Kapitel 9
Hermine versuchte, sich zu beruhigen und zu reorientieren, bevor sie wieder mit Blaise sprach. Außerdem war sich sich bewusst, dass er hochkonzentriert an der erforderlichen Arithmantik für den Zauber arbeitete, und sie wollte ihn nicht stören. Daher nahm sie sich ein entspannendes Buch und setzte sich in die Küche.
Aber als sie ihn frustriert vor sich hin murmeln hörte, musste sie einfach ein klein wenig zu ihm hinüberschielen.
Krummbein saß auf seinem Buch und beäugte ihn wie … nun ja, wie eine Katze. Blaise versuchte, ihn von dem Buch herunterzukriegen, allerdings ohne viel Erfolg.
„Gatto fastidioso." Blaise sah Krummbein finster an, als der Kater lediglich in seine Hand schnurrte. „Sieh mich nicht so an. Ich hab keine Zeit für dich." Hermine bemerkte allerdings, dass er Krummbein, während er das sagte, unter dem Kinn an dieser besonders empfindlichen Stelle kraulte. Sie hatte den Eindruck, dass ihre Katze grinste.
Das ist nicht das Hinreißendste, was ich je gesehen habe, sagte sie sich entschlossen. Sie verspürte jedoch ein Flattern in der Brust und den Drang zu kichern. Hermine kicherte grundsätzlich nicht. Das war eines der ungeschriebenen Gesetze des Universums. Stattdessen beneidete sie Krummbein, als Blaise ihm einen widerwillig liebevollen Blick zuwarf und ihn hinter den Ohren kraulte.
Oh nein. Das kommt genauso wenig in Frage. Sie kehrte zurück in die Küche und bemühte sich, das Flattern rasch zu unterdrücken. Verdammte Hormone. Sie hatte geglaubt, die durch die wirklich grauenhafte Zeit während der siebten Klasse losgeworden zu sein. Wie es aussah, hatte dieses Jahr sie lediglich durch ständige Lebensgefahr sehr effektiv unterdrückt. Um Himmels Willen!, dachte Hermine. Ihr habt euch einen sehr ungünstigen Moment ausgesucht, um wieder aufzutauchen! Und ausgerechnet ER? Auf keinen Fall. Verschwindet dahin, wo ihr hergekommen seid.
Ihre Hormone zogen sich langsam und mürrisch zurück, versprachen aber, bald zurück zu sein. Sie schnaubte und schlug ihr Buch wieder auf.
„Was liest du?", fragte Blaise und beugte sich über ihre Schulter.
Ihre Hormone waren wieder da.
„Ah …" Hermine versuchte, nicht rot zu werden. „Das ist nur … äh …"
„Sturmhöhe? Ich wusste gar nicht, dass du überhaupt Romane liest." Er klang belustigt. Sie versuchte wieder, ihr Erröten zu kontrollieren. Normalerweise hätte sie sich niemals mit so einem … einem … stereotyp mädchenhaften Buch erwischen lassen. Aber es war nun mal gut!
„Tu ich normalerweise auch nicht", erwiderte Hermine steif. „Ich versuche, mich etwas zu entspannen." Da er jetzt allerdings hinter stand und ihr über die Schulter sah, um einen Blick auf ihre aktuelle Seite zu erhaschen, geschah das genaue Gegenteil. Sie konnte seine Wärme spüren. Sie konnte ihn sogar riechen, um Himmels Willen, und … oh, es war ein angenehmer Geruch. Sie wollte sich zurücklehnen und schnurren wie Krummbein. Stattdessen blieb sie kerzengerade sitzen und platzierte ihr Lesezeichen. „Wenn du so darauf brennst, es zu lesen", informierte sie ihn in neckendem Tonfall, „kann ich es dir ausleihen. Aber ich mag es nicht, wenn mir jemand beim Lesen über die Schulter sieht."
Blaise beugte sie zu ihr hinunter, und sie versuchte, nicht die Luft anzuhalten. Seine Lippen zeigten die Andeutung eines Lächelns. „Ich lese auch nicht viele Romane", sagte er. „Aber ich wollte dich was wegen dieser Gleichung fragen, wenn du Zeit hast."
Du hast Zeit!, riefen Hermines Hormone.
„Ich habe Zeit", erwiderte Hermine, obwohl eine Unterhaltung mit ihm im Augenblick das Gegenteil von Entspannung bewirkte.
„Ah. Gut." Sie spürte, wie er sich entfernte, und bemühte sich, nicht vor Erleichterung und Enttäuschung zusammenzusinken. Ich brauche offensichtlich ein Hobby, dachte sie. Etwas anderes, als mich in Lebensgefahr zu begeben.
„Die Astronomie hier", sagte Blaise und drehte das Buch so, dass sie es sehen konnte. „Ich fürchte, es ist schon eine Weile her, dass ich Planetenpositionen kennen musste."
Hermine, die noch immer versuchte, sich zu beruhigen, sah ihn finster an. „Ich bin keine wandelnde Enzyklopädie. Für mich ist das auch eine Weile her." Blaise hob eine Augenbraue, während sich sein Mund zu seinem üblichen Grinsen verzog. Sie seufzte und wedelte mit der Hand. „In Ordnung. Du solltest dir Merkur ansehen. Der ist schwer zu erkennen bis ungefähr Januar, aber du müsstest die Position mithilfe der Tabelle im Anhang berechnen können."
„Sehr gnädig von dir", sagte er, auch wenn seine Mundwinkel noch immer zuckten. Hermine seufzte und schlug ihr Buch wieder auf, um der realen Welt wenigsten für eine kleine Weile zu entkommen. Am Rande ihrer Wahrnehmung bemerkte sie jedoch, dass er immer noch ihr gegenüber am Tisch saß – und immer noch las. Was?, dachte sie unbehaglich. Bleibt er in der Nähe, falls er noch einen Tipp braucht?
Oder vielleicht war es etwas anderes. Vielleicht genoss er ihre Gesellschaft. Ein wenig? Da war eine verräterische leise Stimme in ihrem Kopf, die plötzlich alles etwas zu ernst nahm. Hermine zischte der Stimme im Geiste zu und zwang sich, ihr Buch zu lesen.
ooOOoo
Die sonderbare Atmosphäre in der Küche war Blaise nicht völlig entgangen. Er war immerhin recht gut darin, Verhalten zu interpretieren. Und wenn er sich recht erinnerte, hätte Hermine die Seiten ihres Buches rasend schnell umblättern müssen, anstatt minutenlang darüber zu brüten. Ihre Haltung war etwas steifer als gewöhnlich, aber das war nur ein minimaler Unterschied, und sie wechselte ständig stirnrunzelnd ihre Sitzposition. Es hätte daran liegen können, dass sie wegen des Zaubers nervös war oder wegen etwas in ihrem Buch oder weil sie ihrer Arbeit nicht nachgehen konnte. Seltsamerweise war er sich sicher, dass nichts davon der Grund war. Ihm kam der Gedanke, dass sie immer noch wütend auf ihn war, aber zu höflich, um etwas zu sagen.
Blaise seufzte innerlich. Und ich bin schon wieder unkonzentriert. Ich wünschte, sie wäre nicht so schreckhaft.
Er zwang seine Aufmerksamkeit wieder zurück zu der Gleichung, an der er gearbeitet hatte, und versuchte, nicht über die letzte Möglichkeit nachzudenken. Er hatte falsch gelegen. Er versuchte, das wieder gutzumachen. Das war so ziemlich alles, was er tun konnte.
Hermine legte plötzlich mit einem frustrierten Seufzen ihr Buch weg und ging auf den Küchenschrank zu. Er hatte gerade beinahe seine Konzentration wiedergefunden, als sie ihn im Vorbeigehen streifte – und ihn bei der leichten Berührung ein seltsamer Schock durchfuhr.
Oh nein, dachte er. Nein, kommt nicht in Frage. Ich hab sowieso schon alles schlimm genug gemacht.
Er zwang sich, wieder an seine Arbeit zu denken, was ihm auch einigermaßen gelang. Der Rest des Abends lief recht glatt, nur unterbrochen von dem Sandwich, das sie für ihn hinstellte (er fand das zwar merkwürdig, wusste es aber zu schätzen) und von den Fragen, die er ihr hin und wieder stellen musste.
Er war nicht sicher, was er erwarten sollte, als sie an diesem Abend zu Bett ging. Vor diesem ganzen Schlamassel hatte sie sich recht freundlich für die Nacht verabschiedet, aber das hatte er sich vermutlich selbst ganz ausgezeichnet ruiniert. Daher kam es relativ überraschend, dass Hermine ihm verlegen auf die Schulter klopfte und ihn bat, nicht zu lange auf zu bleiben, sie würde die Nacht schon überleben.
Dann ging sie in ihr Schlafzimmer, und er hörte die Tür hinter ihr ins Schloss fallen. Als er sich schließlich doch für eine Weile schlafen legen wollte, fand er das Sofa wieder frisch bezogen vor.
Nach diesem Abend vergingen ein paar Tage wie im Flug, was irgendwie seltsam und unerwartet enttäuschend war. Nachdem er sich einige Tage in Arithmantik eingearbeitet hatte, war Blaise ziemlich sicher, dass er wusste, was bei ihrer kleinen Lernrunde in der Bücherei schiefgegangen war (abgesehen von einiger Frustration auf beiden Seiten). Etwas Ruhe und eine Menge Konzentration hatten viel dazu beigetragen, sein doch sehr rudimentäres Wissen auf diesem Gebiet zu erweitern, und er wusste, dass es dadurch viel einfacher geworden war, dass Hermine ihm nicht mehr über die Schulter sah. Nun ja, das tat sie schon, aber es war meist eine nervöse Geste, auf die sie zurückfiel, wenn sie wissen wollte, wie weit er war und sich nicht zu fragen traute.
Wie sich herausstellte, war Hermine sehr gut darin, kleine Wissenslücken aufzufüllen. Jemandem etwas komplett Neues beizubringen, war dagegen nicht ihre Stärke. Es war genau so, wie er es erwartet hatte: Sie maß andere Leute an ihren eigenen Standards und wurde frustriert, wenn sie ihren Erwartungen nicht entsprachen.
Daher verbrachte er den Großteil dieser Tage damit, still zu lesen, während Hermine unruhig hin- und herlief, in der Nähe las oder etwas zum Knabbern für sie beide auftrieb. Die Stille wurde gelegentlich durch einen leisen Fluch oder einen Knall aus der Küche unterbrochen, wenn Hermine sich das Schienbein stieß, was unter allen anderen Umständen schrecklich witzig gewesen wäre, aber nach Abwägung der Lage tat Blaise sein Bestes, so zu tun, als wäre er nicht versucht zu lachen. Irgendwann am Ende des dritten Tages hatte er jedoch plötzlich eine böse Vorahnung, und er ließ seine aktuelle Lektüre liegen und ging hinüber in die Küche.
Aha. Gerade rechtzeitig.
„Granger", sagte er, „ich will dich ja nicht enttäuschen, aber ein Messer zu benutzen, ist gerade eine furchtbar schlechte Idee."
Hermine hielt inne, die Hand über dem Messerblock. Sie lief leicht rosa an angesichts ihrer eigenen Gedankenlosigkeit. „Richtig." So etwas hatte er erwartet. Gewohnheiten waren schwer abzulegen.
Sie nahm den Apfel von der Ablage und biss hinein. Blaise bemerkte etwas überrascht, dass sie sich irgendwann (wann?) umgezogen hatte und jetzt in Flanellhose und Trägertop in der Küche saß. Zuerst kam er zu der Schlussfolgerung, dass er weitaus länger gelesen hatte, als er gedacht hatte – als nächstes fiel ihm auf, dass der Wechsel ihrer Garderobe gar nicht so eine Wirkung auf ihn hätte haben sollen. Sie sah so konservativ aus wie üblich, nur dass er jetzt etwas mehr von ihren Armen sehen konnte und dass ihre Haare ihr lose auf die Schultern fielen.
„Oh", sagte Hermine, die sein Starren missverstand. „Ähm …hier. Ich hab noch einen." Sie warf ihm einen Apfel zu, und er versuchte, nicht zu lachen. Du bist neidisch auf sie, sagte er sich, deshalb beobachtest du sie so genau.
Eigentlich … nein. Nein, wenn er ehrlich mit sich war, dann musste er zugeben, dass er sich ziemlich von ihr angezogen fühlte, zusätzlich dazu, dass er neidisch war (was in Wahrheit oftmals irgendwie ähnlich war). Aber es waren zwei völlig verschiedene Dinge, ob man sich angezogen fühlte oder ob man tatsächlich etwas in die Richtung unternahm. Und in diesem Fall gab es etwas zu viele Komplikationen, um einfach, äh … etwas zu unternehmen.
„Danke", sagte Blaise und nickte Hermine zu. Er warf einen Blick auf die Uhr und runzelte die Stirn. „Es ist spät."
Sie zuckte unbehaglich mit den Schultern.
„Du musst nicht aufbleiben", sagte er. „Ich lass es dich wissen, wenn ich die Hilfe einer Lehrerin brauche." Er lächelte leicht.
Hermine leckte sich über die Lippen. Blaise gab vor, das nicht faszinierend zu finden. „Du wirst hoffentlich auch nicht die ganze Nacht wach bleiben. Ich … so wütend bin ich wirklich nicht. Ich halte es noch eine Weile aus."
Das erleichterte ihn ein wenig. Immerhin hatte sie nicht viel gesprochen, und er war nicht sicher gewesen, was er denken sollte. Er verzog jedoch keine Miene und zuckte auf eine Weise mit den Schultern, die Zustimmung andeuten konnte. Sie runzelte die Stirn, nickte aber. „In Ordnung." Pause. „Gute Nacht." Es klang wieder zaghaft.
Blaise zwang sich, den Blick wieder zu heben, und ließ ihn ihre Beine hinaufschweifen, hielt dann inne an dem Streifen freiliegender Haut zwischen ihrer Flanellhose und ihrem Oberteil und dann an ihrem Hals, wo er ihren Puls sehen konnte. Als er ihr schließlich in die Augen sah, war sie leicht rosa. „Gute Nacht", erwiderte er und stellte verärgert fest, dass er seinem Abschiedsgruß eine leicht zweideutige Note verliehen hatte.
Sie hielt mitten im Zupfen an einer Haarsträhne inne und blinzelte. Einen Moment später, als sie offenbar zu dem Schluss gekommen war, dass sie sich verhört hatte, wandte sie sich ab und ging in ihr Schlafzimmer.
Schlechte Idee, erinnerte Blaise sich, wenn auch ohne viel Nachdruck. Ganz schlechte Idee.
Er wandte sich wieder seinem Buch zu und biss geistesabwesend von seinem Apfel ab.
ooOOoo
Hermine starrte auf das Pergament auf ihrem Schreibtisch.
Lieber Harry, stand da,
ich schreibe dir diesmal über etwas Ungewöhnliches, und der einzige Grund, weshalb ich das tue, ich, dass ich darauf vertraue, dass Du weder lachst, noch diesen Brief Ron zeigst, der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit überreagieren und jemanden umbringen würde. Ich hoffe, Du verstehst, was ich sage, Harry, denn ich brauche wirklich dringend Rat, und wenn Du jemals jemandem davon erzählst, werde ich es leugnen bis ins Grab und dafür sorgen, dass Du es bereust.
So, da das jetzt geklärt wäre –
Sie schrieb das Ganze eilig in einem Schwung ihrer Feder.
Dann zupfte sie in einiger Verzweiflung an einer Haarsträhne, griff nach einem neuen Stück Pergament und begann von Neuem.
Liebe Ginny, schrieb sie,
ich habe ein sehr großes Problem der Art, mit der Du Dich auskennst – oder jedenfalls besser als ich – und ich wäre Dir unglaublich dankbar für Deinen Rat. Nur sag Ron nichts, und bitte auch nicht Harry, obwohl ich weiß, dass ich zwei euch sehr nahe steht …
Und die gleiche Postadresse habt, erinnerte sich Hermine.
Sie strich auch diesen Brief sehr gründlich durch.
Sie starrte eine Weile auf ihren Schreibtisch und dachte an die Art, wie er sie angesehen hatte – mit diesem hochkonzentrierten Blick, der seine gesamte Aufmerksamkeit in Anspruch nahm – und an dieses leichte Grinsen, das sie auf einmal gar nicht so unattraktiv gefunden hatte. Und – peinlicherweise – daran, was er gemurmelt hatte, was eventuell (oder auch nicht) Interesse bekundet hatte an – an …
Hallo Tonks, schrieb sie, der Verzweiflung nahe,
zur Zeit befindet sich ein äußerst attraktiver Mann in meinem Haus, und ich bin nicht sicher, was ich mit ihm anfangen soll, oder ob ich überhaupt irgendwas mit ihm anfangen sollte, wenn man bedenkt, dass mir mein Verstand möglicherweise einen furchtbaren, FURCHTBAREN Streich spielt. Außerdem stehe ich praktisch mit ihm zusammen unter Hausarrest, wodurch ich mir alle möglichen Szenarien ausmale, über die ich vielleicht lieber nicht nachdenken sollte, und mit Dir kann ich darüber verdammt nochmal AUCH nicht reden, da Du gar nicht wissen darfst, dass er hier ist!
Frustriert knallte sie ihre Feder auf den Tisch – und biss dann die Zähne zusammen, als sie sich einen Splitter in den Finger zog. Ihr Schreibtisch war neu und vollkommen ebenmäßig, aber so etwas wie das hier konnte sie im Moment überhaupt nicht überraschen.
Hermine hielt sich mit beiden Händen den Kopf und grübelte, ob es nicht doch irgendwo eine einzige Person gab, die sie um Rat fragen oder wenigstens um Gehör anflehen konnte.
Sie brauchte mindestens eine Viertelstunde. Und dann schrieb sie mit sehr unsicherer Hand.
Liebe Parvati …
ooOOoo
Blaise erwachte irgendwann, als die Sonne heller war, als sie es hätte sein sollen. Kurz darauf fielen ihm zwei Dinge auf.
Erstens: Da war eine Eule am Fenster, die ihren Schnabel mit einer an Irrsinn grenzenden Dringlichkeit ans Fenster hämmerte.
Zweitens: Die Ursache dafür, dass es ihm so schwerfiel aufzustehen, war, dass eine sehr große Katze auf ihm lag. Krummbein gab ein leises, träges Brummen von sich, als er sich über den unglücklichen Zauberer ausstreckte. Blaise hustete etwas und versuchte, die Katze ein Stück weit herunterzuschieben. Krummbein rührte sich nicht. Verdammte Kneazles.
„Oh!" Hermines Schritte eilten durch den Flur. „Ich geh schon! Du brauchst nicht aufzustehen!"
Blaise seufzte und ließ seinen Kopf wieder auf das Buch fallen, das er als Kissen benutzt hatte. Mit einem letzten heldenhaften Schubser gelang es ihm schließlich, Krummbein ein Stück weit von sich zu schieben. Blaise stand auf und ging hinüber zum Fenster.
„Was soll das? Ich sagte, ich mach das schon, Zabini, würde es dir was ausmachen –" Er blinzelte, als sie ihn buchstäblich packte und begann, am Fenstergriff herumzufummeln.
„Du wartest ja ziemlich gespannt auf deine …" Er kniff verschlafen die Augen zusammen, um seinen verschwommenen Blick zu schärfen. „… Hexenwoche."
Hermine blinzelte. Langsam ließ sie seinen Arm los. „Oh, ähm …"
„Du bist morgens sogar noch eloquenter als ich", erwiderte Blaise schlagfertig und nahm der Eule die Zeitschrift ab. Er hätte nie vermutet, dass sie so etwas las, aber gab einige Dinge, die tatsächlich sämtliche Frauen zu betreffen schienen.
Hermine rieb sich die rechte Hand, als sie ihm die Zeitschrift abnahm. „Ja, ich …" Sie schüttelte den Kopf. „Vergiss es." Sie war ihm in diesem Moment sehr nahe, und ihre Haare waren offensichtlich vom Schlaf zerzaust. Ihr Gesicht war gerötet und warm, und ihr Atem ging schnell nach dem plötzlichen Sprint, was ihn an etwas ganz anderes denken ließ, und er dachte, nur für einen Augenblick, darüber nach, wie einfach es gewesen wäre, seine Lippen in die Vertiefung direkt unter ihrem Ohr zu drücken. Von da aus wäre es ein Leichtes gewesen, ihr einen vielsagenden Vorschlag zu machen, und sollte sie zustimmen, nun ja … Das wäre ein gut investierter Morgen, oder?
Nein. Um Himmels willen, nein. Auch wenn sie sich ein kleines bisschen gegen ihn lehnte. Das bedeutete wahrscheinlich nur, dass sie versuchte, sich unter seinem Arm hindurchzuducken … genauso so. Sie ging in gemäßigterem Tempo in die Küche, wobei sie die Zeitschrift hielt, als wäre sie ein besonders widerwärtiges Stück Müll. Sein Blick ruhte einen Moment auf ihrem Rücken, und er erinnerte sich daran, weshalb er hier war. Blaise schloss das Fenster und warf einen Blick auf die leicht zerknitterte Seite des Buchs, auf dem er geschlafen hatte. Er seufzte. Dafür würde sie ihn wahrscheinlich umbringen oder so was. Er war so erschöpft, dass ihm das vermutlich egal gewesen wäre. Nicht dass es ihm grundsätzlich gestört hätte, wenn sie ihn angesprungen hätte, aber – Arithmantik. Arithmantik war das trockenste Thema der Welt. Etwas Arithmantik, und er würde wieder klar denken können. Blaise nahm das Buch zur Hand.
Er las die Zeile, bei der er aufgehört hatte, zum zehnten Mal, als ein Luftschnappen aus der Küche kam. Oh nein, dachte er unwillkürlich, was hat sie jetzt gemacht?
Er schob sich durch die Tür, obwohl er sich ziemlich tot fühlte und dem Ganzen hier überhaupt nicht gewachsen. Aber Hermine sah nicht besonders verletzt aus. Tatsächlich war ihr Gesichtsausdruck urkomisch. Sie starrte eine kleine Notiz an, die der Zeitschrift beigelegen hatte.
„Das … das … ist der schlechteste Rat, von dem ich je gehört habe!" Ihr Gesicht war rot.
„Ach?" Blaise hob die Augenbrauen und machte Anstalten, ihn sich anzusehen. Schließlich sollte niemand behaupten können, Blaise Zabini wäre kein erstklassiger Voyeur, wenn andere Leute einen peinlichen Momenten erlebten.
„Wag es nicht!". Sagte Hermine und riss ihm die Zeitschrift weg. „Ich werde das hier verbrennen. Umgehend." Sie zog ihren Zauberstab. Seine Augen weiteten sich, und er konnte ihr gerade noch eine Hand auf den Mund pressen.
Es entstand eine peinliche Pause.
Zu spät bemerkte er, dass er sie zwischen sich und dem Küchenschrank eingeklemmt hatte. Seine Lider flatterten vor Überraschung. Ihr Atem ging schnell, allerdings hatte er das Gefühl, dass das eher an ihrer Wut und Beschämung lag als an sonst etwas.
„Zabini", sagte sie gedämpft. „Du kannst loslassen."
Ah. Ja. Richtig.
Er zog langsam seine Hand zurück und widerstand dem Drang, sich zu räuspern.
Hermine zupfte langsam ihr Oberteil zurecht. Sie legte die Zeitschrift hinter sich auf die Ablage und sah sie nicht mehr an.
„Danke", sagte sie förmlich, „dass du verhindert hast, dass ich mein Haus niederbrenne. Aber …" Sie runzelte die Stirn und blickte zu ihm auf.
Sie sah ihn weiter an. Ihr begonnener Satz hing unvollendet in der Luft.
„Aber?", fragte Blaise, der sich plötzlich mutig fühlte.
„Ach, nichts." Hermine griff nach der Zeitschrift und machte sich auf den Weg ins Wohnzimmer. Er hörte Papier reißen, während sie ging. Es kostete ihn einige Anstrengung, sich nicht zu merken, wohin sie die Einzelteile legte. Arithmantik, rief er sich in Erinnerung. Kein Spionieren. Egal wie neugierig ich bin.
Und sonst nichts, ja? Nein.
Na ja … Außer sie war interessiert. Dann wäre das natürlich etwas ganz anderes, oder nicht?
Er versuchte, diesen Gedanken nicht die Oberherrschaft gewinnen zu lassen, denn sobald er diese kleine Bedingung akzeptierte, würde er Möglichkeiten ersinnen, sie interessiert zu machen, anstatt darüber nachzudenken, wie er den Fluch brechen konnte. Das eine war sicherlich angenehmer als das andere, aber wesentlich weniger produktiv.
Ach, was soll's, sagte er sich. Ich bin im Urlaub. Ich werde beides tun.
Damit kehrte er zu den Tabellen und Nummern zurück und versprach sich für später am Tag ein wenig Erholung seiner Wahl.
