9. Showdown am Riff

Da lag sie, die vertraute Haarnadel mit dem Katzenkopf. So oft hatte er sie in den Haaren seiner geliebten Frau gesehen. Vigilius sass an seinem Schreibtisch aus massivem Eichenholz und betrachtete mit gemischten Gefühlen das kleine Schmuckstück vor sich. Einerseits regte sich Hoffnung in seinem Herzen, dass man Amandas Aufenthaltsort gefunden hatte. Andererseits befürchtete er, dass die Haarnadel am See nur auf ihre Todesart hinwies. Das Ultimatum der Todesser war nämlich abgelaufen und er hatte ihre Forderung nach seinem Sohn nicht erfüllt. Im Gegenteil, er hatte sogar einen ihrer Spione aus dem Verkehr gezogen.

Er hob den Blick und schaute hinüber zu Ian Mac Lachlan und dem Auror Kingsley, die wartend neben dem Kamin standen. „Ja ich kenne diese Haarklammer. Es war ein Geburtstagsgeschenk an meine Frau." Mit leiser Stimme bestätigte er die Vermutung des Chieftain und nahm das Erinnerungsstück in seine zitternden Hände. Er hatte es nicht geschafft, sie vor dem Stichtag zu finden. Hatte er sich zu wenig Mühe gegeben? War er ein Versager? Hatte seine junge Amy nun seine Unfähigkeit sie zu beschützen mit dem Leben bezahlen müssen? Oder bestand noch eine Chance seine Liebste aus den Händen der Todesser zu befreien?

„Wir haben am Fundort keine Leiche und auch keinen Hinweis auf eine Hinrichtung entdeckt." Chieftain Ian versuchte den Herzog aufzumuntern, denn er hatte den traurigen Blick und die zitternden Hände richtig gedeutet. „Das Einzige was wir gefunden haben, war eine Feuerstelle und einen Haufen Vogelknochen. – Die Diebe haben doch glatt alle meine Zuchttauben verspeist!", fügte er empört hinzu.

Vigilius lächelte schwach über die Randbemerkung seines Freundes und erhobt sich von seinem Stuhl.

„Also gut, solange es keine richtigen Beweise für ihren Tod gibt, ist Amanda für mich noch am Leben. Und solange noch ein winziger Hoffnungsschimmer besteht, will ich sie suchen. Deshalb werde ich mich den Auroren ihrer Gruppe anschliessen, Mister Shacklebolt."

Ab jetzt galt es ernst. Ein ganzes Schwadron von qualifizierten Auroren unter dem Kommando des Chef-Aurors Kingsley und einige zivile Helfer standen bereit, um das vermutete Todesser-Lager im Distrikt an der Ostküste auszuheben. Bevor die ganze Truppe aufbrach, untersagte der Herzog seinem Sohn Silvius jegliche Ausflüge ins Freie. Sämtliche Bewohner sollten Acht geben, das der Junge das Manor nicht verliess. Bei Gefahr würden ihn die Männer von der Forstwacht und die Gardisten unter Einsatz ihres Lebens verteidigen.

Da die Anzahl der Einsatzkräfte mit mehr als fünfzehn den Transfer mit einem Portschlüssel verunmöglichte, kam der Vorschlag zu apparieren. Das hingegen gefiel Mr. Shacklebolt wiederum nicht. „Der Zielort ist nicht allen bekannt. Es ist schlecht, wenn wir verstreut und mit zeitlicher Verschiebung dort erscheinen. Ausserdem würde so viel Apparationsmagie an einem Ort unser Kommen vorzeitig verraten." Aus dem gleichen Grund wurde auch ein Anflug mit Besen verworfen. Da machte der Herzog den Vorschlag es mit seinem Transfermedium zu wagen. Neugierig folgten alle dem Mann in den Wald, wo er sie zu einem uralten knorrigen Baum führte. Direkt neben dem dicken Stamm entsprang die Quelle eines Flusses und die Krone war dicht mit dunkelgrünen lederigen Blättern gefüllt.

„Häuft die Gerätschaften an der Baumwurzel auf. Dann lehnt euch alle gleichzeitig gegen den Stamm. Wir werden am gewünschten Ziel ankommen, denn ich werde die Reise steuern."

Mac Mountain wurde von allen Seiten mit skeptischen Blicken eingedeckt.

Er verteidigte seinen Vorschlag. „He, wie haben keine Zeit zu Fuss hinzuwandern. Jede Stunde zählt! - Es ist doch nur eine Migratonie, ein Baum, der nur bei Quellen im Wald wächst und eine natürliche Art zu reisen zwischen zwei Bäumen der gleichen Art ermöglicht."

Noch immer wagte sich keiner näher an den seltsamen Baum, dessen zimtbraune Rinde in einem warmen Ton schimmerte.

Dann gab sich Kingsley einen Ruck. „Ach, stellt euch nicht so an. Sonst nehmen wir einen Kamin und jetzt nehmen wir eben diesen Baum. – Ian die Bäume, insbesondere die andere Migratonie neben dem Waldsee, waren doch in Ordnung als du gingst?" Der Angesprochene nickte kurz.

Erleichtert winkte der Herzog die übrigen Gruppenmitglieder heran. „Na also, tretet jetzt alle ganz nahe an den Baum und lehnt euch dagegen."

Jetzt stellte sich die ganze Mannschaft mit dem Rücken an den faltenreichen Stamm des Baumes und wartete. Kingsley hatte plötzlich das komische Gefühl als würden sich dünne tastende Finger unter seinen Armen durchschieben. Er wagte aber nicht nachzuschauen. Denn jetzt kribbelte es ihn überall, wie wenn sich feine Würzelchen um seinen ganzen Körper legten. Luft bekam er noch genug, aber bewegen konnte er sich keine Zentimeter und sehen konnte er auch nichts mehr. Dennoch hatte er keine Angst, das Geflecht über seinem Gesicht war fein wie Samt und er fühlte sich in dem engen Kokon seltsam geborgen. So lagen er und seine Kollegen einige Minuten in der warmen Umhüllung des seltenen Baumes. Von der Reise durch die Mutter Erde zu ihrem Zielort bekamen die Männer nichts mit. Erst als der kühle Wind ihre Körper umspielte, öffneten sie die Augen und traten erstaunt von der Migratonie am Waldsee zurück. Vorsichtig begann sie die Lage zu erkunden, doch der Herzog stapfte, ohne sich umzuschauen zum kleinen See. Auror Williamson wies ihn zornig an, doch leise zu sein und in Deckung zu bleiben.

„Macht euch keine Mühen, sie sind jetzt nicht da." Vigilius blickte sich nicht um, zeigte aber mit dem Arm auf ein Haselgebüsch seitlich von ihm. „Dahinten liegt der Knochenhaufen... und hier drüben an diesem Baum hatten sie die toten Tauben aufgehängt." Er blieb neben einer krummen Birke stehen, ohne sie aber eines Blickes zu würdigen.

„Aber wie...?" Williamson war sprachlos, als er an der Birke feinen Federflaum und winzige Blutspuren fand. Im gleichen Moment bestätigte Kingsley die Knochen hinter dem Gebüsch.

„Ich habe von Weitem ein Federchen gesehen und der Abfallberg stinkt, für mein Empfinden, einen Kilometer gegen den Wind", brummte der Mann.

Die Auroren musterten ihn, beeindruckt von seiner unglaublich starken Wahrnehmungsfähigkeit.

„Und wo, sind die Taubendiebe jetzt?" fragte Kingsley den Herzog interessiert. Doch erst als alle sich hingesetzt hatten und sich absolut ruhig verhielten, gab er ihnen Antwort. Mit gesenktem Kopf und geschlossenen Augen drehte er sich konzentriert im Kreis. Dann verharrte er einen Augenblick und wies ihnen schliesslich zielsicher die Richtung. „Da entlang! Gar nicht weit von hier werden wir Sie finden!" Ein übermächtiger Drang loszulaufen, hatte sich des schwarzhaarigen Adeligen bemächtigt. Er konnte es nicht erklären. Doch er fühlte, dass seine Amanda ganz in der Nähe war und dass sie noch lebte. Diese untrügliche Gewissheit liess ihn fast kopflos durch den Wald laufen. Amy, mein Mädchen, ich werde alles tun, um dich zu retten!

Nur durch Shaklebolts verständnisvollem Appell an seine Vernunft blieb Vigilius im Verband der Gruppe. Je näher sie aber dem Ziel kamen, desto angespannter wurde die Köperhaltung des Herzogs. Er glich beinahe einem Bogen, dessen Pfeil jeden Moment von der Sehne schnellen würde. In Sichtweite der Jagdhütte musste Kingsley dann fast handgreiflich werden, um den nervösen Ehemann hinter der Aurorenvorhut zurückzuhalten.

In der Hütte war heute eine besonders düstere Stimmung. Nicht nur die Gefangenen, sondern auch die Todesser waren äusserst angespannt. Erst gestern war Macnair zum Lord zitiert worden. Er war nicht sehr lange weg, doch bei seiner Rückkehr blutete er aus Mund und Nase, auch in seinen Augen waren einige Äderchen geplatzt. Der Mann schwieg über die grausame Folter, mit der ihn Voldemort an seine Aufgabe erinnert hatte. Irgendein Ereignis, von dem Macnair nichts wusste, musste den Dunklen Lord sehr aufgebracht haben und er hatte seinen Zorn erbarmungslos am Teamführer ausgelassen. Dann musste Macnair noch weitere Flüche einstecken, weil sich seine Mannschaft zu auffällig benahm. Die Jagdhütte sei kein Ferienlager, sondern ein Ort wo er, der Henker, die Geiseln verbergen sollte. Verbergen und nicht im Wald spazieren führen!

Um bessere Kontrolle über die Situation zu haben, hatte Voldemort ihm einen Späher mitgegeben. Mit diesem Späher, einer hässlichen Harpie, auf der Schulter, war er dann zu seinen Kollegen in den Wald zurückgekehrt. Das Tier beobachte die anderen Todesser mit durchdringendem Blick, während Macnair erklärte, das der Vogel die Umgebung aus der Luft überwachen soll.

Am heutigen Tag waren die meisten der Todesser mit der Tarnung ihres Unterschlupfs beschäftigt. Der Chef der Gruppe stand draussen und kontrollierte, ob die Waldhütte auch wirklich unbewohnt aussah. Nott hatte derweil die undankbare Aufgabe Samuel „Sprachunterricht" zu erteilen. Er wusste, wenn sie nicht bald Fortschritte mit dem Jungen vorweisen konnten, würde es allen schlecht ergehen. Damit der Ravenclaw auch begriff, worum es ging, hielt er ihm erst einen Vortrag über die Hintergründe der ganzen Sache.

„Wir, die reinen Blutes sind, werden die Qualität der Magie in ihrer jetzigen Form beibehalten. Durch den Einfluss der Schlamblüter wird die Struktur des Zauberns geschwächt. Deshalb müssen wir die Vermischung um jeden Preis verhindern. IHM zu folgen ist unsere Aufgabe, ja unsere heilige Pflicht, wenn wir die Künste unserer reinblütigen Vorfahren vor dem Aussterben bewaren wollen."

Da Samuel nichts darauf erwiderte, sondern nur desinteressiert am Tisch sass und weiter das Geschirr abtrocknete, schlug Nott mit der flachen Hand auf die Tischplatte. „Hey Kleiner! Hast du zugehört was ich dir eben erklärt habe?"

Jetzt hob Samuel den Kopf sah ihn mit Unschuldsaugen an und sagte: „Ja Papi, ich habe dich gehört."

Durch Theodors Körper ging einen Ruck und er stand einen Moment irritiert in der Küche. Papi? Was sollte denn das jetzt? Wie sollte er...? Dann beschloss er nicht auf die Betitelung einzugehen und befahl dem Schüler: „Nun denn, Tom Riddle der Erbe Slytherins wird bald die Macht erlangen. Wenn wir zurück im Castel sind, wirst du vor den Meister treten und ihm sagen: Ihr seid Lord Voldemort und werdet den Triumph über die Unwürdigen erringen."

Samuel hatte geschworen, sich nicht wie eine Kasperlpuppe dirigieren zu lassen. Er hatte bei seinem Grossvater gelernt, dass man seine inneren Werte niemals aufgegeben durfte. Er stand auf und belehrte mit todernster Mine den wartenden Mann: „Die Bittstellung eines Menschen in Not würde mein Ohr erreichen. Nicht aber das unangemessene Peitschenknallen eines halben Nichts!"

Das durfte doch nicht wahr sein! Dieser Bursche war so was von stur! Gerade wollte Nott den aufmüpfigen Schüler packen und die Flausen aus ihm rausschütteln. Da hörte man von draussen einen lauten Schmerzensschrei. Alarmiert rannten alle mit gezückten Zauberstäben auf den Vorplatz der Hütte, wo der Henker mit der dämonischen Harpie zu kämpfen schien. Der grässliche Vogel hatte seine Klauen tief in Macnairs Schulter versenkt und versuchte sich mit ihm in die Lüfte zu erheben.

„Lass los! Ich habe verstanden. Ich habe verstanden! AAHHA lass los, du brichst mir noch den Arm!"

Endlich gab das grosse Federvieh den Henker frei und flog in Richtung Waldsee davon. Der Mann hielt sich seine malträtierte Schulter und stiess zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor: „Eine Warnung! Feind am Anrücken. Die Hütte wird aufgegeben. Sie kommen vom Waldsee, wir ziehen uns sofort in Richtung Meer zurück. Los schnappt euch nur das Wichtigste und lauft!"

In den Wirren des rasanten Aufbruchs blieben einige Dinge liegen, die für die Auroren interessante Hinweise auf bevorstehende Aktionen liefern würden. Rosier wollte seine Steinschnitzerei auf keinen Fall zurücklassen. Deshalb war er der Letzte, welcher den Unterschlupf verliess.

Keine fünf Minuten später tauchten schon die ersten Auroren unter den Bäumen auf und sicherten das Gelände.

Nahe dem Ankerplatz einiger Fischerboote, schon in Sichtweite der schäumenden See, endete die Flucht am Rand der urwüchsigen Wälder. Stacks of Duncansby, wo Schottlands Gestade jäh im wilden Meer versinkt. Wo raue Strömungszungen das Land umspülen und der Zahn der Gezeiten am Felsen nagt.

Die Schergen des dunklen Magiers hatten es geschafft, sich an die Küste durchzuschlagen. Zwar war ein Nachzügler, natürlich Rosier, von den Auroren eingeholt und mit lähmenden Fesseln ausser Gefecht gesetzt worden. Doch der Haupttrupp mit Samuel versuchte sich, zwischen den Felsbrocken am zerklüfteten Strand, zu verstecken. Zu ihrem Leidwesen hatten die Auroren einen Mann bei sich, der auf unerklärliche Weise auch gut verwischte Spuren entdecken konnte. Der ausdauernde Fährtensucher aus den schottischen Wäldern schien die fliehenden Todesser förmlich riechen zu können. Wohin sie sich auch wandten, er blieb ihnen hartnäckig auf den Fersen. Zum Schluss standen sie an einem so ungünstigen Ort, dass sie den schützenden Wald nicht mehr ungesehen erreichen konnten. Ins Meer hinaus schwimmen wäre ihr sicherer Tod gewesen. Denn zwischen den Riffzacken herrschte eine solch starke Strömung, die auch einen guten Schwimmer mit sich riss. Disapparien hatten bereits zwei der Schwarzmagier vergeblich versucht. Die Verfolger hatten über dem ganzen Küstenabschnitt einen starken Schild errichtet. Auch einen Besen herbeizaubern war zu gefährlich, jeder Zauberspruch würde sofort den Auroren ihren Standort verraten. Der einzige Weg zu entkommen, wäre mit einem robusten Boot. Nott, der Unterführer zögert aber noch, denn es gab keinerlei Deckung und einen Pfad zu dem besagten Steg gab es auch nicht. Seine Gruppe würde dabei bestimmt entdeckt und bei dem Spiessrutenlauf zum Bootsanlegeplatz, müssten sie dann unweigerlich ihre Geisel zurücklassen. Der junge Samuel hatte wegen den kargen Mahlzeiten keine Reserven und war von der Kletterei über die vielen Felsen schon müde. Jetzt aber erkannte er seine einzige und letzte Chance lebend zu entkommen. Mit all seinen verbliebenen Kräften setzte sich der Schüler im unmöglichsten Moment zur Wehr und begann auch noch zu schreien: „Holt mich hier raus! Polizei, Auroren hierher!"

Die Kidnapper fuhren erschrocken zusammen und zischten leise: „Zum Donnerwetter, was fällt dir ein? Hör auf damit!" Nott und seine Kumpane zerrten den Jungen unter eine überhängende Klippe und versuchten ihm den Mund zu stopfen. Doch das war gar nicht so einfach. Der entführte Schüler wand sich wie ein Aal und trat mit den Füssen wild um sich. „Will nach Hause, lasst mich los! Aua, aua ... Hilfe!" Samuel liess sich kaum bändigen. Endlich gelang es, ihn auf den Boden zu drücken und ihm einen Knebel zwischen die Zähne zu zwängen. Die Männer richteten sich auf und zogen ihre verschnürte Geisel auf die Beine.

Zauberstäbe fallen lassen! Hände hinter den Kopf und zurücktreten!", hörten die entsetzten Kidnapper plötzlich hinter sich.

Die magische Polizei mit Shacklebolt an der Spitze hatte sie erwischt. Nott versuchte das entführte Kind als Schutzschild zu verwenden und drohte mit dem Tod der Geisel. Aber viel Chancen mit dem erschöpften Schüler zu entkommen, rechnete er sich nicht aus.

Noch bevor die Verhandlung zwischen den zwei Parteien richtig begonnen hatte, fragte Kingsley nach der zweiten Geisel. Nott und auch die anderen schwiegen hartnäckig. Nur der junge Bursche in ihrer Gewalt wollte mit Zeichensprache antworten. Aber Nott verstärkte seinen Würgegriff, als der Schüler versuchte sich von den Fesseln zu befreien.

„Nicht! Aufhören! Lassen sie den Kleinen! Wenn er erstickt machen sie Sache nur noch schlimmer." Kingsley sah voller Besorgnis wie Samuel verzweifelt nach Luft rang und mit angstvoll geweiteten Augen in die Wolken über ihm starrte. Ich muss die Sache rasch beenden bevor er das Kind noch weiter quält oder gar mit in den Tod nimmt. - Ob der Bumerang-Trick auch bei einer Felswand funktioniert? Ich muss es einfach riskieren. Der Junge hat schon genug gelitten. Ich habe keine Zeit noch lange zu überlegen.

In diesem Moment bekamen die Auroren und ihr herzoglicher Fährtenleser die Antwort auf ihre Frage nach der zweiten Geisel. Eine triumphierende Stimme rief von der Klippe herunter: „Alle Auroren und ihre Begleiter sofort abziehen! Sonst sterben beide Geiseln und viele von euch ebenfalls."

Macnair! Durchzuckte es den Herzog. Tatsächlich, der Henker stand mit seinem Opfer auf der hohen Klippe über dem Meer und lachte. Seine Drohung war teilweise ein Bluff, denn die Auroren waren in der Überzahl. Es stand Patt und der gefühllose Killer spielte auf Zeit.

„Deine Retter sind ja so was von unfähig, meine Süsse. Haben sie dir wenigsten dein Söhnchen mitgebracht? Er könnte Samuel Gesellschaft leisten. Das heisst, wenn der Nichtsnutz nicht schon erstickt ist."

Amanda stand steif neben dem selbstsicheren Macnair und seine höhnischen Worte prallten an ihr ab, wie die Brandung an dem Felsen auf dem sie sich befanden. Ihr Blick schweifte über die Gruppe der Auroren und blieb an dem Mann hängen, den sie liebte. Sie war sehr erleichtert, dass er ohne Silvius gekommen war.

Der Führer der magischen Polizeieinheit beriet sich hastig mit seinen Leuten, wie sie ohne Gefährdung der Geiseln die Verbrecher dingfest machen könnten.

Wie heller Bernstein funkelten die Augen des Herzogs als er den Blick seiner Ehefrau erwiderte und ihr zurief: „Hab keine Furcht. Die Katze wird kommen, wenn er mit dir flieht."

Die Umstehenden sahen ihn verständnislos an, da sie sich keinen Reim daraus machen konnten.

Macnair aber krähte erbost zurück: „Ich werde nicht flüchten. Ich habe alle Trümpfe in der Hand und ihr werdet untergehen."

Amanda hatte unterdessen das heftige Wortgefecht zwischen Nott und Shacklebolt mitbekommen. Nott lehnte den Austausch von Samuel gegen den Aurorenanführer entschieden ab. Auch ein waffenloser Kingsley in Fesseln war ihm zu gefährlich.

Jetzt antwortete die gefangene Herzogin ihrem besorgten Gatten: „Rette zuerst Samuel! Um die Maus werde ich mich kümmern." Auch aus diesem Satz wurde keiner schlau. Ausser ihrem Ehemann verstanden alle nur Bahnhof.

Der Henker trat dicht zur gefesselten Amanda, fuhr ihr mit der Hand durch die schönen Locken und sagte zuckersüss: „Ruhe, schönes Täubchen. Ihr gehört alle mir!" Rasch musste Macnair einem harten Tritt ihrer spitzen Stiefel ausweichen und wandte sich dann gehässig lachend seinen Gegnern zu. Abschätzig musterte er Vigilius von oben herab und sagte in betont verächtlichem Tonfall: „Du alter, schwachsinniger Ziegenbock rettest gar nichts! Wenn es nicht einmal den Auroren gelingt, dann wirst du bornierter Lackaffe erst recht nichts erreichen. Kriech zurück in dein Zuckerschloss und lass dich von deinen Hofdamen verhätscheln."

Das war aber heftig! Das gesamte Aurorenteam schaute abschätzend zu ihrem adeligen Fährtenleser, wie er wohl reagieren würde. Eine solch beleidigenden Schimpfrede hatte der rechtschaffene Mann gewiss nicht verdient.

Kingsley stand bei Vigilius und wollte ihm sagen, er solle die schmählichen Worte ja nicht ernst nehmen. Doch der Herzog schnitt ihm mit einer ruhigen Handbewegung das Wort ab, schaute zu seiner Frau hinauf und antwortete ihr: „Wie du wünscht." – Er legte würdevoll beide Hände auf sein Herz und sagte in aufrichtiger Leidenschaft auf gälisch: „Ha güol akam orscht!" (Ich liebe Dich) Dann verbeugte er sich und begab sich gelassenen Schrittes abseits der Gruppe.

Kingsley Shacklebolt sah ihm besorgt nach, wie er zwischen den Sträuchern verschwand, doch er konnte sich jetzt nicht um den offenbar gekränkten Mann kümmern. Oben auf der Klippe tanzte der Henker schadenfroh um die gefangene Frau herum und unten auf dem steinigen Strand versuchte gerade Nott mit seiner Geisel abzuhauen. Ein scharfer Befehl von Kingsley und die Auroren stürmten vor. Im Handumdrehen waren die überrumpelten Todesser entwaffnet und gefesselt. Doch leider war es Nott gelungen mit Samuel um die Klippe herum zu verschwinden, bevor ihn ein Zauber traf. Shacklebolt und Macnair, die gegnerischen Anführer, fluchten über den unerwarteten Verlauf der Ereignisse. Walden Macnair trat an den Rand der Klippe, um nach seinem Kumpan Ausschau zu halten.

Einige Auroren rannten los in Richtung der Felsen, da hörte man jemand in panischer Angst aufschreien. Die Verfolger blieben stehen und lauschten in angespannter Haltung, doch nun war es totenstill.

Oh Gott der Junge, dachte Kingsley entsetzt, lass es bitte nicht den Jungen sein!

Die unheilschwangere Stille war kaum mehr zu ertragen, da kam jemand um die Klippe herum. – Vigilius Mac Mountain! Und er trug den leicht verletzten Samuel auf den Armen.

Ein erleichtertes Seufzen ging durch die Reihen der Auroren. Zwei Assistenten und ein Psychologe, die im Hintergrund gewartet hatten, eilten nun herbei und nahmen den verängstigten, schluchzenden Schüler in ihre Obhut.

„Der geflüchtete Todesser liegt mit gebrochenem Genick hinter den Steinen", informierte Mac Mountain die Beamten des Ministeriums.

Da hallte eine weibliche Stimme fröhlich über den Strand: „Friede und Freiheit sollen immer siegen!" Dem glücklichen Ausruf folgte ein verzweifelter Schrei: „Nein! Du verrückte Hexe, . . . aahh!"

Amanda war es gelungen ihre schmalen Hände aus den Fesseln zu befreien und war gegen ihren unachtsamen Entführer angerannt. Da der Henker immer noch am Rand des Felsens stand, taumelte er jetzt über die Kante der Klippe und riss Amanda mit sich in die Tiefe. Sein Schrei endete abrupt und man hörte das fürchterliche Knacken von brechenden Knochen, als die beiden Körper auf die spitzen Zacken des Riffs aufschlugen.

Im ersten Schock rührte sich niemand. Dann machte Mac Mountain einige Schritte zum Wasser hin. Schnell eilte Williamson auf ihn zu und hielte ihn zurück. Die starke Strömung beim Riff hätte ihn unweigerlich ins offene Meer hinausgezogen. Die Bergung der Leichen musste mit angeleinten Booten vorgenommen werden. Während den Vorbereitungen stand Vigilius wie versteinert am Ufer und wurde vorsorglich von zwei Auroren überwacht. Seinem teilnahmslosen Gesichtsausdruck war nicht zu entnehmen, was er fühlte. Aber der Herzog starrte ununterbrochen auf den zerschmetterten Körper seiner Frau und auf das viele Blut im Wasser. Als dann die Boote mit ihrer schauerlichen Fracht zurückkamen, drehte er sich plötzlich um und marschierte unaufhaltsam ins Landesinnere. Seine Wächter folgten ihm in einigem Abstand. Doch schon im ersten Wald, den sie durchquerten, verloren sie seine Spur. So sehr sie auch suchten, der Herzog war und blieb verschwunden. Auch der anwesende Psychologe konnte nicht ermessen, wohin er wohl gegangen war. Da Mac Mountain keine Emotionen gezeigt hatte, war es schwierig sein Gemütszustand abzuschätzen. War er im Zorn auf Todesserjagd gegangen? Verkroch er sich traurig in einer Höhle? War er froh, dass die enorme Anspannung endlich vorbei war? Oder rannte er einfach ziellos durch die Gegend, da ihm der Schock den Verstand geraubt hatte? Er konnte inzwischen überall sein. Der vermisste Mann war von dem Unglücksort weggelaufen. Aber wohin, das wusste keiner.

Die Auroren von Kingsleys Gruppe kümmerten sich um die Überführung der sterblichen Überresten Amandas. Der junge Schüler war so mit den Nerven fertig, dass er noch nicht nach Hogwarts oder zu seinem Grossvater zurückkehren konnte. Er wurde von den Krankenpflegern in die Spezialabteilung für magische Geiselopfer ins St. Mungo gebracht. Unter den Heilern gab es einen anerkannten Jugendpsychologen, der dem zitternden Jungen bestimmt helfen konnte, die schrecklichen Erlebnisse aufzuarbeiten.

Wer dem Sohn der getöteten Herzogin die traurige Nachricht überbringen sollte, wusste man zuerst nicht. Dann übernahm diese Aufgabe Mr. Snape. Trotz eigener Trauer, gelang es Severus einigermassen die Botschaft zu überbringen. Da er als Lehrer in Hogwarts gebraucht wurde und Vigilius noch immer verschollen war, übergab er Atrox Missor die weitere Betreuung seines Neffen. Wenigstens gab es nirgends Anzeichen, dass der Herzog in die Hände von Lord Voldemort gefallen war.

Silvius nahm die schlimmen Nachrichten im ersten Moment ziemlich gefasst entgegen und weinte nur, als der Sarg seiner Mutter in die Kappelle getragen wurde.

Aus Dùnbally, der befestigten gut ausgebauten Handelsstadt im Zentrum des Reiches, kamen die offiziellen Verwaltungsmitglieder angereist. Sie wollten sich vom Tod der Herzogin und dem Verschwinden ihres Volksführers überzeugen. Die Sichtung der Leiche schlug ihnen so aufs Gemüt, dass sie den Angehörigen diesen Anblick ersparen wollten. So untersagten sie den Männern im Aufbahrungsraum, den Sarg in Gegenwart des Sohnes zu öffnen. Die Bestimmung eines neuen Führers, lehnten sie ab. Diese Massnahme sei frühestens drei Monate nach dem Verschwinden des bisherigen Anführers ein Thema, wobei der Sohn des Herzogs dabei eine Vorrangstellung haben werde.

Missor versuchte mit Silvius, über den Tod seiner Mutter zu reden. Doch dieser wich dem Thema immer aus. Silvius hatte das Gefühl, als würde ihm im eigenen Haus bei jedem zweiten Schritt der Boden unter den Füssen weggezogen. Er wollte sich jemandem anvertrauen, von dem er voll und ganz verstanden wurde. Wieder stand er beim Eingangstor und hörte Schritte, die sich näherten. Voller Hoffnung drehte er sich um und wurde wieder enttäuscht. Missor war herangekommen und wollte ein Gespräch mit ihm beginnen. Silvius wandte sich frustriert dem Jäger zu: „Nein!" blockte er seinen Freund ab, bevor er überhaupt etwas sagen konnte.

„Warum? Was nein...?" wollte Missor erstaunt wissen.

„Es ist... Nein... Du...du bist...falsch!" stiess der Junge hervor und hastete dann aus der Eingangshalle.

Atrox Missor blieb irritiert und ziemlich unglücklich in der Halle zurück. Falsch? Was an mir ist falsch? Er liess sich gleich beim Eingang des Manors auf einen Sessel im Wartebereich der Arztpraxis sinken und grübelte über den Vorwurf seines jungen Freundes. Eine Weile später riss ihn Dr. Aarons Stimme aus seinen Gedanken.

„Jägermeister Missor was kann ich für sie tun?"

Erleichtert über die unerwartete Hilfe, in Form des hausinternen Arztes, erhob sich Atrox Missor und folgte dem Mann in die Praxisräume.

Aaron horchte auf, als er den Grund von Missors Besuch hörte. „Bitte setzten sie sich und erzählen sie mir alles ganz genau."

Während der Jäger berichtete, machte sich der Arzt einige Notizen und sagte dann: „So, sie sagen er redet praktisch gar nicht über den Tod seiner Mutter. Essen tut er normal? ... Nicht? Ha, meistens nur einen halben Teller. Hm, und nach dem Essen erbricht er die Mahlzeit oder ist ihm schlecht? So was haben sie nie bemerkt? ... Gut. Wie steht es mit dem Tag-Nacht Rhythmus, schläft Silvius in der Nacht durch. ... Das ist alles bestens. Doch was haben sie am Anfang erwähnt? Wie oft steht er am Eingangstor?"

„Mindestens zweimal pro Tag wenn nicht mehr. Dabei sieht er oft aus als würde er gleich in Tränen ausbrechen, schüttelt aber jedes Mal geistesabwesend den Kopf und geht wieder hinein. Mich bemerkt er schon, zeigt aber eine immer stärkere Ablehnung gegenüber meiner Person. - Es ist nicht nur die Trauer, irgendetwas stimmt nicht mit dem Jungen. Ich habe keine Ahnung was ich machen soll. Deshalb bin ich froh, dass ich zu Ihnen kommen durfte."

Aaron seufzte betrübt und antwortete: „Es überrascht mich nicht, dass Silvius in seinem Trauerprozess blockiert ist. So etwas in der Art habe ich fast schon erwartet. – Bitte nehmen sie sein abweisendes Verhalten nicht persönlich. Es ist die Situation, gegen die sich der Junge wehrt. Drängen sie ihn nicht weiter zu einem Gespräch, warten sie bis er von selber auf sie zukommt."

Missor schaute den Mann erstaunt an. „Sie haben so etwas erwartet? Dann wissen sie, was ihm fehlt? Braucht er vielleicht Medikamente?"

Der Arzt nickte: „Ja, ich denke ich weiss, was ihm fehlt. Medikamente braucht der Junge nicht. - Ich werde möglichst schnell mit Silvius zusammensitzen. Mal sehen, wie ich ihm am besten helfen kann."