Mordred steht daneben und grinst. Fasziniert beobachtet er das Schauspiel. Fasziniert sieht er, wie sich die Seele des großen Königs mit den Seelen seiner beiden vorangegangenen Opfern vereint. In der Dunkelheit leuchten sie wie Glühwürmchen. Sie umkreisen sich. Gemeinsam steigen sie auf, versuchen sich zu fangen und sinken schließlich wieder auf Augenhöhe hinunter. Mordred streckt die Hand aus. Er kann sie berühren. Sanft wie Schneeflocken im Winter berühren sie seine Hand. Dabei durchströmt ihn ein unglaubliches Gefühl von Macht. So unglaublich stark, so unglaublich wundervoll. Dann heben die Seelen noch einmal zu einem letzten Tanz an. Sie stoben auseinander um sich dann erneut im Kreis und im Licht der Sterne und des Mondes zu finden. Sie tanzen einen perfekten Reigen. Als die erste der Seelen erneut Mordreds Hand berührt, durchströmt ihn erneut die Magie. Er spürt, wie sie in ihn fließt. Sie entströmt der Seele. Sie fließt in seine Finger, durchquert die Hand und fließt seine Arme hinauf. Hinauf bis in seine tote Seele.
Merlin fällt zu Boden. Sein Körper krampft dabei. Etwas saugt sein Innerstes aus. Er spürt wie alles aus ihm herausfließt. Wie seine Seele verzweifelt kämpft um sein Leben zusammenzuhalten. Er spürt, wie ihn seine Erinnerungen verlassen. Bilder von Menschen erscheinen, zu denen er den Namen nicht mehr weiß. Das ist Gaius. Merlin streckt seine Hand aus um sich bei ihm festzuhalten. Oder ist er es nicht? Wer ist das? Da ist das Gefühl, dass er diesen Mann kennt. Dass sie beide etwas verbindet. Dann ist selbst dieses Gefühl und dieses Bild verschwunden. Merlin schreit. Er schreit um dieses Leere zu füllen. Er schreit nach Halt, nach Geborgenheit, nach Zuneigung und Verständnis, nach Zuversicht und Treue, nach Allem, was ihn ausmacht.
Mordred lächelt. Er sieht zu Merlin hinab. "Es ist zu spät Merlin. Arthurs Seele hat seinen Körper verlassen. Das Ritual ist in vollem Gange. Die Erste der Seelen habe ich bereits in mir aufgenommen."
Merlin schreit noch immer. Etwas zerrt an ihm, an seiner Seele. Etwas zieht ihn in die eine Richtung. Er will ihm folgen. Er will den Bildern folgen. Er will seinen Erinnerungen folgen. Der andere Teil zieht ihn in eine andere Richtung. Er will nur noch sterben. Seine Seele wird hin- und hergerissen. Als sei sie ein großes Tuch, von dem jeder einen Fetzen ergattern und mitnehmen will. Jede Erinnerung, die verblasst, jedes Gefühl das ihn verlässt, nimmt einen Teil von ihm mit. Leere, nichts als Leere bleibt. Leere und Dunkelheit. Merlins Augen sind offen. Er starrt in die Nacht.
Die Zweite der Seelen landet auf Mordreds Hand. Wieder spürt er die ungeheure Macht, die durch seinen Körper fließt. "Merlin spürst du das? Spürst du, wie ich die Magie in mir aufnehme? Spürst du, wie es dich dabei zerreißt? Merlin, alles was du getan hast, war umsonst. Arthur ist tot und Camelot wird untergehen. Es ist vorbei." Er lacht. "Wie fühlt es sich an zu sehen, wie alles was du liebst zum Sterben verurteilt ist?"
Aber Merlin spürt nichts mehr. Und er sieht nichts mehr. Er sieht weder die Sterne, noch den Mond. Er sieht weder Mordred noch den toten Körper seines Freundes auf dem Opferstein. Er sieht weder die tanzende Seele des geliebten Königs, noch den Schatten, der sich über sie erhebt. Er schreit. Er schreit, weil das alles ist, was er noch kann. Bis auch das verebbt. Still bleibt er liegen. Mit flehendem leeren Blick sieht er zum Himmel.
Die Menschen um den Steinkreis herum sind zurückgewichen. Fassungslos sehen sie einander an. Sie versuchen zu begreifen, was sie da gesehen haben, aber es gelingt ihnen nicht. Fassungslos sehen sie auf den regungslosen Körper des jungen Zauberers herab. Fassungslos sehen sie zu dem toten Körper des Königs hinauf. Sie schließen ihre Augen um die Bilder aus ihrem Kopf zu vertreiben. Sie nehmen einander in den Arm um zu trauern. Tränen laufen den Menschen über ihre Gesichter. Ja, sie wollten Freiheit. Ja, sie wollten zunächst Arthurs Tod. Aber dieses Grauen wollten sie nicht.
