Klaws schlich mit eingezogenem Kopf an Krabat und Lyschko vorbei, zur Bodentreppe hin. Sein Gesicht war totenbleich, sein Blick leer.
Krabat musste mit einem Mal an Merten denken, und das Herz tat ihm weh.
.
Inzwischen war es Mitte Dezember, und sie saßen in der Meisterstube, der Müller, Lyschko und Krabat, und warteten auf den, der dieses Jahr sterben sollte.
Krabat hasste diese Unterredungen mit jedem Mal mehr. Der Meister hatte ihnen angeboten, sie ein letztes Mal an ihrer Statt zu führen, aber Krabat und Lyschko hatten der Mühle fast das ganze Jahr über vorgestanden und alles andere übernommen; es wäre feige gewesen, sich um diese Pflicht zu drücken. Allerdings saß der Müller mit ihnen in der Stube, denn auch er hatte seinen Teil zu sagen.
Auf dem Flur erklangen schwere Schritte.
Krabat atmetet tief durch und stand auf.
Es klopfte.
„Herein", sagte Krabat mit belegter Stimme.
Die Tür ging auf, Hanzo betrat die Stube. Sein Gesicht war bleich, wie mit Mehl bestäubt, und seine Mütze hielt er so fest in den Händen, dass seine Fingerknöchel weiß waren.
„Warum ich?", fragte Hanzo, ohne darauf zu warten, dass man ihn ansprach. „Ich habe hart gearbeitet und immer meine Pflicht getan. Keinen einzigen Tadel hab ich dieses Jahr von euch bekommen. Warum also ich?"
Krabat wollte antworten, fand aber, dass er keinen Ton herausbrachte.
Da sprach Lyschko: „Es ist wahr, Hanzo: Du hast gut gearbeitet. Wir haben dir nichts vorzuwerfen und sind mit dir als Altgesell sehr zufrieden. Du hast nichts falsch gemacht."
Hanzo schüttelte langsam den Kopf. „Warum also?", wiederholte er. Da war ein Ton in seiner Stimme wie in Holz, das kurz davor steht, zu brechen.
„Es muss sein", brachte Krabat heiser hervor. „Du bist jetzt vierzehn Jahre auf der Mühle, länger als jeder andere und länger als je einer vor dir. Du hast gute Arbeit geleistet, darum geht es nicht. Es … es ist einfach an der Zeit. Es tut mir Leid, Hanzo."
Krabat konnte es kaum ertragen, Hanzo in die Augen zu sehen, in denen Furcht, Kränkung und Vorwurf standen.
Hanzo wandte den Blick von Krabat ab. Eine Weile ließ er seine Mütze durch die Finger gleiten. „Und du, Meister? Was hast du dazu zu sagen?", fragte er schließlich, indem er den Müller ansah.
Der Meister erhob sich aus seinem Lehnstuhl und trat vor Hanzo hin.
„Hanzo", sagte er, „du hast viel geleistet für die Mühle. Du warst ein guter Schüler, ein tüchtiger Bursche und ein verlässlicher Altgesell. Du hast vierzehn Jahre lang hart und gut gearbeitet, und ich danke dir dafür. Aber nun ist es an der Zeit. Einmal trifft es jeden, das ist der Lauf der Mühle. Nimm es nicht so schwer."
Aus Hanzos Brust stieg ein Laut auf, den Krabat eher von einem Pferd oder Ochsen erwartet hätte: ein tiefes, dumpfes Stöhnen, das aus dem Grund seiner Seele zu kommen schien.
Krabat hätte sich am liebsten die Finger in die Ohren gesteckt und wäre aus der Stube gerannt.
Der Meister schob Hanzo einen Schemel hin, und der Altgesell ließ sich so schwer darauf fallen, dass das Holz krachte. Lyschko füllte einen Becher mit Wein und drückte ihn Hanzo in die Hand, der einen Augenblick darauf starrte, als hätte er so etwas noch nie gesehen, um ihn dann in einem Zug hinunterzukippen. Anschließend blieb er sitzen wie erstarrt. Dabei sah er Krabat an, aus stumpfen, leeren Augen.
„Kann ich jetzt gehen?", fragte Hanzo endlich.
„Gewiss", erwiderte der Meister. „Aber, Hanzo: Du sollst wissen, dass ich keinen Groll und keinen Vorwurf gegen dich hege. Diese Tür steht dir offen, wenn du es willst."
Hanzo nickte steif. Er stand mit schwerfälligen Bewegungen auf und ging zur Tür hinaus, ohne sich noch einmal umzusehen.
.
Beim Frühstück am folgenden Morgen war Hanzo grau im Gesicht, als hätte er keinen Augenblick geschlafen. Als die Gesellen gegessen hatten und an die Arbeit gehen wollten, erhob er sich und hielt sie mit einer Handbewegung auf. „Ich will etwas sagen", verkündete er mit schleppender Stimme.
Alle Augen richteten sich auf ihn. Es schien, als ahnten die Burschen, was kommen würde.
„Ihr werdet bald", sagte Hanzo leise, „einen neuen Altgesellen brauchen."
In der Stube war es vollkommen still. Manche wechselten Blicke miteinander, einige betroffen, andere schuldbewusst, aber erleichtert.
„Ich möchte Petar vorschlagen", fuhr Hanzo endlich fort. „Er ist schon lange auf der Mühle, er kennt alle Arbeiten, die zu tun sind. Außerdem hat er mit keinem Streit und wird wohl auch mit den neuen Meistern auskommen. Also: Wer ist für Petar? Oder gibt es andere Vorschläge?"
Die Gesellen tauschten erneut Blicke, einige flüsterten miteinander. Klaws, nicht ahnend, was wirklich hinter der Sache stand, nutzte die Gelegenheit, um noch einmal beim Haferbrei zuzugreifen.
Eine Hand nach der anderen wanderte in die Höhe. Auch Krabat und Lyschko stimmten für Petar. Sie hatten die Angelegenheit schon mit dem Meister besprochen und waren zum selben Ergebnis gekommen wie Hanzo: Petar mit seiner ausgeglichenen und gutmütigen Art und seiner zwölfjährigen Erfahrung im Müllerhandwerk würde sich am besten auf dem Posten des Altgesellen machen. Nur für wie lange, das war eine andere Sache …
„Nun", sagte Hanzo, „das scheint einstimmig. – Petar, nimmst du die Wahl an?"
Petar, mit einer Mischung aus Freude, Sorge und Überraschung auf dem Gesicht, nickte bedächtig. „Ich nehme sie an."
Staschko und Stani liefen in den Keller, um Wein zu holen, und dann tranken sie alle auf ihren neuen Altgesellen. Hanzo saß mitten unter ihnen, doch vermieden die meisten der Burschen es, ihn anzusehen. Schließlich ging er leise hinaus, ohne dass es einer außer Krabat und Lyschko bemerkt hätte.
.
Eine Woche vor Weihnachten brach die Kälte herein. Es fror Stein und Bein, und die Gesellen mussten jeden Tag ins Gerinne herabsteigen, um das emporwachsende Grundeis wegzupickeln.
Die letzte Neumondnacht des Jahres fiel diesmal auf einen Freitag, so dass die Burschen sofort nach dem Unterricht wieder zur Arbeit antreten mussten.
Kaum, dass er auf dem Hof eingefahren war, sprang der Herr Gevatter behände vom Kutschbock herunter, fasste den Meister an der Schulter und ging mit ihm ins Haus, in die Schwarze Kammer hinein. Hinter dem Fenster sahen sie das unruhige rote Licht seiner Hahnenfeder flackern. Die Gesellen bekamen die beiden erst wieder zu Gesicht, als sie mit der Arbeit fertig waren und den letzten Sack aufgeladen hatten.
Der Meister war blass und unsicher auf den Beinen. Jetzt am Jahresende war er ohnehin nicht in der besten Verfassung, und das Gespräch mit dem Fuhrmann schien ihn völlig erschöpft zu haben. Dennoch wehrte er Lyschko ab, als dieser ihn stützen wollte.
„Bis zum Jahreswechsel", sagte der Herr Gevatter und sah dabei erst den Meister, dann Krabat und Lyschko an. Dann knallte er mit der Peitsche, und sein Gespann polterte in die Nacht hinaus.
Der Müller schickte die Gesellen und Klaws zu Bett. Nun endlich erlaubte er Lyschko, ihn am Arm zu nehmen und ins Haus zu führen.
„Was wollte er von dir?", fragte Krabat, während sie dem Meister halfen, die Kleider abzulegen.
„Die Regeln wiederholen", entgegnete der Müller matt. „Krabat, sei so gut und hol mir noch eine Decke aus der Truhe. Mir ist kalt."
Krabat musterte ihn verstohlen. Der Meister klagte sonst nie über die Kälte.
„Ja, ja", knurrte der Müller unwirsch, „ich weiß. Aber wenn du erst einmal einige Wochen im Körper eines Greises gesteckt hast, dann wirst du verstehen, wie ich mich an jedem Jahresende fühle."
„Uns wird es auch so gehen, oder, Meister?", fragte Lyschko beklommen. „Wir werden im Winter altern und zu Neujahr wieder jung werden …"
„Nicht so sehr wie ich", erwiderte der Meister, indem er sich stöhnend im Bett ausstreckte. Krabat breitete die Decken über ihn. „Danke, Krabat. – Ihr werdet nicht so stark altern wie ich, weil ihr jünger anfangt, wenn ihr versteht, was ich meine. Aber angenehm wird es trotzdem nicht werden."
„Wie alt bist du eigentlich, Meister?", forschte Krabat neugierig nach. Er hatte sich das schon oft gefragt.
„Kannst du nicht rechnen?", gab der Meister zurück. „Ich war als junger Mann im Türkenkrieg. Das ist jetzt bald fünfundzwanzig Jahre her. Ich bin … lass mich nachdenken … zweiundfünfzig, nein, dreiundfünfzig Jahre alt." Er lächelte und sah Lyschko an. „Das ist eine ganze Menge an Jahren, was?"
„Gewiss, Meister", sagte Lyschko und grinste, während er die Kleider des Müllers zusammenlegte. „Aber ich kann darüber hinwegsehen."
„Werd' nicht frech, du!", drohte der Meister, nur halb im Scherz. „Ich bin nicht so schwach, wie ich aussehe. Es reicht noch, um dir eine Tracht Prügel zu verpassen!" Er hob eine welke Hand und schwenkte sie drohend hin und her.
Lyschko ging zum Bett hinüber, nahm die Hand des Meisters und küsste sie.
Krabat war kurz davor, sich aus der Kammer zu stehlen.
„Krabat", sagte Lyschko. Krabat konnte die Tränen in seiner Stimme hören. „Bleib, ich bitt' dich …"
Krabat trat zurück ans Bett.
Der Müller war schon halb eingeschlafen. „Kommt doch zu mir", murmelte er. „Ich erwarte auch nichts von euch … nicht in meinem Zustand."
„Gleich, Meister", sagte Lyschko sanft. „Bleib bei ihm, Krabat", flüsterte er, ehe er in ihrer Kammer verschwand. Kurz darauf kehrte er im Nachthemd zurück, kletterte vorsichtig über den Müller und ließ sich an dessen Seite nieder.
Auch Krabat ging nach nebenan, wusch sich, putzte sich die Zähne und legte sein Nachtgewand an. Als er wieder in die Meisterkammer trat, schlief der Müller, den Kopf auf Lyschkos Brust gebettet. Krabat legte sich an die andere Seite des Meisters und betrachtete die beiden nachdenklich.
Lyschko strich dem Müller durchs dünne weiße Haar und küsste ihn auf die Wange.
Dann sah er Krabat an. „Es bricht mir das Herz", flüsterte Lyschko.
„Ich weiß", erwiderte Krabat leise, griff zu ihm hinüber und drückte seine Hand.
