Kapitel 8 - Teil 2
Okay, die heilige Halle der Vorzimmerdamen und Abteilungsleiterassistentinnen. Der Treffpunkt allen Klatsches und Tratsches von Stark Industries. ‚Hab ich gerade Pepper zitiert? ' murmelte Tony irritiert und musste bei diesem Gedanken lächeln. Sie hatte ihm irgendwann einmal erzählt, wie sehr sie diesen Ort gehasst hatte, als sie noch nicht seine persönliche Assistentin gewesen war. Sie hatte sich dort nicht auf ihre Arbeit konzentrieren können, da zu viel Trubel und Gewusel um sie herum herrschte. Das war aber noch nicht das schlimmste. Pepper war einfach keine Klatschtante und hatte daher kein Interesse an der firmeninternen Gerüchteküche gehabt. Er selbst war schon ewig nicht dort unten gewesen. Allerdings gehörte dieser Ort eine Zeitlang zu seinem bevorzugten „Jagdgebiet".
Na schön, als Ortswechsel. Tony durchschritt das Büro und wollte die Tür öffnen, doch seine Hand glitt einfach durch die Klinke hindurch. Verdammt, er war nicht nur unsichtbar und unhörbar, nein er war wirklich ein Geist! Und als solcher konnte er nun mal nichts anfassen oder bewegen.
„Sir", mischte sich Jarvis ein, „darf ich daran erinnern, dass dies IHR Traum ist."
„Und was genau willst du mir damit sagen, J?" antwortete Tony frustriert.
„Nun Sie unterliegen nicht den herkömmlichen physikalischen Gesetzen. Wenn Sie den Ort verlassen möchten, dann müssen Sie nur daran denken, wohin Sie möchten. Es ist nicht notwendig, zu gehen oder Türen zu öffnen."
Hm, daran Tony tatsächlich nicht gedacht. Also teleportieren, ja? Er schloss die Augen und stellte sich sein gewünschtes Ziel vor. Das Großraumbüro, die vielen Schreibtische und Wandabtrennungen dort, die vielen Menschen, die ein und aus gingen, die Geräusche von Computertastaturen, klappernden Kaffeebechern, Stöckelschuhen, Stimmengewirr… das plötzlich deutlich zu hören war. Tony öffnete die Augen, und er befand sich wie gewünscht eine Etage tiefer im Großraumbüro, in dem es zuging, wie in einem Bienenstock.
„Wow, Vorsicht!" rief er aus, als er fast von einer Dame umgerannt wurde, die eiligen Schrittes an ihm vorbeieilte. Oder zumindest dachte er, sie würde ihn umrennen, bis ihm einfiel, dass ihn ja niemand sah und er praktisch körperlos war. So ganz hatte er sich an seinen Traumzustand noch nicht gewöhnt. Aber der ganze Traum an sich war schon irre genug, wie sollte man sich da ohnehin an etwas gewöhnen?
‚Na schön, Pepper, wo steckst du? ' dachte er und reckte seinen Kopf in die Höhe, um besser sehen zu können. Er schritt durch einige Schreibtischreihen, doch keine Spur von ihr.
„Virginia, Miss Taylor will dich sehen!" hörte er plötzlich hinter sich jemanden rufen. „Komme gleich!" Sofort drehte er sich in die Richtung, aus der die Stimme kam. IHRE Stimme. Einen Moment später sah er sie, Pepper! Sie war es, und doch wieder nicht. Jedenfalls nicht so, wie er sie kannte und liebte.
Seit er sie kannte, hatte sie ihr Haar immer lang getragen. Doch hier trug sie es zu einem schulterlangen Bob. Es sah nicht schlecht aus, doch wirkte sie mit dieser Frisur älter als sie war. Die einfache weiße Bluse unterstrich ihre schlanke Figur, doch ihre wunderschönen langen Beine versteckte sie unter einem wadenlangen Rock. Statt ihrer geliebten High Heels trug sie nur wenige Zentimeter hohe schlichte Pumps. Warum in aller Welt versteckte sie ihre Schönheit? Langsam schritt Tony in ihre Richtung, immer darauf bedacht, den umher eilenden Damen auszuweichen. Geist oder nicht, er hatte keine Lust, dass jemand versehentlich durch ihn hindurch lief.
Pepper unterhielt sich mit Wanda Taylor, der Chefsekretärin bei Stark Industries. Sie hatte schon unter Tonys Vater Howard Stark gearbeitet und entsprach in vollem Umfang dem Klischee der „alten Jungfer". Und Pepper war auf dem besten Weg, ihr –zumindest optisch – dorthin zu folgen. Als er sie fast erreicht hatte, drückte Miss Taylor Pepper einen Stapel Akten in die Hand und verschwand wieder, so dass Pepper mit hängendem Kopf zurück zu ihrem Schreibtisch schritt. Tony folgte ihr dorthin. Kaum hatte Pepper wieder auf ihrem Drehstuhl Platz genommen, kam Obadiahs blonde Sekretärin angestöckelt, setzte sich auf Peppers Schreibtisch neben den Aktenstapel und schlug die langen Beine übereinander.
„Hat Mr. Stane gerade nichts für dich zu tun, Victoria? Kaffeekochen, zum Beispiel?" fragte Pepper mit einem gequälten Lächeln.
„Hey, nur weil DU ihn nicht magst, heißt es nicht, dass niemand mit ihm klar kommt", entgegnete Victoria und hob abwehrend die Hände. „Dafür siehst du heute schon wieder aus, als hättest du den Kleiderschrank deiner Großmutter geplündert."
Pepper wollte gerade eine spitze Bemerkung loswerden, doch ihre Kollegin fuhr unbeirrt fort: „Mal im Ernst, Virginia, du hast eine so tolle Figur, aber in den letzten zwei Jahren kleidest du dich immer unscheinbarer. Und vor ein paar Wochen lässt du dir einfach so deine tollen langen Haare abschneiden. Ich verstehe dich nicht…"
Pepper seufzte. „Obadiah legt nun mal viel Wert auf ein ansprechendes Äußeres, wie du weißt. Je knapper der Rock, desto höher die Chance auf eine Beförderung. Aber auf diese Art der Karriere hab ich keine Lust. Da versauere ich lieber hier unten", antwortete sie.
„Aber als du noch für Mr. Stark gearbeitet hast, hast du dich doch auch hübsch gemacht?" Victoria schaute sie fragend an.
„Schon, aber das war etwas anderes. Tony hat mir nie in den Ausschnitt oder auf den Hintern gestarrt. Ihm waren meine Fähigkeiten als Assistentin wichtig, nicht meine Rocklänge. Oder zumindest hat er mich das nie spüren lassen…." Sie schaute wehmütig auf den Boden. Tony stand jetzt so dicht hinter Pepper, er hätte sie berühren können, wenn er nur die Hand ausstreckte.
„Er ist jetzt… wie lange... 5 Jahre? verschwunden, und du hängst immer noch an ihm? Dachte, er hat als Boss nur alle herumkommandiert und verrückt gemacht mit seinen Frauengeschichten? Zumindest erzählt man das…"
„Ja, manchmal konnte er ein Arschloch und Kotzbrocken sein. Und oft genug musste ich die Hinterlassenschaften seiner Betthäschen entsorgen. Aber das war nicht alles, was ihn ausgemacht hat…"
Jetzt wurde es interessant für Tony. Peppers Augen begannen zu leuchten, als sie fortfuhr.
„Wenn er an einem Projekt gearbeitet hat, dann war er mit einer Leidenschaft dabei, die kannst du dir nicht vorstellen. Und er war wirklich ein Genie. Allein schon, wie er sein Haus umgebaut hatte, mit all dem technischen Schnickschnack. Das war schon sehr beeindruckend. Aber gelegentlich hatte er auch seine menschlichen Momente. Vor allem am Todestag seiner Eltern… das hat ihn jedes Mal mehr mitgenommen, als er zugeben wollte."
„Wow, klingt fast so, als wärst du ein bisschen in ihn verknallt gewesen" grinste die Blondine, aber Pepper winkte ab.
„Nein, er war mein Boss, mehr nicht. Aber er hat mich immer gut behandelt, mit Respekt. Naja, auf seine Weise zumindest. Das kann man von Stane nicht behaupten."
„Victoria, Mr. Stane verlangt nach Ihnen" schallte Miss Taylors Stimme durch den Raum.
„Wenn man vom Teufel spricht. Bis später!" Victoria rutschte vom Schreibtisch und entfernte sich rasch.
Tony kniete sich neben Pepper, um ihr Gesicht besser sehen zu können, das sie gesenkt hielt. Er beobachtete, wie sie eine Schublade öffnete und etwas hinausnahm. Es war ein altes Foto. Auf ihm waren Pepper und er selbst abgebildet. Er konnte sich noch gut an den Moment dieser Aufnahme erinnern. Das Bild war auf einer Firmenweihnachtsfeier aufgenommen worden, kurz nachdem er Pepper als Assistentin auserkoren hatte. Tony hatte an dem Abend zu viel getrunken (wie so oft damals) und hemmungslos mit ihr geflirtet. Aber Pepper hatte ihn eiskalt abblitzen lassen, was ihm sehr imponiert hatte. Und am nächsten Tag hatte sie ganz professionell ihre Arbeit verrichtet, als ob nichts geschehen war. Da hatte er gewusst, dass seine Entscheidung richtig gewesen war. Und nun sah er zu, wie Pepper dieses alte vergilbte Bild anstarrte und ganz sacht mit den Fingerspitzen darüber strich. Und plötzlich begannen ihre Augen feucht zu schimmern, und eine kleine Träne entwich ihrem Augenwinkel. Doch augenblicklich straffte sie sich wieder, legte das Bild zurück an seinen Platz und begann endlich mit ihrer Arbeit an dem Aktenstapel.
Tony war verwirrt. Er drehte sich zur Seite und lehnte mit dem Rücken an dem Unterschrank des Schreibtisches. Wenn das hier nur ein Traum war, warum tat es dann so weh, Pepper so zu sehen? Und warum hatte sie in seiner Fantasie ausgerechnet dieses Foto? Er konnte sich nicht erinnern, dieses Bild je bei Pepper gesehen zu haben. Aber es war nun einmal ein Traum, und die waren selten logisch. Gut, beruflich also wäre es für Pepper ein Rückschritt gewesen, zumindest war sein Unterbewusstsein dieser Meinung, wenn Tony aus ihrem Leben verschwunden wäre. Aber privat? Da musste es doch jemanden in ihrem Leben geben! Er musste in ihr zuhause, um sich zu vergewissern. Aber konnte er sich auch dorthin bewegen, wenn er gar nicht wusste, wie und wo sie leben würde? Er versuchte es einfach, schloss die Augen und murmelte in Gedanken die Worte: Peppers zuhause.
