Kate lag in ihrem Bett und konnte nicht schlafen.
Immer wieder schweiften ihre Gedanken ab und verwehrten es ihr so, in seligen schlaf zu gleiten.
Schließlich gab sie auf, wühlte sich aus ihren Laken frei, die sich erbarmungslos und wirr um ihre nackten Beine geschlungen hatten und ging ins Badezimmer, um sich ein Schaumbad zu gönnen.
Das war eins der seltenen Dinge und wenigen Vergnügen, die sich gönnte.
Sie liebte ihre Badewanne, ein gusseisernes Monstrum, das frei mitten im Raum stand und ihr schon mal das Leben gerettet hatte, als ein Psychopatischer Bombenleger Kates's Wohnung in die Luft jagte.
Damals hatte Castle sie in letzter Sekunde warnen können, aber es war zu spät, um die Wohnung noch zu verlassen – also war sie kurzerhand in die Badewanne gestiegen, wo sie die Explosion bis auf eine leichte Rauchvergiftung und ein paar Kratzern unverletzt überlebt hatte.
Ja, sie liebte ihre Badewanne.
Beckett stellte das Wasser ab und ließ sich langsam in das heiße Wasser gleiten.
Duftende Schaumberge trieben auf der Oberfläche, feiner Dampf stieg auf und vernebelte den Schein der im ganzen Raum verteilten Kerzen, während leise Musik im Hintergrund spielte.
Genussvoll schloss Kate die Augen und lehnte sich zurück, das Wasser umspielte ihren Körper und endlich spürte sie, wie die Anspannung der vergangenen Stunden von ihr abfiel.
Kurz spielte sie mit dem Gedanken, ihr Vorausexemplar von ‚Frozen Heat' weiter zu lesen, normalerweise etwas, das ihr großes Vergnügen bereiten würde, allerdings befürchtete sie, das sie das Buch wieder zu sehr aufwühlen würde – schließlich hatte sie jedesmal Castles's Gesicht vor Augen, wenn sie den Namen ‚Rook' las.
Überhaupt, Castle.
Nein, nicht jetzt…
Entschlossen verdrängte sie jeden störenden Gedanken aus ihrem Kopf und glitt tiefer ins Wasser.
Nach einer halben Stunde war das Wasser nurnoch lauwarm und ihre Hände waren verschrumpelt. Mit einem enttäuschten aufseufzen setzte sich Detective Beckett wieder auf, stieg aus der Wanne und wand sich in ihren flauschigen Bademantel.
Sie legte sich in ihr Bett und freute sich auf ihre Verabredung mit dem Sandmann – allerdings versetzte der Mistkerl sie schon wieder!
„Das darf doch nicht wahr sein" dachte sich Kate, als sie sich zum wiederholten Male auf die andere Seite rollte.
Wieder schweiften ihre Gedanken zu Richard Castle und diesmal ließ sie es zu.
Sie erinnerte sich an das Gefühl, in seinem Arm über die Tanzfläche zu gleiten.
Sie erinnerte sich an das Gefühl, als sie sich an seinen Rücken presste und seinen Duft einatmete.
Sie erinnerte sich an das Gefühl, wie er sie festhielt, während sie sich nach hinten beugte.
Castle.
Wärme durchflutete Beckett's Körper.
Was hatte dieser Mann bloß an sich, das er sie einerseits so unglaublich nervte und andererseits so unglaublich anzog?
Kate gab es nicht gerne zu, aber der Abend mit Castle war geradezu magisch gewesen, es hatte mehr Spaß gemacht, so zu tun als ob, als sie erwartet hatte. Doch trotz allem Spaß hatte sie nicht vergessen, weshalb sie überhaupt in den Club gegangen waren. Sie versuchte, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren und jetzt überschlugen sich Beckett's Gedanken, drehten Kapriolen, rasten vorwärts, nur um dann wieder am Anfang zu landen.
Etwas hatte sie übersehen.
Etwas passte nicht ins Bild.
Was war es nur?
Ihr fehlte das Mordfallbrett, darum griff sie kurzerhand zu Zettel und Stift, um Ordnung in ihre Gedanken zu bringen; Nach kurzer Zeit flog der Stift nur so über das Papier.
Miguel Salvador hatte sich wirklich merkwürdig verhalten. Hatte sich bei der Befragung in sich zurückgezogen, versucht, bloß keine Aufmerksamkeit von seinem Boss zu abzulenken.
Und dann dieses komische Verhalten am Hintereingang, als er sich im Gang rumgedrückt und gelauscht hatte.
Außerdem hatte er der Polizei bei seiner ersten Befragung eine eindeutig falsche Angabe gemacht. Naja, mindestens eine, die man auch beweisen konnte.
Warum erzählte er der Polizei, sein Chef sei auf Geschäftsreise, wenn Sontano dann angab, er wäre bei seiner Geliebten gewesen?
Beckett nahm sich vor, zum Schichtbeginn als erstes diese Gina Thompson zu befragen und endlich, endlich merkte sie, wie ihr die Augen zufielen.
Kate schaffte es noch, den vollgeschriebenen Block auf den Nachttisch zu legen, bevor sie in einen tiefen Schlaf fiel, der angefüllt war mit Gesichtern und Musik - wobei sich ein Gesicht penetrant immer wieder in den Vordergrund drängte.
Castle betrat das 12. Revier der New Yorker Polizei wie immer durch den Aufzug, mit zwei Bechern Kaffee in der Hand und einem Lächeln im Gesicht.
Sofort erfasste sein Blick, dass Kate's Schreibtisch leer war und sein Herz setzte einen Schlag lang aus. Oha, dieses Gefühl beim Anblick ihres Arbeitsplatzes war neu – allerdings saß Detective Beckett üblicherweise auch immer an ihrem Schreibtisch, wenn Castle erschien.
Unvermittelt suchten seine Augen das Großraumbüro ab, hektisch drehte er sich um sich selbst, während seine Verwirrung wuchs.
„Castle, was ist los, haben sie einen Brummkreisel gefrühstückt?"
„Hah-hah, danke Ryan, sehr witzig."
„Ja, ich bin schon ein witziger Kerl."
Esposito trat von hinten an die beiden heran.
„Stimmt, das bist du. Du bist die Lachnummer des ganzen Reviers."
Ryan gab seinem Partner einen freundschaftlichen Rippenstoß.
„Ich hatte den besten Lehrmeister."
Castle hörte dem Geplänkel eine Weile zu, schließlich hielt er es nicht mehr aus und fiel Esposito ins Wort.
„Hören Sie, ich hab hier Kaffee in der Hand und der wird langsam kalt. Wissen Sie, wo Beckett ist?"
„Die ist heute Morgen nur kurz dagewesen um zu stempeln, danach ist sie sofort losgefahren, um die Geliebte von Sontano zu befragen."
„Ohne mich?"
„Tja, Castle, was soll ich dazu sagen? Sie wird ihren Grund gehabt haben. Was haben Sie denn gestern mit ihr angestellt? War es so schlimm? Oder so gut? Einzelheiten bitte! Aber egal, was es war: es scheint, als hätte Beckett davon einen Energieschub bekommen. Sie hatte es vorhin ja so eilig, das sie nicht mal das Brett aktualisiert hat. Und was ihr Problem mit dem Kaffee betrifft…"
Ryan und Esposito wechselten einen Blick, dann nahmen beide gleichzeitig je einen Becher aus Castle's Hand und ließen ihn mit fassungslosem Gesichtsausdruck stehen.
Als Beckett eine halbe Stunde später das Revier betrat, fand sie an ihrem Schreibtisch eine heiße Tasse Kaffee, eine lange Kette, bestehend aus all ihren Büroklammern und einen schmollenden Castle.
„Guten Morgen, Castle. Haben Sie gut geschlafen?"
„Ich rede nicht mehr mit Ihnen."
„Das trifft sich gut, ich kann etwas Ruhe gebrauchen, diese Gina Thompson redet ohne Punkt und Komma. Und ich kann die Zeit nutzen, das Brett endlich zu aktualisieren. Also danke."
Anstelle einer Antwort stand Castle auf, holte sich eine Handvoll Büroklammern von Espositos' Schreibtisch und bastelte beleidigt weiter an seiner Kette.
Kate musste sich ein Grinsen verkneife und murmelte stattdessen ein:
"Sehr erwachsen, Castle." in seine Richtung, damit sie sicher sein konnte, dass er es auch hörte. Dann holte sie ihre Notizen der Vernehmung von Gina Thompson hervor und begann, diese abzutippen.
Ein paar Minuten arbeitete sie schweigend und konzentriert.
„Warum sind Sie ohne mich zu Santano's Geliebten gefahren?"
Beckett verdrehte die Augen – das wäre ja auch zu schön gewesen.
„Ich dachte, Sie reden nicht mehr mit mir?"
„Sie wissen doch, ich kann Ihnen nie lange böse sein."
„Ich wünschte, Sie könnten."
„Das habe ich jetzt überhört. Also?"
„Also was, Castle?"
„Warum sind sie ohne mich zu Gina Thompson gefahren?"
Beckett schluckte. Sie konnte ihm unmöglich die Wahrheit sagen. Die lautete nämlich, dass sie einfach etwas Abstand gebraucht hatte. Es hatte während des letzten Abends so viele intime Momente zwischen ihnen gegeben, dass diese ihre sorgsam errichtete Mauer erschüttert hatten. Und all diese Momente hatten sich nachts in ihren Träumen wiederholt, vervielfältigt und verselbstständigt.
Nein, sie hatte ihn nicht unmittelbar danach sehen wollen, zu groß war die Angst, er würde die Risse in ihrem Schutz entdecken. Also war sie allein gefahren. Aber wie sollte sie ihm das erklären?
Sie griff auf die erste Ausrede zurück, die ihr einfiel:
„Sorry Castle, sie haben so lange im Bad gebraucht, das ich schonmal vorgefahren bin."
Sie lächelte ihn liebenswürdig an und ignorierte seinen verwunderten Gesichtsausdruck, ebenso ignorierte sie die Tatsache, dass er sich unauffällig auf seinem Stuhl Richtung Fenster drehte um einen Blick auf sein Spiegelbild zu werfen und sich mit der Hand durch die natürlich perfekt sitzende Frisur zu fahren.
„Perfektion braucht eben Zeit."
Beckett gab sich keine Mühe, darauf zu antworten, sondern hob die Tasse mit dem immernoch dampfenden Kaffee an ihren Mund. Nachdem sie ein Schluck Kaffee genommen hatte, bemerkte sie, wie Castle sie erwartungsvoll ansah.
„Was ist denn nun schon wieder?"
„Nichts."
Kate unterdrückte ein gereiztes Aufstöhnen.
Allerdings fiel ihr beim Abstellen der Tasse ein Post – it auf, der an der Unterseite des Gefäßes klebte.
Stirnrunzelnd entfernte sie den Zettel und erkannte Castle's Handschrift:
❒ Vergeben ❒ Single ✔ Warte auf jemanden, der mir jeden Morgen Kaffee bringt, nur um mich Lächeln zu sehen
