September 1663, irgendwo im Norden Schottlands

Mit jedem Tag der verging, brannte Carlisles Kehle stärker, wurde sein Verlangen nach Blut dringlicher. Und mit jedem Tag der verging, wurde seine Verzweiflung größer.

Dies war die Hölle. Und aus der Hölle gab es kein Entrinnen.

Er versuchte es, er versuchte es immer wieder, doch nichts gelang, nichts befreite ihn.

Er hatte versucht sich in einer verlassenen Scheune zu erhängen. Er hatte geweihten Boden betreten und ein Kreuz berührt, aber nichts war geschehen.

Er hatte keinerlei Nahrung zu sich genommen, und war doch noch nicht verhungert. Blut. Es schüttelte ihn noch immer allein bei dem Gedanken, dass dies nun seine Nahrung sein sollte. Er würde nicht töten. Niemals. Lieber wollte er selbst sterben.

Doch leider war das einfacher gesagt als letztlich getan.

Jetzt saß er irgendwo auf einem Stein, in seiner Hand ein alter schrumpeliger Apfel.

Er hatte nichts zu sich genommen bisher. Was würde geschehen, wenn er versuchen würde diesen Apfel zu essen? Er musste sich eingestehen, dass nichts an ihm es wollte. Er konnte sich entfernt daran erinnern, dass er früher einmal Äpfel geliebt hatte, doch das war längst vorbei. Dieser Apfel erschien ihm nur widerlich. Der Geruch war unangenehm, abstoßend. Vielleicht sollte dieser Geruch ihn davor warnen, ihm sagen, dass dieser Apfel nun für seinen neuen Körper giftig war?

Er wollte nicht an sein eigenes Spiegelbild denken, dass er vor wenigen Tagen in einer Pfütze gesehen hatte.

Er hatte sich kaum selbst wiedererkannt.

Seine Haut war blasser als je zuvor, sein Gesicht hatte jegliche Unebenheiten verloren, es war die perfekte Schönheit, doch am erschreckendsten waren seine Augen gewesen. Sie waren blutrot.

Er atmete einmal tief ein, schloss die Augen und biss dann in den Apfel den er in der Hand hielt.

Der Geschmack war grässlich. Ein schleimiger, matschiger Klumpen. Angeekelt schluckte er ihn hinunter und biss erneut vom Apfel ab. So rasch er konnte aß er ihn komplett auf und wartete. Nichts. Es geschah gar nichts. Keinerlei Erscheinungen einer Vergiftung.

Es half auch nicht gegen das Brennen in seinem Hals. Nur das Gefühl von einem widerlichen Klumpen in seinem Magen blieb zurück und dieses Gefühl verschwand auch nicht, bis er etliche Tage später den Apfel wieder hochwürgte.

Wütend schlug er mit der Faust gegen einen Baum, welcher sofort zersplitterte und krachend zu Boden fiel.

Schließlich dachte er an die Klippen.

Der Anblick war überwältigend. Mehr als vierzig Meter tief ging es hinab zu einem kleinen Strand aus Fels, umspült von dem tosenden Meer. Er hatte zuvor bereits versucht von Häusern und Brücken zu springen, ohne Erfolg. Doch er war niemals so tief gefallen.

Er würde mit dem Kopf voran springen, obwohl er sich sicher war, dass selbst ein einfacher Sprung auf jeden Fall tödlich sein musste. Er hatte in den vergangenen drei Wochen gelernt, dass sein Körper wesentlich robuster war, als er es je für möglich gehalten hätte, doch dies konnte niemand überleben. Nicht einmal das Monster, zu dem er geworden war.

Welch Ironie, dass sie versucht hatten mit Fackeln und Mistgabeln gegen die Monster vorzugehen! Jetzt wusste er erst, wie absurd dieser Versuch von Anfang an gewesen war. Sie hätten mit ihren Waffen nicht den winzigsten Kratzer verursacht, wenn es ihnen denn überhaupt je gelungen wäre, die teuflischen Wesen zu fangen. Carlisle hatte seine eigene Geschwindigkeit und Wendigkeit schon am ersten Tag entdeckt. Kein Mensch konnte da mithalten.

Und kein Mensch würde wegen ihm sterben müssen.

Also bekreuzigte er sich, blickte gen Himmel und flüsterte leise: „Gnade mir Gott." Dann sprang er mit einem Kopfsprung hinab in die Tiefe.

Das Krachen des Aufpralls war gewaltig. Noch lauter als die tosende See barst der Felsen in zahlreiche Stücke und Carlisle fand sich treiben im Meer wieder, zwischen scharfkantigen Felsstücken, die ihm die ohnehin bereits stark zerrissene Kleidung weiter zerfetzten. Sein Kopf hatte den Fels zerschmettert, nicht der Fels ihn. Der Sturz hatte ihn nicht getötet, oder besser, ihn nicht aus der ewigen Hölle befreit, denn sein stummes Herz zeigte ihm nur zu deutlich, dass er auch nicht mehr wirklich am Leben war.

Er war weder tot, noch lebendig – und sein ganzer Körper schrie nach menschlichem Blut.

Er schwamm weit hinaus, hoffte, dass irgendwann seine Kräfte nachlassen würden und er ertrank, doch selbst als er das Ufer schon längst nicht mehr sehen konnte, fühlte es sich an, als hätte er gerade erst damit begonnen zu schwimmen. Sein Körper zeigte keinerlei Müdigkeit.

Er tauchte ab, ließ das Wasser über seinen Kopf schwappen.

Wie tief würde er tauchen können?

Er versuchte es. Das Licht, das durch die Wasseroberfläche zu ihm drang wurde weniger und weniger. Seine Sicht störte es nicht, er konnte weiterhin jeden Fisch erkennen, jedes Schwebteilchen, dass im Meer trieb. Es wurden weniger und weniger Fische, das Wasser immer klarer und noch immer störte ihn der Mangel an Luft nicht. Es störte ihn auch nicht, dass der Druck zunahm, sich das Wasser immer fester an seinen Körper presste. Und irgendwann war er unten angekommen. Der Boden war mit feinem Sand bedeckt, der leicht aufwirbelte, als er ihn berührte.

Drei Tage wartete er. Und nichts geschah mit ihm. Er ertrank nicht.

Also tauchte er wieder auf und schwamm zurück zur Küste. Seine Kehle brannte weiter wie Feuer. Durst, schrecklicher Durst.

Er würde seinem Körper nicht geben wonach er verlangte. Wenn es so sein sollte, dass er bis in die Ewigkeit die brennenden Qualen ertragen musste, dann war es eben so. Er dachte an die Höhlen, die er vor ein paar Tagen entdeckt hatte. Sie waren nicht weit von hier, doch was viel wichtiger war: ebenso wie hier gab es dort weit und breit keine Menschen. Die Höhlen waren tief und verzweigt, wenn er sich tief in ihnen versteckte, dann konnte es ihm hoffentlich gelingen standhaft zu bleiben. Vielleicht würde Gott sich dann auch irgendwann erbarmen und ihn erlösen. Vielleicht musste er nur länger warten, bis der Hungertod ihn aus dieser Hölle befreite.