9. Das kleine, große Desaster

Nach dem Abend mit Pepper geht es mir wesentlich besser. Um drei Uhr liege ich im Bett, müde aber zufrieden. Es hat gut getan mich ihr anzuvertrauen und nicht gleich für verrückt erklärt zu werden. Wer hätte gedacht, dass ich ausgerechnet mit ihr etwas gemeinsam habe? Ich bewundere ihr Durchhaltevermögen. Sie hat einen Mann gekriegt, auf den sie fünf Jahre warten musste. Und das ohne zu wissen, ob sich das Warten lohnt. Wenn man die Beiden zusammen sieht, ist klar, dass sie verrückt nacheinander sind. Es ist echt krass, wie viel Mühe sich Tony für sie gibt.

Dass die vernünftige, vorsichtige, wunderbare Pepper sich traut, so einen Mann zu lieben und damit auch noch Erfolg hat, ist mir ein tröstliches Beispiel dafür, dass es heutzutage diese ganz besondere, unlogische aber gute Liebe noch gibt.

Am nächsten Tag stehe ich erst spät auf. Heute ist mal ein Sonntag, an dem ich nicht ins Cafe muss. Ich bin heilfroh Maya und Irene – Verzeihung: Eiriiin – heute nicht sehen zu müssen. Für einen Small Talk sind die Beiden ja ganz nett, aber nach acht Stunden mit ihnen brauche ich meist einen Boxsack.

Mit einem guten Tee mache ich meinen kleinen Fernseher an, der mehr ein schneedurchsetztes Flimmern reproduziert, als ein Bild in Farbe. Bei den Nachrichten dreht sich mir beinahe der Magen um. Die politische Situation ist noch schlimmer geworden. Wenn Jack vor einer Weile nur ein Nerviger Nerd war, so ist er jetzt eine ernsthafte Bedrohung. Ich habe diesen Sprung über den Graben in den letzten Tagen irgendwie verpasst, weil ich beschäftigt war mit Lernen und Loki – äh, tja. Ziemlich egoistisch, wenn ich mal drüber nachdenke.

Heute Morgen hat er wieder zugeschlagen. Bilder von rauchenden Gebäuden werden gezeigt. Captain America gibt vor den Trümmern des Gebäudes einer renommierten Bank ein Interview. Er versichert uns Normalbürgern, dass die Avengers alles tun, um die Sicherheit in New York zu gewährleisten. Ich denke, Steve glaubt auch daran. Seine Überzeugungen sind ja unerschütterlich. Aber ich denke auch, dass einige Infos vor der Öffentlichkeit geheim gehalten werden um Panik zu verhindern. Durch mein Hintergrundwissen gelingt es mir diese Nachrichten richtig einzuordnen. Das Ergebnis gefällt mir überhaupt nicht: Die Avengers sind überfordert.

Der Gedanke bedrückt mich.

Seufzend schalte ich den Fernseher ab. Ich habe keinen Bock mehr, mir das anzugucken. Ich kann mich jetzt aufregen, aber das bringt nichts. Wenn sich jemand wie Dr Banner aufregt, das bringt was. Aber wenn Darcy Lewis empört ist, dann bringt das überhaupt nichts.

Ich kann nicht sagen, dass mich dieser Gedanke weniger bedrückt.

Aber solche Sachen muss man den Avengers überlassen. Und hoffen, dass sie bald eine Lösung finden.

Das Wetter ist zu schön, um drinnen zu bleiben. Deshalb dusche ich, setze ne coole Mütze auf, unter der meine Locken wild hervor quillen und zieh meine „Selbstbewusstseinsstiefel" an. Sie machen irgendwas Tolles mit meinem Gang.

So mache ich mich auf den Weg zum Bäcker. Er ist zwar drei Straßen weiter, aber das macht nichts. Mit einem Kaffee und einem Brötchen als spätes Frühstück und frühes Mittagessen zugleich schlendere ich durch den nahegelegenen Park. Es ist nicht heiß heute, aber angenehm warm. Der Smog der Stadt scheint einer frischen Brise gewichen zu sein – aber vielleicht bin ich auch nur schon abgehärtet und rieche ihn nicht mehr. Die meisten netten Orte sind schon besetzt. Für die Leute hier ist der jüngste Vorfall nur eine Nachricht von vielen. Sie lassen sich davon nicht den Sonntag verderben. Ihre Gelassenheit steckt an. Es ist wirklich voll hier. Deshalb spaziere ich ein wenig herum und esse im Gehen. Ich versinke in meinen Gedanken. Dabei nehme ich die gepflegten Beete und die verschiedensten Menschen auf den Parkbänken oder im Gras kaum wahr.

Ich überlege gerade, ob es okay ist um zwei Uhr nachmittags schon ein Eis zu essen, oder ob ich erst noch wenigstens eins meiner Bücher durcharbeiten soll, um es mir zu verdienen, da macht es ‚Phump' neben mir. Mit dem dumpfen Geräusch geht ein sanfter aber plötzlicher Luftzug einher. Und plötzlich höre ich Schritte, die sich meinem Tempo anpassen. Die Präsenz einer anderen Person ist nahezu körperlich spürbar.

Ich muss mich nicht umwenden, um zu wissen, wer das ist. Stattdessen schaue ich starr geradeaus. Ich muss lächeln. Ob es legal ist, so glücklich zu grinsen? Aber legal ist mir egal, denn das hier ist… also, wow: Er hat diesmal mich aufgespürt.

Ich weiß, dass er mich von der Seite her anschaut. Bestimmt fragt er sich, ob ich ihn überhaupt bemerkt habe. Tja, mein Lieber. Ich habe scharfe Sinne! Ich bin ein bisschen stolz auf mich und schreite in meinen ganz besonderen Stiefeln aus. Mir fällt wie nebenbei auf, dass alle Leute, die uns entgegen kommen, ganz große Augen machen und ihn so lange anstarren wie möglich. Oh je, hat er seinen Helm mitgebracht?

„Na?", frage ich spitz. „Auf dem Weg Chaos zu verbreiten, oder machst du bei dem schönen Wetter einfach nur einen Spaziergang?"

„Ich konnte der Idee zu Gehen um des Gehens Willen nie viel abgewinnen." Lokis Stimme ist samtig und ruhig. Sie versucht mich, mich doch umzuwenden, aber ich schaue konsequent nach vorne.

„Also das Chaos. Ist das der Moment, wo ich mich heldenhaft auf dich werfe um das Schicksal der Welt abzuwenden?"

„Nein, keine Sorge.", gibt er trocken zurück. „Du erhältst in einem solchen Fall das notwendige Stichwort."

Ich lache und wende mich ihm endlich zu.

„Woah", mache ich, als ich mit seiner kompletten Aufmachung konfrontiert werde. Seine Rüstung schimmert beeindruckend. Zum Glück hat er den Helm zu Hause gelassen.

Er lächelt nicht, aber die Partie um seine Augen wird weicher – mein Indikator dafür, dass er es sich verkneift. Stattdessen macht er einen großen Schritt und versperrt mir den Weg.

„Ich habe eine Frage an dich, Darcy."

„Äh.", mache ich und lege den Kopf zurück. Uns trennt kein halber Meter, was heißt, dass ich zu Mister Eins-Fünfundneunzig hochschauen muss. „Klar, schieß los."

In meinem Kopf purzeln die kuriosesten Ideen durcheinander, was er mich fragen könnte. Die Realität übertrifft meine Phantasien aber bei weitem: „Bist du am heutigen Nachmittag schon anderweitig verpflichtet?"

Ich starre ihn ungläubig an. „Was?"

Loki verdreht die Augen. Ich versuche zu ignorieren, dass bei dem Anblick seiner genervt zusammengepressten Lippen mein Magen einen Salto macht.

„Hast du Zeit?", präzisiert er.

„Ich hab dich schon verstanden!", schnappe ich beleidigt. „Ich verstehe nur nicht, was das alles hier bedeutet."

Ich meine, hallo? Erst gestern habe ich mir eingestanden, dass ich im Prinzip diejenige bin, die ihm hinterher läuft. Und schon taucht er direkt vor meiner Nase auf und fragt mich auf seine geschäftsmäßige Art nach einem… Termin? Bei sowas gehen in meinem Kopf die Alarmglocken an. Das kann doch kein Zufall sein.

„Ich möchte dich bitten, mich zu begleiten."

„Aha. Wohin?", frage ich misstrauisch.

„Das siehst du dann. Wir müssen sofort aufbrechen."

Ich schaue skeptisch in sein Gesicht. Er schaut zurück. Sein Ausdruck selbstverständlicher Überlegenheit weckt das seltsame Bedürfnis in mir, ihm eine runter zu hauen. Was denkt er sich eigentlich? Das er nur zu rufen braucht und ich komme?

Die Stille zieht sich in die Länge. Loki fühlt sich genötigt, das Ganze etwas näher zu erläutern: „Es wird nicht lange dauern. Eine, maximal zwei Stunden. Und es dient der Bevölkerung von Midgard."

„Hm.", mache ich, nicht überzeugt. Seine schönen, grünen Augen sind toll anzusehen, das schon. Und ich freue mich wirklich, ihn zu sehen. Aber ich versuche mich nicht davon beeindrucken zu lassen. Ich gehöre nämlich nicht zu diesen naiven Mädchen, die alles tun, nur weil man sie freundlich bittet – und er hat mich ja noch nicht mal freundlich gebeten! Ich gehöre zu diesen ganz komplizierten Frauen, für die es kein Widerspruch ist auf einen Mann abzufahren und trotzdem vorsichtig zu bleiben. Nein, keine Chance! Nicht zu Fremden ins Auto steigen, sage ich mir. Auch wenn die Fremden nicht fremd sind und kein Auto in Sicht ist. Aber ich denke, man kann den Grundgedanken auf lokieske Situationen anwenden.

„Ich verspreche, dich gesund und munter wieder zurück zu bringen."

Mein Misstrauen wächst ins Unermessliche. „Es ist also gefährlich ja?"

„Natürlich nicht!", gibt er leicht genervt zurück. „Ich bin ja dabei."

„Aha.", mache ich. Ich muss grinsen. „Du bist ganz schön von dir selbst überzeugt."

Er grinst zurück. Scheiße, denke ich. Bis jetzt war ich standhaft, aber dieses süße, fiese Lächeln verwandelt die Gegend, wo sich in etwa mein Herz befindet in eine flauschige Wattewelt. Wem mache ich hier etwas vor? Was auch immer er heute Nachmittag tut, ich bin am Start, einfach nur, um Zeit mit ihm zu verbringen und die Tatsache, dass er heute zu mir gekommen ist, auszukosten.

Naja, das muss er ja wenigstens nicht unbedingt wissen.

„Na schön.", sage ich, als ob ich ihm einen Riesengefallen tun würde. „Du hast mich neugierig gemacht. Aber wehe, wir müssen um unser Leben rennen oder meine Klamotten werden schmutzig. Dann wirbele ich dich bei erstbester Gelegenheit an deinen Helmhörnern ins nächste Jahr, klar?"

Loki lacht. „Ich behalte diese Drohung im Hinterkopf."

„Sehr gut.", sage ich zufrieden. Und weil er mir einen derart spöttischen Blick zuwirft, boxe ich ihn gegen die Schulter. Er hat nicht mal den Anstand die Stelle mit seiner Hand zu reiben, sondern starrt meinen mickrigen Versuch mit mildem Interesse nieder. Genauso muss sich ein Welpe fühlen, der sich pflichtvergessen im Hosenbein von Gästen verbeißt und nur ein „Och, wie süß!" dafür erntet.

Ich räuspere mich verlegen. „Also, wo geht's hin?"

Das scheint Lokis Stichwort zu sein, denn er überbrückt den Abstand zwischen uns und packt mich bei den Schultern. „Überlass das mir.", sagt er.

„Was soll das werden?", frage ich entgeistert, als er mich gekonnt in seine Arme nimmt. Erschrocken über die plötzliche Nähe werde ich stocksteif.

„Du machst es falsch", tadelt er. „Damit die Magie fließen kann, muss so viel Kontakt wie möglich bestehen."

Er unterstreicht diese These damit, dass er seine Hände auf meinen Rücken legt und mich an sich presst. Spätestens jetzt sind meine Gedanken so blank wie ein leeres Blatt Papier. Das Einzige, was ich wahrnehme ist sein Geruch. Mit großen Augen schaue ich geradeaus auf seinen Hals. Täusche ich mich, oder riecht er gerade an meinen Haaren? Wie genau bin ich mal wieder in eine derartige Situation geraten? Das hier erinnert mich zu sehr an ein folgenschweres Meeting im Starktower, oder an einen Sturz aus dem Fenster… beides Situationen, die in Lokis Armen endeten. Mein Herz rast. Das hier kann unmöglich gut sein. Ich bringe mich garantiert gerade wieder in Schwierigkeiten. Und das obwohl ich mal nichts tue und auch nichts sage. Oh man.

„Beruhig dich.", murmelt Loki. „Ich will uns nur teleportieren."

„Oh.", mache ich. Erleichtert atme ich aus.

Er gluckst. „Am Vertrauen zu unseren Mitmenschen müssen wir noch ein wenig arbeiten."

„Du bist kein Mitmensch.", nuschele ich, während ich schicksalsergeben mein Gesicht an seine Rüstung lege. Ich schiebe sogar meine Hände in seinen Nacken. Ich kann unter meinen Händen spüren wie sich sein Körper einen kurzen Moment lang überrascht versteift. Da hast du deinen Kontakt, denke ich.

„Wohl wahr.", sagt er, nicht im Mindesten gekränkt. „Deshalb kann ich auch das."

Sofort wird alles schwarz vor meinen Augen. Die Welt stürzt auf mich ein. Ich kann den Boden unter meinen Füßen nicht mehr spüren. Alle Luft wird aus mir heraus gepresst. Mein Körper verhält sich ähnlich wie auf der Achterbahn, wenn man in den Looping kommt. Im Bruchteil einer Sekunde ist alles wieder vorbei. Meine Füße schlagen so plötzlich auf einem Boden auf, dass meine Beine wegknicken. Loki hält mich fest, sodass ich nicht in mich zusammen sacke. Ah, deshalb die Umarmung.

Mein Magen rumpelt. Mir ist schlecht. Ich habe das Bedürfnis, mich treffsicher auf Lokis Schuhe zu übergeben.

"Du... Du ARSCH!", ächze ich.

„Warte einen Augenblick.", murmelt er beruhigend. „Es geht gleich vorbei." Sein Arm ist auf meinem Rücken und hält mich fest. Ich bleibe noch eine Weile an seine Brust gedrückt, bis mein Körper nicht mehr zittert. Dann räuspere ich mich. „Kannst mich loslassen.", murmele ich. Es klingt vielleicht etwas kühl, denn Loki tut schnell wie geheißen.

Ich schaue mich um. Ich glaube einen Augenblick lang unter Halluzinationen zu leiden. Vielleicht bin ich auch einfach ohnmächtig geworden ohne es zu merken. Denn eine Stadt von Gold ragt vor mir in den Himmel. Unter meinen Füßen ist eine Straße aus buntem Glas. Sie sieht aus, als hätte man einen Regenbogen schockgefrostet.

Wir sind in Asgard.

Ich schaue mich fassungslos um. Loki schenkt der ganzen Pracht keine Beachtung. Stattdessen beginnt er, die Straße entlang zu laufen. Erschrocken sprinte ich hinter ihm her. Ich will hier auf keinen Fall alleine zurückbleiben. Diese Welt ist riesig - und ich bin klein.

Ich meine… ich bin in Asgard. Oh man, ich kann mein Glück kaum zu fassen. Ich bin in einer anderen Welt. Und sie sieht hammermäßig schön aus! Jane wäre so neidisch, wenn sie das wüsste!

Ich meine… woah. Asgard! Ich wünschte ich würde mich nicht ständig wiederholen und ich hätte erhabenere Gedanken, aber alles, was mir dazu gerade einfällt ist folgendes: Oh scheiße! Ich bin völlig underdressed.

Ich fasse Loki neben mir am Ellbogen. Er wendet sich überrascht um.

„Loki!", wispere ich.

„Was ist?", flüstert er zurück und passt sich, indem er sich zu mir runter beugt, meiner Geheimniskrämerei an.

„Hättest du mir nicht sagen können, wo wir hingehen? Ich bin völlig falsch angezogen!"

Loki blinzelt. Dann wirft er den Kopf zurück und lacht. Sein Gesicht strahlt dabei.

„Schön, dass du endlich mal weißt, wie ich mich fühle."

Verdutzt über diesen Kommentar und begeistert über sein schönes Lachen stehe ich vor ihm, bis er sich wieder beruhigt hat. Stimmt. Ich habe ihn in Chillklamotten erwischt. Zweimal. Ohne Vorwarnung. Von daher ist das hier aus seiner Sicht wahrscheinlich eine faire Revange.

„Komm.", sagt er. „Da vorne kann man teleportieren. Ich bringe uns ins Schloss." Er schiebt meine Hand fest in seine Armbeuge. Der viele Körperkontakt heute macht mich innerlich mehr als nervös. Ich versuche mir nichts anmerken zu lassen. Keine Ahnung, was ein paar Meter weiter vorne so anders ist, aber plötzlich macht es ‚phump', ich blinzele und wir sind woanders. Ganz ohne Übelkeit. Ich bin erleichtert.

Wir befinden uns in einem wunderschönen Raum. Seine Wände sind mit roten und grünen Teppichen behangen. Es gibt einen echten Kamin mit Feuer drin. Davor ist eine Sitzgruppe, die bequem aussieht. Loki fühlt sich hier ganz wie zu Hause. Er lässt sich majestätisch in einen der Sessel sinken. Er überschlägt elegant die Beine. Dabei sieht er einmal mehr wie ein verwöhnter Prinz aus. Er behält eine große Flügeltür im Blick. Ich brauche einen Augenblick, um zu begreifen, dass er sich anschickt zu warten.

„Loki!", zische ich, ganz das nervöse Huhn. „Wen treffen wir hier?"

Er hebt eine Augenbraue. „Lass dich überraschen." Woah, ich könnte diesen arroganten Mistkerl manchmal sowas von…

Da werden die beiden Türflügel weit geöffnet und eine Gestalt kommt herein, die so majestätisch und schön ist, dass es mir die Sprache verschlägt.

„Loki!", ruft sie und ist mit drei Schritten bei ihm. Sie fasst sein Gesicht fest mit beiden Händen. Entsetzt beobachte ich, wie sie seine Wangen mit Küssen bedeckt.

„Jaja. Schon gut!", grollt Loki wenig begeistert. Er steht hastig auf um zu entkommen und schiebt sie so würdevoll wie möglich mit sanfter Gewalt von sich. Der blonde Engel ist davon wenig beeindruckt. Sie nutzt den Spielraum, um Loki in eine erdrückende Umarmung zu ziehen.

„Mutter, bitte!", sagt Loki verzweifelt.

Da dämmert es mir. Oh man, Darcy. Entspann dich wieder. Es ist die Mutter. Kein Grund sich aufzuregen. Das kann man aber auch nicht ahnen, so jung wie sie aussieht.

Ich bin Zeuge davon, wie sie ihrem Sohn lauter Dinge sagt, die zwar voller Liebe, aber Kindern in der Regel unglaublich unangenehm sind – „Ich habe dich so vermisst!" und „Wie deine Haare wieder aussehen!" und so weiter - Ich fange gegen meinen Willen an zu giggeln.

Sie wendet den Kopf und nimmt mich zum ersten Mal wahr. Konfrontiert mit ihrem Blick werde ich mir meiner Jeans überdeutlich bewusst. Ich meine, sie trägt ein wunderschönes Gewand – und ich trage eine Mütze. Aber hey, in einem anderen Kontext wäre meine Mütze total cool, ehrlich.

„Wie unhöflich von mir!", ruft sie aus und ist in einem Augenblick bei mir. „Hallo meine Liebe! Bitte setz dich doch!" Sie fasst mich mit einem beherzten Griff am Arm und manövriert mich in einen der Sessel. Krass, denke ich. Ich bin in einem Raum mit einer echten Königin.

„Ich bin Frigga.", sagt sie, während sie sich mir gegenüber niederlässt – wobei sie sich vielmehr grazil über ein glückliches Möbelstück drapiert. Loki fühlt sich wohl vor weiteren Angriffen ihrerseits sicher, denn er setzt sich direkt neben mich.

Er sagt irgendetwas Unverständliches zu ihr. Wahrscheinlich spricht er Asgardisch, damit sie ihn nicht noch weiter blamieren kann. Die beiden versinken in einen Dialog, der in meinen Ohren nur aus kehligen und kratzigen Lauten besteht und über keine Vokale verfügt. Deshalb habe ich einen kurzen Augenblick, um zu verkraften, dass ich hier bin. In Asgard. Bei einen Treffen mit Lokis Mum. Die eine Königin ist. Oh man.

„Wir haben nicht viel Zeit.", sagt Frigga plötzlich wieder auf Englisch. „Dein Vater ist gegen Sonnenuntergang wieder zurück."

Interessiert schaue ich zwischen den Beiden hin und her. Das Ganze hier kommt mir vor wie eine kleine Verschwörung.

„Länger brauche ich auch nicht, um dir meinen Plan zu erläutern."

„Du weißt, dass ich nichts tun werde, was dein Vater nicht gutheißen würde."

„Natürlich Mutter. Aus diesem Grund habe ich Darcy mitgebracht."

„Tatsächlich?" Sie schenkt mir ein freundliches Lächeln. Ich lächele zurück und versuche nicht wie ein einziges großes Fragezeichen in Darcyyform auszusehen.

„Dann bist du wohl seine Freundin.", schlussfolgert sie.

Loki räuspert sich. „Da liegst du falsch, Mutter."

Plötzlich werden ihre Augen groß und rund. Sie schaut von mir zu ihrem Sohn und ihr schönes Gesicht ziert ein entsetzter Ausdruck.

„Loki!", bringt sie entrüstet hervor. Loki schaut einen Augenblick verwirrt zurück. Dann dämmert ihm, was seine Mutter meint.

Mutter! Nein, okay? Nein!" Und schließlich wird auch mir klar, was hier los ist. Sie denkt, Loki und ich hätten miteinander… und darüber hinaus glaubt sie, dass Loki keine ernsten Absichten mit mir hat.

Jedes Mal, wenn mir etwas Peinliches passiert, bin ich davon überzeugt, dass es sich um den peinlichsten Augenblick in meinem ganzen Leben handelt. Aber dieser Moment wirklich, wirklich der absolut peinlichste Augenblick, den ich je erlebt habe. Mein Gesicht ist innerhalb von Sekunden feuerrot. Ich kann die herzensgute Frau ja noch nicht einmal beruhigen und ihr sagen, dass ich bezüglich Lokis Körper überhaupt kein Interesse habe. Denn dafür habe ich ihn in den letzten Tagen definitiv zu oft angeschmachtet.

„Es geht um etwas völlig anderes!", sagt Loki und unterstreicht seine Aussage mit einer resoluten Geste. Er hat Mühe sein Gesicht wieder unter Kontrolle zu bringen. Wenn mich nicht alles täuscht ist auf seinen Wangen ein kleiner Hauch von Rosa. „Ich habe Darcy mitgebracht als einen lebenden Beweis, dass die Teleportation eines Menschen zwischen den Welten durchaus möglich ist."

„Moment Mal.", sage ich verdutzt, aber Loki beachtet mich gar nicht.

„Du weißt, dass die Erde bedroht wird. Und die Avengers verstehen nicht einmal einen Bruchteil von dem, was ihr Gegner ihrer Welt antut."

„Aber Thor-", setzt Frigga an.

„Nicht einmal Thor versteht es. Er hat keine Ahnung von den Verbindungen zwischen den Dimensionen. Bisher nahmen wir an, dass es rein hypothetisch möglich ist, Menschen dort hindurch zu schicken. Aber die Realität sieht anders aus."

Ich versuche mich bemerkbar zu machen, indem ich mich laut vernehmlich räuspere. Loki quatscht einfach weiter: „Es existiert ein Mensch, der mühelos zwischen den Welten reisen kann und der fragliche Dinge zurück bringt. Er wird sich nicht die Mühe machen müssen, eine Armee aufzustellen. Er wird gar keine brauchen."

Er streift mich mit seinem Blick. In mir brodelt es. Ich bin sicher, dass man das in meinen Augen mühelos erkennen kann, denn Loki schaut rasch wieder zurück zu seiner Mutter.

„Er wird die Verbindungen zwischen den Welten stärken, sodass die Erde den anderen Welten hilflos ausgeliefert ist. Darum musst du mir helfen, Mutter.", Loki schaut Frigga fest in die Augen. „Wenn die Erde zerstört wird, kann ich meinen Auftrag nicht ausführen und nie wieder nach Asgard zurückkehren. Ich verlange keine Hilfe, aber wenn Odin nicht bereit ist, mir das notwendige Wissen zur Verfügung zu stellen, dann wird auch irgendwann ein Pfad zwischen Asgard und der Erde existieren, den niemand mehr schließen kann. Schau dir Darcy an.", ich zucke zusammen, als die Beiden sich mir plötzlich zuwenden. „Die Menschen sind den anderen Welten nicht gewachsen."

Spätestens jetzt bricht mein Vulkan aus.

„Jetzt halt aber mal die Luft an!", donnere ich. „Für jemanden, der Menschen für völlig hilflos hält, mutest du deinem Umfeld aber ganz schön viel zu! Wusstest du überhaupt, ob ich das ganze Teleportieren überlebe?"

„Natürlich wusste ich-"

„Von wegen, nicht gefährlich! Und was fällt dir eigentlich ein mich vorzuführen als ein Beispiel für ein… ein Exempel! Bin ich ein Affe im Zoo, oder was?"

„Darcy, du verstehst das völlig-"

„Ach ja?" Ich springe auf und marschiere zur Tür. Mit Genugtuung stelle ich fest, dass Loki mir folgt. Das will ich ihm auch geraten haben. Ich fahre zu ihm herum und deute mit dem Finger der Gerechtigkeit auf ihn.

„Glaub ja nicht, ich hätte nicht gemerkt, dass du mich für deine miesen Pläne ausnutzt! Du führst mich deiner Mutter vor, damit du kriegst, was du willst! 'Meine Mitarbeit dient der Bevölkerung von Midgard' Am ARSCH!", ich hole tief Luft, weil ich das in einem Atemzug gesagt habe, "Und wie redest du überhaupt über Menschen? Ich glaub du spinnst!"

Es ist nicht schwer zu erkennen, dass Loki auch sauer ist. Er mag es wohl nicht, zur Schnecke gemacht zu werden. Er baut sich vor mir auf und verschränkt verärgert die Arme vor der Brust. Ich weiß genau, dass er den Größenunterschied zwischen uns absichtlich ausnutzt.

„Es besteht keine Veranlassung, mich anzuschreien. Ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen. Im Gegenteil: Ich habe vor zu verhindern, dass jemand die Weltherrschaft an sich reißt. Die Herrschaft deiner Welt, wohlgemerkt. Und da deine kleinen Freunde nicht bereit sind zu kooperieren-"

„Rate mal, woran das liegt!"

„-muss ich von allen mir zur Verfügung stehenden Mittel Gebrauch machen. Die Tatsache, dass deine Mitwirkung der Erde Asgards Hilfe sichern könnte, muss dir als Rechtfertigung reichen. Im Übrigen verzichte ich auf deine unerhebliche Meinung."

„Du kannst mich mal!", schreie ich.

Loki öffnet den Mund, und ich bin mir sicher, dass ihm etwas äußerst Giftiges auf der Zunge liegt, aber plötzlich haben wir beide jeweils eine zarte, weiße Hand auf der Schulter liegen.

„Ihr Süßen, bitte beruhigt euch wieder!"

Friggas Stimme ist wie Honig. Obwohl sie meine Wut auf Loki keinen Deut mindert, kann ich mich gegenüber dieser sanften Frau unmöglich weiter daneben benehmen.

Ich schlucke, fasse mich wieder und nicke ihr zu. „Ich möchte nach Hause.", murmele ich.

„Tze.", grolle Loki. „Viel Spaß beim Laufen!" Ich bin einen Moment lang sprachlos darüber, wie kindisch er klingt.

„Dass ihr jetzt schon geht kommt gar nicht in Frage!", flötet Frigga. „Ihr bleibt selbstverständlich zum Abendessen!"

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