Kapitel 9

Sie weinte immer noch, als er sie hochhob und auf die Couch hinüber trug.

Die nächste halbe Stunde verbrachte er damit, sie festzuhalten und weinen zu lassen, darauf wartend, dass sie sich beruhigen würde. Ihr Körper erzitterte unter jedem Schluchzer, der sich seinen Weg aus ihrer Kehle in die Freiheit bahnte, bis ihr Weinen in ein leises Wimmern überging und schließlich ganz versiegte.

Sie sah sehr mitgenommen aus, was angesichts dessen, was sie gerade erlebt hatte, auch kaum verwunderlich war. Wie hätte er auch einen solch starken Ausbruch ahnen können? Woher hätte er es denn wissen sollen?

‚Verdammt, ich hätte es wissen MÜSSEN. Ich hätte damit rechnen, es absehen müssen, ich hätte...ich hätte diesen Trank nie für sie brauen dürfen!'

Sich Vorwürfe zu machen nützte nun auch nichts mehr, doch auch ihm saß der Schock über das Gesehene ziemlich tief in den Knochen. Noch niemals, wenn er jemandem diesen Trank gegeben hatte, kam es zu solchen Nebenwirkungen.

Unmerklich hatten sich seine Hände zu Fäusten geballt.

Hermine hatte ihren Oberkörper indessen ein Stück weit von seinem erhoben, sah erst die Faust und dann ihn, der nun abwesend schien, irritiert und fragend an.

„Professor?"

„Was?" fuhr er erschrocken zu ihr herum.

„Miss Granger! Geht es Ihnen gut?"

„Ähm...ja...aber was ist hier passiert?" fügte sie hinzu, als sie sich im Raum umsah.

„Oh Gott, Miss Granger, das ist unverzeihlich!" sagte er, als er seinen Kopf in seine Hände stützte und vor sich hin starrte, bevor er sich ihr wieder zuwandte.

„Miss Granger, der Trank, den Sie auf der Krankenstation bekommen haben, stammte von mir. Es ist der beste Heiltrank, den man bei einer Ohnmacht zu sich nehmen kann, ziemlich stark und nicht viele kennen ihn", erklärte er.

„Ich verstehe. Aber was hat das alles mit diesem...Szenario hier zu tun?"

„DAS...war die mit Abstand gewaltigste Ausprägung der Nebenwirkung, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe."

„Nebenwirkung. Aha", nickte sie um gleich darauf fortzufahren: „Das verstehe ich nun allerdings nicht. Was für eine Art Nebenwirkung soll das gewesen sein, Professor Snape?"

„Bei Einnahme dieses Trankes setzt sehr verspätet, lange nach der eigentlichen Wirkung, eine erhöhte Emotionalität ein. Alle Gefühle werden verstärkt. In den meisten Fällen äußert sich das in Euphorie oder darin, dass jemand anfängt zu weinen, aber Sie, Miss Granger...Sie sind...explodiert! Sie haben...so viele...Gefühle in sich aufgestaut, die nun alle verstärkt aus Ihnen herausgebrochen sind. Es...es tut mir leid."

Gryffindor hin oder her, er hatte ihr etwas Unzumutbares zugemutet und das tat ihm leid wie schon lange nichts mehr.

„Sie haben meine Gefühle gesehen, Professor Snape?" fragte sie kühl.

„Das ist erhebliches Eindringen in die Intimsphäre. Wie konnten Sie das nur tun?" und bei deisen Worten mischte sich Fassungslogikeit ihrer Stimme bei.

„Miss Granger, es war keine Absicht, das müssen Sie mir glauben."

„Muss ich das, tatsächlich?" erwiderte sie abschätzig.

„Sie sind wirklich zu weit gegangen, Professor", fügte sie kalt hinzu und verließ schnellen Schrittes die Kerker.

Severus rührte sich nicht, nachdem er sein Gesicht in den Händen vergraben hatte.

Wie konnte er ihr das nur antun? Es spielte überhaupt keine Rolle, ob es Absicht war oder nicht. Was er getan hatte, war widerwärtig.

Er hatte Hermine mehr und mehr zu respektieren begonnen. Er respektierte sie, weil sie ihn respektierte und das nicht aus Angst wie der Rest der Schüler und es war unverzeihlich, in ihre Privatsphäre vorzudringen, noch dazu auf so schäbige Weise.

Sie würde zu Albus gehen. Sie musste zu ihm gehen. Es war das einzig Richtige. Er hatte es nicht anders verdient.

Als er aufsah, blickte er auf all das Glas und die Blätter, die aus den Büchern, welche ebenfalls herumlagen, herausgerissen waren.

Was war nur mit ihr passiert? Wo kam all die Wut her, die sich gerade auf so spektakuläre Weise entladen hatte? Und dann der Schmerz in ihren Augen, als die Wut langsam wich und die Verzweiflung in ihrer tränenerstickten Stimme.

Er hatte gedacht, Hermine Granger zu kennen. Doch sie hatte ihn getäuscht wie kaum einer zuvor.

All das musste so tief in ihr drinliegen, so stark verdrängt und weggesperrt worden sein, dass nicht einmal sie selbst es wahrzunehmen schien.

Es war nicht Miss Granger, die er gerade gesehen hatte.

Es war Hermine.


Hermine saß auf ihrem Bett und starrte aus dem Fenster, doch ihre Augen nahmen nichts wahr. Ihr Blick war nach innen gerichtet, auf das, was gerade in den Kerkern passiert war und was Severus ihr danach darüber gesagt hatte.

Das waren ihre Gefühle gewesen? Wie konnte er nur so etwas behaupten? Andererseits musste er doch eigentlich wissen, wovon er sprach. Der beste Heiltrank? Wenn das alles so ausartete, zog sie es lieber vor, langsam zu genesen. Und was sollte das mit ‚er hatte es nicht absehen können'? Ein Severus Snape wusste IMMER, was er tat. Er hatte das alles doch total bewusst gemacht, um sie bloßzustellen, zu schikanieren.

Eins musste man ihm lassen: Er war ein perfekter Schauspieler. Fast hätte sie ihm seine Schockiertheit und dass es ihm leid tue, abgenommen, aber eben nur fast.

Sie würde nie verstehen, warum er die Dinge tat, die er tat. Sie würde niemals IHN verstehen.


Severus lief wie blind durch die Gänge und nahm kaum jemanden wahr, der ihm entgegen kam, bis er beim Abbiegen in einen anderen Gang mit jemandem zusammenstieß.

„Albus! Zu dir wollte ich gerade."

Dumbledore kramte mit grimmiger Miene in seiner Manteltasche.

„Was gibt es denn so Wichtiges, Severus?"

„Albus, ich...ich bin untröstlich. Was ich getan habe, war... Was es so Wichtiges gibt? War Miss Granger nicht bei dir?"

„Warum sollte Hermine zu mir kommen?" fragte der Direktor verwirrt.

„Und wieso siehst du mich dann so ärgerlich an?"

„Oh", lachte er, „ich sehe dich nicht ärgerlich an. Ich habe gerade nur bemerkt, dass ich mein letztes Zitronenbonbon gegessen habe, nun muss ich zurück ins Büro und Nachschub holen."

Severus setzte einen ungläubigen Blick auf und schüttelte amüsiert den Kopf. Albus und seine Süßigkeiten.

„Aber nun zurück zu dir, Severus. Warum sollte Hermine zu mir kommen? Ich dachte, wir hätten diese Sache geklärt?!"

„Das ist es nicht", antwortete Severus betrübt mit gesenktem Blick.

„Albus,...mir ist ein schrecklicher Fehler unterlaufen. Ich habe Miss Granger den Anti-Synkope-Trank gegeben. Zunächst war alles wunderbar, aber dann trat die bekannte Nebenwirkung ein und..."

Severus brach ab. Das Bild einer zusammenbrechenden Hermine hatte sich wieder vor seine Augen geschoben.

„Die Emotionalität, hm?" fragte Albus sanft und legte seinem Freund die Hand auf die Schulter.

„Es...es war schrecklich. Albus, ich schwöre, ich hätte niemals gedacht, dass dieser Trank einen solchen Ausbruch hervorrufen kann. Sie...sie ist einfach zusammengebrochen", sagte er, noch immer fassungslos über das Geschehene.

„Severus, wie geht es ihr?"

„Ich weiß es nicht. Ich habe ihr gesagt, was passiert ist und sie hat mich mit Blicken fast aufgespießt und ist gegangen. Ich dachte, sie wäre sofort zu dir gekommen."

„Ach nein, Severus, da kennst du unsere Hermine aber schlecht. Sie wird sich im ersten Moment furchtbar aufgeregt haben, aber das legt sich bald wieder. Hermine Granger ist nicht nachtragend. Und schon gar nicht würde sie einen Lehrer beim Direktor verpfeifen", lächelte Albus amüsiert.

„Albus, du,...du hättest sie sehen sollen. Glaub mir, sie hat jedes Recht, hierher zu kommen und ich wünschte sie würde es tun, damit ich meine gerechte Strafe erhalte und mich nicht mehr schuldig fühlen muss."

„Es geht dir also um dich und deinen Seelenfrieden?"

„NEIN", erwiderte Severus schnell und bestimmt. So schnell, dass Albus augenblicklich wieder schmunzeln musste.

„Ach Severus", sagte er, als er ihn vor sich her den Gang hinunter schob. „Dich trifft keine Schuld. Wenn du von einem solchen Ausbruch und Zusammenbruch sprichst, heißt das, dass es wirklich abnorm war. Du konntest es nicht wissen, Severus, und ich weiß, dass es keine Absicht war. Das würdest du nicht tun."

„Das sieht sie aber anders, sie ha - "

„Natürlich sieht sie das anders!".

Albus war stehen geblieben und stellte sich genau vor Severus, um ihm in die Augen schauen zu können.

„Es tut mir leid, Severus, aber du bist nicht gerade sehr...vertrauenserweckend."

Gelangweilt verdrehte er die Augen. Das hatte er nun wirklich schon zu oft gehört.

„Ich sehe, das weißt du auch. Gib ihr Zeit. Rede mit ihr. Sie hat nicht deine Erfahrung und ist auf dich angewiesen. Sie muss alles glauben, was du sagst, denn du wirst mir wohl zustimmen, dass der Anti-Synkope nicht gerade Lehrstoff ist."

„Vielleicht hast du recht", sagte Severus leise.

„Na also." Albus schien zufrieden.

Als Severus sich schon abwenden wollte, hielt der Direktor ihn ein letztes Mal zurück.

„Severus? Pass auf dich auf."

‚Pass auf dich auf'? Schon wieder so eine Bemerkung, mit der er nichts anfangen konnte. Genau wie die, dass bei jungen Männern manchmal die Hormone verrückt spielten. Hätte er ihm danach nicht noch zugezwinkert, hätte er das alles ja auf Potter bezogen, aber so...

Unsinn, Albus war nunmal ein zwar liebenswürdiger – sofern Severus überhaupt jemanden „liebenswürdig" fand – jedoch auch merkwürdiger Kauz. Was immer er gemeint hatte, es war ihm egal. Er konnte schon auf sich aufpassen, da sollte sich der alte Mann mal keine Sorgen machen.

Fast hätte Severus über seine eigenen Gedanken gelächelt, als er bemerkte, dass er angekommen war.

Er stand vor Hermines Zimmer, unsicher, ob er anklopfen sollte, oder nicht.


Hermine war zu dem Schluss gekommen, dass sie ihrem Professor glauben musste, mehr jedoch um ihrer Selbst willen, denn sonst hätte sie sich nur weitere Gedanken darüber machen müssen, warum er diesen Effekt hätte hervorrufen wollen. Auch konnte und wollte sie sich nicht von der gewonnenen Vorstellung lösen, dass Snape sie nicht mehr verachtete.

Nachdem sie sich nun also von ihrem Schock erholt hatte, lief sie wieder zurück in die Kerker und klopfte an Severus Tür, doch er öffnete nicht. Den Atem anhaltend drückte sie ihr Ohr dagegen, doch sie konnte keinerlei Geräusche aus dem Inneren vernehmen.

Schnell richtete sie sich wieder auf und blickte sich um. Sie hatte ganz bestimmt keine Lust, erneut von ihm vor seiner Tür ertappt zu werden, noch dazu, wenn es den Anschein machte, als lausche sie, was sie ja im Grunde genommen auch tat.

Der Gang blieb leer und nicht einmal aus der Ferne waren Schritte zu vernehmen.

Hermine machte sich wieder auf den Rückweg.


Nach einigem Zögern hatte er sich dazu durchgerungen, an der Tür zu klopfen.

Was konnte ihn schon erwarten? Entweder sie hörte ihm endlich zu und glaubte ihm, was er sagte oder sie würde ihm schon beim ersten Anblick den Kopf abreißen.

Nach dem, was er gerade erlebt hatte, rechnete er mit dem Schlimmsten. Wenn es schon ein solch gewaltiges Ausmaß angenommen hatte, wer konnte dann sagen, ob es nicht immer noch wirkte?

Nachdem Hermine nicht geantwortet hatte, klopfte er erneut, doch auch diesmal blieb es im Inneren still.

Was, wenn sie wieder zu weinen begonnen hatte oder in Trance gefallen war? Als er sein Ohr an ihre Tür legte, konnte er jedoch keine derartigen Geräusche vernehmen.

Vielleicht war sie ja zu Potter gerannt, um ihm über den bösen Professor Snape Bericht zu erstatten.

Er wusste, dass er sie finden musste, bevor sie dies tun konnte, denn in ihm herrschte das dringende Bedürfnis nach Klärung und auch das Bedürfnis danach, dass sie ihm glaubte.

Severus grübelte darüber, wo er mit seiner Suche nach Hermine anfangen sollte und stand noch einige Momente reglos vor der Tür, bis er sich abrupt umdrehte...

...und die hinter ihm stehende Hermine beinahe umgeworfen hätte. Bevor sie zu Fall gehen konnte, hielt er sie an den Armen fest.

„Miss Granger!" sagte er erschrocken.

„Professor", erwiderte sie, als hätte sie nichts anderes erwartet.

Eine geraume Zeit lang standen sie einfach so da und sahen sich an, nicht fähig den Blick von ihrem Gegenüber lösen zu können.

‚Sie hat so warme Augen. Das ist mir nie aufgefallen.'

‚In den Augen eines Menschen sieht man seine Seele. Wieviel Macht hat dieser Mann nur über sich selbst, dass selbst seine Augen unergründlich sind?'

Hermine hatte sich als erstes wieder gefangen und machte mit zwei Blicken auf seine sie noch immer haltenden Hände deutlich, dass er sie nun loslassen konnte.

Severus räusperte sich und trat schließlich einen Schritt zurück.

„Professor, Sie wollten zu mir?" fragte Hermine, als er noch immer nicht sprach.

„Ja. Ich...ich wollte mit Ihnen darüber reden, was ich ihnen über die Emotionalitäts-Nebenwirkung gesagt hatte. Miss Granger, es war wirklich nicht mei - "

„Ich weiß", unterbrach sie ihn und sah ihn direkt an.

„Professor, Sie müssen zugeben, dass es ein schwerer Schock ist zu erfahren, dass Severus Snape soeben die tiefsten Gefühle gesehen zu haben scheint. Und Sie müssen auch gestehen, dass es nicht gerade leicht ist, NICHT zu denken, Sie hätten in voller Absicht gehandelt. Aber trotz allem...halte ich Sie für einen brillianten Magier, der die Magie nicht für solche Zwecke benutzen würde. Oder es zumindest gerade eben nicht getan hat."

Er hatte ihr zugehört und wurde zunehmend fassungsloser. Er wusste, Hermine besaß ein scharfes Denken, doch wäre er in ihrer Situation gewesen, wäre ihm nicht im Traum eingefallen ihm seine Reden abzunehmen, auch wenn sie der Wahrheit entsprachen.

„Ich danke Ihnen, Miss Granger. Es war mir wirklich wichtig, dass Sie mir Glauben schenken."

‚Es war mir wirklich wichtig? Severus, was redest du? Du bist ja nicht mehr deiner Selbst.'

Doch trotz der ihn analysierenden Stimme in seinem Kopf tat er wieder einen Schritt auf sie zu, auch wenn er sich innerlich einen Narren schalt und nicht wusste, was mit ihm passierte.

Er nahm ihr Gesicht in seine Hände, nur leicht und beinahe zärtlich, was auch in ihm ein vollkommen ungewohntes Gefühl hervorrief.

„Danke..., Miss Granger", sagte er noch einmal, beinahe im Flüsterton und der Klang seiner Stimme war um noch ein paar Nuancen abgesunken.

Hermine erschauderte, doch ehe sie auch nur etwas darauf erwidern konnte, hatte er sich schon von ihr abgewandt und sie schnellen Schrittes im Gang hinter sich zurückgelassen.