Verbunden werden auch die Schwachen mächtig.
Friedrich Schiller
Ein Abschied, voll von süßer Traurigkeit
Dol Lorn / Dunland, 2791 D.Z.
Thorin war lang schon fort. Noch immer saß Nereley an dem Tisch in Simugoshs Schenke, an dem er sie zurückgelassen hatte und starrte in die rote Flüssigkeit am Boden ihres Bechers. Der Wein roch noch immer nach Nelken, Zimt und Kardamom, doch er war kalt und zäh vom Honig – zäh wie Blut und kalt wie die Hand des Todes, die in ihren Träumen nach ihr gegriffen hatte.
Die Sonne kroch langsam den Horizont hinauf und warf ihr schwaches, graues Licht in langen Bahnen auf den ausgetretenen Holzboden. Nereley sah zu einem der hohen Fenster auf, die in die Südwand des Gebäudes eingelassen waren. Die Scheiben waren trüb und uneben. Die Welt vor der Schenke tanzte in bunten, unscharfen Flecken vorüber, doch sie erkannte die Sonne als winzigen hellen Punkt am Himmel. Es hatte aufgehört zu schneien und die Mittagsstunde rückte immer näher. Es musste eine Ewigkeit sein, die sie fast reglos so dagesessen hatte – nicht wissend, was sie noch tun sollte.
Jemand zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben sie. Beschämt hob Nereley die Augen und sah, wie ihre Mutter sie mit kristallklarem Blick ansah und musterte. Nantalya war nicht mehr jung und ihre Jugend und Schönheit war unlängst verblüht. Falten hatten sich in ihrer Haut an Stirn und Hals gegraben und umrahmten ihre Augen. Doch wenn sie lächelte, ahnte man noch immer etwas von dem alten Liebreiz und der Eleganz, die ihrer Mutter eigen gewesen war, als Nereley noch mit Murmeln und Kreiseln spielte.
Gut 37 Jahre zählte ihre Mutter und hatte doch noch immer nicht so viele Sommer gesehen, wie Frerin. Aber sie war ein Mensch und die Zeit war härter mit ihr ins Gericht gegangen, als mit dem Zwergenprinzen, den seinesgleichen noch immer jung an Jahren und arm an Erfahrung nannten. Nereley war in einer Welt zwischen Zwergen und Menschen aufgewachsen, die Mutter ein Mensch, der Vater ein Zwerg, der selbst bereits 114 Jahre zählte und der mit jedem Winter, der verstrich, soviel jünger und frischer wirkte, als seine Frau.
So oft schon hatte sie ihre Mutter fragen wollen, ob es sie quälte zu wissen, dass ihre Sonne ihren Zenit unlängst überschritten hatte, während ihr Vater ihren Tod wohlmöglich mit vielen Jahren überdauern würde. Doch nie hatte sie es gewagt. Nantalya legte ihre Hand auf Nereleys und umschloss fest die Finger ihres Kindes mit den ihren. Verwirrt sah das Mädchen die verbrauchte Haut auf dem Handrücken ihrer Mutter, wettergegerbt und rau von den Jahren, die sich so deutlich gegen ihre glatte, junge Haut abhob.
Wie würde es sein, wenn sie selbst so alt war wie ihre Mutter? Würde sie auch so rasch altern und vergehen? Oder würde ihr das lange Leben eines Zwergs vergönnt sein? Es nagte an ihr, nicht zu wissen, wer sie war, oder was sie war. Es gab noch eine Handvoll anderer in Dol Lorn, die waren wie sie, doch zählten sie alle kaum zwei oder drei Jahre mehr oder weniger als Nereley selbst. Sie kannte keinen Menschen, der die Sprache der Zwerge beherrschte und auch selbst sprach sie Khuzdul* lang nicht so gut und flüssig, wie ihr Vater Fáin. Zu allgegenwärtig war das Westron**, die Sprache, in der Zwerge und Menschen in Dol Lorn mit einander verkehrten und die jeder Reisende, gleich ob Händler oder Wanderer, verstand, der in die Stadt kam.
Sie dachte an Frerin. Er war ein Zwerg aus dem Volke Durins und Zwergen segnete das Schicksal für gewöhnlich mit einem langen Leben. Doch sie hatte seinen Tod gesehen in einem Traum, der ihr entsetzlich wirklich erschienen war. Wie eine dunkle Vorahnung legte die Erinnerung sich auf ihre Gedanken und machten ihr das Herz schwer. So oft hatte sie in ihrer Liebe zu ihm geschwankt, nicht wissend, wie viele gemeinsame Jahre ihnen beschieden sein mochten und zweifelnd, ob Frerin eine Menschenfrau an seiner Seite auch dann noch lieben würde, wenn sie lange vor ihm alterte und ergraute. Stumm hatte sie ihn beobachtet, als sie noch sehr viel jünger gewesen war und es hatte ihr anfänglich die Schamesröte ins Gesicht getrieben, als auch er sie zu sehen begann – und er sah mehr, als die kleine Schwester eines Freundes, mehr als ein törichtes Menschenkind in ihr.
Doch mehr sorgte sie nun die Angst, er könne niemals zu ihr zurückkehren. Sie hatte diesen Kampf, die Rache an den Orks so sehr gewollt und musste sich nun eingestehen, dass sie nichts über den Krieg und seine Schrecken wusste. Noch war dieser Krieg weit fort und die Musterung der Zwerge stand bevor. Aber die größte Gefahr war oft jene, die sich im Schatten hielt oder in das trügerische Kleid des Friedens hüllte. Nichts war so gefährlich, wie falsche Sicherheit.
„Es ist fast Mittag", sagte Nantalya leise und holte ihre Tochter aus ihren trüben Gedanken zurück in die Wirklichkeit des Kuldjargh. „Manchmal muss man einem geliebten Menschen gestatten fortzugehen, um ihn wirklich finden zu können. Geh und sage ihm Lebewohl!" Nantalyas Augen glänzten und sie drückte Nereleys Hand etwas fester. Die Ältere schluckte schwer und ein leises Seufzen quälte sich aus ihrer Kehle, ehe sie hinzusetzt: „Du wirst es sonst vielleicht bereuen Kind."
Thorin hielt sein Pony kurz an den Zügeln und blickte den Tross zurück, der im Begriff war sich auf zu machen, um ihre Reise durch das Enedwaith und hinauf in den Norden bis zu den Ered Luin anzutreten. Er zählte zehn Ponys und fünf Reiter. Vier der Ponys trugen Lasten, doch keinen Sattel. Ein Reiter fehlte also noch und erneuter Groll begann sich in Thorin auszubreiten.
„Werden wir auch ohne ihn aufbrechen?", fragte Balin und saß auf. Sein Rappe war ein kräftiges Tier, das sich von den anderen ausnahm. Sein Fell war nachtschwarz und zeichnete sich deutlich gegen den Schnee ab, während die übrigen Ponys mit ihrer schwarzbraunen Zeichnung in dem winterlichen Grau fast zu verschwinden schienen. Es waren gute Ponys, zweifellos die Besten, die Balin in so kurzer Zeit hatte auftreiben können. Sie kamen aus den Ered Nimrais. Ihr Fell war dick und sie waren robust und an die unwirtliche Witterung des weißen Gebirges angepasst. Die Menschen setzten sie in Minen und Bergwerken ein und sie waren bekannt dafür, auch schwere Lasten über viele Meilen hinweg transportieren zu können.
Dennoch waren die Tage des Neufeuers eine denkbar schlechte Zeit, um eine so weite Reise anzutreten. Mehr als einmal hatte Balin Thorin zur Geduld ermahnt und die Zeit der Schneeschmelze abwarten wollen. Der Zwerg aus Tharbad traute dem Winter im Enedwaith nicht und er fürchtete die eisigen Nordwestwinde, die vom Meer her kommend das Land zu dieser Zeit oft noch schlimmer beutelten, als im Herbst. Lieber wollte Balin im Schlamm stecken bleiben, als in den weiten Ebenen des Dunlands zu erfrieren. Thorin aber traute vielem, zur Not auch dem Wetter – nur nicht sich selbst. Vor wenigen Monden noch hatte er es für töricht und dumm gehalten, die Zwerge gegen die Orks in den Kampf zu führen. Wissend, dass kein Argument, kein noch so weiser Einwurf die Sturheit der Zwerge überwinden würde, hatte er auf Balins Worte gebaut und es sich zur Pflicht gemacht, aus den verstreuten Völkern der Zwerge ein Heer zusammenzuziehen, das einem Kampf gegen die Heerscharen der Orks gewachsen war.
Thorin wusste nicht, wie lange die Heerschau dauern würde, doch er ahnte, dass er diesen Sommer nicht in Dol Lorn und wohl auch nicht den darauffolgenden in dieser Stadt erleben würde. Jeden Tag, den er wartete, um aufzubrechen, würde den Tag seiner Rückkehr und den Krieg hinauszögern und mit jedem Tag forderte er die Geduld der Zwerge mehr heraus. Das Volk Durins sann auf Rache für seinen toten König, wie es sein Bruder geweissagt hatte.
Noch immer wollte Thorin die Pflicht und die Treue zu seinem Volk von dannen jagen, wenn die Pflicht darin bestand, den Frieden zwischen den Völkern aufs Spiel zu setzen und Treue bedeutete, seinesgleichen zu gefährden. Mit jeder Stunde, die er hier blieb, wuchs die Gefahr, dass er überhaupt nicht aufbrechen würde.
Balin streckte sich auf dem Rücken seines Reittiers und rieb die nackten Hände aneinander. Er seufzte laut und sagte: „Alles Warten ist ein Warten auf den Tod, der mit jeder Sekunde unaufhörlich näher kommt." Er zog seine Handschuh aus seiner Satteltasche und begann das steife Leder über seine Hände zu streifen, während er den wolkenverhangenen Horizont nach der Sonne absuchte. „Es ist ein langer und beschwerlicher Ritt bis zum Buzundush", fuhr er fort, „die Sonne hat ihren Zenit fast schon überschritten. Wir müssen aufbrechen, wenn wir nicht riskieren wollen, dass unser Unternehmen ein Ende findet, ehe es begonnen hat."
Thorin folgte Balins Blick zum Horizont und nickte. „Gut", erwiderte er, „brechen wir auf, ehe es zu spät ist." Er strich seinem Pony flüchtig über die Stirn und wollte aufsitzen, als er ein letztes Mal die Straße zum Tor hinab sah und eine Gestalt sich aus dem Zwielicht des Wintertages schälte. Thorin erkannte ihn an seinem Gang, ehe er seine Gesichtszüge auch nur erahnen konnte. Es war Frerin, gehüllt in einen dicken, grauen Reisemantel und mit einem Bündel über der Schulter.
Stumm nahm Thorin seinen Bruder in Empfang und zeigte schweigend auf das gesattelte Pony, das noch auf seinen Reiter wartete. Er saß auf, während Frerin sich daran macht, sein Bündel zu verstauen.
„Ihr komm spät!", sagte Dwalin, der auf dem Pony hinter seinem Bruder Balin saß und wortlos darauf gewartet hatte, dass der Tross endlich aufbrach. „Wir glaubten schon unser Abenteuer ohne unseren Helden bestreiten zu müssen." Er grinste und die anderen, die bereits aufgesessen hatten, quittierten Dwalins Spitze mit unverhohlenem Lachen.
Frerin hob den Kopf und sah von einem zum anderen. Sie thronten auf ihren Ponys über ihm und gaben ihm unmissverständlich zu verstehen, dass sie nur auf ihn warteten und nicht gewillt waren noch sehr viel mehr Zeit verstreichen zu lassen. Thorin hatte die Hände übereinander gelegt und maß Frerin mit abschätzenden Blick. Er überlegte, was er vom Entschluss seines Bruders, sich ihnen doch noch anzuschließen halten sollte. Neben Thorin saßen die Söhne Fundins in ihren Sätteln. Außerdem würde ein Diener sie auf ihrer Reise begleiten. Frerin und Thorin hatten den Zwerg schon gekannt, als sie noch Kinder im Erebor gewesen waren. Sein Name war Hernex und man hatte ihm den Beinamen Stahlbart gegeben, weil er schon ergraut war, als er das Mannesalter gerade erreicht hatte. Auf dem Pony, das das Ende des Tross bildete und gleich zwei der Packtiere führte, saß Perrem Ohnehand – dicker eingepackt in die beste Wolle aus dem Auenland, als jeder von ihnen und mit einer pechschwarzen Mütze auf dem Haupt.
Thorin blickte zu seinem Bruder hinüber und glaube in dessen dunklen Augen zu sehen, wie Zorn und Scham einen ungleichen Kampf in seinem Inneren fochten. Er hatte Frerin gedemütigt. Er hatte ihn auf offener Straße bloßgestellt und in die Knie gezwungen. In dem Augenblick, als er nach Dwalins Klingen gegriffen hatte, um das aufbrausende Temperament seines Bruders in die Schranken zu weisen, war er sicher gewesen das Richtige zu tun. Doch nun, da er sah, wie schwer die Schmach auf Frerins Schultern lastete, war er nicht länger sicher. Thorin wusste, sein Bruder mochte kein nachtragender Zwerg sein – doch er vergaß nicht leicht.
Frerin wandte den Blick wieder seinem Sattel zu und zog den letzten Riemen fest, der sein Bündel halten würde, als schnelle, halb vom Schnee erstickte Schritte ihn und seine Reisegefährten aufhorchen ließen. Er sah die Straße hinab und erblickte Nereley, die auf ihn zugeeilt kam.
Um Luft ringend kam sie zum Stehen, als sie den Tross erreicht hatte. Thorin warf ihr einen dunkel umwölkten Blick zu, während Frerin sie an den Schultern nahm und festhielt. „Was tust du hier?", hörte Thorin seinen Bruder fragen, doch Nereley hatte ihren Blick fest auf ihn gerichtet. Sie wand sich aus Frerins Griff und ging auf Thráins ältesten Sohn zu.
„Verschwinde Nereley!", fuhr Thorin sie an, doch sie schüttelte nur den Kopf. Schließlich senkte sie den Blick.
„Bitte Herr Thorin", sagte sie mit erstickter Stimme, noch immer um Atem ringend, „ich kam nicht mit der Absicht, die ihr mir unterstellt." Sie sog tief die kalte Winterluft in ihre Lungen und streckte ihr Kreuz durch. „Ich kam, um mich zu verabschieden." Für den Augenblick eines Herzschlags musterte Thorin sie ungläubig. Sein Pony spürte den Zorn seines Reiters und tänzelte unruhig unter ihm.
Dann sah er zu Frerin und spuckte ihm die Worte vor die Füße: „Du hast zwei Minuten!".
Der Tross setzte sich in Bewegung und verließ die Stadt durch das einzige Nordtor, welches Hamirs Wall auf der Hälfte teilte. Frerin blickte seinen Reisegefährten nach und wartete, bis sie außer Hörweite waren, ehe er Nereley an sich zog und sie ohne jedes Wort küsste. Nereley wollte sich ihm entziehen, doch seine Hände gruben sich so fest in ihre Schultern, dass es schmerzten musste. Seine Lippen trafen rau und herb die ihren und schließlich ließ sie jeden Widerstand fahren. Frerin zog sie in eine innige Umarmung. Weich und warm schmiegte sie sich in seine Arme, als er sie aus dem Kuss frei gab und ihre Beine für einen kurzen Augenblick zu versagen drohten.
Sie schlug die Augen auf und er kam nicht umhin sie anzulächeln. „Du hättest nicht kommen sollen!", flüsterte er an ihrem Gesicht. Sein warmer Atem streifte ihre Wange und sie presste sich noch etwas fester an ihn. In ihren grauen Augen glänzten Tränen. Er wusste, dass sie mit sich rang, dass sie ihn einmal mehr bitten wollte, nicht zu gehen. Doch sie tat es nicht, sondern schluckte schwer, löste sich aus seinen Armen und wischte mit dem Handballen die Tränen fort.
„Lass es kein Abschied für immer sein, Frerin." Ihre Stimme schien dünn wie Papier. Nereley nahm seine Hände in die ihren und küsste seine Finger. Frerin ließ sie gewähren, doch er schüttelte den Kopf. „Sei keine Närrin!", sagte er mit neckendem Unterton, „Bist du nicht sonst die Besonnenere von uns beiden? Solltest du es mir nicht leicht machen, mich daran erinnern, das ein Abschied keine Tür ist, die sich uns verschließt, sondern stets ein Tor in die Zukunft?"
Er löste seine Hände aus den ihren und strich über ihre kalte Wange, ehe er seine Handschuh nahm und aufsitzen wollte. Ein letztes Mal fasste sie nach seinem Arm und presste ihre Stirn an seine Schulter, als er inne hielt. „Warum muss es so wehtun?", fragte sie und er strich ihr sanft über den Rücken.
Frerin schob sie von sich und sah sie fest an. „Wenn es schmerzt, dann ist es wohl doch Liebe", sagte er und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Er wandte sich ab, stieg auf sein Pony und trieb es an. Er blickte sich noch einmal um, ehe er durch das Tor ritt. Nereley stand noch immer da und sah ihm nach. Frerin gab seinem Pony die Sporen und schickte sich an die anderen einzuholen.
*Khuzdul – Sprache der Zwerge
**Westron - Auch „Gemeinsame Sprache"; die im DZ am meisten verbreitetste Menschensprache Mittelerdes
