Hi! Seid ihr noch da? Ich bin es noch, obwohl es so furchtbar lange gedauert hat. Ein dickes „Tut mir Leid" für diejenigen, die gespannt auf ein neues Kapitel gewartet haben – aber die letzten Wochen waren so ausgefüllt, dass ich überhaupt keine Zeit zum Schreiben hatte. Doch jetzt wird es langsam besser, hoffe ich!
Tausend Dank an die Reviewer vom letzten Mal: Steffen, Immobilus, Isychan, FrodoBeutlin, Dekad.ente und byzantine!
Isychan: Dank dir sehr. Leider ging es nicht so schnell weiter, aber ich hoffe, du bist noch dabei!
Dekad.ente: Auch dir vielen herzlichen Dank. Nun ja, ähm … ich kann nur oben Genanntes wiederholen ;) Ich hatte wirklich sehr wenig Zeit und bin froh, dass die letzten Wochen endlich vorbei sind …
FrodoBeutlin: Danke für dein Review. Du hast natürlich Recht. Irgendwie muss Harry ja voran kommen ...
Allen anderen habe ich per mail geantwortet - so und nun genug gequatscht ...
9. Kapitel: Das dritte Fragment
„Wer weiß etwas davon?" krächzte Caractacus Burke und Harry konnte erkennen, wie sich das glänzende Edelmetall in seinen Augen spiegelte.
„Niemand außer uns", antwortete Borgin. „ … und der Dummkopf, der es mir verkauft hat. Er hatte noch ein paar andere, ziemlich wertlose Sachen im Angebot, die hab ich gleich mit abgenommen, damit es nicht so auffällt. Seit Scrimgeour an der Spitze steht, ist das Ministerium mehr als lästig …"
„Hör zu, Borgin. Das bleibt unter uns, verstanden? Ich wüsste ein paar, die ein Vermögen dafür zahlen würden. Aber .." Der Alte duckte sich, als wollte er sich verstecken und senkte seine Stimme zu einem kaum verständlichen Flüstern. „ … wenn ER davon erfährt, ist ein entgangener Gewinn unsere geringste Sorge …"
Harry rührte sich nicht, dafür wirbelten die Gedanken umso hektischer durch seinen Kopf. Wer hatte das Medaillon an Borgin verkauft? Mundungus? Doch der saß seit Monaten in Azkaban und Borgin hatte das Schmuckstück offensichtlich erst vor Kurzem erworben … Wer war es dann gewesen? Irgendein Hehler? Der Wirt vom Eberkopf? Oder vielleicht sogar jemand aus dem Ministerium, der es unter den gestohlenen Sachen Fletchers gefunden hatte?
„Überlass es mir …" wies Burke seinen Partner an und schloss eine knochige Faust um das Schmuckstück. Im selben Augenblick war aus einer der dunklen Ecken ein zorniges Schnauben zu hören, etwas stieß blitzartig in die Höhe, verharrte für den Moment eines Flügelschlags an der Decke und sauste dann, bevor die beiden Männer auch nur die Zeit für ein Augenzwinkern hatten, im Sturzflug direkt auf sie herab.
„Was zum Henker …!" fluchte Burkes und hob abwehrend die Hände. Harry, der den Scheren-bestückten Schubladenbewohner wiedererkannte, den er kurz zuvor mit einem Stupor-Fluch außer Gefecht gesetzt hatte, löste sich aus seiner Starre und wich zurück. Er sah, wie Borgin den Zauberstab hob, doch das angriffslustige Tierchen kam seinem Fluch zuvor; laut klirrend klappte es seine Scheren auseinander und schlug sie tief in seine Hand. Borgin heulte auf und ließ den Zauberstab fallen. Seine andere Hand schnellte vor, um das kleine Ungeheuer zu packen, doch das konzentrierte sich bereits auf sein nächstes Opfer. Mit einem kunstvollen Manöver, das Krums Wronski-Bluff alle Ehre machte, flog es dem alten Burke, wie kurz zuvor Harry, mitten ins Gesicht und verhakte seine spitzen Krallen in den zahlreichen Falten. Burke hob grunzend die Hände und zerrte an seinem Peiniger. Ein blinkender Lichtfleck fiel klingend auf den Boden und rutschte in Harrys Blickfeld.
Das Medaillon.
Harry handelte instinktiv und ohne nachzudenken. Er bückte sich und eine Sekunde später presste er das kühle Gold gegen die Papiere an seiner Brust. Er machte einen vorsichtigen Schritt zur Seite, dann noch einen. Die Szene vor ihm hatte sich beruhigt. Borgin war es schließlich gelungen, das aggressive Scherentier mit dem Zauberstab zu lähmen: mit eingeknickten Beinen lag es rücklings auf dem Schreibtisch, die Klingen weit von sich gestreckt. „Kyrillischer Krallenflügler", stieß Borgin aus und rieb sich seine Hand. „Hatte ihn vorübergehend in die Schublade gesperrt, als ein Kunde kam… frage mich, wie er daraus fliehen konnte …"
„Kennst du immer noch nicht die einfachsten Regeln?" entgegnete Burke und seine Stimme klang nicht gerade freundlich. Er betastete vorsichtig sein blutendes Gesicht. „Solche Kreaturen kommen sofort in den Quarantäne-Visionator!"
„Der ist noch voll mit Quabernacks… und das hier ist ein wertvolles Tier. Ginger Redbanks hat letztens eines für 500 Galleonen verkauft…"
„Sei still!" Burke schnitt ihm mit einer gebieterischen Handbewegung das Wort ab. Er sah sich suchend um, während er sein Gesicht mit einem grünseidenen Tuch betupfte.
„Wo ist das Medaillon?"
Harry machte einen weiteren vorsichtigen Schritt auf die Tür zu. Er zwang sich, so flach wie möglich zu atmen und ein Rascheln der Pergamente zu vermeiden. Die Tür war nicht mehr weit, doch war sie geschlossen. Sollte er eine Konfrontation mit Umbridge provozieren und apparieren? Hatten Borgin und Burkes einen Apparierschutz?
„Wo ist das Medaillon?" kreischte Burkes jetzt lauter. „Es kann doch nicht weit sein. Accio Medaillon!"
Harry umkrallte das Medaillon mit seinen Fingern, als es einen kräftigen Ruck machte. Von allen Seiten, aus Boxen, hinter Büchern und aus den Ecken flogen unverzüglich die unterschiedlichsten Medaillons auf die beiden Zauberer zu. Gold und Silber, Perlen und glitzernde Juwelen sirrten durch das Büro, die Tür flog auf und aus dem Verkaufsraum kam ein besonders großes Exemplar auf die Händler zu, flatternde Samtbänder zogen grüne Streifen durch die Luft.
„Das war nicht sehr umsichtig, Caractacus …" bemerkte Borgin, während er sich zum wiederholten Male duckte.
„Quatsch nicht, hilf mir suchen …", parierte Burkes ärgerlich.
Harry sah hinüber zu der geöffneten Tür und dann wieder auf die beiden Händler, die mittlerweile auf den Knien den Boden nach dem einen, besonderen Medaillon absuchten, und dann huschte er an ihnen vorbei, nicht allzu schnell, um nicht doch noch die Aufmerksamkeit der beiden Zauberer auf sich zu lenken, aber schnell genug, um Sekunden später mit dem Medaillon und den Papieren wieder draußen in der Nockturngasse zu stehen. Die Straße war leer bis auf den wattedichten Nebel und er begann zu laufen, bis er in die Winkelgasse einbog. Dort blieb er stehen und vergewisserte sich noch einmal, dass seine Augen ihn nicht zum Narren gehalten hatten, doch der goldene Anhänger in seiner Hand war genau der, den er in der Erinnerung in Dumbledores Denkarium gesehen hatte.
Er ballte die Hand zur Faust; einen kurzen Moment lang war er versucht, die Winkelgasse allein zu verlassen, doch vor dem Laden der Weasley Zwillinge entdeckte er Ron und Hermine, zusammen mit Professor McGonogall, die heftig in die Richtung gestikulierte, in die er verschwunden war. Einer der Zwillinge erschien aus einer Seitengasse und die Schulleiterin eilte auf ihn zu. Vorsichtig rollte Harry die Schriftstücke zusammen und näherte sich seinen Freunden.
„Ich wette, er kommt jeden Moment zurück", meinte Ron gerade und schien noch immer Hermines Haar nach Doxyspuren abzusuchen, denn seine Finger verfingen sich spielerisch in einer ihrer Locken.
„Ron, lass das doch …" wehrte ihn Hermine mit einem schwachen Versuch ab.
„Ich dachte nur, da wär …"
„Hey, hey … Ron …"zischte Harry und zupfte ihn am Ärmel.
„Wa … ? Harry? Bist du das …?" Rons Hand verschwand hastig aus Hermines Frisur. Stattdessen kratzte er sich an der Nase, um so unbeteiligt wie möglich zu wirken, während sein Blick hinüber zu Minerva McGonogall wanderte, die kopfschüttelnd mit seinem Bruder sprach.
„Ja, ich bin´s! Schnell, kommt mit …!" Harry sah sich kurz um. „Da drüben …. in den Hauseingang!" Er zerrte Ron und Hermine, die inzwischen aufmerksam geworden war, fort von dem mittlerweile wieder unversehrten Schaufenster, auf das ein wenig zurück liegende Nachbarhaus zu und drängte sie hinter ein rostiges Emaille-Schild mit der Aufschrift „Teeblatt-Taverne". Dann hob er den Umhang mit der freien Hand und breitete ihn eilig über seine Freunde.
„Harry …."presste Hermine hervor, als sie ihn endlich sehen konnte. „…WO …WARST …DU?"
„SSchht, leise", ermahnte Harry und drückte Rons Kopf ein wenig tiefer, damit auch ihre Füße bedeckt waren
„Was soll das?" Hermine ließ sich nicht beirren. „Warum …?"
Doch Harrys Zeigefinger auf ihren Lippen zwang sie zum Schweigen. Dann nahm er das Medaillon aus der anderen Hand und präsentierte es auf seiner offenen Handfläche, ganz dicht vor ihren Augen. Hermine und Ron steckten die Köpfe so nahe zusammen, dass sie sich gegenseitig ihren heißen Atem ins Gesicht bliesen.
„Ist das etwa …" flüsterte Ron und blinzelte ungläubig.
„Genau das!" stieß Harry triumphierend aus.
„Wie …?" Hermines Mund, von Harrys Finger befreit, öffnete sich und klappte wieder zu. Sekundenlang starrten sie schweigend auf das Schmuckstück, dann murmelte sie:
„Bist du sicher, dass es das … eine ist …?"
„Ganz sicher! Das würde ich immer wieder erkennen. Ich habe es in dem Denkarium genau gesehen…"
„Ja …", wisperte Ron, „ … so ein Medaillon hat George am Grimmauldplatz gefunden. Wir haben es nicht aufbekommen und an Sirius weitergegeben. Das sah genau so aus ….!"
„Warst du etwa am Grimmauldplatz?" Hermines Miene verhieß nichts Gutes.
„Nein, nein, da hätten wir vergeblich gesucht. Ich war bei Borgin und Burkes", antwortete Harry flüsternd. „Jemand hat es an sie verkauft …"
„Borgin und Burkes? Warum warst du da? Und wer …?"
„Das ist doch jetzt egal. Tatsache ist, dass ich es dort … gefunden habe …"
„Gefunden?"
„Es … ist mir irgendwie vor die Füße gerutscht …"
Bevor eine weitere vorwurfsvolle Frage von Hermines Zunge fliehen konnte, zeigte Harry auf Professor McGonogall, die das Verschwinden ihrer Schüler inzwischen bemerkt hatte. Sie rief ihre Namen in den Nebel, ging ein paar Schritte in die andere Richtung und verschwand dann händeringend im Laden der Weasleys.
„Warum verstecken wir uns?" flüsterte Ron.
„Mann, glaubst du wirklich, ich will mir weitere Mahnungen über mein mangelndes Sicherheitsbewusstsein anhören?" Ron beeilte sich, heftig den Kopf zu schütteln und Harry fuhr fort: „Hört zu! Ich will jetzt zurück nach Godric´s Hollow, um den Horcrux zu zerstören."
Ron reagierte sofort. „Wir kommen mit!"
„Jetzt …?" fragte Hermine mit einem Anflug von Zweifel.
„Oh … ich schau mal in meinem Terminkalender nach, ob es passt … Natürlich jetzt!" stieß Harry aus, nicht mehr in der Lage, seine Ungeduld zu verbergen. Er und Ron sahen sie eindringlich an.
„O … okay …" meinte Hermine schnell. „Aber ich werde Professor McGonogall Bescheid geben!"
„Spinnst du?" fragten Harry und Ron wie aus einem Mund.
„Nein, ich spinne nicht" antwortete sie würdevoll. „Aber ich will den Aufruhr, den Harrys Verschwinden verursacht hat nicht noch vergrößern. Außerdem denke ich, dass der Orden und auch deine Mutter, Ron, genug Sorgen haben, und wir nicht noch zwei weitere hinzufügen sollten!"
Sie hob den Tarnumhang und marschierte entschlossen auf den Scherzartikelladen zu.
„Warum ist sie nur immer so eigenwillig…." murmelte Ron.
„Vielleicht … hat sie Recht", raunte Harry und beobachtete, wie Hermine in dem Laden verschwand. Das Medaillon lag warm und sicher in seiner Hand.
„Und was ist das?" fragte Ron und zeigte auf die Papiere unter Harrys Arm.
„Oh, das habe ich auch bei Borgin und Burkes entdeckt. Da steht überall Riddles Name drauf. Vielleicht gibt es darin ein paar Anhaltspunkte." Unruhig mit den Füßen scharrend starrten sie schweigend in den Nebel hinaus, bis Hermine zu ihnen zurückkam - tatsächlich allein.
„Na und?" Ron sah sie auffordernd an, als sie unter den Umhang schlüpfte, doch statt einer Antwort meinte sie schlicht: „Ich bin bereit …", fasste Harry und Ron am Arm und dann verschwanden sie aus dem Dunst der Winkelgasse, als wären sie nie da gewesen…
- - -
Eine samtblaue Dämmerung empfing sie in Godric´s Hollow, nur hier und da unterbrochen von den letzten glühenden Strahlen der untergehenden Sonne. Das Ende des Tages hatte sich in der Winkelgasse nur durch eine dunklere Schattierung des Nebelgraus bemerkbar gemacht und Hermine schnappte überrascht nach Luft, als sie am Rand der Heide apparierten, doch Ron ließ ihr keine Zeit für eine eingehende Betrachtung des Naturschauspiels.
„Was hast du ihr gesagt?" fragte er und befreite sich langsam aus Hermines Umklammerung.
Hermine sog erst einmal tief den Duft des Sommerabends in sich ein, bevor sie sich ihm zuwandte. „Ich habe ihr gesagt, dass Harry okay ist, dass wir ihn begleiten und dass wir ihm noch ein wenig Gesellschaft leisten. Sie soll sich keine Sorgen machen und auch bitte deine Mutter informieren …" Sie unterstrich ihre Aufzählung, indem sie die einzelnen Punkte an ihren Fingern abzählte, was Ron wiederum veranlasste, die Arme vor der Brust zu verschränken und sie skeptisch zu mustern.
„Und das hat ihr gereicht? Ich meine … dann hat sie dich einfach so gehen lassen?"
„Ähm … nicht ganz. Ich musste ihr etwas …. versprechen." Nun wirkte sie nicht mehr so schulmeisterlich.
„Aha!" Ron hob die Brauen. „Und was, bitte?"
„Nun ja", Hermine sah Harry an, der ihren Blick mit gerunzelter Stirn erwiderte. „Ich habe ihr versprochen, dass Harry am 1. September in Hogwarts erscheinen wird …"
Ron pfiff leise durch die Zähne und Harrys Stirnrunzeln vertiefte sich.
„Harry, du musst doch sowieso …"
„Wir reden später drüber", erwiderte Harry dumpf und zog sie weiter. Dies war nicht der Augenblick, die Bedeutung freundschaftlicher Bande zu diskutieren.
Sie durchquerten den Garten der Cavernaughs, in dem die Obstbäume wie stumme Wächter ihre Äste über das Gras gebreitet hatten. Drüben im Haus bellte der schwarze Hund und Harry öffnete eilig die Tür des Ateliers. Hedwig in ihrem Käfig schlug aufgeschreckt mit den Flügeln, als er den Raum mit ein paar schnellen Schritten durchquerte, den Stapel Pergamente auf den breiten Holztisch legte und das Medaillon daneben platzierte. Ron und Hermine kamen langsam näher und sie alle starrten auf das Schmuckstück. Niemand sagte ein Wort.
Schließlich räusperte sich Harry. „Okay, ich mach es jetzt auf."
„Nein!"
Hermines Aufschrei veranlasste ihn, seine Finger reflexartig zurückziehen.
„Nein, warte noch", wiederholte Hermine, jetzt etwas gedämpfter. „Harry, wenn das wirklich der echte Horcrux ist", sie sah sich kurz um, als erwartete sie, dass Voldemort persönlich hinter ihr stände. „ dann solltest du ihn auf keinen Fall einfach so öffnen. Du … du weißt nicht, was dann passiert …"
„Aber wenn das die Kette aus Sirius´ Haus ist", bemerkte Ron und nahm das Medaillon ungerührt vom Tisch, „dann kann man es gar nicht öffnen …" Und noch bevor Hermine reagieren konnte, nestelten seine Finger an dem Verschluss herum. Doch nichts geschah.
„Seht ihr", meinte er achselzuckend. „Es geht nicht auf!"
Harry nahm ihm das Medaillon aus der Hand und versuchte es nun seinerseits, doch auch ihm gelang es nicht, es zu öffnen.
„Okay …"seufzte Hermine. „ … auch wenn ihr nicht auf mich hören wollt, denkt doch mal nach: bevor wir versuchen, es zu öffnen, sollten wir überlegen, wie wir das zerstören, was darin enthalten ist, oder?" Als Harry schwieg, setzte sie nach. „Wie war das, als du in der Kammer des Schreckens warst, Harry? Das Tagebuch – wie ist Tom Riddle daraus erschienen?"
Harry dachte kurz nach. „Er war … einfach da – wie ein Geist. Ein Schemen. Eine … eine Seele ohne Körper …"
„Ja, weil Ginny durch ihren Drang nach Mitteilung dafür gesorgt hat, dass Riddle immer stärker wurde …" warf Ron mit brüderlicher Feinfühligkeit ein.
„Sie wusste es nicht …", beeilte sich Harry zu sagen, sofort bereit, Ginny zu verteidigen.
„Schon gut …" Ron lächelte ungewohnt verständnisvoll.
„ … ein Teil seiner Seele ist auch in diesem Medaillon enthalten …" flüsterte Hermine angespannt. „Etwas, das daraus entweicht, wenn du es öffnest … Darum – sollten wir vorher überlegen, wie … wie wir ihn oder … es… bekämpfen können!"
„Warum zerstören wir es nicht einfach, ohne es vorher zu öffnen …?" fragte Ron und zog seinen Zauberstab. „Wir könnten es einschmelzen oder so …"
„Hm, und wenn es doch nicht das richtige Medaillon war? Dann existiert irgendwo noch immer ein Horcrux, von dem wir glauben, dass er längst zerstört ist …" gab Hermine zu bedenken.
Harry stieß die Luft aus. Er stützte die Hände links und rechts neben den Anhänger auf den Tisch und ließ seinen Blick nicht davon. Das Gold zeigte keine Spuren einer Patina, es hatte auch nach Hunderten von Jahren nichts von seinem schimmernden Glanz verloren. Das kunstvolle, schlangenförmig gearbeitete „S" erinnerte ihn an die Statuen in der Kammer des Schreckens und er dachte an den Basilisken und den Giftzahn, der ihm den Tod hätte bringen sollen, aber stattdessen einen Teil von Tom Riddles Seele unwiederbringlich zerstört hatte …
„Du hast Recht", meinte Harry schließlich. „Wir müssen es öffnen. Wir können nie ganz sicher sein, ob der Teil von Voldemorts Seele auch wirklich verschwunden ist, wenn wir es nicht mit eigenen Augen sehen. Und wir sollten vorher überlegen, wie wir den Horcrux vernichten!" Er sah aus dem Fenster. Ein letztes feuerrotes Aufbäumen der Sonne flutete durch die Scheiben und tauchte den Raum in ein geheimnisvolles Licht. Das Gold auf dem Tisch funkelte. Harry wünschte so sehr, Dumbledore wäre hier. Er könnte ihnen sicherlich sagen, was zu tun sei. Er schüttelte den Kopf und nahm das Medaillon gedankenverloren in die Hand. Es war sehr still im Raum.
„Wie hat Dumbledore den Ring zerstört?" kam irgendwann die Frage von Ron.
„Ich … weiß es nicht", gab Harry zu. „Wir konnten nie darüber sprechen. Er hat ihn aber eine Zeit lang getragen. Seine Hand war – wie abgestorben… ihr habt es ja gesehen…"
Ron zog eine Grimasse. „Dann häng die Kette lieber nicht um!"
Von draußen wehte erneutes Hundegebell zu ihnen herüber und Harry drehte sich ruckartig zu ihnen herum. Gerade war ihm eine Idee gekommen „Kommt mit!"
Wo konnte er einen Teil von Voldemorts Seele besser zerstören, als an dem Ort, an dem er schon einmal über den Schwarzen Zauberer triumphiert hatte? Er ignorierte ihre fragenden Mienen, stopfte das Medaillon in die Hosentasche und war schon auf dem Weg zur Tür. Ron und Hermine tauschten einen Blick hinter seinem Rücken, zuckten die Schultern und folgten ihm zögernd.
Als Harry die Tür öffnete, fuhr er zurück. Vor ihm stand, die Faust erhoben, bereit, anzuklopfen, der alte John.
„Ah, Mr Longbottom", begrüßte John ihn lächelnd. „Sie sind endlich da." Er warf einen Blick auf Ron und Hermine, die sich hinter Harry drängten und nickte ihnen zu. „Ich will sie nicht aufhalten, aber …"
„Dann sprechen wir uns morgen, ja?" unterbrach Harry, doch sich seiner Unhöflichkeit bewusst werdend, fügte er schnell hinzu: „Wir … sind in Eile …"
John schien nicht im Geringsten beleidigt. „Verstehe, verstehe", meinte er und ließ endlich die Faust sinken. „Ich bin sofort wieder verschwunden. Ich – wollte Ihnen nur etwas geben." Und mit diesen Worten griff er in die Innenseite seiner Jacke und holte etwas daraus hervor. Harry nagte ungeduldig an der Unterlippe.
„Mir ist ihr großes Interesse daran nicht verborgen geblieben! Ciaran hat mir gesagt, dass Sie … nun ja und ich hab auch Augen im Kopf … kurz und gut – ich habe den Eindruck, dass Sie es nötiger haben, als ich …"
Harry sah ihn verständnislos an und starrte auf den Gegenstand, den John ihm soeben in die Hand gedrückt hatte. Es war die kleine Flasche „Agapin", der Trank seiner Mutter.
„Aber … das kann ich nicht annehmen", ächzte Harry und für den Moment vergaß er sogar das Medaillon.
„Natürlich können Sie das", versicherte ihm der alte Friedhofswärter und schob Harrys Hand zurück. „Ich hab doch gemerkt, wie viel Ihnen daran liegt. Außerdem – ich brauche es nicht mehr. Aber ich glaube Sie", er kam ganz nahe und mit einiger Verwunderung nahm Harry die Intensität seines Blickes wahr. „Sie haben einige böse Geister zu vertreiben …"
Die Flasche lag kühl und beruhigend in Harrys Hand, die Flüssigkeit in ihrem Innern schmiegte sich an das Glas und ein einzelner, dickbauchiger Tropfen perlte davon ab.
„Ich bezahle sie …"
„Oh nein. Hab ich nicht gesagt, das ist nicht zu verkaufen? Das war auch ein Geschenk für mich. Wie gesagt, ich glaube, sie können mehr damit anfangen, Mr. Longbottom …" Harry war zu sehr in die Betrachtung des Trankes vertieft, um die eigenartige Betonung des Namens zu registrieren.
„Ich …. danke … vielen Dank …", stammelte er.
„Also … schönen Abend noch." John nickte ihnen zu und dann ging er über den Rasen davon, sein Gehstock bohrte sich rhythmisch ins abendfeuchte Gras.
„Ich mach das wieder gut …" rief ihm Harry hinterher, doch der Alte hob nur abwehrend die Hand und war dann in der Dämmerung verschwunden.
„Was is´n das?" fragte Ron und lugte neugierig über Harrys Schulter.
„Eine Art Medizin. Ich weiß nicht wirklich, was sie bewirkt, aber - meine Mutter hat sie zubereitet …" murmelte Harry und betrachtete versonnen die trübe Flüssigkeit. „Sie hat ihm die Flasche geschenkt … damals …"
„Das ist – wunderbar, Harry", meinte Hermine und legte ihm voller Anteilnahme die Hand auf den Arm. Die Berührung holte ihn aus seinen Gedanken. Entschlossen steckte er den Flakon in die Tasche seiner Jeans und spürte neuen Mut durch seine Adern strömen. Heute Abend trug er gleich mehrere bedeutende Dinge bei sich - was konnte noch schief gehen?
„Kommt!" wiederholte er seine Aufforderung von eben. Sie gingen nebeneinander her durch den Garten, die menschenleere Straße entlang, vorbei an dem Friedhof auf dem sich die Kreuze und Grabsteine in den immer dunkler werdenden Abendhimmel streckten. Später würde er seinen Freunden das Grab seiner Eltern zeigen. Später – jetzt musste er sich auf das konzentrieren, was direkt vor ihm lag. Damals, in der Kammer des Schreckens hatte er nicht gewusst was er tat. Ganz instinktiv hatte er den Horcrux mit dem Basiliskenzahn zerstört. Jetzt war er im Vorteil – er wusste, mehr oder weniger, was ihn erwartete. Und seit Ginnys Koboldstein um seinen Hals hing, hatte er mehr als einmal Glück gehabt.
Als sie auf den Wildweg durch die Heidewiesen bogen, befand Ron, dass sein Geduldsfaden lang genug strapaziert worden war und fragte: „Sagst du uns jetzt, wohin wir gehen?"
„Zu dem Haus, in dem meine Eltern gestorben sind …"
„Oh …"
Obwohl Harry es nicht sehen konnte, fühlte er doch den Blick, den er sich mit Hermine hinter seinem Rücken zuwarf, aber er führte sie unverdrossen weiter.
„Seht mal, da…!" wisperte Hermine plötzlich und hielt ihn zurück. Irgendwo knackte leise ein Zweig und aus dem dunklen Meer aus Heidekraut löste sich der Umriss eines großen schwarzen Hundes.
Harry ging in die Knie. „Hi, Blacky", begrüßte er den Hund der Cavernaughs, der sich freudig winselnd von ihm kraulen ließ. „Hast du mich vermisst?"
„Der hat mich erschreckt", sagte Hermine und erleichtert, dass Harry den unerwarteten Gefährten offensichtlich kannte, begann sie ebenfalls, das struppige Fell zu kraulen.
„Der sieht aus wie …"
„Ich weiß", Harry erhob sich wieder. „Das hab ich auch sofort gedacht. Aber – nein, es gibt viele Hunde dieser Art …"
„Er heißt … Blacky?" fragte Ron vielsagend und ließ sich geduldig die Hand lecken.
„Eigentlich Cheiron, aber beinahe alle nennen ihn Blacky. Er gehört den Leuten, bei denen ich wohne. Aber … er ist nur ein ganz normaler Hund. So und jetzt lauf, Blacky, ich kann dich nicht gebrauchen!"
Blacky blieb stehen, wo er war und sah Harry unentwegt an.
„Ab nach Hause mit dir …" befahl Harry eindringlicher, doch der schwarze Hund gehorchte nicht. Harry scheuchte ihn mit den Händen, bis er endlich aufsprang.
„Lauf! Zurück mit dir!"
Mit einem letzten Blick aus seinen dunklen Augen drehte der Hund sich um und trabte schließlich den schmalen Pfad hinunter, zurück ins Dorf. Harry sah ihm nach, sekundenlang, dann setzten sie ihren Weg fort.
Erst als sich das Cottage in ihr Blickfeld schob, blieb er stehen. Hermine und Ron verharrten beinahe ehrfurchtsvoll neben ihm. Die scharfkantigen Umrisse hoben sich noch immer vom Abendhimmel ab, doch verschmolz die Fassade mehr und mehr mit der samtigen Dämmerung. Wie das Tor zur Nacht, schoss es Harry durch den Kopf, doch dann schalt er sich für diese Gedanken – hier war Voldemort aus seinem Körper gerissen worden … und hier würde er einen weiteren Teil seiner schwarzen Seele aus ihrer Festung reißen!
„Das ist es …?" hauchte Hermine neben ihm so leise, als fürchtete sie, die Mystik des Ortes mit ihrer Stimme zu zerstören.
„Ja."
Sie folgten ihm schweigend durch den Garten, in dem die wild wachsenden Kräuter ihr Eindringen mit einem leisen Schaudern zur Kenntnis nahmen und sagten auch nichts, als Harry ihnen den Weg in das Haus öffnete. Im Innern war es beinahe finster und Hermine ließ ihren Zauberstab aufleuchten, als sie sich, dicht beieinander, in der Eingangshalle vorsichtig umsahen.
„Hältst du das wirklich für eine gute Idee?" fragte Ron schließlich und Hermine rieb sich zitternd die Arme. Durch das offene Dach glitzerten die ersten Sterne auf sie herab.
„Ja", antwortete Harry mit einer Spur von Trotz. „ … denn dieser Ort ist Voldemort schließlich schon einmal zum Verhängnis geworden." Und auch meinen Eltern …, fügte er in Gedanken hinzu, doch das sagte er nicht laut. Er fasste in die Tasche, um das Medaillon heraus zu holen und fühlte dabei die glatte Oberfläche des Agapin-Flakons. Er betrachtete die Flasche kurz, dann stellte er sie vorsichtig auf einen hervorspringenden Mauersockel und wandte sich seinen Freunden zu. Das Medaillon glomm im Lichtkegel seines Zauberstabs auf.
„Irgendein Vorschlag, wie wir den Horcrux vernichten können?" fragte er dumpf.
„Wie wär´s mit …erschlagen …?" schlug Ron vor und sah sich suchend nach einem Gegenstand um, mit dem man die Aufgabe angehen könnte. Er bückte sich, hob einen faustgroßen Mauerstein vom Boden auf und stellte sich in Position.
Harry beobachtete, wie Ron den Stein drohend dem Medaillon entgegen streckte. Er zog an der Kette und ließ das Medaillon vor ihren Augen leicht hin und her pendeln. Kreiselnd schwang es zwischen seinen Fingern. Es klapperte laut im hinteren Teil des Hauses und Hermine zuckte zusammen. Ron hob den Zauberstab und den Stein.
„Nur der Wind", beruhigte Harry. „Okay, hört zu: wenn wir das Medaillon geöffnet haben und … und tatsächlich ein Schatten von seiner Seele daraus erscheint, dann nimm den Stein, Ron, und zertrümmere es. Hermine und ich versuchen es mit einem …" Er vollendete den Satz nicht, sondern sah zu ihr herüber.
„T .. Todesfluch ..?" flüsterte sie mit zitternden Lippen.
Harry nickte. „Da ich nun mal keinen Basiliskenzahn zur Verfügung hab´…"
„Nur - wie kriegen wir es auf …?" fragte Ron.
Mit den Augen verfolgten sie die Linien des Medaillons. Durch die schwingenden Bewegungen sah es so aus, als erwachte die schlangengleiche Prägung darauf zum Leben.
„Versuch es mit Parsel …."wisperte Hermine, im gleichen Augenblick, als auch Harry dieser Gedanke durch den Kopf fuhr. „Es gehörte schließlich Slytherin."
Harry nickte und konzentrierte sich. „Öffne dich!" zischte er den Schlangen im Gold des Anhängers zu.
Mit einem kaum vernehmbaren Klicken sprang das Medaillon auf
Sie hielten den Atem an. Das Rascheln der Blätter in den Ecken war das einzige Geräusch in der schwer lastenden Stille. Behutsam klappte Harry den Deckel ein wenig höher. Anders als der falsche Horcrux, enthielt dieses Medaillon ein Bild – eine verkleinerte Version eines Gemäldes in dunklen, braunen Tönen, auf dem das affenartige Gesicht eines Zauberers zu erkennen war. Eine Statue mit diesem Gesicht hatte Harry schon einmal in der Kammer des Schreckens entdeckt – Salazar Slytherin. Die Augen des Magiers bohrten sich lauernd in die Harrys, der wie hypnotisiert zurückstarrte. Schwarz und brennend zogen sie ihn in ihren Bann und er bemühte sich angestrengt, seine Gedanken zu verschließen, doch eine Art Benommenheit ergriff von ihm Besitz, die seinen Willen erlahmen ließ.
„Harry, was ist los?" rief eine Stimme aus der Ferne.
Wie unter Zwang hob er die Arme und legte sich das Medaillon um den Hals. Dort lag es, kühl und hart neben dem Lederbeutel mit seinen kostbarsten Besitztümern. Er hörte ein Lachen – ein hohes kaltes Lachen, das ihm das Blut in den Adern gefrieren und seinen Atem stocken ließ …
Er schnappte nach Luft, doch das lebenspendende Element erreichte seine Lungen nicht. Die schwere goldene Kette des Medaillons hatte sich um seinen Hals geschlungen und würgte ihn. Die groben Glieder rieben sich in seine Haut und drückten ihm gnadenlos die Luft ab.
Jemand schrie. Seine Hände schnellten panisch an seine Kehle und versuchten, sich von der Fessel zu befreien. Andere Hände griffen ebenfalls zu. Er sah Hermines wild entschlossene Miene direkt vor sich, hörte ihr aufgebrachtes Schluchzen. Ron schrie einen Fluch heraus, der jedoch nur eine heiße Brandspur auf seiner Haut hinterließ. Immer tiefer schnitt die Kette in sein Fleisch, mit hervorquellenden Augen sank er auf die Knie und nahm nur noch verschwommen wahr, wie die durchscheinende, geisterhafte Gestalt Tom Riddles vor ihm aus dem Boden wuchs …
Hermine rief unverwandt seinen Namen und eine kalte, blass schimmernde Hand fuhr über ihren Mund. Sie verstummte sofort und stolperte zurück, die Augen schreckensweit.
„ A …Avada , Ke… Kedavra", rief Ron und zielte mit dem Zauberstab auf die gespenstische Erscheinung, doch er zitterte so sehr, dass es ihm kaum gelang, den Stab zu halten. Tom Riddle verzog die Lippen zu einem höhnischen Lächeln und ging langsam auf ihn zu.
„Avada Kedavra …" schrie Ron noch einmal, diesmal fester, doch der Fluch, beinahe farblos, ging einfach durch die schemenhafte Gestalt hindurch und traf die gegenüberliegende Wand, knirschend sprengte er das mürbe Gestein auseinander. Hermine, endlich aus ihrer Starre erwacht, umklammerte ihren Zauberstab und kroch zurück zu Harry, der röchelnd auf dem Boden lag.
„Reductio!" stieß sie verzweifelt hervor. Einige der Glieder zersprangen und stoben wie ein goldener Hagelschauer zur Seite. Hastig riss sie die restlichen Glieder von Harrys Hals, wo sie tiefe rote Abdrücke hinterlassen hatten, und schüttelte ihn.
„Harry! Alles in Ordnung? Enervate!"
Seine Augenlieder flatterten und er drehte sich keuchend und hustend zur Seite.
„Gott sei Dank! Du …."
Ein gequälter Laut in ihrem Rücken schnitt ihr den Satz ab und sie wirbelte herum. Ron war ebenfalls in die Knie gegangen und hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen. Seine Umrisse waren verschwommen, er schien in ein unwirkliches, flirrendes Licht getaucht. Er wand sich, als litte er unter schrecklichen Krämpfen. Hermine sprang auf die Füße und hob den Zauberstab. Im gleichen Augenblick richtete Ron sich auf, wie von unsichtbaren Fäden empor gezogen, und zielte mit seinem Zauberstab auf Hermine. Er öffnete den Mund, doch schüttelte gleichzeitig heftig den Kopf, als wehrte er sich gegen die Worte, die aus den Tiefen einer fremden Macht aus ihm hervorbrechen wollten.
„Impedimenta!" rief Hermine in höchster Not, hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, Rons Qualen zu beenden und der Angst, ihn zu verletzen, doch Ron blockte den Fluch ab.
Harry rang noch immer mühsam nach Atem und seine Finger tasteten auf dem Boden nach dem Medaillon. Ron riss ruckartig den Zauberstab in die Höhe und der Fluch, der eigentlich Hermine hätte treffen sollen, sprengte stattdessen ein weiteres Loch in die Wand hinter ihr. Staub und Gesteinsbrocken schleuderten durch die Luft, Harry rollte sich am Boden zusammen. Hermine hatte weniger Glück, einer der Steine flog direkt auf sie zu. Harrys Warnruf kam zu spät, das schwere Geschoss traf sie am Kopf und mit einem erstickten Seufzer sackte sie langsam auf die Dielenbretter.
Mit fliegenden Fingern durchsuchte Harry das Geröll vor ihm, doch er fand nicht, was er verzweifelt suchte. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Ron den Zauberstab auf ihn richtete, dann aber plötzlich wie ein entwurzelter Baum vornüber kippte, während die schemenhafte Gestalt Tom Riddles mit einem zornigen Aufschrei wie heißer Dampf aus ihm herausstob.
Harrys Kopf fuhr hoch und er starrte direkt in einen Teil der schwarzen Seele Voldemorts, noch jung und gutaussehend, in einem schlichten schwarzen Anzug wie damals im Haus der Hepzibah Smith, doch mit einem Ausdruck kalter Mitleidlosigkeit.
„Was suchst du?" Die blassrot schimmernden Augen musterten ihn mit der Neugier eines Insektenforschers. „Das hier ….?"
Harry erkannte seinen Zauberstab und rührte sich nicht, während sein Verstand die Möglichkeiten, die ihm blieben, hastig gegeneinander abwog.
„Ich weiß, wer du bist …", hallte die hohe kalte Stimme über ihm. „Du bist der Stachel in meinem Fleisch, nicht wahr? Die lästige Fliege, die sich einfach nicht abschütteln lässt." Riddle hob den Kopf und sah sich um. Er musterte die Überreste der Treppe, die in das Obergeschoss geführt hatte. „Dieser Ort gefällt mir nicht. Irgendetwas sagt mir, dass er eine ungute Rolle in meiner Zukunft spielt … Warum also sind wir hier?"
„ … damit du keine Zukunft hast!" zischte Harry, während seine Finger sich weiterhin durch den Schutt wühlten. Wenn er nur das Medaillon fände …
„Oh", entgegnete Riddle in gespieltem Erstaunen. „So ungastlich ist dieses Haus? Doch sei versichert, dass ich entsprechende Schritte für meine Zukunft unternommen habe! Was allerdings deine Zukunft betrifft …."
Er schwang den Zauberstab und ein heftiger Schlag traf Harry im Rücken und drückte ihn flach auf den Boden. Einen Moment lang glaubte er, alle mühsam in sich hinein geschöpfte Luft würde auf einmal aus ihm heraus gepresst, doch nach ein paar benebelten Sekunden stieß er hervor: „Aber … genau hier … ist einer deiner … Schritte … daneben gegangen …" Er redete, um Zeit zu gewinnen, auch wenn ihm jedes Wort nur mit Mühe über die Lippen kam. Doch vielleicht konnte er Riddle so lange hinhalten, bis Ron oder Hermine, was er sehr hoffte, wieder einsatzfähig waren.
„So? Und was weißt du davon?" fragte Tom Riddle leise und beugte sich tiefer zu ihm herab. Die Kälte, die er ausstrahlte, strich über Harrys Haut wie ein eisiger Luftzug.
„Nun? Ich höre …" forderte Riddle mit einer Stimme, die ebenso kalt war, wie die Aura, die ihn umgab.
Doch Harry schwieg und Riddle richtete sich wieder auf, die Lippen verächtlich gekräuselt. „Dieses Haus scheint ein äußerst denkwürdiger Ort zu sein. … Glaubst du etwa …" Er hob die Hand mit dem Zauberstab „ … diese Mauern würden dich schützen?"
Es gab einen lauten Knall, etwas über Harry riss auseinander, eine Lawine aus Mauerbrocken und Schutt prasselte auf ihn herab. Schützend hob er die Arme über den Kopf, während Steine unterschiedlichster Größen seinen Körper unter sich begruben. Er fühlte, wie ein Knochen in seinem rechten Fußgelenk splitterte und schrie auf.
„Vielleicht hast du sogar Recht," fuhr die kalte Stimme über ihm ungerührt fort. „Sie würden dich bestimmt gern für immer in ihrem Schoß … verbergen."
Mühsam gelang es Harry, den Kopf zu heben. Sein Blick flog über die reglosen Gestalten seiner Freunde und blieb plötzlich an einem matten Schimmern hängen, nur ein paar Schritte von ihm entfernt. Das Medaillon! Seine linke Hand umklammerte den nächstbesten Stein, verbissen ignorierte er seinen pochenden Knöchel und das Hämmern in seinem Kopf, zog den Arm mit einem schmerzhaften Ruck unter dem Haufen Schutt hervor und zielte auf den goldenen Horcrux. Der Stein verfehlte das Medaillon um Armeslänge und Tom Riddle lachte spöttisch.
„Das meinst du doch nicht ernst …"
Harry biss sich auf die Lippen und fahrig suchte seine Hand nach dem nächsten Stein. Wieder hob er den Arm, doch im selben Moment löste sich im Hintergrund ein dunkler Schatten aus dem aufgewirbelten Staub; mit drohend entblößten Lefzen, das Nackenfell gesträubt, sprang ein großer schwarzer Hund mit einem gewaltigen Satz auf die schemenhafte Gestalt zu, glitt durch sie hindurch und landete, wie von einem Faustschlag niedergestreckt, aufjaulend zu Füßen der zerstörten Mauer, wo er regungslos liegen blieb. Harry, der seine Sinne zu schwinden glaubte, ächzte leise: „Blacky …?", doch wurde der letzte Rest seiner Wahrnehmungsfähigkeit gefesselt von der Flasche mit dem Agapin, die bisher unversehrt auf dem Mauervorsprung gestanden hatte; die linke Hinterpfote des Hundes hatte den Flakon gestreift, entsetzt musste Harry mit ansehen, wie dieser bedrohlich schwankte und dann, beinahe wie in Zeitlupe, vornüber kippte.
Er schlug auf dem Boden auf, der Inhalt spritzte großflächig über die morschen Dielen und schwappte über den Horcrux. „Nein …" flüsterte Harry, doch kaum war das Wort über seine Lippen gekrochen, gesellte sich ein weiteres, unerwartetes Geräusch hinzu: die Lache vor ihm schien zu köcheln, sie zischte wütend, rostroter Qualm schlängelte sich empor. Fassungslos starrte Harry auf das Medaillon, das inmitten der rauchenden Pfütze wie im Todeskampf zu zucken begann. Gierig leckte der Trank an dem Gold und verwandelte sich Sekundenschnelle in ein Meer aus brodelnden Bläschen. Rote Fontänen spritzen in die Höhe, wirbelten den Horcrux umher wie einen Ball auf einer schäumenden Woge. Über allem hing das ungläubige Wutgeheul Tom Riddles; ebenso wie das Medaillon führte sein Seelenfragment einen makabren Tanz auf , als ob es auf heißen Kohlen tanzte, schleuderte die durchscheinenden Glieder von sich und löste sich schließlich in zischelnde Tropfen auf, bis nichts mehr von ihm blieb als der Rauch, der die Dunkelheit mit einem roten Schleier benetzte.
Harry war wie gebannt. Seine Hand mit dem Stein lag matt auf der Erde und ein paar Spritzer der rötlichen Flüssigkeit erreichten seine Fingerspitzen. Statt sie zurückzuziehen, streckte er seine Hand noch weiter aus und wie eine warme, tröstliche Umarmung liebkosten die Tropfen seine Haut. Er drehte vorsichtig den Kopf, um nach Blacky zu sehen, doch an der Stelle, wo der Hund gerade eben jaulend in sich zusammen gesackt war, tanzten kleine grau-rote Spiralen aus Rauch und Staub – und sonst nichts. Harry kniff die Augen zusammen, bis ein grelles Licht vor seinen Lidern explodierte und sah noch einmal genauer hin, aber das Ergebnis war dasselbe.
„Harry, bist du okay?" krächzte eine Stimme neben ihm und er blinzelte hoch in Rons kreidebleiches Gesicht und nickte, bevor er die Stirn wieder in den Staub sinken ließ. Ron fuhr mit beiden Händen durch sein Haar. Er wirkte erschüttert. „Ist … ist er weg?" Als Harry abermals nickte, begann er eilig, die Steine, die Harry noch immer unter sich begruben, mit den bloßen Händen beiseite zu räumen, so dass er sich vorsichtig in eine sitzende Position ziehen konnte.
„Mann, das war krass! Ich weiß gar nicht …" Rons Kopf flog suchend umher. „Wo ist Hermine?" Er rappelte sich auf die Füße und stürzte auf die reglose Gestalt zu, die nicht weit von Harry auf dem Boden lag.
Mit einer hilflosen Geste sank er neben ihr auf die Knie. „Hermine, sag doch was", flüsterte er rau. Er strich über ihr Haar und starrte schockiert auf das Blut an seinen Fingern. Harry versuchte sich aufzurichten, doch sein Knöchel rebellierte hartnäckig gegen die übermäßige Belastung, also beließ er es für den Moment bei dem Versuch. Hermine stöhnte und bewegte unruhig ihren Kopf. Mit einer schmerzverzerrten Grimasse öffnete sie endlich die Augen.
Harry konnte förmlich den Stein, der von Rons Herzen fiel, neben ihm aufschlagen hören. Er umfasste ihre Schultern und half ihr, sich langsam aufzusetzen. „Wie geht es dir?" fragte er mit großen Augen und Hermine betastete ihren Hinterkopf. „Autsch! Mein Schädel brummt, aber sonst …okay! Und du? … Und Harry?" Beide nickten und sie fragte gedämpft: „Ist es vorbei?"
„Ich glaub, ja. Ich hab nicht wirklich mitbekommen, was passiert ist, aber … es … er hat sich irgendwie in Luft aufgelöst …" Ron deutete auf die rötliche Lache, in der, nun wieder vollkommen starr, das Medaillon lag. Noch immer stieg schwelender Dampf auf.
„Der Horcrux ist … zerstört?" Hermine zog stöhnend die Brauen zusammen und Ron sah sich genötigt, ein buntkariertes Tuch aus seiner Tasche hervorzuziehen, um ihr damit auf dem Kopf herumzutupfen, doch sie nahm es ihm ab. „Lass nur, ich mach es lieber selbst …"
„Es … es tut mir so schrecklich Leid", Ron ließ schuldbewusst den Kopf hängen. „Ich … konnte nichts dagegen tun … da war etwas in mir, … es war so …es war …unheimlich …ich …"
Hermine gelang ein Lächeln. „Schon gut, Ron …."
„Es war der Trank …" murmelte Harry und er fischte nach einer dunklen Scherbe inmitten der rauchenden Pfütze. Die Flasche war in hundert kleine Teile zersprungen, der Inhalt unwiederbringlich verloren. „.Der Trank meiner Mutter …"
„Der Trank …?"
„Ja. Es ist nichts mehr da, alles verschüttet. Aber … er hat den Horcrux zerstört …" Harry betrachtete die blassrote Spur auf seinen Fingerspitzen.
„Wie ist das möglich?"
Harry schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht…" Er wird die bösen Geister vertreiben, hatte Lily damals zu dem alten Friedhofswärter gesagt. Niemals wäre er auf den Gedanken gekommen, dass dies auch auf etwas anderes als die psychischen Probleme eines Alkoholikers zutreffen könnte ….
„Der Hund … Blacky … er war hier … er hat …" Er brach ab und horchte in die Dunkelheit, ob nicht irgendwo das Tappen von Pfoten oder ein klägliches Jaulen zu hören war, doch je länger er lauschte, desto wahrscheinlicher schien es ihm, dass der Schatten, den er wahrgenommen hatte, nur die Folge eines allzu harten Steinschlags gewesen war, eine Halluzination - nicht mehr. „Ich dachte, ich hätte ihn gesehen …"
Ron reckte den Kopf und sah sich um. „Hier ist nichts, Harry …"
„Er hat die Flasche umgestoßen, als er Riddle anspringen wollte. Aber vielleicht war es auch nur Einbildung …" Er strich sich durch das Haar und kleine Staubwolken flogen auf.
„Egal, was es war, es war zumindest wirkungsvoll …", entgegnete Ron. Er schüttelte sich, als müsste er ein ekliges Insekt abwerfen. „Er … er wollte, dass ich euch töte … alle beide …ich … " Die Stimme versagte ihm bei dem Gedanken an das vorher Erlebte und er rieb sich gedankenverloren den Unterarm und betrachtete den aufsteigenden Rauch.
„Du kannst nichts dafür. Immerhin hast du dagegen angekämpft …" meinte Harry.
Ron kickte heftig einen Stein beiseite, dann stand er auf, hielt Hermine die Hand entgegen und zog sie vorsichtig hoch. Sie taumelte ein wenig und musste ihren Kopf an Rons Brust abstützen, wobei er sie, in einem Akt eiliger Wiedergutmachung, ziemlich lange in den Armen hielt und immer wieder an sich drückte.
Auch Harry rappelte sich endlich auf.
„Hey, was ist mit deinem Fuß …? Du bist doch verletzt!"
„Eigentlich geht´s mir noch gut, wenn man bedenkt, dass die halbe Mauer auf mir gelandet ist …" murmelte Harry und sah sich nach seinem Zauberstab um.
Ron entdeckte ihn zwischen ein paar Steinen, beeilte sich, ihn aufzuheben und Harry in die Hand zu drücken, der ihn sofort auf seinen Knöchel richtete
„Episkey"
„Den muss ich mir wirklich merken", sagte Ron, als sich der Knochen mit einem leisen Knirschen wieder zusammenfügte. Harry verzog das Gesicht, denn der Spruch war zwar effektiv, die damit verbundene Empfindung aber recht intensiv. Ganz kurz dachte er daran, dass Tonks es gewesen war, die ihm diesen Zauber gezeigt hatte und er wandte sich ab; zu dem körperlichen Schmerz hatte sich ein anderer gesellt. Hermines Hand schob sich wortlos in die seine, Ron trat neben sie und gemeinsam umstanden sie die rötliche, rauchende Lache inmitten der Eingangshalle.
„Er ist wirklich zerstört?", raunte Hermine, noch immer zweifelnd.
„Ja, ein Horcrux weniger …" bestätigte Harry und belastete vorsichtig seinen frisch gerichteten Knöchel. Einer der Ringe, die seine Brust seit geraumer Zeit verschnürten, brach auf und löste ein wenig von der Spannung, die ihn seit Dumbledores Tod in ihren Fängen hielt. Langsam dämmerte ihm, dass er ein kleines Stück weiter gekommen war auf dem dunklen, verschlungenen Pfad, der vor ihm lag und mit einer Art aufmüpfiger Genugtuung fragte er: „Ein paar letzte Worte für dies Stück von Voldemorts Seele?"
„Ja", meinte Ron grimmig und spuckte angewidert auf das Schmuckstück zu seinen Füßen. Es zischte erneut und eine weitere kleine Rauchfahne schlängelte sich empor. „Fahr zur Hölle!"
t.b.c.
Bis zum nächsten Mal ...
ciao lucinde
